Aktivisten auf dem Hallmarkt Zweites "Klimacamp Ost" in Halle: Wieso, weshalb, warum?

Gero Hirschelmann
Gero Hirschelmann Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Ab Samstag wird in Halle das zweite "Klimacamp Ost" aufgebaut. In den folgenden drei Wochen soll der Hallmarkt zu einem lebendigen Debattenforum rund um den Klimawandel werden. Die jungen Aktivisten aus ganz Deutschland freuen sich – trotz Störaktionen im vergangenen Jahr – auf Workshops, Vorträge und Gespräche.

Zelte mit Transparenten stehen auf einem Platz
Schon im Jahr 2020 fand ein "Klimacamp Ost" in Halle statt. (Archivbild) Bildrechte: FFF/Jonas Venediger

Pressesprecher, Organisator, Klimaaktivist, Mitbegründer von Fridays for Future in Bitterfeld (und weiterhin engagiertes Mitglied), Teilnehmer an Music for Future und auch noch Bufdi (Bundesfreiwlligendienstleistender): Jonas Venediger hat viel zu tun.

So nutzt der 18-Jährige die derzeitig günstige Corona-Lage nicht etwa, um Partys nachzufeiern, lange Kinoabende zu veranstalten oder einfach nur mit ein paar Freunden und Freundinnen die Seele baumeln zu lassen.

Ab Samstag: Drei Wochen lang Klimacamp auf dem Hallmarkt

Nein, denn Venediger hat eine Mission. Er will drängende Themen wie Klimaschutz und Klimawandel, aber auch Antifaschismus und und Antirassismus immer wieder aktuell halten, kommunizieren, unter die Menschen bringen. Die Tageszeitung taz beschrieb ihn einmal so: "Jonas gibt nicht auf".

Und weil er nicht aufgibt, steht für ihn jetzt eine Großveranstaltung an. Denn ab Samstag werden sich in Halle wieder vor allem jüngere Klimaktivisten und Klimaaktivistinnen versammeln. An diesem Tag beginnen sie, mitten in der Innenstadt auf dem Hallmarkt ihr "Klimacamp Ost" aufzuschlagen. Drei Wochen lang wollen sie dann einen Raum für Debatten über Klimawandel und Politik bieten, sich selber weiterbilden und vor allem mit Gästen ins Gespräch kommen.

Mittendrin: Jonas Venediger. Er organisiert das Camp mit anderen Mitstreitern und Mitstreiterinnen und ist auch Ansprechpartner für die Medien. Wobei ihm diese Stellung in der Öffentlichkeit fast ein bisschen unangenehm ist. Schließlich empfindet er sich nicht als Einzelkämpfer für eine bessere Welt, sondern als Teil einer Bewegung.

Wir sind jung und möchten noch lange auf dieser Welt leben.

Jonas Venediger über sich und seine Mitstreitenden

Schon im vergangenen Jahr hatte in Halle ein "Klimacamp Ost" stattgefunden – und für Aufsehen gesorgt. Ab Mitte August campierten die Teilnehmenden auch damals für drei Wochen auf dem Hallmarkt. Venedigers Erinnerungen sind vornehmlich gut. Es habe schöne Gespräche gegeben, die meisten Gäste seien freundlich und neugierig gewesen.

Zelte und Toilettenhäuschen auf einem Platz vor einer Kirche
Impressionen vom Klimacamp Ost im vergangenen Jahr (Archivbild) Bildrechte: FFF/Jonas Venediger

Sicher, es wurden auch Anfeindungen registriert. Es gab Pöbeleien, ein Betrunkener warf eine Flasche nach den Teilnehmenden und Anhänger des stadtbekannten Rechtsextremisten Sven Liebich skandierten einschlägige Parolen. Daraufhin richteten die Klimacampenden eine Nachtwache ein. Nur die persönlichen Angriffe in den sozialen Medien bekamen sie damit nicht in den Griff.

Polizei kontrolliert regelmäßig den Hallmarkt

Haben die Aktivisten und Aktivistinnen deswegen dieses Jahr Angst? Nein, sagt Jonas Venediger. Vorsicht sei angebracht, sicherlich. Aber in einem Klima der Angst könne der Ansatz, Debatten über wichtige Themen in Gang zu setzen oder fortzuführen, nicht gedeihen. Nicht umsonst lautet der Slogan des diesjährigen Camps: "Wir bauen wieder auf!" Die Polizei hat zumindest angekündigt, den Bereich regelmäßig zu kontrollieren.

Vorsicht: Ja. Angst: Nein.

Jonas Venediger über Attacken im vergangenen Jahr

Also gibt es Workshops, Gespräche, Vorträge und Aktionen zu einem breiten Spektrum von Themen, das mehr als "nur" den Schutz und die Erhaltung der natürlichen Ressourcen auf der Welt beinhaltet. Denn Klimaschutz ist für Venediger und seine Kollegen und Kolleginnen nicht ohne politische Positionierung denkbar.

Der 18-Jährige ist überzeugt: "Klimagerechtigkeit und Antifaschismus bzw. Antirassismus gehören zusammen." Wie das? Venediger stutzt kurz: "Die Frage ist hoffentlich rhetorisch gemeint." Für ihn ist klar: "Der Klimawandel ist eine Folge neokolonialistischer und rassistischer Politik." Und gerade aus der "rechten Ecke" gebe es auch immer wieder Versuche, die Themen der Klima-Agenda zu diskreditieren.

Wissenschaft spielt eine wichtige Rolle

Dennoch ist der geborene Köthener kein Hardliner. Wissenschaft spielt für ihn eine große Rolle. Was durch sie nicht eindeutig belegt wird, ist auch für ihn nur eine vorläufige Annahme. Beispiel Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz: Die Flutkatastrophe stellt für ihn ein deutliches Ergebnis des Klimawandels dar. Doch die Kausalitäten zwischen einzelnen Wetterereignissen und der Klimaänderung "müssen noch besser wissenschaftlich geprüft werden", so Venediger. Bis dahin will er sich nicht festlegen.

Klimacamp Ost in Halle, weil die Stadt "strategisch günstig liegt"

Aber warum Halle und nicht Erfurt, Dresden, Leipzig oder Magdeburg? Immerhin heißt es "Klimacamp Ost" und nicht "Klimacamp südliches Sachsen-Anhalt". Venediger lacht kurz: "Die Stadt liegt strategisch und verkehrstechnisch einfach günstig." Es würden Aktivisten und Aktivistinnen aus dem ganzen Bundesgebiet erwartet, da biete sich Halle schlicht und ergreifend besonders gut an.

Zelte und Transparente auf einem Platz
Halle ist nach Auskunft der Organisatoren ein guter Standort für das "Klimacamp Ost". Bildrechte: FFF/Jonas Venediger

Und auch die Stadt leistet ihren Beitrag. So sorgt sie dafür, dass die Klima-Camper und Klima-Camperinnen Zugang zu Strom und Wasser haben. Am Freitagmittag wird ein Vertreter der Stadt auf dem Hallmarkt als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Bürgermeister Egbert Geier teilte MDR SACHSEN-ANHALT zudem mit: "Der Klimawandel ist für die Kommunen eine zentrale und große Herausforderung. Die Stadt Halle stellt sich dieser Aufgabe."

Noch steht das Programm des Klimacamps nicht hundertprozentig fest. Aber Jonas Venediger ist zuversichtlich: Das "zweite Klimacamp Ost" wird die Welt ein bisschen besser machen. Und nach den drei Wochen? Warten viele neue Aufgaben auf ihn und seine Mitstreitenden. Denn: Jonas gibt nicht auf. Und seine Freunde und Freundinnen auch nicht.

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MDR/Gero Hirschelmann

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 31. Juli 2021 | 07:30 Uhr

34 Kommentare

DER Beobachter vor 11 Wochen

Zu warmes Niedrigwasser immer öfter/länger, reale Kosten zu hoch. Wie El buffo sagt, alles nur auf geduldigem Papier. Realistische Überlegungen sind nicht zu finden. Umgekehrt: warum gibt es bei uns zu wenig Gezeitenkraftwerke?

ralf meier vor 11 Wochen

Da lese ich: 'Haben die Aktivisten und Aktivistinnen deswegen dieses Jahr Angst? Nein, sagt Jonas Venediger. Vorsicht sei angebracht, sicherlich. Aber in einem Klima der Angst könne der Ansatz, Debatten über wichtige Themen in Gang zu setzen oder fortzuführen, nicht gedeihen. '

Ich bewundere immer wieder den Mut von Aktivisten, die sich nicht von einem Klima der Angst einschüchtern lassen und sich der Propaganda der Mächtigen widersetzen. Ob die oben genannten Aktivisten dazu gehören, mag jeder für sich entscheiden.

ralf meier vor 11 Wochen

Herr Venediger meint: 'Der Klimawandel ist eine Folge neokolonialistischer und rassistischer Politik." Wie praktisch für Herrn Venediger. Es sind also 'die anderen' die Schuld am Klimawandel sind . Die Bereitschaft, sein eigenes Handeln zu überdenken, erscheint mir da wenig ausgeprägt. Dabei gäbe es da bei vielen jugendlichen so viel zu tun.
Man denke nur an das beliebte aber so Co2 schädliche Streaming von videos.

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