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In den Apotheken in Sachsen-Anhalt fehlen weiterhin viele Medikamente, darunter Antibiotika, Herz-Kreislauf- und Krebsmedikamente. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO/Eibner Europa | IMAGO/Eibner-Pressefoto/EXPA/Obe

Liefer-EngpässeApotheker befürchten, dass Medikamente noch knapper werden

30. Mai 2023, 17:00 Uhr

Den Apotheken in Sachsen-Anhalt fehlen weiterhin wichtige Medikamente. Bei Mitteln gegen Erkältung, die zuletzt knapp waren, hat sich die Lage entspannt. Kommt es zu einer neuen Krankheitswelle, könnte aber erneut ein Mangel entstehen. Probleme gibt es dagegen jetzt schon bei Penicillin – und damit bei verschiedenen Antibiotika. Ein neues Gesetz soll künftig verhindern, dass Medikamente durch Liefer-Engpässe knapp werden.

Den Apotheken in Sachsen-Anhalt fehlen weiterhin wichtige Medikamente. Laut Landesapothekerverband sind Liefer-Engpässe ein wachsendes Problem. Betroffen seien nicht nur selten benötigte Arzneimittel, sondern auch häufig verordnete Standard-Medikamente. Zudem gebe es nicht immer gleichwertige Alternativen von anderen Herstellern für fehlende Medikamente.

Fieber- und Schmerz-Säfte sind wieder zu bekommen

Entspannung gibt es mittlerweile bei apothekenpflichtigen Mitteln, die zuletzt knapp waren. Wer die Niemeyer Apotheke in Halle betritt, der kann momentan im Verkaufsraum volle Regale bei den frei verkäuflichen Mitteln gegen Erkältung sehen. Im Winter hingegen waren in den Sicht-Wänden große Lücken zu entdecken. Dort fehlten selbst die Mittel gegen Husten und Schnupfen, sagt Apothekerin Ursula Gütle, die Mitglied im Vorstand des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt ist.

Die Apothekerin Ursula Gütle hofft, dass es nächsten Winter keine Engpässe geben wird. Bildrechte: Andreas Manke/MDR

Fieber- und Schmerz-Säfte, die im vergangenen Herbst und Winter oft nicht lieferbar waren, seien heute wieder verfügbar. Allerdings gebe es auch weniger Bedarf für diese Medikamente, weil die Krankheitswelle bei Erkältungskrankheiten momentan vorüber sei. Zum Glück würde alles nach und nach nachproduziert, in der Hoffnung, dass die Medikamente im kommenden Winter nicht erneut knapp werden. Die Situation sei wirklich krass gewesen, so die Apotheken-Chefin. Nun hoffe sie, dass nicht durch eine neue Krankheitswelle wieder Lieferschwierigkeiten entstehen, denn stabil sei die Lieferkette nach wie vor nicht.

Antibiotika fehlen: Penicillin schon seit Herbst nicht mehr lieferbar

Aktuell gibt es allerdings weiterhin kein Penicillin, sagt Gütle, weder als Saft noch als Tabletten. Die letzte Packung habe sie am 31. Dezember 2022 im Notdienst herausgegeben. Zwar könne man auf andere Antibiotika wie zum Beispiel Cephalosporine ausweichen, aber die gäbe es zumeist nur in Tablettenform. Gerade für Kinder seien diese schwierig einzunehmen.

Eigentlich gebe es zahlreiche Substanzen, aber momentan müsse man sich auf zwei-drei lieferbare Antibiotika festlegen, erklärt Gütle. "Mittlerweile rufen die Ärzte im Notdienst an und fragen, welche Antibiotika überhaupt zur Auswahl stehen", sagt sie – und dann hoffe man, dass die Krankheit darauf passe.

Mittlerweile rufen die Ärzte im Notdienst in der Apotheke an und fragen, welche Antibiotika überhaupt zur Auswahl stehen. Und dann hofft man, dass die Krankheit darauf passt.

Neben den Antibiotika sind laut Gütle auch Herz-Kreislauf-Medikamente, Antidiabetika und Arzneimittel für die Krebstherapie derzeit von Liefer-Engpässen betroffen.

Apotheken können Medikamente herstellen – doch nicht in jedem Fall

Im Falle der Penicilline sind der Apothekerin Gütle zufolge schon die Grundsubstanzen nicht verfügbar, sodass die Herstellung von Säften gar nicht möglich ist. Selbst wenn der Wirkstoff zur Herstellung anderer Medikamente bestellbar sei, fehle in den Apotheken das Personal, dass eigene Arzneimittel in größerem Stil herstellen könne. In Apotheken beschränke sich die Medikamenten-Herstellung auf individuelle Wirkstoff-Dosierungen für Patienten. Zudem seien die Produktionskosten um ein Vielfaches höher als in der industriellen Produktion.  

In Zukunft soll ein Gesetz Medikamentenmangel vorbeugen

Mit einem neuen Entwurf eines "Gesetzes zur Bekämpfung von Lieferengpässen bei patentfreien Arzneimitteln und zur Verbesserung der Versorgung mit Kinderarzneimitteln" (ALBVVG) soll die Versorgung mit Medikamenten künftig gesichert werden. Der im April vom Bundeskabinett beschlossene Entwurf soll unter anderem den Kostendruck bei der Produktion verringern und sie so zurück in die EU holen.

Die Allgemeine Ortskrankenkasse AOK begrüße grundsätzlich die Bemühungen des Gesetzgebers, das Problem der Lieferengpässe bekämpfen zu wollen, sagt AOK-Sprecherin Anna-Kristina Mahler. Allerdings sei ein zu hoher ökonomischer Druck im deutschen Arzneimittelmarkt nicht die Ursache für Lieferengpässe.

AOK setzt auf Lagerung und Reserven von Medikamenten

Dass künftig ganze Arzneimittel-Gruppen von Rabattverträgen und Festbeträgen freigestellt werden und die Preis-Obergrenzen um bis zu 50 Prozent angehoben werden sollen, sei aus AOK-Sicht nicht geeignet, die Liefer-Engpässe von Medikamenten zu verhindern. Stattdessen würden diese Maßnahmen die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherungen erheblich steigern, ohne eine Verbesserung der Versorgung mit Arzneimitteln zu erreichen.

Hingegen sei die gesetzliche Verankerung der verpflichtenden Lagerhaltung bei Rabattverträgen positiv hervorzuheben. Dies würde von der AOK-Gemeinschaft schon länger erfolgreich praktiziert. Die geplante Drei-Monats-Reserve als Rücklage durch die Pharmaunternehmen hätte sich bei den AOK-Rabattverträgen als wirksame Maßnahme zur Versorgungssicherung bewährt, so die Sprecherin.

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MDR (Andreas Manke, Maren Wilczek)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. Mai 2023 | 10:00 Uhr

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