Jubiläum Die ostdeutsche Backlegende Kathi aus Halle feiert 70. Geburtstag

Gero Hirschelmann
Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

1953 entwickelten Kaethe und Kurt Thiele in einer Garage in Halle die erste Backmischung in Deutschland. Der Erfolg war groß – und wurde mit der Verstaatlichung von Kathi im Jahr 1972 jäh gestoppt. Nach der Wende konnte die Firma an ihre frühere Geschichte anknüpfen und ist mittlerweile mit weitem Abstand Marktführer in Ostdeutschland. Jetzt wird der 70. Geburtstag (nach-)gefeiert.

Eine junge Frau in einer Produktionshalle
Produktion bei Kathi, dem Marktführer bei Backmischungen in Ostdeutschland. In diesem Jahr wird das Unternehmen 70 Jahre alt. (Archivfoto) Bildrechte: Kathi

Wenn Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) zum 70. Geburtstag persönlich gratulieren, dann muss der Jubilar oder die Jubilarin schon etwas ganz Besonderes sein. Und besonders, gar außergewöhnlich, ist die Kathi Rainer Thiele GmbH definitiv. Gegründet am 31. März 1951, wird am Mittwoch die wegen Corona verschobene Festveranstaltung zum 70-jährigen Bestehen des Unternehmens mit prominenten Gästen nachgeholt.

Kathi bringt Backmischung nach Deutschland

70 Jahre Kathi, das sind 70 Jahre Backgeschichte aus Halle. Angefangen hat alles mit Kaethe und Kurt Thiele. Das tatkräftige Ehepaar brachte – die Not nach dem 2. Weltkrieg machte erfinderisch – die Backmischung nach Deutschland. Der heute größte Konkurrent Dr. Oetker folgte erst knapp 20 Jahre später.

Ein älteres Ehepaar schaut in die Kamera
Kaethe und Kurt Thiele brachten die Idee der Backmischung nach Deutschland. Bildrechte: Kathi

Anfangs produzierten die beiden in der Garage ihres Mietshauses in der Meckelstraße, später zog die Firma erst nach Diemitz und dann zum heutigen Sitz in der Berliner Straße um. Beständiges Wachstum erforderte eben auch immer neue Produktionsstätten und -anlagen.

Menschen stehen vor einem Haus
Die erste Produktionsstätte von Kathi befand sich in der halleschen Meckelstraße. Bildrechte: Kathi

Kathi: Anfänge des "Tütenkuchens" in einer Garage

Die beiden zielstrebigen Erfinder probierten vor 70 Jahren eine Idee aus, die ursprünglich aus England stammte: das fertige Tortenmehl. Kurt Thiele war so überzeugt von dem Produkt, dass er die damaligen "Tütenkuchen" persönlich mit seinem Auto in die Geschäfte brachte. Der Erfolg gab den Thieles recht. Nach kurzer Zeit war Kathi aus ostdeutschen Küchen und von ostdeutschen Kaffeetischen nicht mehr wegzudenken.

Ein Mann sitzt in einem Lieferwagen
Anfangs wurden die Produkte von Kathi von Kurt Thiele oder einem Vertreter direkt in die Läden gefahren. Bildrechte: Kathi

"Meine Großmutter Kaethe Thiele hat dem Ganzen auch den Namen gegeben", erzählt Enkel Marco Thiele, der die Firma heute leitet. "Mein Großvater sagte: 'Kaethe, das sind deine tollen Produkte. Da steckt dein Knowhow, deine Entwicklung drin. Und deswegen werden wir das Unternehmen nach dir benennen'." So wurden von Vor- und Nachnamen jeweils die Anfangsbuchstaben zusammengefügt: "Kathi" war geboren.

Zwei Mäner und eine Frau schauen in die Kamera
Sie führen das Erbe von Kaethe und Kurt Thiele fort: Enkel und Geschäftsführer Marco Thiele, Sohn und Beiratsvorsitzender Rainer Thiele sowie Susen Thiele, Ehefrau von Marco Thiele und verantwortlich für Marketing und Kommunikation Bildrechte: Kathi

Was folgte, war eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen. Denn 1972 wurde Kathi verstaatlicht und in "VEB Backmehlwerk Halle" umbenannt, Maschinen und Rezepte mussten dem Staat überlassen werden. Erst Sohn Rainer Thiele konnte 1991 die Firma wieder in Familienbesitz bringen. Dessen Sohn Marco Thiele, Enkel des Gründerpaares, führt Kathi nun in der dritten Generation.

Und das weiterhin mit mehr als ansehnlichem Ergebnis: In den neuen Bundesländern ist Kathi bei Backmischungen die unangefochtene Nummer eins, auf dem gesamtdeutschen Markt liegt nur Dr. Oetker vor dem halleschen Traditionsunternehmen.

Geschichte von Kathi: die wichtigsten Meilensteine

  • 1951: Gründung und Markenregistrierung von "Kathi"
  • 1953: Einführung der Backmischung "Tortenmehl", bis heute das bekannteste Kathi-Produkt
  • 1957: staatliche Mehrheitsbeteiligung
  • 1972: Enteignung, Fortbestand als "VEB Backmehlwerk Halle"
  • 1980: Zwangseingliederung in das "Kombinat Nahrungsmittel & Kaffee"
  • 1991: Reprivatisierung, Gründung der Kathi Rainer Thiele GmbH"
  • 1994: Großinvestition – Modernisierung und Neubau von Produktion, Lager und Verwaltung
  • 2006: Eröffnung des Kathi-Logistikzentrums
  • 2007: Unternehmensführung wird an die dritte Generation übergeben
  • 2009: Generationswechsel ist abgeschlossen, Rainer Thiele ist Beiratsvorsitzender, Sohn Marco Thiele Geschäftsführer
  • 2015: Eröffnung der Eventbäckerei Kathis Backzauber
  • 2021: Jubiläum 70 Jahre Kathi

Auch Corona konnte Kathi nicht stoppen. Im Gegenteil: "Wir wurden von der Nachfrage regelrecht überrannt", sagt Firmenchef Marco Thiele zu MDR SACHSEN-ANHALT. Die hauseigene Mühle habe sieben Tage in der Woche in drei Schichten – "quasi rund um die Uhr" – produzieren müssen, um genügend Mehl liefern zu können. Als Profiteur der Pandemie will Marco Thiele nicht bezeichnet werden. "Aber dass auf einmal viele Menschen lange zusammen Zuhause waren, hat uns natürlich in die Hände gespielt", meint er.

Backmischungen für China und andere neue Produkte

Nachtaufnahme eines beleuchteten Fabrikgebäudes
Mittlerweile produziert Kathi in der Berliner Straße in Halle. Bildrechte: Kathi

Als nächstes soll China ins Visier genommen werden. Für das sozialistische Reich der Mitte wurde schon vor einiger Zeit eine Backmischung entwickelt, die den dort üblichen Reiskochern angepasst ist. Corona stoppte die Pläne zwar, "doch jetzt hocken wir wieder in den Startlöchern", so Thiele. Bald könnte es also Marmor- und Schokokuchen von Kathi auf dem größten Markt der Welt zu kaufen geben.

Stillstand ist sowieso ein Fremdwort für die Thieles und ihre Mitarbeitenden. Ständig wird an Produkten geforscht und probiert, fast immer ist jemand auf Messen und Märkten oder im Ausland unterwegs, um regelrecht gierig Trends aufzusaugen und die neuesten Entwicklungen zu beobachten.

Alte Aufnahme eines Messestandes
Schon in frühen Jahren war Kathi auf Lebensmittelmessen vertreten. Bildrechte: Kathi

Kein Wunder, dass mit Milchprodukten wie Pudding, Grießbrei oder Milchreis im vergangenen Jahr gleich elf Desserts neu ins Programm aufgenommen wurden. Mit zwei Dinkel-Mischungen reagierte Kathi auch auf geänderte Genuss-Gewohnheiten. Der Ausstoß so vieler neuer Produkte sei ungewöhnlich, sagt Marco Thiele. "Doch sechs bis acht neue Produkte pro Jahr kommen normalerweise schon zusammen. Davon setzen sich durchschnittlich fünf bis sechs auch durch", so Thiele. Für nächstes Jahr sind die Pläne schon fertig. "Aber dazu will ich noch nichts sagen, das ist geheim", lacht der Geschäftsführer.

Papageienkuchen: "Der Erfolg war gigantisch"

Eine Frau in einem weißen Kittel steht in einem Labor mit Lebensmitteln
Produktentwicklung bei Kathi Bildrechte: Kathi

Der Stolz, sich als mittelständisches und inhabergeführtes Unternehmen gegen "große Wettbewerber, also multinationale Konzerne" behauptet zu haben und weiter zu behaupten, ist Marco Thiele im Gespräch immer wieder anzumerken. Fast belustigt erzählt er, wie 2013 eine Backmischung für Papageienkuchen entwickelt wurde – ein bisschen in "Erinnerung an DDR-Kindergeburtstage".

Thiele schwärmt: "Der Erfolg war gigantisch, wir konnten wochenlang nicht liefern, weil der Erfolg so groß war." Ein Wettbewerber habe die Idee dann einfach kopiert. Ärgerlich? Ja. Aber der Kathi-Geschäftsführer nimmt das auch als unausgesprochenes Lob für die Leistung seiner Firma und der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Erfahrung, Qualität, Flexibilität plus Nähe zum Kunden

Und das Geheimnis des Erfolgs? Immerhin ist Kathi eines der wenigen ostdeutschen Unternehmen aus der Lebensmittelbranche, das sich nach der Wende erfolgreich und unabhängig behaupten konnte. Marco Thiele nennt die Erfahrung der Mitarbeiter, die Qualität der Produkte sowie Flexibilität und Schnelligkeit bei der Entwicklung und Produktion neuer Back-Ideen.

Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen.

Marco Thiele Geschäftsführer von Kathi

Wichtig sei außerdem, "immer ganz nah am Kunden" zu sein. Zwei Stichworte sind ihm in diesem Zusammenhang wichtig: Kommunikation und Regionalität. Alle Kundenzuschriften werden beantwortet, auch in den sozialen Medien ist Kathi aktiv. So werde Transparenz und Glaubwürdigkeit erzeugt. Und: 85 Prozent aller Rohstoffe stammten aus der Region. "Da kann kein Mitbewerber mithalten", ist sich Thiele sicher.

Darum wurde Kathi 2017 als "Sprachvorbild" ausgezeichnet

"Kinderbacken" anstatt "Backen für Kids", "Arbeiten bei Kathi" anstatt "Jobs" – diese und viele weitere sprachliche Besonderheiten haben Kathi 2017 einen Preis als Sprachvorbild eingebracht. Der Verein für Deutsche Sprache lobte die "natürliche, ehrliche und angenehme Sprache". "Wir haben keine Meetings, wir haben Sitzungen", hieß es damals von Kathi. Was im Unternehmen beginne, höre beim Verbraucher nicht auf. "Wir wollen, dass uns der Verbraucher versteht. Dazu gehört auch die Sprache", sagte Susen Thiele MDR SACHSEN-ANHALT. Und so spreche man beispielsweise nicht vom "Cake to go", also dem Kuchen zum Mitnehmen, sondern vom "Lieblingskuchen im Glas". Selbst auf Abkürzungen werde, wo möglich, verzichtet.

Kathi will Verantwortung für die Region übernehmen

Apropos Region: Als Familienunternehmen habe man natürlich auch Verantwortung für die Gegend, "in der man verankert ist", wie Marco Thiele es nennt. Das soziale und ökologische Engagement von Kathi kommt also nicht von ungefähr. Auch hier gilt: Die Nähe zu den Menschen steht ganz weit oben auf der Prioritätenliste. Marco Thiele formuliert es so: "Wir schicken nicht einfach nur Schecks."

So wurde das Projekt "Ein Stück vom Kuchen – Kathi übernimmt soziale Verantwortung" auf den Weg gebracht. Denn, so Thiele: "Wenn es einem Unternehmen gut geht, gibt es regelrecht eine Verpflichtung, etwas zurückzugeben." So besteht seit 2010 außerdem eine Kooperation mit dem Kinderheim Clara Zetkin in Frankfurt/Oder. Darüber hinaus arbeitet Kathi mit "dem Kinderhaus Domnitz, dem Haus der Wohnhilfe und der Hausgemeinschaft für Menschen mit Demenz in Halle zusammen".

Rezeptur des Originalrezepts von Kaethe Thiele unverändert

Eine Frage noch zum Schluss, Herr Thiele: "Gibt es das Original-Rezept von Kaethe Thiele noch?" Ja klar, in fast jedem Supermarkt. Denn der älteste Hersteller von Backmischungen in Deutschland setzt zwar auf Innovation, aber auch auf Kontinuität. Die Universalmischung für Sand- oder Rührkuchen wird in derselben Zusammensetzung hergestellt wie schon von Kaethe und Kurt Thiele. "Die Rohstoffe haben sich natürlich verändert – aber die Rezeptur ist die von 1953", erläutert Thiele.

Von deren Qualität konnten sich heute Reiner Haseloff und Armin Willingman überzeugen. Wobei: Einen Jubiläumskuchen gibt es auch – exklusiv für diesen Tag produziert. Erhältlich ist der "Geburtstagskuchen" in limitierter Auflage nur im Online-Shop von Kathi oder im hauseigenen Shop. Wer kosten will, muss sich also beeilen ...

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MDR/Gero Hirschelman

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 18. August 2021 | 07:40 Uhr

2 Kommentare

Maria A. vor 14 Wochen

Was für ein interessanter Beitrag. Danke!
Man staunt immer wieder, wo der zumeist als "abgehängt" herüber kommende Osten eine Vorreiterstellung inne hatte. Ich selbst habe vorrangig gebacken, wenn Besuch kaum und so wenig Fertigbackmischungen verwendet, dass ich mich kaum noch an das Ergebnis erinnern kann. War aber sicherlich prima, denn Misserfolge trägt man bekanntlich ja jahrzehntelang mit sich herum.

Torsten W vor 14 Wochen

Immer noch mein Favorit,,,👍🏻

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