Kommentar zur Impfaffäre an der Saale Halles Oberbürgermeister Wiegand im ZDF: Kaputte Schallplatte

Der hallesche Oberbürgermeister Bernd Wiegand reagiert bei Markus Lanz im ZDF mit kontrollierter Beharrlichkeit und nutzt, bewusst oder unbewusst, eine verbale Methode in Konflikten: die sogenannte kaputte Schallplatte. Damit hievt er die Stadt Halle wieder einmal in die Negativ-Schlagzeilen. Ein Kommentar.

Der Oberbürgermeister von Halle (Saale), Bernd Wiegand (parteilos), auf dem Weg zur Verhandlung im Landgericht in Halle (Sachsen-Anhalt).
Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (Archivfoto) hat bei seinem Auftritt im ZDF erneut eine Chance auf Entschuldigung verstreichen lassen, kritisiert unsere Autorin. Bildrechte: dpa

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand hat es ins Abendprogramm geschafft. Im ZDF darf er sich am Donnerstag in der Talkrunde von Markus Lanz präsentieren. Und das wiederholen, was er in den vergangenen Wochen schon mehrfach beteuert hat, immer und immer wieder: Seine vorzeitige Impfung war eine sachliche Entscheidung und wäre er nicht gewesen, hätte wertvoller Corona-Impfstoff weggeschmissen werden müssen. Und die Republik darf zuschauen, wie das Stadtoberhaupt Halle in die Negativschlagzeilen hievt. Wie so oft in den vergangenen Wochen, jetzt nur vor einem Millionenpublikum.

Soweit nichts Neues. Mindestens vier Mal hat er in kürzester Zeit bei Lanz erzählt, dass seine vorgezogene Impfung auf einer sachlichen Entscheidung des Katastrophenschutzstabes beruhe. Was auffällt: Wiegands Antworten ähneln sich. Und das ist eben der Trick der Methode kaputte Schallplatte. Durch variantenreiches Wiederholen derselben Aussage geht man Auseinandersetzungen aus dem Weg und setzt eigene Positionen durch.

Die Antworten ähneln sich – das ist der Trick

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Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) 10 min
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MDR AKTUELL Sa 20.02.2021 08:17Uhr 09:47 min

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Diese Strategie zeigt auch bei hartnäckigen Fällen Wirkung. Also in dem Fall Lanzs bohrenden Fragen. Auch wenn die Reaktionen im Netz schnell und präzise kommen: Von Fremdscham, Peinlichkeit, Arroganz und Selbstüberschätzung ist dort die Rede.

Und so kann Markus Lanz, der Halles Stadtoberhaupt knapp 25 Minuten befragt, nichts Neues entlocken. Alles schon mehrfach gehört, Wiegands Selbstbewusstsein ist nicht angekratzt. Aber: Sein Ton ist geschmeidiger als in den Youtube-Pressekonferenzen, in denen zu Beginn des Impfskandals lokale Journalisten ihre Fragen stellen. Dort wurden Fragen teilweise ignoriert und latente Beleidigungen oder Ermahnungen ausgesprochen durch Wiegand. Bei Lanz, im TV, ist seine Sprechweise ruhig und die Gestik entschlossen. Er verbalisiert Verständnis auf Lanzs Kritik, dass Stadträte, fast der komplette Katastrophenschutzstab und der OB selbst schon geimpft seien. Aber: Es war eine sachliche Entscheidung – die kaputte Schallplatte.

Das können Sie kritisieren. Aber Sie werden keine Entschuldigung diesbezüglich finden.

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand im ZDF

Hier hat Wiegand also noch einmal vor Millionenpublikum deutlich gemacht, auf welchen moralischen Grundpfeilern sein Handeln beruht. Reue? Nein, war doch ein rein sachliches Verfahren, was sich jeder Zuschauer leicht einprägen kann, weil es mehrfach wiederholt worden ist, die kaputte Schallplatte. Lehrer sind auch Menschen mit Schlüsselfunktionen und hätte auch übrig gebliebene Impfdosen bekommen können? Die können aber nicht so schnell da sein und Impfreste retten, wie Bernd Wiegand. "Es ging nicht anders." – wieder kaputte Schallplatte.

Auch eine bayerische Landrätin sitzt in der Sendung und erzählt, sie habe mal ein Angebot einer vorgezogenen Impfung bekommen und sofort abgelehnt. "In einer Situation, wo der Landkreis gebeutelt wurde vom Virus mit Ausbrüchen in den Heimen und die Menschen alle dringend auf Impfungen warten."

Und so können die Zuschauerinnen und Zuschauer direkt den Vergleich ziehen und Halle schneidet dabei nicht gut ab.

Wieder eine Chance verstreichen lassen, Reue zu zeigen

Das Oberhaupt der Stadt, Bernd Wiegand, hat wieder einmal eine Chance vorbeiziehen lassen, sein moralisch zweifelhaftes Verhalten einzugestehen und sich zu entschuldigen. Das hat am Freitag die Beigeordnete für Bildung und Soziales, Katharina Brederlow, indirekt gemacht. In einem Brief an die zwei großen städtischen Stiftungen für Altenpflegeheime hat sie ihr Verhalten zumindest bedauert, dass ihr Handeln Menschen enttäuscht haben könnte. Zur Impfung selbst stehe sie dennoch.

Die Chance ist eher gering, dass auch Wiegand mit einer solchen Erkenntnis aufwartet. Sein Teflon-Ego, an dem schon so einiges abgeperlt ist, wird ihm hier in die Karten spielen. Das ist mehr als bedauerlich. Weil es nicht zuletzt dem Image der Stadt schadet, deren oberster Repräsentant der Oberbürgermeister ist.

MDR/Kathrin Köcher, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Februar 2021 | 06:00 Uhr

19 Kommentare

Ekkehard Kohfeld vor 33 Wochen

Nur der Vollständigkeit halber.

"politiker lassen sie vorab impfen" Googel
Ungefähr 292.000 Ergebnisse (0,54 Sekunden)



Passen nicht aller hier rein

Landesregierung kritisiert Vorab-Impfung von ... - FAZ
Zwei Landräte und ein Stellvertreter vorab geimpft | NDR.de ...
Vorab-Impfungen von Politikern häufen sich - Braunschweiger ...
Schwäbische Kommunalpolitiker lassen sich vorab impfen


Noch Fragen?😁😁😁

Karl Schmidt vor 33 Wochen

Schwieriges Thema.

Auch die Rücktrittsforderungen der "alternativen" Mistgabelschwinger.
Wobei diese mit dem heutigen Tage ein neues Opfer haben dürften.

Siehe:
"AfD-Fraktionschef Markus Wagner ließ Sohn und Frau vorzeitig impfen"

maheba vor 33 Wochen

Es geht in erster Linie ja schon gar nicht mehr um das Impfproblem sondern um die Haltung des OB zur fraglichen Impfung.
Er selbst erkennt bzw. will nicht erkennen, dass sein, aus meiner Sicht moralisch verwerfliches Verhalten, einer Klärung bzw. mindestens einer Entschuldigung bedarf. Wie gesagt mindestens - ein weitaus besser Weg wäre ein Rücktritt.
Für weitaus weniger schwerwiegende Vorfälle wurden in vergangenen Zeiten diese Konsequenzen gezogen.
Hier sieht man wieder ein Beispiel für die Uneinsichtigkeit bei Fehltritten und ein aalglattes moralisch verwerfliches Verhalten von Vertretern in öffentlichen Ämtern.
Ein solches Verhalten ist heutzutage in viel zu oft in der Politik erkennbar und darf nicht toleriert werden.

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