Nahaufnahme Linke will Ausbau des Flughafens Leipzig-Halle verhindern

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Der Flughafen Leipzig-Halle will wachsen. Er hat mehr Stellflächen beantragt, mehr Rollwege und am Ende soll es natürlich auch mehr Flüge geben – vor allem nachts. Die Linke in Sachsen-Anhalt fordert nun einen Ausbaustopp und zieht mit der Forderung nach einem Nachtflugverbot in den Wahlkampf. Aber ist das realistisch? Was sagen jene, die vom Flughafen leben? In unserer Reihe "Nahaufnahme" trifft die Linke-Landtagskandidatin Kerstin Eisenreich auf einen Logistik-Unternehmer.

Linken-Politikerin Kerstin Eisenreich
Linke-Landtagskandidatin Kerstin Eisenreich will den Ausbau des Flughafens Leipzig-Halle stoppen. Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

In der fünfteiligen Reihe "Nahaufnahme" beschäftigt sich die Redaktion jeden Dienstag mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Vertreter aller fünf Landtagsparteien diskutieren jeweils mit Leuten aus der gesellschaftlichen Praxis über ein strittiges Thema an einem dazu passenden Ort.

Klaus-Dieter Bugiel mag es schnell und elegant. Der Unternehmer trägt ein weißes Hemd, am Kragen eine Stickerei mit Firmennamen: Fox Courier. Bugiel organisiert Expresslieferungen weltweit und seine Firma sitzt da, wo man zügig hin und wieder weg kommt: am Flughafen Leipzig-Halle mit dem großen Umschlagplatz, dem Hub, von DHL: "So ein Hub ist natürlich logistisch gesehen einfach eine fantastische Leistung."

Kerstin Eisenreich kennt den Flughafen ebenfalls gut. Die Linke-Landtagskandidatin wohnt nebenan in Großkugel, in einem kleinen Häuschen, das genau zwischen beiden Start- und Landebahnen liegt. "Das heißt also, wir haben von allen Seiten genug Fluglärm. Es ist schon enorm, welcher Dauerbelastung man hier als Anwohnerin ausgesetzt ist."

Streit um die Nachtflüge

Die Politikerin und der Unternehmer – ein Ort, zwei Welten. Beide stehen am Flughafenzaun und diskutieren. Eisenreich will Nachtflüge verbieten, da sie Hunderttausenden den Schlaf raubten. Und die Jobs bei DHL seien doch auch nicht gesund, "selbst wenn diese gut bezahlt wären oder sind." Sie erlebe die Leute im Zug, die 21 Uhr losführen, um zum Flughafen zu kommen und erst früh um 6 oder um 7 Uhr, wenn sie wieder auspendle, nach Hause kämen. "Was soll sich da für ein Familienleben, für ein Freizeitleben entwickeln? Das ist doch keine Lebensqualität."

Logistik-Unternehmer Klaus-Dieter Bugiel
Logistik-Unternehmer Klaus-Dieter Bugiel ist für einen Ausbau des Flughafens Leipzig-Halle. Bildrechte: MDR/Ralf Geißler

DHL selbst wollte darüber mit der Politikerin auf MDR-Anfrage nicht diskutieren. Auch der Flughafen war nicht zu einem Gespräch bereit. Klaus-Dieter Bugiel kann nur zu seinen eigenen Beschäftigten etwas sagen. Diese seien trotz Nachtarbeit schon lange bei ihm, erzählt er: "Da wir weltweit unterwegs sind, brauchen wir natürlich jede Arbeitszeit und das ist 0 bis 24 Uhr." Das sei einfach nötig, um schnell agieren und weltweit die Leute versorgen zu können. "Das ist unsere Hauptaufgabe, die Leute glücklich zu machen, damit die gut leben können."

Die gesamte Logistikbranche sorge dafür, dass Läden voll sind und Maschinen laufen, sagt Bugiel. Dafür brauche es auch Nachtflüge. Dass Leipzig sich zum Frachtdrehkreuz entwickelt hat, freut ihn. Das habe viele Firmen angelockt und für Wohlstand gesorgt. Bugiel hat nichts gegen eine Flughafenerweiterung. Er wohnt allerdings auch nicht dort. "Mit jeder Erweiterung und mit jeder Weiterentwicklung hat man natürlich die Chance, sich selber mit weiterzuentwickeln und neue Geschäfte mit anzubahnen oder auch die Region anders mit zu versorgen." Denn alles, was hier ringsum entstehe, sei natürlich auch mit einem Wirtschaftswachstum verbunden.

Nach vorn denken oder innehalten?

Der Unternehmer sieht die Chancen, Eisenreich den vielen Beton: "Hier wird alles zugepflastert. Und wissen Sie, was nicht passiert? Wir haben Strukturwandel hier, wir haben wunderschöne Seen, die hier entstanden sind." Man könne jedoch keinen sanften Tourismus entwickeln. "Denn wer will hier schon übernachten, wenn nachts die Flieger hier durchdonnern?"

Die Politikerin kritisiert zudem, dass der Flughafen Steuergelder verschlinge. Der Betrieb werde jährlich mit Millionen subventioniert. Eisenreich will einen Systemwandel – nicht nur weniger Lärm, sondern auch eine Entschleunigung der Gesellschaft, was ein Nachtflugverbot ja mit sich brächte. Bugiel versteht das nicht: "Warum soll denn alles verlangsamt werden? Das ist mir einfach noch nicht klar."

Die Welt sei nun mal schnelllebig und man habe die Möglichkeit, sie mit neuen Technologien weiterzuentwickeln. "Die Geschwindigkeit überall rauszunehmen, empfinde ich als schlechtes Signal." Man könne mit Tempo ja auch nachhaltige Dinge wie Wasserstoffantriebe, Elektroautos oder Lärmschutz entwickeln, findet Bugiel. Er argumentiert fürs Nach-Vorne-Denken, Eisenreich fürs Innehalten. Ein gemeinsames Tempo haben sie erst einmal nicht gefunden.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. April 2021 | 08:54 Uhr

50 Kommentare

Realist62 vor 31 Wochen

Für mich ist auch die Argumentation dieser LINKEn-Frau eigentümlich. Eigentlich sollte die Dame nach Alternativen suchen, um die Arbeitsplätze dort zu retten. Auch ohne Fluglärm.
Es gibt Alternativen. Das findet auch der Unternehmer: +Die Welt sei nun mal schnelllebig und man habe die Möglichkeit, sie mit neuen Technologien weiterzuentwickeln. "Die Geschwindigkeit überall rauszunehmen, empfinde ich als schlechtes Signal." Man könne mit Tempo ja auch nachhaltige Dinge wie Wasserstoffantriebe, Elektroautos oder Lärmschutz entwickeln, findet Bugiel. Er argumentiert fürs Nach-Vorne-Denken+ Und dazu gehören auch FRACHTLUFTSCHIFFE. Und die sollten der Frau Eisenreich und den anderen Lärmgegnern gefallen.

Realist62 vor 31 Wochen

Für mich ist auch die Argumentation dieser LINKEn-Frau eigentümlich. Eigentlich sollte die Dame nach Alternativen suchen, um die Arbeitsplätze dort zu retten. Auch ohne Fluglärm.
Es gibt Alternativen. Das findet auch der Unternehmer: +Die Welt sei nun mal schnelllebig und man habe die Möglichkeit, sie mit neuen Technologien weiterzuentwickeln. "Die Geschwindigkeit überall rauszunehmen, empfinde ich als schlechtes Signal." Man könne mit Tempo ja auch nachhaltige Dinge wie Wasserstoffantriebe, Elektroautos oder Lärmschutz entwickeln, findet Bugiel. Er argumentiert fürs Nach-Vorne-Denken+ Und dazu gehören auch FRACHTLUFTSCHIFFE. Und die sollten der Frau Eisenreich und den anderen Lärmgegnern gefallen.

AlexLeipzig vor 31 Wochen

Harka2, ehrlich. Meinen Sie, ich denke mir das aus? Warum sollte ich das? Wenn es so leise wäre wie Sie sagen, würde ich mich wohl kaum drüber aufregen. Davon abgesehen breitet sich Schall bei Flugzeugen in niedriger Höhe, also unmittelbar nach dem Start, ja auch wie eine "Gießkanne" über die gesamte Region aus und wird entsprechend der Windrichtung verstärkt wahrnehmbar. Die Autos auf der Autobahn bewegen sich ja nicht 500m über der Stadt! Ich nehme an, daß Sie wissen, worum es geht, Ihre Argumentation erscheint mir daher - mit Verlaub - etwas scheinheilig.

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