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Burg GiebichensteinWie in Halle Kunst im Labor entsteht

von Luise Kotulla, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 03. Juli 2021, 18:02 Uhr

An der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle forschen Studierende im Labor. Seit etwa einem Jahr experimentieren sie mit Roboterarmen, Algen und Bakterien. Am Ende entsteht in drei verschiedenen Laboren zusammen mit Naturwissenschaftlern Kunst.

An der Burg Giebichenstein können die angehenden Künstler in drei Laboren forschen. Das BioLab (Bild) ist wie das Labor eines naturwissenschaftlichen Studiengangs ausgestattet und wird von einem Mikrobiologen geleitet. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Das XLab

Sophie Schüpbach steht an ihrem Laptop, neben ihr ein Roboter-Arm. Sie steuert ihn mit einigen Klicks an und dann vollführt der Arm kleine, immer gleichbleibende Bewegungen. Sophie lächelt hinter ihrer Maske, sie ist zufrieden. "Ich hatte einen Workshop mitgemacht mit den Robotern und habe sofort Feuer gefangen und hatte dann den Ehrgeiz zu sehen, wie ich Robotik in der Keramik benutzen kann", erzählt sie MDR SACHSEN-ANHALT. Denn die 28-Jährige studiert Keramik- und Glasdesign im Master an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Neben Designen und Töpfern kann sie mittlerweile immer besser Programmieren.

"Es braucht schon Übung und Erfahrung, bis man mit der Technik umgehen kann. Der Einstieg ist einfach, aber sobald man es doch auch anwenden will, wird es schnell komplex", sagt die Studentin. Mehr als 20 Objekte aus Gips stehen vor ihr, mit unterschiedlichen Strukturen und Formen. Sie sehen aus wie Vasen. Die Gipsobjekte sollen abgeformt, in Porzellan gegossen und tatsächlich als Vasen verkauft werden. Doch nicht Sophie Schüpbach hat sie in der Gipswerkstatt der Kunsthochschule auf der Drehscheibe hergestellt – das war der hellgraue Roboterarm.

Mensch und Maschine als Künstler

Im XLab der Burg Giebichenstein setzt sie ihr Projekt um, denn hier werden Künstliche Intelligenz und Robotik behandelt, vor allem in der Praxis. "Wir setzen uns unter anderem mit der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine auseinander", erklärt Architekt Simon Maris, der Mitarbeiter im XLab ist. Er durchdenkt mit Sophie auch, was es für das Entstehen von Kunst heißt, wenn eine Maschine nicht nur Werkzeug, sondern Co-Gestalter ist, und zudem nicht für ihren ursprünglichen Zweck verwendet wird. "Es gibt überall Möglichkeiten, die Sachen anders und neu zu kombinieren, als das bisher passiert ist", so Simon Maris. Genügend Technik zum Ausprobieren steht bereit, unter anderem ein riesiger 3D-Drucker.

Der Roboterarm kann, was ein Mensch nicht könnte

Ein und dasselbe Gipsobjekt, aber oben und unten unterschiedlich geformt. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Studentin Sophie Schüpbach will für ihre Masterarbeit wissen, was der kleine Roboterarm des Labors kann – ob er auf einer Drehscheibe, die man vom Töpfern kennt, asymmetrisch geformte Objekte herstellen kann. Einem Menschen ist das nur schwer möglich, eckige Formen sind ganz unmöglich. Der Roboter dagegen schafft es, wie die weißen Gipsobjekte, die Sophie Schüpbach auf einem Tisch aufgereiht hat, zeigen.

Erst schabt er die Form aus einem Gipsblock heraus, der sich immerfort dreht. Die Unterseite des Blocks ist nun viereckig, oben jedoch dreieckig mit einer zusätzlichen Rundung. Die Keramik- und Glasdesignstudentin erklärt: "Im nächsten Schritt sage ich ihm dann, hack so und so oft auf eine Ebene auf den Gips ein, geh ein Stück herunter und wiederhol das. Ich steure es und so wird die Oberfläche gestaltet." Das Gießen der Vasen aus Porzellan ist dann ihre nächste Herausforderung.

Vom XLab gibt es seit 1. Juli 2021 einen Podcast, der hier zu finden ist.

Hintergrund: Labore für die KunstAn der Kunsthochschule Burg Giebichenstein können die Studentinnen und Studenten seit dem Wintersemester 2020 in drei Laboren forschen. Im XLab, BioLab und SustainLab arbeiten jeweils zwei Wissenschaftler, vom Molekularbiologen über den Architekten bis hin zur Programmiererin. In den Laboren am Design-Campus Neuwerk in Halle sollen sich die Burg-Studierenden aktuellen Themen interdisziplinär widmen. Vorher wurden die Themen der Labs an der Hochschule auch schon behandelt, aber nun gibt es Räume, wo die Studierenden professionell betreut arbeiten können. Für zweieinhalb Jahre geben EU und Land dafür Fördergelder in Höhe von 1,25 Millionen Euro.

Das BioLab

Wer das BioLab betritt, vergisst, dass er an einer Kunsthochschule ist – Petrischalen, weiße Kittel und modernes Equipment sind zu sehen. Molekularbiologe Dr. Falko Matthes steht mit zwei Industriedesign-Studenten im Raum. Sie arbeiten seit Monaten hier im Labor, im Rahmen einer "Residency". In jedem der drei Burg-Labs gibt es solche "Residencies", bei denen ausgewählte Studierende umfangreiche Projekte ein Semester lang bearbeiten. Sie müssen sich dafür mit Motivationsschreiben, einer Auswahl ihrer Arbeiten und ersten Ideen bewerben.

Molekularbiologe Falko Matthes (links) ist neu an der Kunsthochschule und leitet das Labor. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Molekularbiologe Falko Matthes arbeitet mit den Kunst-Studierenden unter anderem mit selbstleuchtenden Bakterien, die später in Materialien wie Stoff eingebettet werden könnten, um ihn so zum Leuchten zu bringen. "Es stellt aber eine Herausforderung dar, das Bakterium zum Leuchten zu bekommen. Im Labor ist es schwierig, seine natürliche Umwelt zu imitieren", so Matthes. In einer braunen Nährlösung im Labor wachsen die Bakterien durch Zellteilung heran, zwei Liter trüb-bräunliche Flüssigkeit. So viel wissen die Studierenden jetzt: Nach einigen Tagen in einer stehenden Nährlösung ist die Leuchtkraft höher als sonst. "Das ist wichtig, weil nach der Einbettung in ein Material die Leuchtstärke so stark sein muss, dass wir sie messen oder fotografieren können", so der Molekularbiologe.

Steriles Labor neben Holz- und Metallwerkstatt

Auch mit Algen experimentieren einige Kunst-Studierenden hier, am Ende wollen sie Farbstoffe gewinnen, mit denen sie Textilien färben können. Eine Studentin stellt gerade Garn aus Alginat her, das sehr biegsam ist und zu Stoff gewebt werden soll.

Wir finden es wahnsinnig spannend, weil ein Labor im Kontext einer Kunsthochschule nicht die klassische Werkstatt darstellt wie Metallwerkstatt oder Holzwerkstatt.

Andi Wagner | BioLab

In der angrenzenden Werkstatt wird geschweißt, im BioLab sagt Lab-Mitarbeiter Andi Wagner: "Wir finden es wahnsinnig spannend, weil ein Labor im Kontext einer Kunsthochschule nicht die klassische Werkstatt darstellt wie Metallwerkstatt oder Holzwerkstatt. Das bringt viele neue Möglichkeiten".

Das SustainLab

Ina Turinsky mit einem Stück Braunkohle im Nachhaltigkeits-Labor. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

"Das Jahresthema, das wir uns gewählt haben, ist der Boden und wir haben die Frage formuliert, wie viel Boden eigentlich in unserem Alltag steckt", sagt Designerin Ina Turinsky, die wie alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der drei Labs extra für das zweieinhalbjährige Lab-Projekt angestellt wurde. In einer großen Materialsammlung gibt es bei ihr im SustainLab fast alles – glänzendes Metall, Kunststoffe in allen Formen, weiche Felle, sogar handgroße Braunkohlestücke. "Wie sieht Energie in materieller Form aus" – auch das sollen die Kunststudierenden begreifen können.

In all den Materialien steckt laut Ina Turinsky, die begeistert von ihrem Labor ist, der Bezug zum Boden. "Entweder gewinnen wir die Materialien für unseren Alltag aus dem Boden oder die Materialien brauchen den Boden zum Wachstum." Bei ihr und ihren Kollegen sollen die Studierenden ein Verständnis für die verschiedensten Materialien bekommen, außerdem für Materialkreisläufe und das Wiederverwenden von Rohstoffen.

Kunst mit Material aus Bergbau-Halden

Selbst mit "Abfall" beschäftigt sich ein Student. Er hat von der Halde in Teutschenthal Haldenmaterial zur Burg gebracht und untersucht, welche Geschichte es hat und welche Zukunft es haben kann. Er nimmt die Kristalle und Salzkrusten, die weiß-grau bis grau schimmern und wie grober, verharschter Schnee aussehen – und formt aus dem sogenannten Restsalz Gefäße. Das Semester neigt sich dem Ende zu und damit auch sein Projekt und das der anderen Studierenden, die ausschließlich mit Materialien aus dem Boden gearbeitet haben.

Die Materialsammlung soll eigentlich für alle etwa 1.000 Studierenden an der Burg offen sein, doch durch Corona können sie das SustsainLab nur mit Termin nutzen. Auch den Aufbau der Labs seit April 2020 haben die Corona-Maßnahmen verändert, wie die Koordinatorin der drei Labs, Patricia Blume, sagt. "Corona hat die Prozesse träger gemacht, wir waren alle neu und durften erst mal nicht an die Burg, konnten uns nur in Videokonferenzen kennenlernen." Mittlerweile sind sie aber im Alltag angekommen, seit knapp einem Jahr arbeiten nun auch Studenten in den Laboren. Dass es so naturwissenschaftlich klingt, sei Absicht. "Es ist gerade auch das Ziel, dass wir die Naturwissenschaften an den Campus bringen, wo die Kompetenz eigentlich im gestalterischen und künstlerischen Bereich liegt", so die Koordinatorin. Biologen und Programmiererinnen sollen ihr Wissen weitergeben, damit es die Burg-Studierenden dann in der Kunst anwenden können.

Bildrechte: Alexander Kühne

Über die AutorinLuise Kotulla arbeitet seit 2016 als freie Mitarbeiterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Schwerpunkte der gebürtigen Hallenserin sind Themen aus dem Süden Sachsen-Anhalts, rund um engagierte Menschen und Probleme vor Ort. Außerdem ist sie für MDR um 4 als Fernsehredakteur unterwegs. Bevor sie zum MDR kam, hat sie beim Stadtfernsehen TV Halle gearbeitet. Sie studierte Geschichte, Medienwissenschaft und Online-Journalismus in Halle und Großbritannien. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt liegen in und um Halle, im Burgenlandkreis und im Harz.

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MDR/Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT I Studio Halle | 03. Juli 2021 | 07:30 Uhr

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