Porträt Barbara Thériault Was die neue Stadtschreiberin von Halle mit der Ukraine zu tun hat

Halle bekommt eine neue Stadtschreiberin. Die kanadische Soziologie-Professorin Barbara Thériault wird ein halbes Jahr in Halle leben und stadtbezogene Texte schreiben. Ein solches Amt übernimmt sie aber nicht zum ersten Mal: 2018 war sie Stadtschreiberin von Lwiw in der Westukraine.

Eine Frau im Seitenporträt
Barbara Thériault: Professorin, Friseurin – und jetzt auch Stadtschreiberin von Halle Bildrechte: Noa Beschorner

Ungewöhnlich, abenteuerlustig und charmant: Barbara Thériault ist eine interessante Frau. Die Soziologie-Professorin hat vor zwei Jahren eine Friseurausbildung angefangen, spricht mehrere Sprachen und ist als Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin tätig. Die gebürtige Kanadierin lebt und arbeitet in Montréal, ist aber auch öfter in Erfurt unterwegs. Dort ist sie als Wissenschaftlerin an der Universität tätig, als sogenannter assozierter Fellow des Max-Weber-Kollegs, und hat ein WG-Zimmer, das sie immer nutzt, wenn sie in der Stadt zu tun hat.

Erste offizielle Studentin der Uni in Erfurt

Eine Frau im Seitenporträt
Barbara Thériault in ihrer Heimatstadt Montréal Bildrechte: Noa Beschorner

1998 kam Barbara Thériault für ihre Doktorarbeit nach Deutschland, weil sie sich mit Kirchen in Ostdeutschland nach der Wende befasste. Anlass dafür war eine Ausschreibung des Max-Weber Kollegs der Universität Erfurt. Sie bekam den Platz und wurde damit zur ersten offiziellen Studentin der wiedergegründeten Universität.

Seitdem war Barbara Thériault immer wieder in Deutschland, vor allem in Erfurt, aber auch in Leipzig und Berlin. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat sie nicht. Ihr Lebensmittelpunkt ist und bleibt das kanadische Montréal. Auch ihre erwachsene Tochter lebt dort.


Soziologie nicht nur für ein Fachpublikum

Barbara Thériault beschreibt sich selbst als "eine Soziologin, die sich für das Schreiben interessiert". Es sei ihr wichtig, dass soziologische Texte nicht langweilig oder nur für ein Fachpublikum geschrieben würden. Sie sollten interessant und für alle zugänglich sein. Deshalb hat Barbara Thériault angefangen, "soziologisches Feuilleton" zu schreiben. Sie habe versucht, das Feuilleton der 1920er- und 1930er-Jahre, das damals in Zeitungen erschien, für heutige Zwecke wiederzubeleben. In Deutschland prägte Sigfried Kracauer diese Art des Schreibens. Für ihn war ein Feuilleton ein Text, der sich mit dem Zeitgeist auseinandersetzte und die Leser zum Nachdenken anregen sollte.

Texte zwischen Soziologie, Literatur und Reportage

Ihre Werke würden sich zwischen Soziologie, Literatur und Reportagen bewegen, erklärt Barbara Thériault. In Erfurt hat sie eine kleine Reihe von Texten über die Stadt geschrieben, die in einer lokalen Zeitung erschienen. Daraus entstand 2020 das Buch "Die Bodenständigen – Erkundungen aus der nüchternen Mitte der Gesellschaft". Es wurde als "Deutschlands schönstes Regionalbuch 2020" ausgezeichnet.

Für vier Monate Stadtschreiberin von Lwiw

Mit einer ähnlichen Projektidee hat sie sich auch für die Stadtschreiber-Stelle in Lwiw, im Westen der Ukraine, beworben. Die Stadt liegt an der polnischen Grenze und ist auch unter dem Namen Lemberg bekannt. Barbara Thériault bekam das Stipendium und war 2018 vier Monate lang Stadtschreiberin von Lwiw. Dass sie sich überhaupt beworben hat, sei purer Zufall gewesen, sagt sie. Sie habe über einen Mail-Verteiler eine Werbung zur Ausschreibung entdeckt und sich spontan dafür gemeldet.

Das Amt des Stadtschreibers ist ein Stipendium für Schriftsteller, die damit für eine begrenzte Zeit ungestört und abgesichert arbeiten können. Einzige Bedingung ist, dass es in den Texten um die Stadt geht, die das Stipendium vergeben hat. Mittlerweile bieten immer mehr Städte dieses Amt an. In Halle gibt es bereits seit 1991 jedes Jahr einen Stadtschreiber, in Magdeburg seit 2013.

Die Geschichte der Stadtschreiber

Der Beruf des Stadtschreibers stammt ursprünglich aus dem Mittelalter, war aber auch noch in der Frühen Neuzeit verbreitet. Er war ein hochrangiger Beamter der Stadtverwaltung, der unter anderem für den Schriftverkehr und das Stadtbuch zuständig war. Ihm kam aber auch eine beratende Funktion innerhalb der Stadtpolitik zu. 1974 führte die Gemeinde Bergen-Enkheim, die heute zu Frankfurt am Main gehört, den Stadtschreiber als erster Ort in Deutschland wieder ein. Die Idee stammte von Franz-Josef Schneider, einem Mitglied der "Gruppe 47". Allerdings handelt es sich nunmehr um ein symbolisches Amt. Es soll Autorinnen und Autoren eine sichere Arbeitsatmosphäre bieten und Literaturschaffende fördern. Heutzutage gibt es das Stadtschreiber-Stipendium weit über Deutschlands Grenzen hinaus.

Lwiw und Erfurt: Ganz anders, doch mit Gemeinsamkeiten

Mehrere Menschen stehen auf der Straße
Barbara Thériault (r.) erkundet in Lwiw mit Freunden die Stadt. Bildrechte: Uwe Fleischer

Vier Monate lang schrieb Barbara Thériault in Lwiw einmal pro Woche einen Blogeintrag über den Stadtalltag und zog dabei immer wieder Vergleiche mit Erfurt. Aber haben diese Städte überhaupt etwas gemeinsam? "Es ist alles anders", meint Barbara Thériault und lacht. Dann fallen ihr doch ein paar Gemeinsamkeiten ein. Sie erklärt, dass beide Städte bürgerlich seien und sich die Einwohner untereinander jeweils sehr gut kennen würden. Wenn sie mit Freunden aus Lwiw in der Stadt unterwegs war, trafen sie immer zufällig Bekannte.

Lwiw: Eine Stadt mit Pathos

Vieles sei in Lwiw aber auch ganz anders als in Erfurt: "Damals ist schon viel vom Krieg erzählt worden", erinnert sich Barbara Thériault. In Lwiw gebe es ein Pathos, das mit einem Nationalstolz einhergehe, den sie so noch nicht kannte. Das habe sie sehr beeindruckt. Auch bei jungen Menschen sei dieses Pathos sehr präsent gewesen. Lwiw habe aber auch Ähnlichkeit mit dem Deutschland der frühen 1990er-Jahre, "als sich viele Gedanken gemacht haben, wie es so weitergeht".

Texte aus dem Friseur-Alltag

Vor zwei Jahren begann Barbara Thériault in Kanada eine Ausbildung zur Friseurin und schrieb währenddessen Texte über ihre Arbeit im Salon. Das tat sie im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts an ihrer Universität in Montréal. Genau das Gleiche wolle sie nun während ihres sechsmonatigen Stipendiums auch in Halle machen, denn das Projekt werde sich sehr gut mit der Stadtschreiber-Stelle vereinbaren lassen. Die Idee, sich in Halle zu bewerben, entstand, weil ihr das Buch "Halle Alphabet" von Christian Kreis, das er 2019 während seiner Zeit als Stadtschreiber verfasste, so gut gefiel. Am Freitag wird sie offiziell in das Amt eingeführt.

"Lustige, leichte Texte" aus drei halleschen Salons

Über Bekannte in Erfurt hat Barbara Thériault bereits Kontakt mit einer Friseurin aus Halle aufgenommen, in deren Salon sie mitarbeiten wird. Das Konzept: Sie schneidet Besuchern kostenlos die Haare – ans Färben traut sie sich noch nicht heran –, und dafür werden ihr Geschichten erzählt. Barbara Thériault möchte insgesamt in drei Friseursalons in verschiedenen Stadtteilen von Halle arbeiten, um einen breiten Einblick in den Alltag der Saalestadt zu bekommen. Über ihre Erfahrungen will sie anschließend "lustige, leichte Texte" im Stil des soziologischen Feuilletons schreiben. Nach dem Stipendium in Halle soll ein Buch entstehen, das den Arbeitstitel "Abenteuer einer linkshändigen Friseurin" trägt.

MDR (Annekathrin Queck, Gero Hirschelmann)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. März 2022 | 17:30 Uhr

2 Kommentare

Der Pegauer vor 13 Wochen

Ja, das ist eine ganz andere Liga als die Dampfplauderinnen im Bundestag wie erst kürzlich zu hören bzw. zu sehen war. Gefühlt zehn mal ich, ich, ich, und dann noch ein lächerliches Video ins Netz gestellt. So kommt man im besten Deutschland zu einem fürstlich bezahlten Einkommen. Andere haben da mehr auf dem Kasten.

AlexLeipzig vor 13 Wochen

Eine beeindruckende Frau, soviel positive Neugier und Offenheit ist sehr bereichernd.

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