Generationen im Dialog Klima-Aktivismus in Halle: "nichts für ängstliche Leute"

Valerie Börner, eine junge Frau mit langen braunen Haaren, lächelt in die Kamera.
Bildrechte: Valerie Börner

Clara Lecke ist aktiv bei "Fridays for Future" in Halle und erfährt Hass im Netz. Christoph Kuhn war bereits in der DDR Teil einer Umweltgruppe und berichtet, welche anderen schweren Folgen das haben konnte. Das Projekt "Grüne Generationen" von Studierenden der Uni Halle bringt die Klima-Aktivisten aus zwei Generationen ins Gespräch über ihr Engagement, Hindernisse und Hoffnungen.

Transparent bei einer Fridays for Future Demo in Halle
Durch Initiativen wie die "Parents for Future" zeigen Eltern Unterstützung für ihre Kinder bei der Bewegung "Fridays for Future". Bildrechte: Mathis Schneider

Dieser Text ist im Rahmen des Projekts "Studierende schreiben" in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entstanden.

"Weil wir die Erde von unseren Kindern geliehen haben", steht auf dem Banner der "Parents for Future". Sie sind, wie viele andere auch, dem Aufruf von Fridays for Future zum Globalen Klimastreik im September 2022 gefolgt. Die Ortsgruppe Halle zählte 1.500 Demonstrierende.

Eine von ihnen ist Clara Lecke. Die 18-Jährige ist seit einem Jahr bei "Fridays for Future" Halle aktiv. Ihre Eltern unterstützen ihren Aktivismus und auch Freundinnen reagieren positiv darauf, erzählt sie.

Hasskommentare im Netz gegen Klima-Aktivisten

Eine Frau bei einer Demonstration
Clara Leckes Engagement bei "Fridays for Future" kommt bei ihrer Familie und ihren Freunden gut an. Im Netz wird sie dafür angefeindet. Bildrechte: Mathis Schneider

Im Netz allerdings sehe das anders aus: "Geht arbeiten", "Ihr seid widerlich", "verblödet" oder "Als Gehirn verteilt wurde, hattet ihr wohl keine Zeit" lauten Kommentare unter Beiträgen der Ortsgruppe in den Sozialen Medien. Bei Aktivistinnen kommen "dann schnell Kommentare über das Aussehen" hinzu, ergänzt Lecke. In den sozialen Medien berichtet die Ortsgruppe Halle, dass aus den Kommentaren im Netz auch tätliche Angriffe auf Demonstrierende folgen. Aktivisten in anderen Städten erhalten demnach sogar Morddrohungen.

Stephan Feller ist davon nicht überrascht. Er ist einer der Sprecher beim "Klimabündnis Halle" und aktiv bei den "Scientists for Future". "Ein kleiner, aber lauter Teil" schreibe solche Kommentare. Dennoch sei er optimistisch, dass "ein großer Teil der Bevölkerung den Aktivismus als berechtigt ansieht", sagt Feller.

Stephan Feller
Der Wissenschaftler Stephan Feller wünscht sich in Halle mehr Dialog zum Thema Klimaschutz. Bildrechte: Mathis Schneider

Für Feller ist es wichtig, auf einer lokalen Ebene aktiv zu werden. Daher hoffe er auf eine "bessere Gesprächskultur", um zum Beispiel den Austausch mit der Stadtverwaltung in Halle zu verbessern. Als Dialogformat habe das Klimabündis die Pläne für den Klimaschutzrat mitangestoßen, berichtet Feller.

Repressionen gegen Umwelt-Aktivismus in der DDR

Christoph Kuhn, DDR-Umweltaktivist aus Halle
Christoph Kuhn hat sich schon in den 80er Jahren für die Umwelt in Halle engagiert und ist auch heute noch aktiv. Bildrechte: Mathis Schneider

Auf diese Unterstützung konnten Umweltaktivisten und -aktivistinnen in der DDR nicht bauen. "Wir sind eher belächelt worden", schildert Christoph Kuhn die Reaktionen seines Umfeldes. "Sie sagten: Ihr seid naiv, es ändert sich in dem Staat ja sowieso nichts." Kuhn war aktiv in der "Ökologischen Arbeitsgruppe" (ÖAG) in Halle und setzt sich heute noch für Umweltbelange ein. Anfeindungen habe er damals nicht erlebt. Dennoch wusste er von klein auf, "dass wir mit unserer Haltung in der Schule vorsichtig sein mussten."

Sie standen Stunden, Tage vor dem Haus.

Matthias Waschitschka DDR-Umweltaktivist

Den Zustand der Umwelt zu kritisieren oder Schäden an Industriestandorten wie in Bitterfeld zu dokumentieren, wurde als Kritik am System der DDR aufgefasst. Das hatte Folgen: Kuhn und andere Mitglieder der ÖAG durften nicht zu einem Kongress nach Berlin fahren. Sein Mitstreiter Matthias Waschitschka konnte nicht wie gewünscht Biologie studieren. Der heutige Mitarbeiter der CDU-Fraktion im Stadtrat berichtet von Observationen durch die Staatssicherheit: "Sie standen Stunden, Tage vor dem Haus." Auch von Verhaftungen und Verhören spricht Waschitschka. Das habe ihn jedoch ermutigt, weiterzumachen, in der Gewissheit, "auf der richtigen Seite zu stehen".

Ein Spitzel in den eigenen Reihen

"Also, für ängstliche Leute war das nichts", fasst Christoph Kuhn zusammen, "wir wussten, dass wir mit unserem Tun beobachtet werden." Doch erst nach dem Mauerfall habe er erfahren, dass der Sprecher und Mitbegründer der ÖAG, Henry Schramm, die Gruppe ausspähte. Kuhn schätzte dessen Engagement sehr und habe nach einem geheimen Treffen sogar mit Schramm gescherzt, "wer heute berichten sollte". Dass gerade Henry Schramm als Inoffizieller Mitarbeiter aktiv war, wollte er zunächst nicht wahrhaben. "Wieder gut machen", sagt Kuhn, könne es Schramm nicht, "diese Zeit ist vorbei."

In diesem Video schildern Christoph Kuhn und Clara Lecke die Reaktionen auf ihren Aktivismus: 

Dialog der Generationen

"Also, warum resigniert man nicht?", fragt Christoph Kuhn. "Fridays for Future"-Aktivistin Clara Lecke, die ihm gegenüber sitzt, antwortet: "Ich fühle mich besser damit, wenigstens etwas zu versuchen."

Grüne Genrationen 1 min
Bildrechte: Mathis Schneider, Valerie Börner, Laura Klar
1 min

Schon lange vor "Fridays For Future" haben sich Aktivisten in Halle für Natur und Klima eingesetzt. Ein Projekt von Studierenden der Uni Halle bringt die Generationen in Dialog.

Mo 23.01.2023 10:17Uhr 01:20 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/halle/video-trailer-gruene-generationen-uni-halle100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Im Projekt "Grüne Generationen" sprechen beide über ihre Motivation, wieso sie sich trotz Widerständen weiter für die Umwelt einsetzen. Das Storytellingformat von Studierenden der Universität Halle ist für beide Seiten der erste intensive Austausch mit Aktivisten einer anderen Generation. Besonders Clara Lecke ist davon überrascht: Bisher habe sie meist nur "Gemecker" erfahren. Der Dialog mit Christoph Kuhn sei für sie "die erste positive Erfahrung mit Menschen aus einer anderen Generation". 

Valerie Börner, eine junge Frau mit langen braunen Haaren, lächelt in die Kamera.
Bildrechte: Valerie Börner

Über die Autorin Valerie Börner absolvierte zunächst den Bachelor der Europastudien in Chemnitz. Seit 2021 studiert sie Multimedia und Autorschaft an der Uni Halle. Ihre Themen findet sie irgendwo zwischen Biografien, Sozialen Bewegungen, Aktivismus und Ostdeutschland.

MDR (Maren Wilczek)

16 Kommentare

kleiner.klaus77 vor 1 Wochen

Ich habe nie gedacht, dass ich dies einmal sagen werde, im Unterschied zu MDR Sachsen-Anhalt online berichten die Zeitungen der Funke Mediengruppe objektiver, und dort weiß man wenigstens was journalistische Grundsätze sind!

HalleVerkehrt vor 1 Wochen

Falls Sie über 30 Jahre alt sind: was waren denn Ihre Versuche, die Fossilemissionen schnell genug auf fast null zu senken? Und woran sind diese gescheitert?
Wir älteren Generationen hatten allerspätestens 1992 auf dem Schirm, dass die Verschwendung von Energie und Ressourcen und vor allem die Konzentration auf fossile Brennstoffe unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Jede zusätzlich emittierte Megatonne CO2 verschlechtert die Lebensbedingungen für die allermeisten Pflanzen- und Tierarten inklusive dem Mensch auf Jahrhunderte irreversibel.

Wir hatten 30 Jahre Zeit, um das auf die vielfältigsten Weisen zu stoppen. Technologisch ist alles vorhanden.
Die Bilanz unserer Generationen: wir haben die Energieverschwendung massiv erhöht, immer mehr Autobahnen und Flughäfen gebaut, Produkte kurzlebiger gemacht, trotz massiv gesteigerter Arbeitsproduktivität schuften wir immer noch 8 Stunden am Tag, müssen immer schneller wegwerfen und neu kaufen, immer mehr fliegen etc!

DermbacherIn vor 1 Wochen

Aber ich gehe auch davon aus, dass sie hier meine Meinung werden deshalb werde ich mich mit meiner Beschwerde, das bei MDR Sachsen-Anhalt online, online Artikel zensiert werden gegebenenfalls an den Presserat und den MDR Rundfunkrat wenden!

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