Psychische Erkrankungen Chefarzt der Kinderpsychiatrie Halle: Mehr depressive Kinder in Corona-Pandemie

Mirko Döhnert ist der neue Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des St. Barbara-Krankenhauses in Halle. Mit MDR SACHSEN-ANHALT sprach er über seine Wünsche für die Behandlung der Kinder, wie Depressionen bei Kindern entstehen – und was die Corona-Maßnahmen mit ihnen gemacht haben.

Eine Frau und ein Mann stehen vor einem gelben Klinkgebäude.
Manuela Elz war mehr als zehn Jahre Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Nun hat Mirko Döhnert sie abgelöst. Bildrechte: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara/Andrea Bergert

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Döhnert, wie sollen die psychisch kranken Kinder in Halle künftig behandelt werden?

Chefarzt Mirko Döhnert, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie St. Barbara-Krankenhaus: Mein Wunsch: Wir könnten mit einem Team aus Ärzten, Psychologen, Pflegekräften, Ergotherapeuten usw. zu den Familien nach Hause gehen. Das sogenannte Home Treatment würde ich gern für die Stadt Halle organisieren. Es ist aber vermutlich nicht ganz einfach, weil das natürlich Verhandlungen mit den Krankenkassen, Einstellung neuer Mitarbeiter usw. bedeutet. Das braucht gewissen Vorlauf, wir können damit nicht schon übermorgen starten. Ich glaube aber, wir können eine ganze Reihe von seelischen Störungen im Kindes- und Jugendalter sehr gut vor Ort zu Hause in den Familien behandeln.

Das ist Mirko Döhnert

Der 51-jährige Mirko Döhnert stammt aus Sachsen, hat in Leipzig Medizin studiert und 1998 seine Facharzt-Ausbildung begonnen. Nach Stationen in Erfurt, Weimar und der Schweiz kam er 2008 als stellvertretender Klinikdirektor an das Universitätsklinikum in Leipzig. Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie/psychotherapie hat vor allem im Bereich der Entstehung von Depressionen im Kindes- und Jugendalter geforscht.

Die Klinik hat schon vor meiner Zeit damit begonnen, die Familien in Form von Eltern-Kind-Behandlungen sehr viel mehr einzubeziehen, wobei es da primär um Eltern ging, die selber seelisch belastet sind. Vor Corona-Zeiten gab es Eltern-Kind-Nachmittage. Das wollen wir wieder aufnehmen.

Was sagen Ihre Untersuchungen über psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen?

In den Studien, mit denen wir uns noch in Leipzig beschäftigt haben, geht es primär um Depression und deren Entstehung bei Kindern. Da haben wir gemerkt, dass es ein extremer Risikofaktor ist, wenn Eltern selbst belastet sind. Beispielsweise bringen depressive Mütter einen hohen Risikofaktor mit, dass auch deren Kinder in irgendeiner Weise auf dieses Problem reagieren. Dann wissen wir, dass es Alleinerziehende schwerer haben. Dass Familien, die sich in schlechten sozialen Lagen befinden, es schwerer haben. Dass Mädchen ab der Pubertät schwerer belastet sind von Depressionen.

Ein Relief einer Mutter mit Kind
Ein Relief in der christlichen Klinik. Hier stehen die Kinder samt der Eltern im Mittelpunkt. Bildrechte: MDR/Kerstin Koretz

Man denkt bei seelisch kranken Kindern oft an benachteiligte Familien, vielleicht sogar an soziale Brennpunkte von Großstädten. Wir haben es aber durchaus auch mit Familien zu tun, die gut betucht sind, wo aber die Eltern aufgrund von eigener beruflicher Einbindung zu wenig Zeit und Zuwendung für die Kinder haben. Darunter leiden die Kinder und werden seelisch krank.

Ich glaube, dass fast alle Eltern, die ein seelisch krankes Kind zu Hause haben, auch selbst belastet sind. Und wenn es sekundär in Folge der Erfahrung ist, dass sie ein krankes Kind haben. Das sollte man, denke ich, unbedingt einbeziehen.

Wie hängen Erkrankungen wie Depressionen und Ess-Störungen mit der Corona-Pandemie zusammen?

Wir haben in Zeiten der Pandemie einen Lebensalltag zu bewältigen, der für Kinder, die Risiken haben, eine Depression oder eine Ess-Störung zu entwickeln, einmal mehr das Leben schwer machen. Deswegen haben wir zurzeit mehr depressive und mehr essgestörte Patienten, in zum Teil deutlich schlechterem Zustand.

Die Kinder sind herausgerissen aus ihren sozialen Bezügen. Wenn ich mir vorstelle: Bei einem jungen Mädchen mit Ess-Störung fällt der Schulalltag weg und dass es dort Freunde trifft. Das ist aber zum Teil eine soziale Kontrolle. Dann sagt eben der Lehrer: "Ich mache mir langsam Sorgen um dich", oder eine Freundin sagt es. Diese soziale Kontrolle von außen ist sehr stark weggefallen. Auch das sich über Schulleistungen definieren ist weggebrochen und darüber den Selbstwert aufzutanken.

Es hat aber noch niemand geschaut, ob es verglichen mit den Zeiten vor der Pandemie deutliche Zunahmen gibt. Ich glaube eher, es sind zum Beispiel die Mädchen, die sowieso eine Magersucht entwickelt hätten, erkrankt – das aber schneller und schwerwiegender.

Worauf können wir im Alltag achten, um psychische Erkrankungen bei jungen Menschen zu verhindern?

Wir müssen schauen, dass wir unsere jungen Menschen nicht zu sehr stressen. Das würde ich auch sehr an das Bildungssystem adressieren. Da ist mittlerweile ein enorm hoher Leistungsdruck drin, der enorm Stress auslösend ist. Auf der anderen Seite geht es darum: Wie gehen die Kinder mit Stress um? Welche Bewältigungsstrategien gibt es? Was machen sie, wenn sie unter Stress geraten? Es gibt Schulen, die Glücks-Unterricht haben. Wo es darum geht: Was kann ich für mich tun, damit ich glücklicher bin – damit ich mit all den Dingen, die mich herausfordern, besseren Umgang finde und seelisch gesünder bleibe.

Ein gelbes Klinikgebäude.
Die Klinik befindet sich in der Barbarastraße in Halle. Lange Jahre war hier eine Geburtsstation untergebracht. Bildrechte: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara/Janos Stekovics

Die Fragen stellte Kerstin Koretz.

MDR/Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. Oktober 2021 | 12:00 Uhr

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