Neues Theater Warum der vorzeitige Abgang von Intendant Brenner eine Chance für Halle ist

Intendant Matthias Brenner will seinen Vertrag beim Neuen Theater Halle vorzeitig beenden. Mit Konflikten an seinem Arbeitsort habe das nichts zu tun. Doch stimmt das wirklich? Eine Spurensuche am Theater und in der Lokalpolitik – und was Brenners Abgang für Halle bedeutet.

Matthias Brenner (2019)
Intendant Matthias Brenner verlässt das Neue Theater in Halle vorzeitig. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO / VIADATA

Die Arbeitsverhältnisse von Theater-Intendanten werden in Halle meistens mit einem mittelgroßen Spektakel beendet. Als Peter Sodann 2005 sein Lebensprojekt – die Kulturinsel mit dem Neuen Theater – verlassen musste, war das nicht freiwillig. Er fühlte sich und sein Werk nicht wertgeschätzt und grummelte: "Also es ist schon so, dass man einfach auch vergrault wird nach so vielen Jahren."

Noch Jahre später haderte Sodann mit der Entscheidung und vor allem mit der Stadtpolitik, von der er sich in die Wüste geschickt sah. Da nützte es auch nichts, dass er, kurz bevor er "vor die Tür gesetzt" wurde, noch schnell zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden war.

Nach Peter Sodann musste auch Florian Lutz gehen

Auch Florian Lutz, bis 2020 Intendant der halleschen Oper, musste trotz großer künstlerischer Erfolge sein Haus verlassen – eine Entscheidung, die viele Kunstfreunde mit Unverständnis aufnahmen. Vorausgegangen war ein langer Kampf mit Geschäftsführer Stefan Rosinski, der den Theaterbetrieb der Stadt über Jahre lähmte.

Florian Lutz, Operndirektor, Intendant, Oper Halle
Florian Lutz Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Im Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH (TOOH) hatten sich vorher zwei Fraktionen gebildet, die jeweils einen der beiden Streithähne unterstützte. Lutz und Rosinski sind nach dem Theaterstreit in Halle mittlerweile weg. Doch die Auseinandersetzung schwelte in einer Art Stellvertreterkrieg weiter. Denn auch um die Nachfolge von Rosinski entstand wieder eine Kontroverse.

Brenner will sich auf Arbeit als Schauspieler konzentrieren

Und nun also Matthias Brenner. Der Intendant des Neuen Theaters, seit 2010 im Amt, wird seinen Vertrag völlig überraschend vorzeitig auflösen. Er wolle sich stärker auf seinen Beruf als Schauspieler konzentrieren, sagt der Theatermann zur Begründung. Sein Weggang habe "nichts mit Zoff" zu tun. Künstlerisch gesehen gehe er in zwei Jahren "mit einem lachenden und einem weinenden Auge", so Brenner weiter. "Weil das einfach eine tolle Zeit war, die mir selbst viel Gestaltung ermöglicht hat und mit einem wirklich sich immer wieder weiter qualifizierenden Ensemble, mit dem es sich gelohnt hat bis jetzt."

Brenners Vorhaben löst Fragen aus

Doch kann man diese Aussagen für bare Münze nehmen? Immerhin: Brenner verabschiedet sich weder im Clinch mit der Stadtpolitik noch anderen gesellschaftlichen Kräften. Das gewohnte Spektakel bleibt also erst einmal aus. Aber wo liegen die tieferen Ursachen für seine Entscheidung? Nach einer "tollen Zeit" ganz "ohne Zoff" und mit "flachen Hierarchien" wirft Brenners Entscheidung Fragen auf.

MDR KULTUR ARD RADIO TATORT, "Hundert von hundert", am Montag (20.06.16) um 22:00 Uhr. Matthias Brenner - (Rolle: Axel)
Matthias Brenner Bildrechte: MDR/Thekla Harre

Wenn man sich dazu im Umfeld des Noch-Intendanten umhört, werden seine Statements wahlweise relativiert, müde belächelt oder gar deutlich zurückgewiesen. Schon länger habe es zwischen ihm und dem Ensemble – und dabei vorrangig den jüngeren Schauspielern – "gerappelt", wie es heißt. Konflikte seien an der Tagesordnung, weil Brenner sich als "Patriarch alter Schule" oder gar als "Theaterkönig" gebe. Er führe das Neue Theater, "als würde es ihm gehören – ob ihm das nun bewusst ist oder nicht". Oft benehme er sich, als sei sein Credo: "Wer kann mir schon was?"

Viele Probleme – und offenbar wenig Lösungen

Zumindest Teile der Belegschaft wollen sich offenbar schon einige Zeit nicht mehr mit diesem Führungsstil abfinden und haben das wohl auch deutlich artikuliert. Gleichbehandlung von Männern und Frauen, bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen, Reformen für interne (Leitungs-) Strukturen, die gewerkschaftliche Organisation von Schauspielern: Die Liste der Forderungen und somit der potentiellen Auseinandersetzungen ist wahrscheinlich noch länger. Passiert sei wenig bis nichts.

Das korrespondiert mit anderen Aussagen. Brenner soll immer mal wieder Tage, ja Wochen "in der Versenkung verschwinden". In dieser Zeit sei er "einfach nicht erreichbar". Andererseits mache er manchmal "schlicht den Eindruck, er sei satt und wolle nichts mehr erreichen". Zusammen ergibt das wohl ein fatales Signal: Brenner wirkt auf viele seiner Untergebenen, als sei er "drüber über seine Zeit" – und das würde ihn nicht einmal sonderlich kümmern.

Kein Konzept, keine Strategie, keine Idee für das Neue Theater?

Auch als Manager macht Brenner nach Aussagen von Beteiligten keine gute Figur. Er habe von Anfang an kein Konzept, keine Strategie, keine Idee für das Neue Theater gehabt. Ein Gesprächpartner nennt Brenners Prinzip die "Vermeidung von Problemlösung durch Umarmung". Sogar von "kompletter Ahnungslosigkeit" ist diesbezüglich die Rede. Hinzu komme: Man habe sich auf sein Wort nicht verlassen können. Brenner habe viele Versprechen gegeben – und viele Versprechen eben nicht gehalten.

Aus dem Aufsichtsrat der TOOH ist darüber hinaus von mindestens zwei Personen über Spannungen zwischen dem Gremium und Brenner zu hören. Sogar über Erpressungsversuche seitens des Intendanten wird gemunkelt. Konkreter werden die Andeutungen nicht – schließlich ist der 64-Jährige noch zwei Jahre im Amt. Und ein neuer, offen ausgetragener Theaterstreit soll mutmaßlich vermieden werden.

Aufsichtsrat scheint Brenner nicht halten zu wollen

Bezeichnend ist immerhin: Nachdem Brenner schon vor einigen Wochen den Aufsichtsrat über seine Pläne informiert hatte, scheint ihm nicht wirklich jemand in den Arm gefallen zu sein. Konsequent in Halle halten will ihn aus dem Kontrollorgan offenbar niemand. Ob der Grund dafür akute Differenzen sind oder eher eine Haltung à la "Er kann jetzt in Würde gehen", ist derzeit öffentlich nicht bekannt.

Auffällig ist aber auch, dass Brenners Verdienste um Halle und sein Theater als unbestritten deklariert werden. Seine Bekanntheit als Schauspieler habe Halle und dem Neuen Theater Öffentlichkeit über das normale Maß hinaus beschert. Sein gesellschaftliches und politisches Engagement – so warnte er vor den vergangenen Wahlen im Land eindringlich vor der AfD – wird hervorgehoben.

Doch das scheint vielen Beteiligten nicht (mehr) zu reichen. Eine Findungskommission wird sich bald mit der Nachfolge Brenners beschäftigen. Diese wird vor allem die Frage zu beantworten haben, ob weiter ein Patron oder nicht doch ein Team das Neue Theater leiten soll. Das Ensemble hat in der Zwischenzeit den Aufsichtsrat zu Gesprächen eingeladen. Dabei wird es unter anderem genau um dieses Thema gehen.

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne"

Ob Brenner Halle verläßt, um einer sich anbahnenden Eskalation aus dem Wege zu gehen, oder ob er wirklich lieber als Schauspieler seine Karriere beenden will, ist letztlich unerheblich. Sein Abgang ist auf jeden Fall eine Chance für Halle und einen sauberen, wohl durchdachten, im besten Fall sogar paritätischen Neuanfang am Neuen Theater.

Wer hat dabei nicht die Zeilen von Hermann Hesse im Kopf: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne". Vielleicht betrifft das ja beide Seiten – Brenner und das Neue Theater.

40 Jahre Kulturinsel Halle – ein Rückblick in Bildern

Anne Osterloh
Für ihr Feature "Die Theatermacher" hat Autorin Anne Osterloh den Begründer der Kulturinsel in Halle und langjährigen Intendanten des neuen theaters Peter Sodann in seiner Bibliothek in Staucha besucht. Bildrechte: Anne Osterloh
Kulturinsel Halle vor Umbau des ehemaligen Fotoladens "Schulz" zum Café nt (1989)
Die Entstehung der Kulturinsel begann mit dem Umbau des "Kinos der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft" in einen Theatersaal. 1981 wurde hier das neue theater halle eröffnet. Bildrechte: Bühnen Halle
Roland Hemmo, Michael Rümmler, Peter Sodann, Reinhard Straube, Wolfgang Winkler und Ralf-Friedrich Voß bei einem der ersten Arbeitseinsätze im nt
Bei den Bauarbeiten packte das gesamte Ensemble mit an. Im Bild: Roland Hemmo, Michael Rümmler, Peter Sodann, Reinhard Straube, Wolfgang Winkler und Ralf-Friedrich Voß bei einem der ersten Arbeitseinsätze im nt Bildrechte: Bühnen Halle
Hof des neuen Theaters vor der Umgestaltung 1987
Immer neue Spielstätten kamen hinzu. 1987 wurde der Innhof zum Hoftheater umgebaut. Bildrechte: Bühnen Halle
Thomas Bading in Rolle des Hamlet in der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare am Neuen Theater Halle, ca. 1992 Im Hintergrund:  Thomas Just als König Claudius und Monika Pietsch als Königin Gertrud
Schauspieler Thomas Bading in der Rolle des Hamlet im gleichamigen Stück von William Shakespeare, um 1992 Bildrechte: Bühnen Halle
Bühnenbild für die Inszenierung des Stücks "Leb und vergiß nicht" von Valentin Rasputin, 1983
Bühnenbild zu "Leb und vergiss nicht" von Valentin Rasputin aus dem Jahr 1983. Bildrechte: Bühnen Halle
Anne Osterloh
Für ihr Feature "Die Theatermacher" hat Autorin Anne Osterloh den Begründer der Kulturinsel in Halle und langjährigen Intendanten des neuen theaters Peter Sodann in seiner Bibliothek in Staucha besucht. Bildrechte: Anne Osterloh
Bauarbeiten am Neuen Theater Halle, Bühneneingang und Rampe, um 1980
Bühneneingang und Rampe um 1980 Bildrechte: Bühnen Halle
Bauarbeiten am neuen Theater 1982, Einbau Umgang Balkon
1982 wurde der Saal des neuen theaters zum variabel bespielbaren Raumtheater umgebaut - mit Beleuchtungstürmen, Balkonumgang und transportablen Zuschauertraversen. Bildrechte: Bühnen Halle
Eindrücke vom Cultoursommer im Neuen Theater Halle 2012
Das Hoftheater des nt ist heute eine der beliebtesten Spielstätten in Halle. Seit 2006 findet hier regelmäßig der Cultoursommer statt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Szene aus "Guten Morgen, Du Schöne" von Maxie Wander am Neuen Theater Halle, 1ca. 1992
Es wurde aber nicht nur gebaut, nebenbei entstanden auch wunderbare Inszenierungen. Im Bild: Szene aus "Guten Morgen, Du Schöne" von Maxie Wander, um 1992 Bildrechte: Bühnen Halle
Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts "Romulus der Große" am Neuen Theater Halle, 1987
Bei den Aufführungen von Friedrich Dürrenmatts "Romulus der Große" sorgten die Hühner immer wieder für Heiterkeit. Bildrechte: Peter Kersten
Matthias Brenner, 2015
Matthias Brenner ist seit 2010 Intendant auf der Kulturinsel in Halle. Bildrechte: dpa
Kulturinsel Halle, 2017
Neben dem neuen theater beherbergt die Kulturinsel auch das Puppentheater, das Café nt und Strieses Biertunnel. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn
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MDR/Gero Hirschelmann

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. November 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Stealer vor 46 Wochen

@Wolfgang Schnur: Wenn man sich sich gegen antidemokratische, antisoziale und gegen Freiheit, Humanismus und Aufklärung gerichtete Kräfte stellt, ist das durchaus positiv zu bewerten. Führung und Gönner der AfD gehören übrigens auch der Oberschicht an und haben aufgrund der Dinge, die sie die Leute glauben machen möchten, noch eine geringere Meinung von ihren Wählern als andere Parteien.

Bezüglich Herrn Brenners Arbeit ist es schwierig, das von außen zu beurteilen. Widerspruch und Diskussion sind auch in der Kulturbranche wichtig, aber ebenso auch ein gewisser Konsens. enn der nicht mehr erreichbar ist, dürfte die Trennung wohl sinnvoll sein.

Wolfgang Schnur vor 47 Wochen

Aha ... jetzt gilt es also schon als (positives) gesellschaftspolitisches Engagement, wenn man im Vorfeld "eindringlich vor einer Wahl der AfD" warnt. Nun ja, dumm gelaufen, wieder über 20 Prozent. Hätte Herr Brenner mal lieber viel öfters und noch lauter davor gewarnt ... merken solche gutsituierten und abgesicherten Vertreter der bürgerlichen Oberschicht denn nicht, dass sowas das genaue Gegenteil bewirkt ... ?

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