Kommentar zur Corona-Impfung von Halles OB Solidarität predigen, sich beim Impfen aber vordrängeln

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand hat sich beim Impfen vorgedrängelt. Nachdem dies am Freitag bekannt wurde, zeigte der 63-Jährige am Samstag auf einer Pressekonferenz keine Reue. Ein Kommentar.

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos)
Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand hat entgegen des Impfplans schon die erste Corona-Impfung hinter sich – und das sorgt für Kritik. Bildrechte: dpa

Er also auch. Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand hat sich am 17. Januar gegen das Corona-Virus impfen lassen, obwohl er nach der festgelegten Impfreihenfolge noch gar nicht dran war, also zu keiner Risikogruppe gehört. Er ist nicht der erste Kommunalpolitiker, bei dem das auffliegt. Auch Landrat und Vize-Landrat des Kreises Wittenberg haben sich die begehrte Spritze schon abgeholt, sich noch am Freitag dafür entschuldigt.

Das Thema Impfen erhitzt ja schon länger unsere Gemüter. Jetzt aber aus ganz anderen Gründen – es geht um Impfgerechtigkeit. Impfstoff ist Mangelware, doch in Sachsen-Anhalt kommen einige privilegierte Anzugträger ohne große Mühe an eine Impfdosis.

Zur selben Zeit klicken sich sämtliche Familienmitglieder von Risikopatienten die Finger wund, um im Netz an einen der heißbegehrten Impftermine zu kommen, als würde man sich tolle Konzertkarten sichern. Was in den meisten Fällen frustrierend endet, weil erfolglos. Beim verpassten Konzert ist das maximal ärgerlich, eine verpasste Impfchance allerdings kann tödlich enden.

Wiegand fordert immer wieder Solidarität von uns allen

Seit Monaten predigt Wiegand immer wieder Solidarität. Auch in seiner Neujahrs-Pressekonferenz, in der er das Einhalten der Impfverordnung und die Solidarität aller Menschen in Halle einfordert.

Nur: Für Wiegand und zehn Stadträte trifft das nicht zu. Bei seiner täglichen Pressekonferenz am Samstag zeigt er keine Reue und gesteht keine Fehler ein. Der OB präsentiert sich stattdessen als Retter der übrig gebliebenen Impfdosen. Er spricht von einer Hexenjagd in den Medien und erklärt, dass Anfang Januar ganz transparent ein Verfahren entwickelt worden sei. Das regelt, wie mit übrig gebliebenen Impfdosen umzugehen sei, die verimpft werden müssen, da sie ansonsten verfallen. Sowas zu klären ist richtig und wichtig, soweit gehe ich mit.

Eine zweite Impfliste

Allerdings: Die Stadt Halle hat mal eben hinter den Kulissen eine zweite Prioritätenliste erstellt, die eben nicht der Impfverordnung entspricht und streckenweise alles andere als solidarisch ist. Denn auf den Nachrückerlisten, die dann gezückt werden, wenn ad hoc Impfstoff übrig ist und weg muss, stehen Stadträte oder der OB selbst. Die Begründung: Deren Schutz sei wichtig, damit sie, unter anderem, zu den Stadtratssitzungen können.

Und so kam es, dass am 17. Januar noch Impfstoff übrig war und der OB zu Hause angerufen worden ist. Kein anderer auf der Liste sei verfügbar gewesen. Herr Wiegand habe sich mehrfach erkundigt, ob denn auch wirklich kein anderer auf der Liste erreichbar sei. Sonst hätte er sich doch nicht impfen lassen.

Klingt zunächst logisch, dennoch bleibt festzustellen: Wie kommt der OB überhaupt auf die Liste? Warum stehen auf einer Nachrückerliste nicht ausschließlich Menschen mit oberster Priorität, also Risikogruppen, die wir so dringend schützen müssen?

#MDRklärt Nach diesem Plan wird gegen Corona in Sachsen-Anhalt geimpft

In diesen Stufen wird die Bevölkerung gegen Corona geimpft
Das ist der Plan, in welchen Stufen die Menschen gegen Corona geimpft werden sollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
In diesen Stufen wird die Bevölkerung gegen Corona geimpft
Das ist der Plan, in welchen Stufen die Menschen gegen Corona geimpft werden sollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Höchste Priorität haben Menschen ab 80 und alle, die in stationären Einrichtungen zur Behandlung, Betreuung oder Pflege tätig sind. Dafür sind mobile Impfteams unterwegs. Zur ersten Gruppe gehört außerdem alle, die auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, in Rettungsdiensten oder den Impfzentren arbeitet. Die Impfstoffe werden dafür an die Krankenhäuser übergeben.
Höchste Priorität haben Menschen ab 80 und alle, die in stationären Einrichtungen zur Behandlung, Betreuung oder Pflege tätig sind. Dafür sind mobile Impfteams unterwegs. Zur ersten Gruppe gehört außerdem alle, die auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, in Rettungsdiensten oder den Impfzentren arbeitet. Die Impfstoffe werden dafür an die Krankenhäuser übergeben. Bildrechte: MDRklärt
Die Impfzentren werden in der zweiten Stufe genutzt. Dann werden Personen geimpft, die älter als 70 Jahre oder bei denen ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf besteht. Dazu gehören etwa Demenzkranke sowie Menschen mit Trisomie 21 und Transplantationspatienten. Auch enge Kontaktpersonen von Pflegbedürftigen dürfen sich dann impfen lassen, dasselbe gilt für Menschen in Asyl- oder Obdachlosenunterkünften.
Die Impfzentren werden in der zweiten Stufe genutzt. Dann werden Personen geimpft, die älter als 70 Jahre oder bei denen ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf besteht. Dazu gehören etwa Demenzkranke sowie Menschen mit Trisomie 21 und Transplantationspatienten. Auch enge Kontaktpersonen von Pflegbedürftigen dürfen sich dann impfen lassen, dasselbe gilt für Menschen in Asyl- oder Obdachlosenunterkünften. Bildrechte: MDRklärt
In einem dritten Schritt sollen die Menschen geimpft werden, bei denen das Risiko für einen tödlichen Verlauf der Erkrankung erhöht ist. Dazu gehören etwa Menschen ab 60, stark Übergewichtige, Patienten mit Immundefizienz oder Menschen mit Diabetes, Herzerkrankungen oder Bluthochdruck. Zur dritten Priorität gehören außerdem Mitarbeiter von Verfassungsorganen, Regierungen und Verwaltungen, Streitkräften, Polizei, Zoll, Feuerwehr, Katastrophenschutz und Justiz sowie dem Lebensmitteleinzelhandel. Hinzu kommen Menschen in prekären Arbeitsbedingungen wie etwa Saisonarbeiter.
In einem dritten Schritt sollen die Menschen geimpft werden, bei denen das Risiko für einen tödlichen Verlauf der Erkrankung erhöht ist. Dazu gehören etwa Menschen ab 60, stark Übergewichtige, Patienten mit Immundefizienz oder Menschen mit Diabetes, Herzerkrankungen oder Bluthochdruck. Zur dritten Priorität gehören außerdem Mitarbeiter von Verfassungsorganen, Regierungen und Verwaltungen, Streitkräften, Polizei, Zoll, Feuerwehr, Katastrophenschutz und Justiz sowie dem Lebensmitteleinzelhandel. Hinzu kommen Menschen in prekären Arbeitsbedingungen wie etwa Saisonarbeiter. Bildrechte: MDRklärt
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/mx
Bildrechte: MDR/Max Schörm
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Herr Wiegand würde alles wieder so machen

Auf die Idee, dass dieser Beschluss unsolidarisch ist, kommt Wiegand nicht. Auch nicht, dass er gar nicht so transparent ist, wie er nicht müde wird in der Pressekonferenz zu erwähnen. Die Öffentlichkeit informieren? Nö, sagt Wiegand. Die Medien hätten ja nachfragen können. Detailfragen will er nicht beantworten. Das sei privat. Auch wer die anderen geimpften Stadträte sind, falle unter den Datenschutz.

Das Privileg der vorzeitigen Impfung, vorbei an den Vorschriften der Impfverordnung, hatte Bernd Wiegand nur aufgrund seiner Rolle. Und in einer solchen Funktion wünscht man sich dringend mehr Reflexion und Sensibilität in der Frage: Ist mein Handeln moralisch vertretbar, auch wenn ein Stück Papier das Ganze grundsätzlich rechtfertigt?

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MDR, Kathrin Köcher, Anne Gehn-Zeller

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. Februar 2021 | 17:00 Uhr

49 Kommentare

Norbert Lorenz vor 32 Wochen

Ich werde hier ganz sicher nichts relativieren. Ich finde es richtig, wie die Stadtverwaltung entschieden hat. Diese Berichterstattung ist eine Diffamierungskampagne. In der gesamten Bundesrepublik werden alle Impfdosen ausschließlich an Berechtigte verimpft. Außer in Halle.
Ich lach mich kaputt.
Hier soll unser OB wieder mal medial demontiert werden.

Mitdenker Zukunft vor 32 Wochen

Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen und auf Berlin zeigen!
"Die Frage, ob weitere Mitarbeiter der Stadtverwaltung schon geimpft worden seien, wollte Wiegand in einer Pressekonferenz am Sonnabend nicht beantworten."
Warum denn nicht?, wenn alles eine schnelle Ausnahmesituation war.
nicht vergessen - offizielles Statement der Sozialministerin ist:"Und ich lasse auch keine Ausrede mehr zu, dass sonst der Impfstoff verfallen wäre."
Scheint keine fingierte Hexenjagd zu sein, wenn sich das Ministerium so äußert.

Mitdenker Zukunft vor 32 Wochen

"Die Frage, ob weitere Mitarbeiter der Stadtverwaltung schon geimpft worden seien, wollte Wiegand in einer Pressekonferenz am Sonnabend nicht beantworten."
Warum denn nicht?, wenn alles eine schnelle Ausnahmesituation war.
offizielles Statement der Sozialministerin ist:"Und ich lasse auch keine Ausrede mehr zu, dass sonst der Impfstoff verfallen wäre."
sieht mir nach einer ziemlich wagen "Erklärung" des Herrn Wiegand aus...

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