Interview Experte: Trotz Haftentlassung wird weiter gegen IS-Rückkehrerin Leonora M. ermittelt

Am Freitag ist die Sangerhäuser IS-Rückkehrerin Leonora M. aus dem Gefängnis entlassen worden. Die Ermittlungen gegen sie gehen aber weiter. Der Journalist Volkmar Kabisch hat den Fall jahrelang begleitet und Kontakt zu Leonora und ihrer Familie. Mit MDR SACHSEN-ANHALT spricht er über die Folgen der Entlassung und die Bedeutung von Deradikalisierung.

Leonora Messing
Leonara M. hat sich 2015 dem Islamischen Staat angeschlossen. Seit Dezember 2020 ist sie wieder in Deutschland und sitzt im Gefängnis. (Archivbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im März 2015 ist die damals 15-jährige Leonora M. aus Sangerhausen nach Syrien gereist. Dort hat sie sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen, einen deutschen IS-Kämpfer geheiratet und zwei Kinder bekommen. Die vergangenen zwei Jahre verbrachte sie in einem Gefangenenlager in Nordsyrien. Im Dezember 2020 ist sie nach Deutschland zurückgekehrt, seitdem saß sie in Halle im Gefängnis. Am Freitag, den 8. Januar 2020, ist sie aus dem Gefängnis unter Auflagen freigelassen worden.

Der Journalist Volkmar Kabisch begleitet den Fall Leonora M. seit Jahren. MDR SACHSEN-ANHALT spricht mit ihm über die mögliche Freilassung und die Herausforderung, IS-Rückkehrende wie Leonora M. und ihre Kinder wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Das Gespräch wurde vor der Entscheidung über die Haftentlassung geführt.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Kabisch, was ist Ihr Eindruck aus Ihren letzten Begegnungen mit Leonora M.? Wie steht sie inzwischen zum Islamischen Staat? Wie leicht wird es für sie, wieder in Deutschland Fuß zu fassen?

Volkmar Kabisch, NDR-Journalist
Volkmar Kabisch, Journalist und Islamwissenschaftler Bildrechte: NDR

Volkmar Kabisch: Leonara hat wiederholt den Beschluss, zum Islamischen Staat zu gehen, schmerzlich bereut und sich von der Ideologie des Islamischen Staates distanziert. Ich halte das auch für glaubwürdig, kann aber nicht in ihren Kopf hineinsehen. Wie es jetzt weitergeht mit ihr, hängt auch davon ab, wie gut das soziale Netz ist, in das sie hineinkommt. Damit meine ich gar nicht zwingend die Familie, sondern alles, was drumherum ist. Da geht es um Deradikalisierung, alles Juristische, Jugendamt und so weiter. Dass es da für sie eine gute Möglichkeit gibt, hier wieder in einem "normalen" Leben Fuß zu fassen.

Sie haben schon die rechtlichen Folgen angesprochen. Noch steht nicht fest, ob Leonora am Freitag vorzeitig aus der Haft entlassen wird. Mit welchen rechtlichen Folgen muss sie rechnen, wenn sie vorerst freikommen sollte?

Wenn der Haftrichter entscheiden sollte, dass Leonora auf freien Fuß gesetzt wird, heißt das nicht, dass das Ermittlungsverfahren, was der Generalbundesanwalt gegen sie führt, beendet wäre. Die Ermittlungen gegen sie würden weiterlaufen und würden, wenn denn etwas Substanzielles herauskäme, zu einem Prozess führen. Das kann sehr lange dauern, wenn es keine Haft mehr gibt. Denn Haft beschleunigt das Verfahren. Das heißt, es könnte dann sehr lange dauern, bis es zu einem Prozess kommt. Das ist natürlich, wenn man darüber nachdenkt, hier wieder anzukommen, zur Schule zu gehen, eine Ausbildung zu machen, ein Damokles-Schwert, was die ganze Zeit über ihr hängt. Weil bei einem Prozess natürlich auch wieder Haft herauskommen könnte.

Sie stehen in engem Kontakt mit Leonoras Vater und der Familie. Wie schauen sie auf die Situation?

Die Familie ist erstmal sehr froh, dass es Leonora und ihre beiden Kinder nach Deutschland geschafft haben und aus Syrien weg sind. Das steht im Vordergrund, da ist natürlich große Freude da. Auf der anderen Seite haben sie auch Respekt, wie es jetzt weitergeht, sowohl das Juristische – wie lange wird Leonora in Haft bleiben – als auch das ganze Soziale. Das ist nicht so einfach. Sie haben sich fast sechs Jahre nicht gesehen. Leonora ist als 15-Jährige weg und inzwischen 21. Da haben sich eine ganze Menge Dinge verändert. Da gibt es eine große Zurückhaltung und Respekt vor den Aufgaben, die vor der Familie stehen.

Die Kinder von Leonora sind ebenfalls in Deutschland. Wie geht es ihnen?

Die Kinder sind nicht in der Justizvollzugsanstalt. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Auch da muss man abwarten. Man darf nicht vergessen: Die Kinder sind unter widrigsten Umständen zur Welt gekommen und haben danach im Krieg gelebt und waren die letzten zwei Jahre in einem Gefangenenlager. Das sind keine Umstände, die den unseren gleichkämen. Insofern wird es herausfordernd, wie es mit den Kindern weitergeht.

Wie groß ist das Thema IS-Rückkehrer? Es sind noch zwei weitere Frauen mit Leonora zurückgekommen. Was kommt auf die Gesellschaft zu, wie sollten wir mit diesen Menschen umgehen?

In den Gefangenenlagern und Gefängnissen in Nordost-Syrien und im Irak sitzen eine Menge deutsche Staatsangehörige ein – Männer, Frauen, Kinder. Die werden auf kurz oder lang zurückkommen. Das ist auch richtig so. Keiner, der dort hingegangen ist, hat in Syrien Urlaub vorgehabt und hat sich dann dort vor Ort radikalisiert.

Das sind alles Menschen, die sich bei uns, in unserer Gesellschaft, radikalisiert haben. Das ist ein Problem, das wir zu lösen haben.

Volkmar Kabisch

Warum sollen das Syrer lösen, die ohnehin schon einen großen Berg Probleme haben. Und da gibt es solche, die nach wie vor radikal sind, der Ideologie des Islamischen Staats anhängen. Und es gibt solche, die das als großen Fehler sehen. Da sind die Sicherheitsbehörden gefragt, genau herauszufinden, wer potenziell gefährlich ist. Dann gibt es die Möglichkeit, strafrechtlich gegen diese Leute vorzugehen und sie hinter Schloss und Riegel zu bringen. 

Inwiefern ist Deradikalisierung nun ein Thema für Rückkehrende wie Leonora?

Deradikalisierung von Rückkehrern ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Denn selbst, wenn Leute sagen, sie haben mit der Ideologie gebrochen, ist es extrem wichtig, aufzuarbeiten, warum sie überhaupt so einer Ideologie anheimfallen konnten. Und das muss aufgearbeitet werden. Das ist ein langer, oft auch schmerzhafter Prozess für die Betroffenen – aber ein wichtiger. Es gab beispielsweise in Süddeutschland einen Fall, da ist jemand zurückgekommen und da hat die Deradikalisierung nicht stattgefunden oder war nicht erfolgreich. Diese Person ist dann zu einer Sekte übergewechselt. Das ist nicht so gefährlich wie beispielsweise der Islamische Staat, aber das ist eben auch das nächste Extrem. Deshalb ist es total wichtig, das aufzuarbeiten. Und dafür braucht man Deradikalisierung.

Das Interview führte Simon Köppl.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. Januar 2021 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Wenzel vor 40 Wochen

Na dann ist die Welt ja in Ordnung! Täter werden wiedermal zu Opfern umgeschrieben ... ein langer, schmerzhafter und bestimmt auch teurer Prozess der Deradikalisierung für Leonora ... Jetzt kann auch die jesidische Frau mit ihren zwei Kindern das Trauma ihrer Versklavung durch Leonora und ihren Mann überwinden, bestimmt auch in einem langen und schmerzhaften Prozess aber in einem Flüchtlingslager und ohne die tausende Dollar Lösegeld, welche die beiden Deutschen ihrer jesidischen Familie abgepresst haben.

Harka2 vor 40 Wochen

Auch wenn sie selber keine Verbrechen begangen haben mag, war sie ein wichtiges Rädchen im Getriebe der Terrororganisation. Die Rechtsprechung Deutschlands hat sich da in den letzten Jahren gut weiterentwickelt und bestraft nunauch jene Täter, die persönlich nicht geschossen haben (z. B. SS-Lagerwächter, RAF-Angehörige, NSU-Angehörige).

Ich würde deshalb bei einer Verurteilung sehr darauf achten, in wie weit sie sich glaubhaft vom Terror distanziert und wie glaubhaft sie zur Rechtstaatlichkeit steht. Das kann sie auch mit ihren Aussagen gegenüber den Ermittlungsbehörden schon mal unter Beweis stellen.

Atheist vor 40 Wochen

Ok dann so,
Sie sollte die Strafe bekommen die andere auch für die Mitgliedschaft in einer Terroristischen Vereinigung bekommen haben, auch wenn sie wie andere nur gekocht und gewaschen hat!

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