Planetarium in Halle "Gedenken an Sigmund Jähn ja, Ehrung nein"

In Halle wird über den Namen des neuen Planetariums gestritten. Soll es, wie schon das alte Planetarium der Stadt, den Namen des Kosmonauten Sigmund Jähn tragen – oder besser nicht? Einige Fraktionen im Stadtrat fordern das, der Kulturausschuss ist dagegen. In drei Wochen entscheidet der Stadtrat. Der Historiker Stefan Wolle rät, auf Jähns Namen zu verzichten. Ein Kontra.

Bildcollage des neuen Planetariums Halle mit einem Namensschild, auf dem Planetarium Halle (Saale) steht.
Historiker Stefan Wolle ist dagegen, dass das neue Planetarium in Halle nach Sigmund Jähn benannt wird. (Bildcollage) Bildrechte: MDR/Ulf Wogenstein

Sigmund Jähn war 1978 der erste Deutsche im Weltraum. Doch er war nicht nur Kosmonaut, sondern auch Offizier bei der Nationalen Volksarmee der DDR und Mitglied der SED. Bevor das alte Planetarium in Halle zerstört wurde, trug es Jähns Namen. Nun steht der Neubau kurz vor der Fertigstellung. Und im Stadtrat wird heftig darüber gestritten, ob auch der Neubau nach Sigmund Jähn benannt werden soll.

"Unglaubliche Propagandakampagne"

Der hallesche Historiker Stefan Wolle, der zur DDR-Geschichte forscht, rät davon ab, das Planetarium nach Jähn zu benennen. Im Gespräch mit MDR KULTUR sagte er: "Der Flug von Sigmund Jähn war von einer unglaublichen Propagandakampagne begleitet. Er war kaum im Weltall, da sagte er bereits, sein Gruß gilt der sozialistischen DDR und er widmet ihn dem 30. Gründungstag des Staates. Auch in den Zeitungen und im Fernsehen gab es eine große Propagandakampagne. Da funktionierte er geräuschlos im System und lächelte nett."

Dabei will der Historiker Jähn seine berufliche Laufbahn nicht zum Vorwurf machen. Und auch die Vorwürfe, Jähn habe als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi gearbeitet, spielen in Wolles Betrachtungen keine Rolle: "Die Stasi-Vorwürfe – ob sie stimmen oder nicht – sind das Allerunwichtigste. Er hat als Offizier der Nationalen Volksarmee und Mitglied der SED im System auch so funktioniert, wie das die Staatssicherheit erwartet hat. Er war sicher auch Geheimnisträger und unterlag Sicherheitsbestimmungen. Das war nur natürlich und da würde ich nie einen Vorwurf daraus konstruieren wollen."

"Jähn war ein Repräsentant des Systems"

Vielmehr stört Wolle, dass Jähn durch seine Haltung und sein Auftreten über viele Jahre ein Repräsentant des DDR-Systems gewesen sei: "Ich habe meine Bedenken, Gebäude oder Straßen nach diesen Repräsentanten zu benennen. Ich habe da kein gutes Gefühl dabei. Unabhängig von seiner Leistung als Kosmonaut. Ich bin da wirklich sehr skeptisch – auch nach vielen Jahren noch – und würde es nicht gerne sehen, wenn eine öffentliche Einrichtung nach ihm benannt wird." 

"Keine Verurteilung oder Verdammung, aber auch keine Ehrung"

Wolle kritisiert, dass die Propagandakampagne der DDR die Leistung des Kosmonauten fast missbraucht habe. Aber auch, dass sich Jähn für diese Zwecke habe missbrauchen lassen. Deshalb sagt er: "Man muss unterscheiden zwischen Gedenken und Ehrung. Man sollte an ihn denken, ihn erwähnen und auch Artikel über ihn schreiben. Aber ihn eben nicht ehren. Denn das ist ja eine Art Identifikation. Und da muss man mal ganz deutlich werden und dem Stadtrat für Kultur von der SPD auch deutlich widersprechen. Der sagt, Jähn sei eine Symbolfigur der Ostdeutschen. Da werden alle dort Geborenen oder dort Aufgewachsenen in Haftung genommen, als ob das ihr Staat gewesen wäre. War es natürlich irgendwie, aber für einen großen Teil eben nur zwangsweise. Und für diesen Zwang stehen eben auch Leute wie Sigmund Jähn." 

Nach der Wende habe er sich nie von der DDR oder der SED distanziert oder etwas Kritisches gesagt, so Wolle. Auch in seinen Büchern habe sich Jähn als unpolitischer Held dargestellt. "Das ist er aber nicht gewesen", bekräftigt der Historiker. "Deswegen: kritische Auseinandersetzung ja – und keine Verurteilung oder Verdammung. Aber bitte doch keine Ehrung." Und eine solche wäre die Benennung des Planetariums nach Einschätzung von Stefan Wolle.

MDR/Oliver Leiste, Maria Hendrischke

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Februar 2021 | 19:00 Uhr

14 Kommentare

Der Matthias vor 12 Wochen

@ bikemax

"Hauptsache wir haben eine Erwin Rommel Kaserne."

Genau genommen sind es sogar (noch) zwei! Allerdings liegen die erwartungsgemäß in Westdeutschland!

Der Matthias vor 12 Wochen

@ Herr Mann

"Was soll man anderes erwarten. Alles was in der DDR geleistet wurde wird schlecht gemacht, immer. (...) Warum soll es dann anders sein als das die Leistungen von Sigmund Jähn nicht mehr gewürdigt werden."

Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Was für ein Unsinn, den Sie hier behaupten! Es geht um eine differenzierte Betrachtungsweise der Rolle Jähns im DDR-Sozialismus, die seine bleibenden Verdienste als Kosmonaut keineswegs schmälert, ohne dabei jedoch die weniger glanzvollen Seiten seiner politischen Vita länger auszublenden oder gar unter den Teppich kehren zu wollen. Die Zeiten der unkritischen sozialistischen Heldenglorifizierung sind zum Glück passé, diese staatlich verordnete Heldenverehrung hatten wir hierzulande nun wahrlich lange genug! Es es höchste Zeit für einen unverklärten und unverbrämten Blick auf unsere einstigen DDR-Helden!

Der Matthias vor 12 Wochen

Nachtrag @ Baldur von Ascanien

"Oder geht es wieder nur darum den Ostdeutschen ein Stück Identität wegzunehmen?"

Wer will denn "den Ostdeutschen" angeblich ein Stück Identität wegnehmen, welches Interesse sollten die Hallenser (!) daran haben? Selbst der Historiker Stefan Wolle (Jhg. 1950) ist gebürtiger Hallenser! Also, Ostdeutsche wollen Ostdeutschen angeblich ein Stück Identität wegnehmen, oder wie? Welches Interesse sollten wir als Ostdeutsche daran haben? Das ergibt doch gar keinen Sinn, was Sie hier unterstellen!

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