In-Obhutnahme Wie ein Jugendlicher auf der Straße landete

Dariusz leidet seit seiner Kindheit an den Folgen des Alkohols, den seine Mutter während der Schwangerschaft getrunken hat. Seinen Jähzorn konnte er als Jugendlicher nur schwer kontrollieren. Ein Vorfall beendet dann sein bis dahin behütetes Leben bei Pflegeeltern – er kommt ins Heim, verabschiedet sich aus der Jugendhilfe und landet auf der Straße.

"Ich bin 18 und es sieht nicht gut aus für mich", sagt Dariusz. Als eine Ursache für das, was der junge Mann in den vergangenen Jahren getan hat, sieht er den Alkohol- und Drogenkonsum seiner Mutter in der Schwangerschaft. "Dann hätte ich vielleicht ein bisschen mehr Verantwortung für mich übernehmen können", sagt er.

Seine Mutter hatte die Reporterin von MDR exakt bereits 2008 kennengelernt, als sie Marion Körner vom Jugendamt Halle begleitete. Dort betreute sie Problemfamilien. Wie die von Monika W. Sieben Kinder hatte die junge Frau damals bereits geboren, Dariusz und vier seiner Geschwister hatte das Jugendamt schon in Obhut genommen. Alle waren in ihrer Entwicklung zurückgeblieben. 

Die drogenabhängige Mutter drohte mit immer neuen Schwangerschaften. Vergeblich bemühte sich die Mitarbeiterin des Jugendamts damals, Monika W. zum Umdenken zu bewegen. "Aber wenn es keine Alternative oder Perspektive in der Herkunftsfamilie gibt, muss man manchmal diese Entscheidung treffen", sagt sie heute. Auch das Gericht sah für Dariusz keine Alternative zur In-Obhutnahme durch den Staat.

Trotz guter Pflegefamilie viele Wutausbrüche

Für Dariusz wurde eine Pflegefamilie gefunden. "Ich kann mit Stolz sagen, ich hatte es ziemlich gut", sagt der schlaksige, blonde Mann. Obwohl es seine Pflegeeltern nicht immer leicht mit ihm gehabt hätten. "Weil ich so gut wie nicht meine Impulse im Körper steuern konnte, ziemlich viele Wutausbrüche hatte." Bis dieser Lebensabschnitt abrupt endete, hätten die Pflegeeltern immer versucht, das Beste daraus zu machen.

Pflegekind
Dariusz hat viele Jahre bei Cosima und Ingolf Wehsener gelebt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die ehemaligen Pflegeeltern hatten Dariusz bei sich aufgenommen, nachdem die eigenen Kinder aus dem Haus waren. In ihrem Haus mit großem Grundstück habe er sich wohlgefühlt, berichtet Cosima Wehsener heute. "Hier haben wir alles für Dariusz aufgebaut." Quer über die große Wiese seien Klettergerüst, Sandkasten, Schaukel gewesen.

Cosima Wehsener ist Erzieherin und Kinderkrankenschwester, ihr Mann Ingolf entwickelt Medizintechnik. Beide besuchten Weiterbildungskurse für Pflegeeltern. Sie wollten alles richtigmachen. Mit 16 Monaten kam Dariusz zu ihnen, Fotos von ihm stehen noch immer im Haus.

Messer-Attacke auf den Pflegevater

Dariusz war hyperaktiv, jähzornig – wahrscheinlichFolgen des Alkohols, den seine Mutter während der Schwangerschaft getrunken hatte. Gegen diese Anlagen konnten die Pflegeeltern nichts machen. Aber solange er bei ihnen lebte, sorgten sie für seine Allgemeinbildung, förderten seine Talente.

Pflegekind
Bei den Pflegeltern werden seine Talente gefördert - unter anderem hat Dariusz gemalt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Schule kam Dariusz zurecht. Bis zur Jugendweihe in der achten Klasse lief alles in einem normalen Rahmen. Allerdings warfen ihn schon kleinste Änderungen der gewohnten Ordnung aus der Bahn, die Pubertät traf ihn deshalb mit besonderer Wucht. Er begann sich zu ritzen, verbrachte einige Zeit in der Psychiatrie. Die innere Unruhe bekämpfte er mit Kraftsport und viel zu lauter Musik. Irgendwann gelang es den Pflegeeltern nicht mehr, die Nerven zu behalten.

Er hatte dann so eine Wut, dass er wie von Sinnen geguckt, gespuckt und rumgebrüllt hat.

Cosima Wehsener

"Dann hat er sich ein Messer genommen und gesagt, wenn ihr noch einen Schritt näherkommt, dann schlachte ich euch ab", sagt Cosima Wehsener. Anschließend sei er hoch in sein Zimmer gegangen und sie hätten Angst gehabt, dass er sich etwas antun könnte. "Wir waren richtig hilflos."

Was dann geschah, beschreibt Dariusz so: "Ich bin dann raus, weil ich meinen Dad, also meinen Pflegevater, in einem Wutanfall versucht habe, das Messer in den Rücken zu hauen." Polizei und Notarzt mussten kommen.

Die Folge: Psychiatrie, Heim und Straße

"Wenn ich damals nicht hochgegangen wäre, hätte er das Messer vielleicht nicht geholt", sagt Ingolf Wehsener heute nachdenklich. "Hätte das einen besseren Lebensweg gebracht? Ich weiß es nicht, kann es nicht beurteilen." Dariusz sagt: "Ich stelle mir jeden Tag vor: Was wäre, wenn es nicht passiert wäre. Wo wäre ich heute." Nach der Messer-Attacke folgten Psychiatrie, Heimunterbringung und Straße.

Denn damals beendeten Wehseners auf Anraten des Jugendamtes die Pflegschaft. Eine Entscheidung, die sie später bereuten, denn rechtlich hatten sie von da an keinen Einfluss mehr. Jeder Kontakt zu Dariusz wurde zunächst untersagt. "Wir wussten mit den Gefühlen überhaupt nicht mehr wohin. Und wir haben gedacht, noch schlimmer muss es ja einem Kind gehen", sagt Cosima Wehsener. Nach zwei Monaten hätten sie erfahren, dass Dariusz in eine traumapädagogische Wohngruppe kommt. "Da hatten wir wirklich große Hoffnungen reingesetzt", erklärt Ingolf Wehsener.

Alleingelassen in der Wohngruppe?

In der Gruppe in Nordhausen in Thüringen werden maximal sieben Jungen betreut. Jeder Platz kostet etwa 10.000 Euro pro Monat. Mit dem Geld soll eine Eins-zu-eins-Betreuung gewährleistet werden. Als Dariusz 2019 dort einzog, war er noch keine 16 Jahre alt. Er beschreibt den Tagesablauf so: "Früh nicht zur Schule, ausschlafen, rausgehen, mit den Jungs abhängen, einen saufen gehen, Kopf kaputt machen. Das war's." Niemand von den Kindern und Jugendlichen in der Einrichtung sei zur Schule gegangen.

Wie konnte das passieren? Bei Dariusz lag es zuerst daran, dass er von den Behörden über Monate nicht umgemeldet worden war. Später achtete anscheinend niemand darauf. Der Geschäftsführer des Träger-Vereins dieser traumapädagogischen Wohngruppe ist trotz mehrfacher Bitte nicht bereit, mit MDR exakt über das pädagogische Konzept oder über die Schwierigkeiten bei dessen Umsetzung zu sprechen. Versäumnisse will man auch beim zuständigen Landratsamt nicht sehen.

Für Dariusz herrschte damals offenbar eine große Leere in seinem Leben. Er erinnert sich an oft wechselnde Betreuer, emotionale Bindungen konnte er zu niemandem aufbauen: "Ich bin immer wieder abgehauen. Aber nicht nur über einen kurzen Zeitraum, sondern immer mal wieder eine Woche oder zwei." Es sei so weit gekommen, dass er dort auch ein Auto klaute und damit abgehauen war. "Einfach nur um mich bemerkbar zu machen, um zu zeigen: Ich lebe noch! Ich bin noch da! Damit überhaupt mal jemand meinen Namen in den Mund nimmt."

Als Minderjähriger vor die Wahl gestellt: Heim oder Straße

Nach dem Diebstahl des PKW wollten sie Dariusz im Heim nicht mehr aufnehmen. "Ich habe gesagt, ich beende die Hilfe von meiner Seite aus. Ich will das nicht mehr", erklärt Dariusz. Daraufhin sei ihm erklärt worden, dass er dann selbst schauen müsse, wie er klarkomme. Er habe die Wahl: Heim oder Straße. "Ich habe gesagt: Ich nehme die Straße."

Darf ein Minderjähriger sich tatsächlich selbst dazu entscheiden, auf der Straße zu leben? Die Stadt Halle antwortet auf Anfrage von MDR exakt, dass Jugendliche in so einer Situation schon mit 14 Jahren selbst entscheiden könnten. Die Beigeordnete für Bildung und Soziales der Stadt an der Saale schreibt: "Die Frage verdeutlicht bereits ein Dilemma, auch wenn es Angebote gibt, müssen die jungen Menschen dazu bereit sein und sich darauf einlassen. Nur im Fall von selbst- oder fremdgefährdendem Verhalten können Eltern, Pfleger oder Vormünder entscheiden, wie es weitergeht." Natürlich könnten sich die Jugendlichen jederzeit wieder selbst in Obhut nehmen lassen.

Dariusz landete im Sommer 2020 – mitten in der Corona-Pandemie – auf der Straße. Er hatte weder Personalausweis noch Krankenversicherungskarte. Die Ämter waren beinahe durchweg geschlossen. Tagsüber irrte er ziellos durch die Stadt. Er verlor an Gewicht, sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Wenn er nicht irgendwo unterschlüpfen konnte, schlief er auf einer Parkbank. Als die Nächte im Herbst zu kalt wurden, rief er seine ehemaligen Pflegeeltern an.

Dariusz braucht eine eigene Wohnung

Die informierten den Hilfsdienst des Jugendamtes und dieser rief den Bereitschaftsdienst in Nordhausen. "Mein Mann war in der Zeit auf dem Weg dorthin. Und es war tatsächlich so: er war unterkühlt, er war dehydriert, er war fix und fertig", sagt Cosima Wehsener.

Danach bekam Dariusz noch einmal einen Platz im betreuten Wohnen in Merseburg. Ihn in der Schule anzumelden, das hatte in der Corona-Situation offenbar niemand auf dem Schirm. Im September, kurz vor seinem 18. Geburtstag, verabschiedete der Jugendliche sich endgültig aus dem System der Jugendhilfe und zog zu einem Mädchen.

Mit nun 18 muss er sich allein um finanzielle Unterstützung und eine eigene Wohnung kümmern. Ob er einen Lebenstraum hat? "Einfach, anerkannt zu werden." Ein anderer sei, ein bisschen was aus der alten Zeit wieder gut machen zu können und "vielleicht einen Schulabschluss zu machen, dass man da noch mal die Möglichkeit bekommt – also ich."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 19. Januar 2022 | 20:15 Uhr

3 Kommentare

Harzbiker vor 16 Wochen

Ja es stimmt leider das hier mit öffentlichen Geld vielfach Schindluder getrieben wurde und niemand dafür zur Verantwortung gezogen wird. Aber ich bleibe auch bei meiner Meinung, dass nicht immer die anderen Schuld haben und es zum größten Teil an einem selbst liegt etwas aus seinem Leben zu machen. Teilweise wird hier eine Generation erzogen die nur die anderen machen lässt.

Harzbiker vor 16 Wochen

Habe eben einmal die Geschichte von Dariusz gelesen. Sicherlich haben viele Einflüsse und ein versagen von einigen Ämtern zu diesem Werdegang geführt. Frage mich sowieso, wo die Kosten von 10000 Euro herkommen und das ganze noch nicht einmal kontrolliert wird? Trotz aller Widrigkeiten die diesem jungen Mann wiederfahren sind....er hat alle Chancen bekommen seinen Weg zu gehen und nicht immer haben andere Schuld

Mini Matz vor 16 Wochen

Da bleibt einem die Spucke weg: Ein 15-jähriger wird in Obhut genommen und man vergisst, ihn in der Schule anzumelden? Ein absolutes Versagen der Behörden ist das, so züchtet die Gesellschaft Verlierer. Mir ist es immer wieder ein Rätsel, dass zuständige Mitarbeiter im Beamtenapparat und öffentlichen Dienst für ihre Verfehlungen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Corona scheint da als Begründung einfach nur billig und entschuldigt ein solches Behördenversagen nicht!

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