Einzigartiges Training in Halle Ärztliche Leichenschau im virtuellen Raum

Die Martin-Luther-Universität Halle schult angehende Mediziner in ärztlichen Leichenschauen im virtuellen Raum. Das ist einzigartig in Deutschland und soll helfen, die Zahl der Diagnosefehler in der Praxis zu verringern. Derzeit bleiben rund 10.000 nicht natürliche Todesfälle pro Jahr in Deutschland unerkannt.

virtuelle Leichenschau
Die ärztliche Leichenschau kann mit Hilfe eines virtuellen Werkzeugkastens simuliert werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Totgeglaubte bewegt sich in ihrem Leichensack!", "Notarzt übersieht Würgemale!". Immer wieder sorgen Schlagzeilen wie diese für Diskussionen über die Qualität der ärztlichen Leichenschau. Jeder Arzt in Deutschland muss in der Lage sein, die genaue Todesursache bei einem Verstorbenen festzustellen. Doch dabei kommt es immer wieder zu eklatanten Fehlleistungen.

"Im Bestattungsgesetz steht, dass sozusagen der nächste Arzt, der irgendwie verfügbar ist, gerufen werden kann, um eine Leichenschau durchzuführen. Und dann kann es natürlich passieren, dass da eine Kollegin oder ein Kollege gerufen wird, der das lange Zeit nicht gemacht hat und dann entsprechend unsicher ist", sagt Professor Dr. Rüdiger Lessig, Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts an der Martin-Luther-Universität Halle.

Die Folge: Rund 10.000 nicht natürliche Todesfälle, einschließlich Suizide und ärztliche Kunstfehler, bleiben pro Jahr in Deutschland unerkannt. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher. "Wir sagen immer: So im Schnitt 50 Prozent der ausgestellten Totenscheine sind fehlerhaft", so Professor Dr. Lessig.

Professor Dr. Rüdiger Lessig
Professor Dr. Rüdiger Lessig ist Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts an der Martin-Luther-Universität Halle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Mindestens 50 Prozent der Totenscheine in Deutschland sind fehlerhaft!"

Meist sind es nur formale Fehler auf dem Totenschein: ein falsches Datum, ein fehlender Stempel. "Doch im schlimmsten Fall werden auch immer wieder Tötungsdelikte übersehen", sagt Professor Dr. Lessig. Von mindestens 1.200 unerkannten Tötungsdelikten pro Jahr gehen in Deutschland führende Rechtsmediziner aus. Deshalb werden von der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin schon lange regelmäßige Weiterbildungen und eine bessere Ausbildung für Medizinerinnen und Mediziner bei der ärztlichen Leichenschau gefordert.

Vier Stunden Vorlesung und drei Stunden Praktika im Krematorium sind für angehende Ärztinnen und Ärzte an den deutschen Universitäten im Fach Thanatologie vorgesehen, das ist die Wissenschaft vom Tod, vom Sterben und der Bestattung. Danach müssen die Medizinerinnen und Mediziner – gleich welcher Fachrichtung – in der Lage sein, einen Totenschein fehlerfrei auszustellen und die erste und zweite Leichenschau vorzunehmen, die vor jeder Feuerbestattung in Deutschland obligatorisch ist.

Im schlimmsten Fall werden auch immer wieder Tötungsdelikte übersehen.

Professor Dr. Lessig, Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts an der Martin-Luther-Universität Halle

Rechtsmediziner fordern bessere Ausbildung bei der ärztlichen Leichenschau

In der Martin-Luther-Universität Halle kommt jetzt ein Training dazu, das bisher einzigartig in Deutschland ist: die virtuelle Leichenschau. "Der Vorteil besteht darin, dass man mit den Studierenden an Fällen trainieren kann, die zwar gestellt sind, aber aus der Realität kommen und die ich sonst nicht zur Verfügung habe. Man könnte zum Beispiel ein Tötungsdelikt inszenieren. In der Realität kann ich aber keine Studierenden an einem Opfer eines Tötungsdelikts üben lassen. Das geht einfach nicht. Das kann ich hier aber machen", so Professor Dr. Rüdiger Lessig.

Lisa-Maria Peter, Medizinstudentin im zehnten Semester, begibt sich zum Beispiel optisch mit Hilfe einer 3-D-Brille in eine virtuelle Wohnung. In der Küche findet sie einen Toten. Nun soll sie die genaue Todesursache feststellen. Was im ärztlichen Berufsalltag oft unter starkem emotionalem und zeitlichem Stress geschieht, kann die Medizinstudentin in Halle erst einmal ganz in Ruhe am Computer üben.

virtuelle Leichenschau, Studierende und Professor
Medizinstudentinnen und -studenten der Uni Halle üben unter Anleitung von Professor Dr. Rüdiger Lessig die virtuelle Leichenschau im Dorothea-Erxleben-Lernzentrum Halle.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Perfekte Kombination: Die Leichenschau virtuell und im Krematorium

Ähnlich wie bei einem Computerspiel steht Lisa-Maria Peter dabei ein virtueller Werkzeugkasten zur Verfügung, mit dem sie die ärztliche Leichenschau durchführen kann. Eine virtuelle Schere, mit dem sie den Toten entkleidet und eine Lupen-Funktion, mit dem sie den Toten auf auffällige Flecken und Male untersuchen kann; dazu ein Thermometer, um die Körper-Kerntemperatur und damit den Todeszeitpunkt festzustellen und eine Pinzette, um zum Beispiel die Augen auf mögliche Einblutungen zu untersuchen.

"Einblutungen in den Augen können sich finden, wenn jemand erwürgt worden ist", sagt Lisa-Maria Peter, die die virtuelle Leichenschau als Ergänzung zum Training an der echten Leiche im Krematorium für außerordentlich sinnvoll hält. Darin ist sie sich mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen in Halle einig.

Lisa-Maria Peter
Lisa-Maria Peter studiert im zehnten Semester Medizin und will sich später auf Rechtsmedizin spezialisieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jenny Kinzig ist ebenfalls Medizinstudentin im zehnten Semester und erklärt: "Natürlich ersetzt das virtuelle Training nicht die ärztliche Leichenschau an der echten Leiche, weil man taktile Wahrnehmungen wie die Totenstarre oder olfaktorische Eindrücke wie den Leichengeruch nicht adäquat simulieren kann. Aber die virtuelle Leichenschau ist eine tolle Ergänzung, weil wir an Fällen üben können, die wir sonst in der Ausbildung nicht zu sehen bekommen".

Bilanz nach einjähriger Anwendungszeit: durchweg positiv! "Die reale Leichenschau im Krematorium, kombiniert mit einer virtuellen Leichenschau in unserem Lern-Zentrum, ist eine ideale Kombination, um die Ausbildung zu verbessern", sagt Professor Dr. Rüdiger Lessig.

Leichenschau
Perfekte Kombination: Die virtuelle Leichenschau mit der Leichenschau im Krematorium führt zu einer wesentlichen Verbesserung der ärztlichen Ausbildung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bilanz durchweg positiv

Erfinder der virtuellen Leichenschau ist übrigens Matthias Junghänel. Der 29-Jährige hat in Halle Multimedia und Virtual Reality studiert und kreiert jetzt als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die virtuellen Leichenschauen ganz unterschiedliche Szenarien: "Ich bekomme von der Rechtsmedizin reale Fälle, echte Fotos und alle Informationen, die ich benötige, um damit virtuelle Fälle wie natürliche Tode oder unnatürliche Tode wie Suizide, ärztliche Kunstfehler oder eben Tötungsdelikte zu erstellen".    

Matthias Junghänel
Matthias Junghänel ist der Erfinder der virtuellen Leichenschau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Noch ist nicht ganz klar, ob das einzigartige Virtual-Reality in Serie gehen wird, damit es auch anderen Universitäten zur Verfügung steht. Klar ist aber schon jetzt: Es würde die Ausbildung der Medizinstudentinnen und -Studenten wesentlich verbessern!

Quelle: MDR Kripo Live

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Kripo Live | 01. August 2021 | 19:50 Uhr

Mehr aus dem Raum Halle und Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt