Nach massiver Kritik Halle: OB Wiegand verteidigt Impfstrategie der Stadt

Die Stadt Halle steht in der Kritik wegen ihres Sonderplans beim Impfen gegen das Corona-Virus. Dadurch wurden unter anderen Oberbürgermeister Wiegand und einige Stadträte geimpft, obwohl sie teils noch gar nicht an der Reihe waren. Wiegand verteidigt sein Vorgehen und fordert eine einheitliche Regelung vom Land. Bis dahin soll der Sonderweg in Halle ausgesetzt werden.

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) sitzt vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags in Magdeburg.
Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand ist von der Impfpraxis seiner Stadt überzeugt (Symbolbild). Bildrechte: dpa

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) hat die in die Kritik geratene Impfpraxis in der Stadt Halle verteidigt. In der täglichen Pressekonferenz der Stadt sagte er, die Stadt Halle halte sich strikt an die Bundesimpfverordnung und forderte die Landesregierung auf, klare Vorgaben zum Umgang mit Impfstoff-Resten zu machen. In einem Brief habe er Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) um eine landesweite Regelung zum Umgang mit den übrigen Dosen gebeten.

Frau Ministerin, Sie haben das Verfahren der Stadt Halle gerügt. Deshalb bitte ich um eine landesweite Handlungsempfehlung für alle Beteiligten.

Bernd Wiegand, Oberbürgermeister von Halle

Weil es keine einheitliche Regelung gebe, wie mit Impfstoffresten zu verfahren sei, hatte Halle ein sogenanntes Adhoc-Impfverfahren entwickelt. Darin war geregelt, dass unter anderen auch Mitgliedern des Katastrophenstabs der Stadt eine Impfung angeboten wird, wenn im Impfzentrum am Abend Impfstoff übrig sein sollte. Auf diese Weise hatte auch der Obernbürgermeister selbst eine Impfung bekommen, weil er Teil des Katastrophenstabes ist. In Folge der Kritik sei das Verfahren der Stadt nun aber gestoppt worden, sagte Wiegand im Sonntag.

Sozialministerin Petra Grimm-Benne hatte jedoch MDR SACHSEN-ANHALT bereits am Samstag erklärt, dass es sehr wohl eine Regelung gibt, wie mit Restimpfstoffen zu verfahren sei. Diese seien abzugeben an Rettungskräfte, Ärzte in den Impfzentren, an die Impfteams oder an diejenigen, die aufgrund des wenigen Impfstoffes keinen Termin im Impfzentrum erhalten hätten.

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Am Sonntag wurde zudem klar, dass auch die städtische Sozialbeigeordnete Brederlow auf diese Weise geimpft wurde. Auch sie gehört nach eigenen Angaben dem Katastrophenstab an. Auch Halles Amtsärztin Gröger hat eine Corona-Impfung bekommen. Laut Sozialministerin Grimm-Benne zählen Ärzte, die in den Impfzentren arbeiten aber zu denjenigen, die als erste geimpft werden dürfen. Auch zehn Stadträte haben eine Impfung bekommen, obwohl sie nicht an der Reihe gewesen wären.

Wiegand räumt Fehler bei der Kommunikation ein

Kritik an dem Verfahren wies Wiegand erneut zurück, räumte aber Fehler bei der Kommunikation ein: "Das kann man natürlich transparenter machen, und das hätte man natürlich auch transparenter machen müssen", sagte Wiegand am Sonntag. Das grundsätzliche Vorgehen bei seiner Impfung verteidigte Wiegand erneut. "Wir im Katastrophenschutzstab stehen zu dem Vorgehen." Er habe seine Erstimpfung zunächst nicht bekannt gemacht, da dies eine persönliche Angelegenheit sei.

Am Samstag hatte Wiegand eingeräumt, dass er und zehn seiner Stadträte bereits eine Impfung bekommen hatten, obwohl sie nicht zur ersten Prioritätsgruppe gehören. Laut Wiegand hatte die Stadt ein Verfahren für den Umgang mit Impfdosen entwickelt, die am Ende des Tages übrig bleiben und nicht bis zum nächsten Tag haltbar sind. Demnach werden bei solchen Resten zunächst Menschen der ersten Prioritätsgruppe angerufen.

Sollten die nicht für eine spontane Impfung zur Verfügung stehen, werde mit einem Zufallsgenerator ein Kandidat aus einem Pool aus Rettungsdiensten, Fachärzten, Stadträten und Angehörigen des Katastrophenstabes gezogen. Im Rahmen dieses Verfahrens sei er am 17. Januar angerufen worden und habe sich impfen lassen, nachdem er sich vergewissert habe, dass keine anderen Kandidaten zur Verfügung stehen, sagte Wiegand.

#MDRklärt Nach diesem Plan wird gegen Corona in Sachsen-Anhalt geimpft

In diesen Stufen wird die Bevölkerung gegen Corona geimpft
Das ist der Plan, in welchen Stufen die Menschen gegen Corona geimpft werden sollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
In diesen Stufen wird die Bevölkerung gegen Corona geimpft
Das ist der Plan, in welchen Stufen die Menschen gegen Corona geimpft werden sollen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Höchste Priorität haben Menschen ab 80 und alle, die in stationären Einrichtungen zur Behandlung, Betreuung oder Pflege tätig sind. Dafür sind mobile Impfteams unterwegs. Zur ersten Gruppe gehört außerdem alle, die auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, in Rettungsdiensten oder den Impfzentren arbeitet. Die Impfstoffe werden dafür an die Krankenhäuser übergeben.
Höchste Priorität haben Menschen ab 80 und alle, die in stationären Einrichtungen zur Behandlung, Betreuung oder Pflege tätig sind. Dafür sind mobile Impfteams unterwegs. Zur ersten Gruppe gehört außerdem alle, die auf Intensivstationen, in Notaufnahmen, in Rettungsdiensten oder den Impfzentren arbeitet. Die Impfstoffe werden dafür an die Krankenhäuser übergeben. Bildrechte: MDRklärt
Die Impfzentren werden in der zweiten Stufe genutzt. Dann werden Personen geimpft, die älter als 70 Jahre oder bei denen ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf besteht. Dazu gehören etwa Demenzkranke sowie Menschen mit Trisomie 21 und Transplantationspatienten. Auch enge Kontaktpersonen von Pflegbedürftigen dürfen sich dann impfen lassen, dasselbe gilt für Menschen in Asyl- oder Obdachlosenunterkünften.
Die Impfzentren werden in der zweiten Stufe genutzt. Dann werden Personen geimpft, die älter als 70 Jahre oder bei denen ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf besteht. Dazu gehören etwa Demenzkranke sowie Menschen mit Trisomie 21 und Transplantationspatienten. Auch enge Kontaktpersonen von Pflegbedürftigen dürfen sich dann impfen lassen, dasselbe gilt für Menschen in Asyl- oder Obdachlosenunterkünften. Bildrechte: MDRklärt
In einem dritten Schritt sollen die Menschen geimpft werden, bei denen das Risiko für einen tödlichen Verlauf der Erkrankung erhöht ist. Dazu gehören etwa Menschen ab 60, stark Übergewichtige, Patienten mit Immundefizienz oder Menschen mit Diabetes, Herzerkrankungen oder Bluthochdruck. Zur dritten Priorität gehören außerdem Mitarbeiter von Verfassungsorganen, Regierungen und Verwaltungen, Streitkräften, Polizei, Zoll, Feuerwehr, Katastrophenschutz und Justiz sowie dem Lebensmitteleinzelhandel. Hinzu kommen Menschen in prekären Arbeitsbedingungen wie etwa Saisonarbeiter.
In einem dritten Schritt sollen die Menschen geimpft werden, bei denen das Risiko für einen tödlichen Verlauf der Erkrankung erhöht ist. Dazu gehören etwa Menschen ab 60, stark Übergewichtige, Patienten mit Immundefizienz oder Menschen mit Diabetes, Herzerkrankungen oder Bluthochdruck. Zur dritten Priorität gehören außerdem Mitarbeiter von Verfassungsorganen, Regierungen und Verwaltungen, Streitkräften, Polizei, Zoll, Feuerwehr, Katastrophenschutz und Justiz sowie dem Lebensmitteleinzelhandel. Hinzu kommen Menschen in prekären Arbeitsbedingungen wie etwa Saisonarbeiter. Bildrechte: MDRklärt
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/mx
Bildrechte: MDR/Max Schörm
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MDR,Janine Wohlfahrt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 07. Februar 2021 | 17:00 Uhr

24 Kommentare

Magdeburg1963 vor 36 Wochen

Führungsmannschaften haben das Privileg des Homeoffice, Krankenschwestern, Pflegedienste, Mediziner im Allgemeinen und Polizisten nicht. Sie stehen tagtäglich im engen Bürgerkontakt. Einfach mal nachdenken vorm Schreiben – das hilft!

Magdeburg1963 vor 36 Wochen

Mir wird einfach nur übel bei dieser „Selbstbedienungsmentalität“ und dem nicht einmal in Ansätzen erkennbaren Unrechtsbewusstsein. Das Ganze wird durch die Tatsache gekrönt, dass Konsequenzen nicht zu erwarten sind.
Hätte Halles OB auch nur ansatzweise Courage, würde er seinen Stuhl räumen und die Kosten der Impfung aus eigener Tasche zahlen.
Verhalten wie das von Halles OB sind mit Ursache für Politikverdrossenheit und Protestwähler.

Torsten W vor 36 Wochen

Politikverdrossenheit kommt doch unseren Politikern recht. Gefahr gleich Null. Wenn diese Leute nur noch von den eigenen Spezis gewählt werden, ist das Gehalt doch sicher! Den Politikverdrossenen muss klar gemacht werden, sich bei ihrer Stimme umorientieren...

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