Ein Mann zeigt ein leeres Portmonee
Für viele junge Erwachsene in Sachsen-Anhalt geht es oft um die pure Existenz. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Ohne Geld und abgehängt Viele junge Menschen in Sachsen-Anhalt von Armut bedroht

12. Juli 2022, 16:45 Uhr

Junge Erwachsene sind in Deutschland die am stärksten von Armut bedrohte Altersgruppe. Besonders kritisch ist die Lage in Sachsen-Anhalt. Hier ist jeder und jede Dritte unter 25 Jahren betroffen. Sie starten unter deutlich schlechteren Bedingungen in ein selbstständiges Leben als finanziell besser abgesicherte junge Menschen.

  • Jordan aus Halle versucht, trotz Armut eine Ausbildung abzuschließen.
  • Rund 80.000 junge Erwachsene in Deutschland haben keinen Anschluss an den Arbeitsmarkt.
  • Weil es für viele junge Erwachsene oft um die pure Existenz geht, gibt es inzwischen einen privaten Notfallfonds.

Seit Monaten müssen die Menschen in Deutschland selbst bei alltäglichen Einkäufen immer tiefer in die Tasche greifen. Allein im Mai kletterte die Inflationsrate auf den höchsten Wert seit Jahren. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lagen die Preise um fast acht Prozent höher als im Mai des Vorjahres. So stark stiegen die Preise nach der Wende noch nie.


Fast drei Millionen junge Menschen gelten in Deutschland als arm

Von diesen Preissprüngen sind vor allem die Menschen betroffen, für die Armut schon jetzt eine feste Begleiterin im Leben ist: Junge Erwachsene unter 25 Jahren sind in Deutschland die am stärksten von Armut bedrohte Altersgruppe. Betroffene starten unter deutlich schlechteren Bedingungen in ein selbstständiges Leben als finanziell besser abgesicherte junge Menschen. Und sowohl Corona als auch die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine verschärfen diese Ungleichheit.

Was ist Armut? Zwar gibt es keine allgemeingültige Definition von Armut, die Europäische Union beschreibt Armut aber, indem das verfügbare Einkommen betrachtet wird. Vereinfacht gesagt gelten demnach alle Personen als von Armut gefährdet, deren monatliches Netto-Einkommen deutlich unter dem mittleren Einkommen der Gesamtbevölkerung liegt.

Setzt man alle Haushaltseinkommen der Sachsen-Anhalter mit denen aus ganz Deutschland ins Verhältnis, so waren im Jahr 2017 14,3 Prozent aller Menschen in Sachsen-Anhalt armutsgefährdet. Deutlich höher war die Armutsgefährdungsquote mit knapp 30 Prozent aber bei den unter 18-Jährigen.

Das alles bekommt auch der 19-jährige Jordan aus Halle zu spüren. Er will als einer von wenigen Betroffenen über seine Situation sprechen. Gleichzeitig versucht er nach außen hin alles, damit seine Armut auf den ersten Blick nicht sichtbar wird. Jordan hat vor Kurzem eine Ausbildung zum technischen Gestalter angefangen.

Eigentlich würde er Schüler-BAföG bekommen. Zum Zeitpunkt der Reportage lebte er jedoch nur vom Kinder- und Wohngeld. Denn seit einem halben Jahr hängt der Antrag in der Luft. Auch, weil sein Vater anfangs die Unterschrift verweigerte. "Er dachte immer, die würden ihnen das Geld streichen. Aber das ist natürlich nicht der Fall gewesen. Und das Kindergeld geht für Strom, Internet und Miete drauf und dafür reicht es ja nicht mal."

Ich lebe gar nicht mehr, ich existiere gerade nur noch.

Jordan aus Halle

Weil Jordan seit September in einer schulischen Ausbildung ist, bekommt er aber weder ein Ausbildungs-Gehalt noch Arbeitslosengeld II. Gleichzeitig muss er wegen einer Überzahlung des Kindergeldes Schulden abstottern. Das bedeutet auch Verzicht: "Weniger essen, auf jeden Fall weniger essen, noch mehr zusammenkneifen und durch."


Kaum Hilfe von den Behörden

Doch auch, wenn am Ende nur der nackte Hunger bleibt, mit Hilfe vom Jobcenter konnte Jordan zwischenzeitlich offenbar nicht rechnen: "Die haben nur gesagt, ich soll es mal bei der Tafel versuchen. Warum soll ich dann da stehen und mir Essen aus zweiter Hand holen? Klar, es ist für Leute, die wirklich bedürftig sind, aber ich würde mich nicht als Menschen ansehen, der bedürftig sein sollte. Ich habe mein Leben noch vor mir."

Jordans Umstände sind aber kein Einzelfall in Sachsen-Anhalt. Das Bundesland ist beim Thema Jugend-Armut zusammen mit Bremen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sogar negativer Spitzenreiter. In Sachsen-Anhalt gelten 34,2 Prozent der jungen Erwachsenen als armutsgefährdet. Damit liegt das Bundesland deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 25,5 Prozent.


Sozialarbeiter versuchen zu helfen

Jordan sucht sich unterdessen schon seit vielen Jahren bei der Kompetenzagentur vom Jugend- und Familienzentrum St. Georgen Unterstützung. Dort werden rund 40 junge Menschen betreut, die etwa aus schwierigen Familien kommen, Schulden haben oder eine neue berufliche Perspektive suchen. Die Sozialpädagogin Maud Rescheleit arbeitet seit 20 Jahren als Sozialarbeiterin und betreut auch Jordan.

Sie berichtet, dass viele junge Erwachsene auf Hilfe vom Staat angewiesen sind. Doch das Geld sei am Ende des Monats einfach nicht genug: "Weil die Summen, die da zur Verfügung stehen, ja nicht üppig sind. Das muss man einfach mal so sagen. Die reichen zum Leben, aber nicht, um sich auch mal einen Wunsch zu erfüllen, den junge Leute halt so haben. Dann ist das Geld, was sie bekommen, auch oft gestückelt, aus verschiedenen Töpfen, kommt zu verschiedenen Zeiträumen. Und die jungen Leute haben Schwierigkeiten, das über den Monat in Blick zu behalten."


"Entkoppelte" finden keinen Weg in Arbeit

Ein weiteres Problem: Ein Teil der jungen Erwachsenen in Deutschland hat überhaupt keinen Anschluss an den Arbeitsmarkt. Schätzungen gehen von 80.000 sogenannten "Entkoppelten" aus. Aus Sicht der Sozialpädagogin Rescheleit ein komplexes Thema: "Denen fehlen soziale Kompetenzen, denen fehlt Selbstsicherheit. Sie brauchen vielleicht nur eine andere Art von Förderung, die wir aber auch nicht vollumfänglich geben können."

Dieses Problem scheint man in Halle erkannt zu haben. Denn seit wenigen Tagen setzt die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter ein Projekt um, das sich ganz explizit an die von Armut betroffene Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen richtet, um sie für eine Ausbildung zu motivieren. Begleitet wird das Projekt durch Sozialpädagogen, die bei der Bewältigung von persönlichen Problemen, wie einem drohenden Schul-Abbruch, Schulden, Obdachlosigkeit oder Konflikten in der Familie helfen sollen.

Weil sich in Halle ein Großteil der kritischen Einkommensverhältnisse vor allem auf einzelne Viertel konzentriert, wurden gerade dort an vier Standorten (Südliche Neustadt, Heide-Nord, Silberhöhe und Innere Stadt) Büros eingerichtet, die für die Jugendlichen Hilfe- und Unterstützungsangebote anbieten.


Vom Kinderheim zum Studium

Den Weg aus der Armuts-Falle hat auch Katharina Ronstedt gefunden. Sie ist Radiologin am Universitätsklinikum Halle. Doch um dahin zu kommen, musste sie hart kämpfen. Sie sagt aber auch, dass Glück im Spiel war. Sie bewarb sich und bekam Stipendien, hatte Förderer und ist heute da, wo sie immer sein wollte.

Das sah vor einigen Jahren noch anders als. Denn Ronstedt wuchs zur Schulzeit in Heimen auf. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag fiel sie aus der Jugendhilfe, mitten in der Zeit des Abiturs. Schätzungen gehen davon aus, dass es nur bis zu drei Prozent dieser sogenannten "Care Leaver" aufgrund der schwierigen Start-Bedingungen an die Universität schaffen. Entgegen aller Hürden hat Katharina Ronstedt ihren Traum verwirklicht.


Notfallfonds versucht staatliches Versagen zu kompensieren

Weil es für viele "Care Leaver" gerade im Übergang oft um die pure Existenz geht, engagiert sich die Radiologin neben ihrer Arbeit in einem Notfall-Fonds. Zusammen mit zwei Mitstreitern entscheidet sie über Geldanträge von "Care Leavern", wenn nichts anderes mehr greift. Bei ihnen gehen bis zu drei Anfragen pro Woche ein. Ein Fall blieb ihr aber besonders hängen: Ein 20-Jähriger, der aus der Jugendhilfe fiel und seine Ausbildung in der neuen Stadt fast abbrechen wollte, weil ihm das Geld für eine Matratze fehlte. "Dieser Mensch hat dann bei uns eine Matratze beantragt und war zu schüchtern, eine Bettdecke und Bezieh-Zeug dazu zu beantragen und hat das nur auf Nachfrage dann mit beantragt, und dem konnten wir echt helfen. Der hätte seine Ausbildung sonst nicht machen können, weil es an einer Matratze gescheitert wäre."

Die ehemalige "Care Leaverin" ist wütend, dass es diese Hilfe Dritter überhaupt geben muss: "Jeder Antrag, den wir genehmigen, heißt, dass die staatlichen Strukturen total versagt haben. Und es macht mich wütend. Ich finde es so ineffizient. Ich finde es so ärgerlich. Ich finde es so verantwortungslos, und das ist im Grunde gegen jeden ethischen Standard."

Ronstedt fordert, Jugendhilfe müsste auch über das 18. Jahr hinausgehen. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz erlaubt das auch. Trotzdem enden die meisten Betreuungen schon mit der Volljährigkeit. Dieser Umstand sorgt letztendlich mit dafür, dass vor allem junge Erwachsene in Deutschland immer tiefer in die Armut rutschen.

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MDR (Michaela Reith, Thomas Tasler)

Dieses Thema im Programm: exactly | 12. Juli 2022 | 18:00 Uhr

14 Kommentare

ralf meier am 13.07.2022

Hallo AlexLeipzig, Sie haben Recht, das die Niedrigzins Politik nur die trifft, die noch Ersparnisse haben. Das sind aber nicht so sehr die 'Vermögenden'. Die haben ihr Vermögen nicht auf dem Sparbuch. Das sind Menschen, die hart gearbeitet und gespart haben, um bei den heutzutage bescheidenen Rentenansprüchen im Alter nicht ins soziale Abseits zu fallen. Die Regierungen unter Frau Merkel hat übrigens explizit dazu aufgefordert, nur um sie jetzt über Inflation und Niedrigzins schrittweise zu enteignen.

PS: Meinen übrigen Kommentar scheinen Sie nicht gelesen zu haben. Natürlich trifft die von der EZB verursachte Inflation, die ganz Armen ganz besonders. Zumindest diejenigen, die noch arbeiten brauchen keine Sozialarbeiter, sondern gut bezahlte Jobs für gute Arbeit. Bitte unterstellen Sie mir kein asoziales Verhalten. Ich habe jahrzehntelang rotgrün gewählt, als die sich noch laut Oskar La Fontaine mehr für soziale Gerechtigkeit als fürs Gendern einsetzten .

ralf meier am 13.07.2022

Hallo Thommi Tulpe, Was Corona und der Ukraine Krieg mit Jugendarmut zu tun hat, müssen Sie nicht mich, sondern den Autor des obigen Artikels fragen. Die Forderung der Grünen nach noch höheren Benzinpreisen macht gerade arme Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind noch ärmer und auch die Grünen haben wie alle anderen Altparteien die Gelddruckerei der EZB zumindest billigend in Kauf genommen. In einem Punkt gebe ich Ihnen Recht . Noch leben wir in einem Staat, in dem bei allen Schwierigkeiten Menschen mit EIgeninitiative und der Bereitschaft und Fähigkeit hart zu arbeiten, nicht ins soziale Abseits fallen müssen.

Karl Schmidt am 13.07.2022

@Atheist:
Sicher. Es sollte den Kindern mal besser gehen.
Wenn es den Kindern dann besser geht, heißt es plötzlich:, "so gut wie ihr möchte ich es auch mal haben".
Manifestiertes Meckern eben.

Eine Frage trotzdem noch, Atheist: Woher rührt eigentlich Ihr spontanes Interesse am Nachwuchs???
Schließlich schrieben Sie noch kürzlich in einen MDR-Kommentar: (Zitat)
"...und wie die nächste Generation lebt ist mir ehrlich gesagt egal"

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