Psychotherapie Uniklinik Halle: Hilfe bei Ängsten und Sorgen Geflüchteter aus der Ukraine

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An der Uniklinik Halle bietet ein Team der Psychiatrischen Institutsambulanz Sprechstunden für Geflüchtete aus der Ukraine an. Neben psychischen Erkrankungen geht es darum, mit Sorgen und Ängsten umzugehen. Das ist auch für die Profis nicht immer leicht.

Psychiatrische Institutsambulanz in Halle
An der Psychiatrischen Institutsambulanz bietet ein Team aus Ärzten, Psychologen, Sozial-, Ergo- und Musiktherapeuten Sprechstunden für Geflüchtete aus der Ukraine an. Bildrechte: MDR / Maren Wilczek

  • Die Psychiatrische Institutsambulanz am Uniklinikum Halle richtet sich mit einer Sprechstunde gezielt an Geflüchtete aus der Ukraine.
  • In der Sprechstunde geht es nicht nur darum, bestehende Erkrankungen zu behandeln, sondern auch darum, bei Sorgen und Ängsten zu helfen, die durch den Krieg und die Flucht entstehen.
  • Bei der psychotherapeutischen Beratung und Behandlung von Geflüchteten ist Bürokratie oft eine Herausforderung. Die elektronische Gesundheitskarte könnte das ändern.

Wo finden Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, bei psychischen Problemen in Sachsen-Anhalt Hilfe? In Halle gibt es dafür jetzt eine neue Anlaufstelle. Ein Team der Psychiatrischen Institutsambulanz des Universitätsklinikums organisiert Sprechstunden, in denen Geflüchtete Beratung, Unterstützung und professionelle Behandlung erhalten.

Nicht nur Patientinnen und Patienten mit schweren psychischen Störungen sollen dort Hilfe finden, erklärt Oberarzt Michael Brütting: "Es geht auch darum, Menschen einen Raum zu bieten, die hierher gekommen sind und die einfach stark psychisch belastet sind von der Gesamtsituation."

Hier erreichen Sie die Sprechstunde für ukrainische Geflüchtete

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
Magdeburger Straße 22
06112 Halle (Saale)

Telefon: 0345 557 3640
Fax: 0345 557 3537
Mail: kpsy_amb@uk-halle.de

Website der Psychiatrischen Institutsambulanz

Bislang haben sich Brütting zufolge fünf Patientinnen aus der Ukraine in der Ambulanz vorgestellt. Nach den Erfahrungen aus dem Jahr 2015, als viele Geflüchtete in Deutschland ankamen, rechnet Brütting aber damit, dass es mehr werden:

Am Anfang haben sie häufig erstmal andere Probleme: Wo lebe ich? Wie bekomme ich meine Grundbedürfnisse erfüllt? – bevor dann andere Dinge zutage treten.

Michael Brütting Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Halle

Die Sprechstunde soll Ängsten und Sorgen begegnen

Der Psychotherapeut Semjon Sidanov leitet die Sprechstunden. Sidanov hat neben seiner professionellen Erfahrung eine eigene Fluchtgeschichte und kann Brüttings Einschätzung bestätigen: "Die Menschen sind in einem Funktionsmodus. Wenn sie sich um alles gekümmert haben, fallen viele in ein Loch." Dem vorzubeugen und darüber zu sprechen, sei wichtig.

Ängste seien in den bisherigen Sprechstunden wichtige Themen gewesen, sagt Sidanov, vor allem Zukunftsängste und das Wiedererleben von Situationen. Hinzu komme Angst um Menschen, die in der Ukraine zurückgeblieben sind, und die oft auch zu Schuldgefühlen führe.

"Da geht es darum, ressourcenorientiert zu arbeiten", erklärt Sidanov, "damit die Menschen verstehen, dass es nicht nur damit einher geht, sich schuldig zu fühlen, weil man das Land verlassen hat, sondern dass es auch darum geht, dass man es geschafft hat, dass man genug Kraft hatte, sein Kind mitzunehmen, in ein anderes Land zu ziehen, sich einer völlig ungewissen Situation auszusetzen."

Die Sprechstunden sollen laut Sidanov wöchentlich als Gruppentherapie mit etwa zehn Personen stattfinden. Das Gespräch in der Gruppe helfe dabei, zu erkennen, dass andere Menschen Ähnliches durchgemacht haben. Eine Ergotherapeutin, die Erfahrungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat, könne sich in dieser Zeit um die Kinder der Patientinnen und Patienten kümmern. Bei Bedarf könnten außerdem Einzelgespräche angeboten werden, ergänzt Brütting.

"Jede Unterstützung ist besser als keine Unterstützung"

"Wenn man nach Deutschland kommt, gibt es in der ersten Zeit so viel Bedarf an Unterstützung", sagt Sidanov. Die Ambulanz konzentriere sich auf psychologische und psychiatrische Hilfe. Für andere Themen gebe es Sozialarbeiter und Stellen wie das Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen. Ehrenamtlichen, die Geflüchtete unterstützen, rät Sidanov vor allem, Geduld und Verständnis für deren Situation aufzubringen.

Auch Beratung per Telefon, Videokonferenz oder Chat sei hilfreich, sagt Sidanov: "Jede Unterstützung ist besser als gar keine Unterstützung."

Hier erhalten Geflüchtete aus der Ukraine telefonische Hilfe

Doweria ist ein russischsprachiges Angebot der Telefonseelsorge. Über die Hotline 030 440 30 84 54 erhalten sowohl Geflüchtete aus der Ukraine als auch Menschen aus der russischen Community rund um die Uhr kostenlose und anonyme Beratung. Jeden Dienstag und Donnerstag von 20 bis 22 Uhr gibt es außerdem Unterstützung in einem Chat.

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen hat unter der Nummer 0800 777 22 44 eine Ukrainekrieg-Hotline geschaltet. Die Krisenhotline ist anonym, kostenlos und täglich von 16 bis 20 Uhr erreichbar. Die Beratung findet auf Deutsch und Englisch statt.

Hier erhalten Geflüchtete aus der Ukraine online Hilfe

Therapists for Ukraine sind Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen sowie psychologische Beraterinnen und Berater, die kostenlose Sitzungen per Videochat für Geflüchtete aus der Ukraine anbieten. Über das Portal können Menschen Beratungsangebote in zahlreichen Sprachen finden.

Auf der Plattform Medflex bieten Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeutinnen und Therapeuten kostenfreie Sprechstunden per Video und Chat an.

Die Internationale Psychosoziale Organisation (Ipso) ist eine humanitäre Organisation, die vertrauliche Beratung auf mehr als 20 Sprachen, darunter Ukrainisch und Russisch, per Videochat anbietet.

Über den Krisenchat und dessen Nummer +49 1573 599 31 26 finden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre auf Ukrainisch und Russisch Hilfe per WhatsApp oder SMS.

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen stellt auf seiner Website Hilfen für Betroffene, Angehörige und Helfende auf Ukrainisch, Russisch und Deutsch zusammen.

Zugang zu Psychotherapie ist für Geflüchtete oft erschwert

Dass Geflüchtete direkten und unkomplizierten Zugang zu Sprechstunden wie der in Halle haben, ist keine Selbstverständlichkeit. Gerade im ländlichen Raum sei es ein Problem, Menschen zu erreichen, sagt Oberarzt Brütting. Zwar hätten Therapeutinnen und Therapeuten in der Corona-Pandemie durchaus gute Erfahrungen mit Online-Angeboten gemacht, bei den Krankenkassen herrsche aber häufig Skepsis.

Für die Sprachmittlung bei Beratungen und Therapien stehen laut Brütting mindestens zehn Personen am Uniklinikum bereit, oder Therapeuten wie Semjon Sidanov sprechen selbst Russisch. Zudem biete das Psychosoziale Zentrum für Migrantinnen und Migranten in Sachsen-Anhalt Kontakt zu Personen, die übersetzen können. Bei Sprachen, die seltener gesprochen werden oder regionalen Dialekten, sei es aber schwieriger, Dolmetscher zu finden.

Eine weitere Herausforderung sei, die Behandlung von Patientinnen und Patienten abzurechnen, die nicht von der Krankenkasse, sondern dem Sozialamt unterstützt werden. Eine elektronische Gesundheitskarte würde Brütting zufolge den Prozess entbürokratisieren und die Möglichkeiten der Behandlung erweitern, da einige Leistungen auf Kooperationen mit den gesetzlichen Krankenkassen beruhen.

Ukrainische Geflüchtete sollen Krankenversicherung bekommen

Ab Juni werden die bürokratischen Prozesse rund um die Behandlung und Beratung von Geflüchteten aus der Ukraine einfacher. Die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten von Bund und Ländern haben am Donnerstag beschlossen, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer Grundsicherung erhalten können. Damit bekommen sie zudem eine Krankenversicherung, inklusive elektronischer Gesundheitskarte.

Bis dahin haben Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Deutschland vorübergehenden Schutz beantragt oder bereits einen Aufenthaltstitel haben, weiterhin Anspruch auf Versorgung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Damit ist eine Grundversorgung bei akuten Krankheiten, Verletzungen oder Schmerzen sowie für Schwangere gesichert. Für weitere Leistungen muss erst das zuständige Sozialamt oder die Ausländerbehörde einen Behandlungsschein ausstellen.

Der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt kritisiert die Versorgung über das Asylbewerberleistungsgesetz. Das erklärte eine Sprecherin auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Oft sei schwer zu beurteilen, was eine Notfallversorgung ist und auch, ob ein Behandlungsschein ausgestellt wird oder nicht, liege im Ermessen der Behörden. Der Flüchtlingsrat fordere daher unter anderem, dass Geflüchtete so schnell wie möglich elektronische Gesundheitskarten erhalten und über die Krankenkassen versorgt werden.

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MDR (Maren Wilczek)

1 Kommentar

hilflos vor 25 Wochen

Die Uniklinik in Halle muß offensichtlich nicht sparen wie andere Fakultäten

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Eine Collage aus verbrannten Bäumen und Weintrauben. 2 min
Bildrechte: MDR/dpa
2 min 30.09.2022 | 18:00 Uhr

Die drei wichtigsten Themen vom 30. September aus Sachsen-Anhalt erfahren Sie hier kurz und knapp in nur 1 Minute. Präsentiert von MDR-Redakteurin Olga Patlan.

MDR S-ANHALT Fr 30.09.2022 17:44Uhr 01:42 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-nachrichten-aktuell-dreissigster-september-100.html

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