Suspendierter Oberbürgermeister Kommentar zum Rettungsschwimmer Bernd Wiegand

Gero Hirschelmann
Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Knapp neun Jahre ist Bernd Wiegand als Halles Oberbürgermeister im Amt, seit einigen Monaten ist er suspendiert. Nun machte er Schlagzeilen, weil er als ehrenamtlicher Rettungsschwimmer im Einsatz ist. Wiegand lieferte dabei Bilder, die an Russlands Präsidenten Putin erinnern. Ein Kommentar.

Bernd Wiegand steht im Heidesee in Halle.
Bernd Wiegand als Rettungsschwimmer: Seit einer Woche arbeitet er ehrenamtlich am Heidesee in Halle. Bildrechte: Heidebad Halle

Die von Bernd Wiegand als parteiloser Bewerber für das Amt des Oberbürgermeisters in Halle vor knapp zehn Jahren versprochene Transparenz in Politik und Verwaltung hat viele Wähler überzeugt. Diese Menschen – und auch ich gehörte dazu – waren sich sicher, dass einem undurchschaubaren Gestrüpp von divergierenden Interessen, mehr oder minder großen Mauscheleien und allgegenwärtigen Affären vor allem mit einem zu begegnen sei: Offenheit.

Das war eine große Hoffung für Halle – die sich leider nicht erfüllte. Denn Wiegand verstand und versteht unter Transparenz augenscheinlich etwas anderes als ich (und mit mir wahrscheinlich eine große Zahl Hallenser). Glasnost hat nämlich für den derzeit suspendierten OB von Halle zwei Seiten.

Er sagt, was er denkt

Einerseits spricht Wiegand offen aus, was er will und für richtig hält. Neues Personal in der Stadtverwaltung, ein sanierter Gimritzer Damm oder auch die kompromisslose Eindämmung der Corona-Pandemie: Seine Vorhaben hat der Kommunalpolitiker nie verschwiegen.

Doch der Weg zu diesen Zielen hat die Hallenser und alle Beteiligten offenbar nicht zu interessieren. Um die von Wiegand eingestellten Mitarbeiter in seinem engeren Umkreis gab es hinlänglich Ärger, die von ihm auf eigene Faust ausgelösten Arbeiten am Gimritzer Damm wurden vom Landesverwaltungsamt gestoppt und sorgten auch danach für enormen Streit, in der Corona-Pandemie trat der suspendierte OB nicht nur als tatkräftiger Macher, sondern auch als mutmaßlicher Impf-Vordrängler in Erscheinung.

Selbstherrliche Attitüde 

Die Liste ließe sich noch um viele bisher undurchsichtige Vorgänge erweitern. Seit April 2021 ist Wiegand vom Dienst suspendiert. Nach dem Stadtrat traf auch das Landesverwaltungsamt diese Entscheidung. Gegen den 64-Jährigen läuft derzeit unter anderem ein Disziplinarverfahren. Zuletzt war dieses Verfahren sogar noch ausgeweitet worden. Wiegand soll demnach Dienstpflichten verletzt und damit ein Dienstvergehen begangen haben.

Hinzu kommt: Wiegand hat es mit seiner selbstherrlichen Attitüde geschafft, sich in eine Dauer-Clinch mit dem Stadtrat zu verfangen und auch die Stimmung in der Verwaltung nachhaltig zu verschlechtern. Er versteht sich nicht als "Primus inter Pares" (also als "Erster unter Gleichen") in dem sensiblen Dreieck Oberbürgermeister, Stadtrat und Verwaltung. Wiegand ist in seinem Selbstverständnis der Primus, dem die anderen Glieder pflichtschuldigst zu folgen haben.

Inszenierung als Rettungsschwimmer

Ein See mit leichten Wellen.
Am Heidesee in Halle hat sich Bernd Wiegand eine neue Aufgabe gesucht. Bildrechte: Heidebad Halle

Dass sich Wiegand jetzt als Rettungsschwimmer inszeniert, folgt genau diesem Muster. "Ich kümmere mich um die Bürger dieser Stadt, auch wenn ich durch Gerichte, den Stadtrat oder andere widrige Umstände daran gehindert werde", lautet die Botschaft, wenn sich der 64-Jährige jetzt im Heidesee ins Wasser stürzt – dessen Betreiber zwischenzeitlich zufällig als Praktikant im Büro von Wiegand arbeitete. In fast fataler Weise erinnern die einschlägigen Bilder an Russlands Präsidenten Putin, der seine Tatkraft gerne auf einem Pferd reitend und mit freiem Oberkörper demonstriert.

Suspendierter Oberbürgermeister Wiegand Das denken die Hallenser über den OB als Rettungsschwimmer

Ein junger Mann sitzt auf einer Treppe.
Leon: "Dass es einen Rettungsschwimmer mehr gibt ist sehr schön, aber ich glaube, es würde ihm und der Stadt gut tun, wenn er sich ein bisschen aus der Öffentlichkeit zurückhält. Wenn man sich so blamiert hat und damit die Stadt so in die Öffentlichkeit gebracht hat, weiß ich nicht, ob man sich dann nicht einfach mal zurückziehen kann." Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Ein junger Mann sitzt auf einer Treppe.
Leon: "Dass es einen Rettungsschwimmer mehr gibt ist sehr schön, aber ich glaube, es würde ihm und der Stadt gut tun, wenn er sich ein bisschen aus der Öffentlichkeit zurückhält. Wenn man sich so blamiert hat und damit die Stadt so in die Öffentlichkeit gebracht hat, weiß ich nicht, ob man sich dann nicht einfach mal zurückziehen kann." Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
Ein Screenshot von einem Nutzer-Kommentar zum Artikel "Halles suspendierter Oberbürgermeister ist jetzt Rettungsschwimmer"
Kommentar unter dem MDR-Artikel "Halles suspendierter Oberbürgermeister Wiegand ist jetzt Rettungsschwimmer" vom 7. September 2021. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine junge Frau mit Brille und offenem Haar steht auf einem Platz.
Florentine: "Ganz uneigennützig wird er es schon nicht machen." Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
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Kommentar unter dem MDR-Artikel "Halles suspendierter Oberbürgermeister Wiegand ist jetzt Rettungsschwimmer" vom 7. September 2021. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein junger Mann, von dem nur die Beine zu erkennen sind, sitzt auf einer Treppe.
Julius (will nicht erkannt werden): "Das ist mir eigentlich ganz egal. Zum einen will er vielleicht das Image aufpolieren, zum anderen wird er durch die Suspendierung nicht mehr so viel zu tun haben." Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
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Kommentar unter dem MDR-Artikel "Halles suspendierter Oberbürgermeister Wiegand ist jetzt Rettungsschwimmer" vom 7. September 2021. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine junge Frau mit Uni-Pullover sitzt auf einer langen Bank.
Annelie: "Ich selber bin auch ehrenamtlich tätig und finde es löblich, sich ehrenamtlich zu engagieren. Ich könnte mir vorstellen, dass es Mangel an Rettungsschwimmern gibt. Deswegen ist es eine gute Sparte, sich zu engagieren." Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
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Kommentar unter dem MDR-Artikel "Halles suspendierter Oberbürgermeister Wiegand ist jetzt Rettungsschwimmer" vom 7. September 2021. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein junger Mann mit Hemd und Umhängetasche.
Lukas: "Ich kann das schon verstehen, weil es als Wahl-Beamter wichtig ist, dass man in der Stadt im Gespräch bleibt. Und wenn man suspendiert ist, ist einem die Möglichkeit genommen, über sich und seine Arbeit positiv zu berichten. Andererseits ist es auch angenehm, dass es in der Kommunalpolitik mal ein bisschen ruhiger ist. Es ist nicht so, als würde es Halle schlechter gehen ohne die ganzen Streitigkeiten." Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
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Kommentar unter dem MDR-Artikel "Halles suspendierter Oberbürgermeister Wiegand ist jetzt Rettungsschwimmer" vom 7. September 2021. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein junger Mann mit Cappy vor einem Glasgebäude.
Eric: "Ich finde es gut, dass er dafür die Zeit aufwendet. Er zeigt seinen Bürgerinnen und Bürgern, dass er für sie tätig ist. Seine Imageberater werden das schon unterstützen." Bildrechte: MDR/Luise Kotulla
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Was Wiegand nämlich verschweigt oder im besten Fall vergisst zu sagen (ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, sei dahingestellt): Sein an Luther angelehntes "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" bedeutet bei ihm "Hier stehe ich, ich will nicht anders." Das ehrenamtliche Engagement als Rettungsschwimmer zeigt ihn nicht als Überzeugungstäter, der, unter Abwägung aller Umstände, das seiner Meinung nach Richtige tut. Vielmehr suchte sich Wiegand eine öffentlichkeitswirksame Tribüne, um das Märchen vom einsamen Kämpfer gegen die ihn umgebenden Dumm- und Wirrköpfe weiter zu erzählen.

Verdienste für die Wirtschaft

Damit sollen die Verdienste des gebürtigen Braunschweigers nicht kleingeredet werden. Als Wirtschaftsförderer ist er beispielsweise – Stichwort Star Park – äußerst erfolgreich. Doch letztlich bleibt es dabei: Wiegand war und ist als Oberbürgermeister von Halle eine Fehlbesetzung. Einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Akteuren in der Stadt zu schaffen, ist ihm nicht gelungen – im Gegenteil. Und eine Besserung scheint nicht in Sicht. Halle braucht aber kein Stadtoberhaupt, dass sich für den Mittelpunkt der kleinen lokalen Welt hält und alle anderen "Mitstreiter" lieber draußen sieht. Da hilft auch kein rotes Leibchen mit einem DLRG-Aufdruck.

Denn Transparenz ist Transparenz, ganz einfach. Bei Wiegand ist sie Schönfärberei.

Gero Hirschelmann
Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Über den Autoren Gero Hirschelmann arbeitet seit Mai 2021 für MDR SACHSEN-ANHALT. Er ist de jure gebürtiger und de facto eingefleischter Hallenser. In Halle hat er auch studiert und lange in verschiedenen Funktionen bei der Mitteldeutschen Zeitung gearbeitet. Mittlerweile kümmert er sich bei MDR SACHSEN-ANHALT um Themen: große, kleine, interessante, emotionale, spannende, nutzwertige usw.

Mit einer Ehefrau und zwei Kindern bildet er eine normale Kernfamilie. Wenn er nicht gerade Schuhe kauft, interessiert er sich für Geschichte, Philosophie und Soziologie. Sein angehefteter Tweet bei Twitter lautet: "Immer, wenn ich die Kommas bei Twitter korrigieren möchte, muss ich an Sisyphos, denken."

MDR/Gero Hirschelmann, Luise Kotulla

17 Kommentare

ElBuffo vor 1 Wochen

Muss man das als Rettungsschwimmer sein? Gut zu wissen. Werde mir dann, falls es mal nötig werden sollte, zunächst Mitgliedsausweis und Auftrag zeigen lassen.

Mitteldeutscher1 vor 1 Wochen

Um das Märchen komplett zu machen. Herr Wiegand ist weder Mitglied noch im Auftrag der DLRG unterwegs. Auch hier ist wieder Show alles. Und wie man an einigen Kommentaren hier liest, fallen einige immer noch darauf rein.

ElBuffo vor 1 Wochen

Na erstmal mussten sie herkommen. Da haben sich seine Vorgänger und - innen nun wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Ich kann mich dunkel dran erinnern, dass man sich für die eine oder andere Ansiedlung zu fein war und die dann etwas weiter östlich stattfand.

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