Streit um Namen von Planetarium in Halle Warum erst die nächste Generation mit dem DDR-Erbe richtig umgehen kann

Mathias Kessel, MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Einfach "Planetarium Halle (Saale)" wird das neue Planetarium am Holzplatz heißen. So hat es der Stadtrat jetzt beschlossen. Das Ende eines Streites um Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im All, nach dem das alte Planetarium benannt war. Ein Kommentar.

Baustellenschild am Planetarium-Neubau in Halle.
Seit dem Bau des neuen Planetariums in Halle gibt es eine große Debatte um den Namen. Jetzt hat der Stadtrat entschieden: Es bekommt keinen. Bildrechte: MDR/Ulf Wogenstein

Es beginnt mit dem Hochwasser der Saale 2013 und endet mit einer Grundsatzdiskussion. Wie gehen wir gesamtdeutsch mit dem Teil des Erbes um, das seinen Ursprung in der DDR hat? Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es dafür offenbar noch kein Patentrezept. Das zeigt die Diskussion um Sigmund Jähn.

Luftbild vom Abriß des Raumflug-Planetariums auf der Peißnitzinsel in Halle, 2018
2018 wurde das alte Planetarium in Halle abgerissen. Bildrechte: imago images / Steffen Schellhorn

Zu Beginn war alles klar. Wir bekommen ein neues Planetarium, dazu noch das modernste in Europa. Bund und Land berappen 14 Millionen Euro für diesen Traum, nach dem Alptraum der Zerstörung des alten Planetariums auf der Peißnitzinsel durch das Hochwasser. Keine Frage, dass das Neue genauso heißen soll wie das Alte. Sechs Fraktionen im Stadtrat von Halle unterstützen anfangs die Initiative. "Raumflugplanetarium Sigmund Jähn" stand in metallenen Lettern über der Tür des Peißnitzbaus. Die Buchstaben sind noch da. Doch als das Vorhaben bekannt wird, wird auch ganz schnell deutlich, dass die Vorbehalte da sind. Da ist nichts vergessen, weder bei den Befürwortern des Namens und, wie sich schnell herausstellt, auch bei denen, die genau das vehement ablehnen.

Das Foto zeigt den russischen Kosmonauten Waleri Bykowski (l) und den deutschen Kosmonauten Sigmund Jähn, die in ihren Raumanzügen vor einem großen Globus sitzen.
Die Kosmonauten Waleri Bykowski (links) und Sigmund Jähn Bildrechte: dpa

Das geradezu Unausweichliche zeigt ein Blick in die Geschichte. 1978 startet Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn mit seinem sowjetischen Kollegen Waleri Bykowski zur Raumstation Salut 6. Der erste Deutsche im Kosmos ist ein Ostdeutscher! Ein gefundenes Fressen für die ständig um weltweite Reputation bemühte DDR. Natürlich wird das in den nächsten Jahren genüsslich ausgeschlachtet. Da passt es ausgezeichnet, dass in Halle gerade ein damals hypermodernes Planetarium mit Technik von Carl-Zeiss in Jena gebaut wird. Das kann nur nach Sigmund Jähn benannt werden. Und so blieb es bis zur Flut 2013. Doch 2020 ist nicht mehr 1978. Das ist eine Lehre aus den Diskussionen. Heute ist vieles nicht mehr unausweichlich. Doch wohin ausgewichen werden könnte, ist noch nicht abgemacht.

Ein Streit bringt Halle bundesweite Aufmerksamkeit

Am Schluss stehen Linke, SPD und Mitbürger in Halles Stadtrat dafür, den Namen "Sigmund Jähn" beizubehalten. Da ist von Symbolfigur der Ostdeutschen für die gesamtdeutsche Raumfahrt die Rede. Im Vordergrund stehe die Lebensleistung des Mannes aus dem Vogtland. Natürlich müsse auch seine Rolle im System DDR hinterfragt werden. Trotz allem sei es eine einmalige Chance gerade zu rücken, was auch 30 Jahre nach der Wende von vielen Menschen im Osten schmerzlich vermisst wird. Die Anerkennung ihrer Lebensleistung.

Doch genau die Rolle Sigmund Jähns in der DDR wird von den Gegnern ins Feld geführt. Seine Lebensleistung habe er nur vollbringen können, weil er treuer Parteigänger der SED war. Damit sei er ein Repräsentant der DDR-Diktatur gewesen. Und nach der Wende habe er sich in keiner Weise davon distanziert. Damit sei Sigmund Jähn ungeeignet als Namensgeber für eine Bildungseinrichtung, wie das Planetarium in Halle.

Die Auseinandersetzung wird sehr schnell öffentlich geführt. In der Stadt mag das noch nachvollziehbar sein. Doch Befürworter und Gegner melden sich aus allen Teilen der Bundesrepublik. Offenbar sehen sie darin etwas Exemplarisches. Und es wird deutlich, dass sich die beiden Lager unversöhnlich gegenüberstehen.

Resignation im Stadtrat

In Halles Stadtrat ist das nicht anders. Eine Fraktion nach der anderen springt vom ursprünglich gemeinsamen Projekt ab. Die CDU geht voran. Auslöser ist die Wortmeldung der Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Festgefügte Argumentationsmuster werden in Stellung gebracht. Repräsentanten einer Diktatur eignen sich nicht als Namensgeber in der Demokratie. So, wie die Befürworter die Leistung des Kosmonauten in den Vordergrund bringen, setzen die Gegner auf den Jagdflieger, den Offizier und den Stasi-Mitarbeiter, einfach weil das zum Unterdrückungsapparat der DDR gehört hat. Während Jähn sich als Aushängeschild vorführen ließ, seien in der DDR Menschenrechte verletzt und Lebenschancen vernichtet worden. Doch für eine erklärende Sicht auf die verschiedenen Situationen, in denen sich Menschen in der DDR befunden haben, ist offenbar noch nicht die Zeit. Auch 30 Jahre nach der Einheit nicht.

Rathaus in Halle 2019, im Vordergrund ist eine Flagge mit dem Stadtwappen.
Der Stadtrat Halle hat entschieden: Das Planetarium bekommt nicht den Namen von Sigmund Jähn. Bildrechte: dpa

Es ist eine Debatte geführt worden. Vielleicht sogar eine Auseinandersetzung, die etwas von Unversöhnlichkeit hat. Vielleicht liegt es daran, dass jeder seinem eigenen Erfahrungshintergrund geradezu ausgeliefert ist. Eine Diskussion, wie mit dem Erbteil DDR umzugehen ist, steht noch aus. Am Beispiel der Namensgebung für das neue Planetarium in Halle ist aber auf jeden Fall deutlich geworden, dass da ein Problem ist, das nicht gelöst ist. Und dass die Diskussion darüber aussteht. Einen guten Kompromiss nennen die Gegner des Namenspatronats von Sigmund Jähn das Ergebnis der Abstimmung im Halleschen Stadtrat. Keinen Namen zu vergeben lasse Möglichkeiten offen, das irgendwann nachzuholen. Eine mutlose und wenig originelle Entscheidung ist es für die Befürworter.

MDR/Matthias Kessel

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 25. Februar 2021 | 05:00 Uhr

76 Kommentare

Heimatloser vor 6 Wochen

Wenn ich all die Antijähnkommentare lese,komme ich zu folgender Erkenntni.
S. Jähn hat also nicht nur die falsche politische Überzeugung gehabt,sondern auch
ein falssches Leben in der DDR geführt.
Wie billig,tendenziös und auch dumm ist das denn?
Die Absicht ist klar!

Bernd1951 vor 6 Wochen

Hallo Rychlik,
meinen Sie mit Regine Hildebrandt (geb. Radischewski), auch "Mutter Courage des Ostens" genannt, die Persönlichkeit, die nach Quelle Wikipedia
" Nach dem Schulabschluss studierte Radischewski zwischen 1959 und 1964 Biologie an der Berliner Humboldt-Universität. Da sie kein Mitglied der FDJ war, wurde ihre Studienbewerbung zunächst abgelehnt. Durch ein nachträgliches Immatrikulationsverfahren erhielt sie dann doch einen Studienplatz und konnte 1968 über einen Frauenförderplan promovieren. Geheiratet hatte sie 1966. Nach ihrem Studienabschluss war sie bis 1978 fast 15 Jahre stellvertretende Abteilungsleiterin der Pharmakologischen Abteilung in der Arzneimittelforschung des VEB Berlin-Chemie und war anschließend bis 1990 als Bereichsleiterin in der Zentralstelle für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten in Berlin tätig." ?
Und das alles im "Unrechtsstaat" DDR ohne in der FDJ zu sein !
Regine Hildebrandt war eine der Politikerinnen, die ich für ihren Mut bewundert habe.

M Grathwohl vor 6 Wochen

Wer Sigmund Jähn privat kennenlernen durfte weiß, dass er in seinem Leben weit weg von SED, Stasi und Diktatur war. Er liebte das Fliegen und somit auch die Freiheit. Ich erlebte ihn als eine Persönlichkeit, die mit Respekt und Demut durch sein Leben ging. Schade, dass seine Leistungen - und die auch nach 89 - nicht gesamtdeutsch gewürdigt werden. Lieber Sigmund Jähn, Ruhe in Frieden

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