Jugendkriminalität Die Angst vorm "Abgezocktwerden" in Halle

Seit Monaten gibt es in der Stadt Halle regelmäßig Berichte über Jugendkriminalität. Auffällig dabei: Während betroffene Jugendliche und Anwohner das Problem als dramatisch ansehen, kommen von der Polizei eher relativierende Aussagen. Ein MDR-Reporter war am Wochenende unterwegs an Orten und Plätzen, in denen es zuletzt immer wieder zu Gewalt und Polizeieinsätzen gekommen ist.

Peißnitzinsel Halle am Freitagabend: Polizei patroulliert durch dunklen Park
Bildrechte: MDR/Fabian Brenner

Auf der halleschen Peißnitzinsel feiern Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen ihren letzten Schultag. Fast alle sind im Motto-T-Shirt unterwegs. Die Jugendlichen hören Musik und es wird Alkohol getrunken. Unbeschwert genießen sie am letzten Freitag im April den freien Nachmittag, bevor schon in dieser Woche die Abschlussprüfungen anstehen.

Was aber immer irgendwie mitschwingt: ein ungutes Gefühl. Nicht unbedingt Angst, aber Gedanken um den sicheren Nachhauseweg am Abend. Gedanken daran, wer sich möglicherweise noch der Gruppe anschließt. Sobald es dunkel wird in der Stadt, spielen solche Gedanken eine noch größere Rolle. 

Erfahrungen mit Überfällen haben viele gemacht

Überfälle von Jugendlichen gab es an vielen Orten in der Stadt: am Landesmuseum, in Neustadt, am Steintor und selbst auf dem Markt. Auch die Peißnitzinsel in Halle, ein Naherholungsgebiet in der Stadt, war zuletzt immer mal wieder Tatort. Nachts ist der Ort so dunkel wie kaum ein anderer in der Stadt. Beleuchtung gibt es ausschließlich durch ein paar wenige Laternen. Ein 18-Jähriger aus dem halleschen Umland erzählt, dass er zum Austretengehen immer einen Freund mitnimmt, nie alleine geht.

Beispiele von Überfällen auf Jugendliche in Halle:

26.04.22 – Eine Gruppe Jugendlicher nimmt einem 13-jährigen Jungen auf einem Bolzplatz in Halle-Neustadt eine Gürteltasche ab. Der 13-Jährige folgt der Gruppe und verlangt seine Tasche zurück. Dabei wird der Junge durch die Täter verletzt und muss anschließend im Krankenhaus operiert werden.

17.04.22 – Am Sonntagnachmittag wird ein 13-jähriger Junge von fünf Jugendlichen angesprochen, umstellt und bedroht. Die Täter fordern Geld und bekommen dieses.

09.04.22 – Im Stadtteil Heide-Nord drohen fünf Jugendliche einem 18-Jährigen Gewalt an und stehlen dessen Smartphone.

13.03.22 – Am Sonntagnachmittag wird ein Jugendlicher von anderen Jugendlichen bedroht und aufgefordert, seine Kopfhörer abzugeben. Die Täter flüchten mit der Beute. Später werden zwei mutmaßliche Tatverdächtige im Alter von 17 Jahren ermittelt.

Zwei 16-jährige Jungs haben gerade eine neue Kiste Bier geholt. Die Wege bis zum nächsten Supermarkt in der Stadt sind lang. "Ich habe heute meine Bauchtasche nicht dabei. Die kostet 90 Euro – und die will ich nicht loswerden", sagt einer der beiden. Aus Angst vor einem Überfall lassen die Jugendlichen wertvolle Sachen lieber zu Hause.

Sportschuhe, Kopfhörer, Bargeld oder Smartphones im Visier

Sportschuhe, Kopfhörer, Bargeld oder Smartphones sind nach Polizeiangaben am begehrtesten. Doch um Geld oder Wertsachen scheint es nicht in erster Linie zu gehen, vermutet einer der Jugendlichen: "Die haben ja keine Geldprobleme, sondern die machen es, weil sie Spaß dran haben. Die zeigen damit einfach, dass sie machen können, was sie wollen und jeden abziehen können".

Treppe Pauluskirche halle: Treppenstufen im Dunkeln
Die Treppe zur Pauluskirche ist ein beliebter Treffpunkt bei Jugendlichen. Bildrechte: MDR/Fabian Brenner

Eine Mutter erzählt von einem Überfall auf ihren 14-jährigen Sohn. Der passierte Ende des vergangenen Jahres auf dem Marktplatz – tagsüber. Drei Jugendliche, ungefähr im gleichen Alter, drohten ihrem Sohn demnach körperliche Gewalt an. Sie verlangten Geld, das der Sohn ihnen gab. Dann verschwanden die Täter wieder. Die Mutter hat den Fall angezeigt. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, weil kein Täter ermittelt werden konnte.

"Angst und Sorgen habe ich nicht, wenn mein Sohn in der Stadt ist. Wir haben ausführlich über das Thema gesprochen, ihm Tipps und Hinweise gegeben, denn er soll keine Angst haben, sich in der Stadt und der Öffentlichkeit zu bewegen", sagt die Mutter einige Monate nach der Tat.

Jugendkriminalität wird zum politischen Thema

Der hallesche Stadtrat hat sich in der vergangenen Woche 19 Minuten mit dem Thema beschäftigt. Die Fraktion Hauptsache Halle/Freie Wähler forderte ein Sicherheitskonzept der Stadt. Ein entsprechender Antrag wurde in die Ausschüsse verwiesen – das Thema damit erst einmal vertagt.

Wir sprechen hier nicht von Einzelfällen, sondern reden mittlerweile von einer konsequenten Serie, die über Monate anhält.

Christoph Bernstiel, CDU-Stadtrat

Die Diskussion im Stadtrat drehte sich weniger um mögliche Lösungen als um Begrifflichkeiten. Es wurde darüber gestritten, ob die jugendlichen Täter nun als Banden zu bezeichnen sind oder nicht. Gibt es in Halle No-go-Areas oder nicht? Christoph Bernstiel meint: Ja.

Wenn zehn Leute zusammenkommen und auf Jugendliche losgehen und das immer wieder mit den gleichen Taktiken, mit Messern, mit Körperverletzungen und Schreckschusspistolen, dann ist es doch egal, wie wir das nennen. Und wenn ich an gewisse Orte nicht mehr hingehen kann, dann sind das für mich Hotspots der Kriminalität und dann sind das für mich No-go-Areas.

Christoph Bernstiel, CDU-Stadtrat

Ermittlungsgruppe der Polizei: Keine fest organisierten Banden

Die Polizei möchte sich nur schriftlich zu dem Thema äußern. "Die Tatorte erstrecken sich über das gesamte Stadtgebiet", heißt es. Als Reaktion auf die Überfälle hat sie eine spezielle Ermittlungsgruppe gebildet. 30 Beschuldigte im Alter zwischen 14 und 20 Jahren konnten bis jetzt ermittelt werden. Die Polizei spricht von einem losen Zusammenschluss immer wieder wechselnder Personengruppen. Von einer fest organisierten Gruppe oder einer bestimmten Personengruppe könne nicht gesprochen werden.

Keine Zahlen für das aktuelle Jahr

Bei der Frage, ob die Häufigkeit solcher Straftaten tatsächlich zugenommen hat oder nicht, bleiben Fragezeichen. Zahlen aus dem laufenden Jahr kann die Polizei nicht nennen. In der Kriminalitätsstatistik für das Jahr 2021 des Polizeireviers Halle werden 214 Raubstraftaten gezählt. Im Jahr davor waren es neun Fälle mehr. Trotz des Fehlens von Zahlen für das aktuelle Jahr beantwortet die Polizei eine MDR-Anfrage nach der Entwicklung der Zahlen so: "Derzeit ist eine rückläufige Tendenz an bekannt gewordenen relevanten Straftaten zu verzeichnen."

August-Bebel-Platz Halle: Belebter Platz mit Gastronomie im Dunkeln
Auch am August-Bebel-Platz trifft sich die Jugend. Bildrechte: MDR/Fabian Brenner

Zumindest dieser Freitagabend spricht für diese Tendenz. Am Abend und in der Nacht zum Samstag feierten nach Polizeiangaben bis zu 450 Menschen auf der Peißnitz in Halle den letzten Schultag. Drei tätliche Auseinandersetzungen mit fünf Geschädigten – das ist die Bilanz. Immerhin kein Raubüberfall. Ein 13-jähriger Junge wurde an dem Abend mit einer Spielzeugwaffe festgestellt. Da sie einer echten Waffe ähnelte, wurde sie sichergestellt und der Teenager seinen Eltern übergeben.

Mehr zum Thema: Kriminalität und Polizei

MDR (Fabian Brenner, Anne Gehn-Zeller)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. Mai 2022 | 15:30 Uhr

20 Kommentare

Eulenspiegel vor 20 Wochen

Hallo Tacitus
Ja da geht es auch unter vielem anderen um Messerstechereien. Und da werden auch einige Täter ermittelt. Aber längst nicht alle. Und es gibt auch fiele andere Straftaten.
Um ihre Vorurteile zu bestätigen langt das für sie voll und ganz.
Da halte ich mich doch besser an der Aussage der Polizei.
Übrigens Tätergruppen bilden sich nicht schön fein säuberlich ethnisch getrennt damit sie in ihren Vorurteilen passen.
"30 Beschuldigte im Alter zwischen 14 und 20 Jahren konnten bis jetzt ermittelt werden. Die Polizei spricht von einem losen Zusammenschluss immer wieder wechselnder Personengruppen. Von einer fest organisierten Gruppe oder einer bestimmten Personengruppe könne nicht gesprochen werden."

Eulenspiegel vor 20 Wochen

Hallo Gernot
Ich stelle fest die angeblich fehlenden Fakten können auch sie nicht nennen. Was nützt ihnen die Herkunft oder Identität der ermittelten Täter wenn sie die Herkunft oder Identität der nicht ermittelten Täter nicht kennen. Und das ist hier doch das eigentliche Problem. Viel zu viele Straftaten werden einfach nicht aufgeklärt.

Eulenspiegel vor 20 Wochen

Ja Guter Mensch
Die Tätergruppen sind ja wohl wild gemischt. Sie teilen sich nicht in Deutsche und nicht Deutsche ein. Somit läuft ihr latenter Rassismus ja wohl voll ins lehre.

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