Planetarium in Halle "Sigmund Jähn wäre ein guter Namensgeber"

In Halle wird über den Namen des neuen Planetariums gestritten. Soll es, wie schon das alte Planetarium der Stadt, den Namen des Kosmonauten Sigmund Jähn tragen – oder besser nicht? Einige Fraktionen im Stadtrat fordern das, der Kulturausschuss ist dagegen. In drei Wochen entscheidet der Stadtrat. MDR-Journalist René Römer hält den Namen Jähns für tragbar. Ein Pro.

Bildcollage des neuen Planetariums Halle mit einem Namensschild, auf dem Sigmund Jähn steht.
Journalist René Römer ist dafür, dass das neue Planetarium in Halle nach Sigmund Jähn benannt wird. (Bildcollage) Bildrechte: MDR/Ulf Wogenstein

Sigmund Jähn war 1978 der erste Deutsche im Weltraum. Doch er war nicht nur Kosmonaut, sondern auch Offizier bei der Nationalen Volksarmee der DDR und Mitglied der SED. Bevor das alte Planetarium in Halle zerstört wurde, trug es Jähns Namen. Nun steht der Neubau kurz vor der Fertigstellung. Und im Stadtrat wird heftig darüber gestritten, ob auch der Neubau nach Sigmund Jähn benannt werden soll.

Journalist René Römer, der Jähn in Filmen und Fernsehbeiträgen porträtiert hat, glaubt, dass Jähns Name auch heute noch gut zu einem Planetarium passen würde. Römer hat Jähn bei mehreren Treffen als bescheidenen und freundlichen Menschen kennengelernt, erzählt er MDR SACHSEN-ANHALT am Telefon. Der frühere Kosmonaut würde sich nicht grämen, wenn das Planetarium nicht nach ihm benannt wird, ist sich der Filmemacher sicher. "Jähn war keiner, der sich sonderlich um die Propaganda gerissen hat. Aber er hat natürlich zugegriffen, als ihm diese Mission angeboten wurde. Weil klar war, dass sie das Höchste ist, was er als Flieger erreichen kann. Er war ein zielstrebiger und ehrgeiziger Mensch, der in seinem Metier gut sein wollte", so Römer.

"Kosmonaut und Offizier kann man nicht trennen"

Die mit dem Flug verbundene DDR-Propaganda, die Ausschlachtung, gehörte dann eben auch dazu, schätzt Römer ein und sagt: "Ich muss ihn da aber etwas in Schutz nehmen. Denn während des Kalten Krieges in den Sechzigern und Siebzigern haben die Amerikaner ihre Astronauten natürlich genauso im offenen Wagen durch die Städte gefahren und die Hochglanzmagazine waren voll mit Storys. Jedes System hat da versucht, seine besten Leute nach außen zu stellen. Held ist ein Begriff, den Jähn nicht auf sich selbst gemünzt hätte. Auch wenn es ihn natürlich mit großer Genugtuung erfüllt hat, dass mit dem Weltraumflug alles geklappt hat."

Den Kosmonauten Jähn von seiner Rolle als Offizier zu trennen, geht nicht, ist sich Römer sicher. "Aber da war er eben auch ein Kind seiner Zeit", so der Journalist. "Und er hat mit dazu beigetragen, dass der Kalte Krieg nicht zu einem Heißen wird. Dennoch hat er seine Lebenswirklichkeit sicherlich in der DDR gesehen."

Andererseits sei auch ein Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, im Koreakrieg geflogen. "Die Astronauten waren eben in ihren Ländern zuvor oft Kampfpiloten. Das hing auch mit körperlichen Voraussetzungen und fliegerischen Fähigkeiten zusammen, die Astronauten zu der Zeit mitbringen mussten", erklärt Römer.

"Verordnete Begeisterung ging mir bei ihm auf den Senkel"

Der Journalist berichtet, dass er früher durchaus skeptisch auf die Darstellung Jähns geblickt habe. "Weil er immer so als Held präsentiert wurde. Und diese Begeisterung für ihn zu DDR-Zeiten war natürlich auch eine verordnete. Das ging mir bei ihm genauso auf den Senkel wie bei Katharina Witt oder den Phudys. Aber die persönliche Begegnung hat die Skepsis schon in einen respektvollen Blick auf ihn verändert."

Zum einen, weil Jähn diesen Status mit einer Leistung untermauert habe. Auch habe er nach der Wende nie groß gemosert, dass er nur eine kleine Rente bekommen habe, obwohl ein Offizier vergleichbaren Ranges im Westen viel mehr bekomme.

"Durch seine Leistung als Kosmonaut ein tragbarer Name"

Und eine Sache hat Römer besonders imponiert: "Jähn hat nicht den Kopf in den Sand gesteckt, sondern hat auch im hohen Alter noch vermittelt. Mehr als 15 Jahre lang war er derjenige, der junge Astronauten aus Deutschland oder Frankreich im russischen 'Sternenstädtchen' auf ihre Missionen vorbereitet hat. Er hat sprachlich und bei der Mentalität vermittelt und als Wissenschaftler bei vielen Dingen geholfen. Da war er von allen hochgeschätzt. Ihn haben hohe Disziplin und hohe Leistungsbereitschaft ausgezeichnet. Und auch der Wille, im hohen Alter nochmal zu lernen und die Bereitschaft, sich zu verändern. Sich nach einem gelebten Leben noch mal so neu zu erfinden, ist auch nicht jedem gegeben", sagt Römer.

Bei der Namensgebung für das Planetarium sei natürlich die Frage, zu wem sich Halle hingezogen fühle, erklärt der Filmemacher. "Es sollte jemand sein, der zu den Weiten des Alls eine gewisse Berührung hatte. Aber auch jemand, zu dem man in der Stadt als Mensch und Person eine gewisse Bindung spürt. Und vor dem Hintergrund ist Jähn sicherlich nicht die schlechteste Wahl. Allein durch seine Leistung als Kosmonaut ist Sigmund Jähn definitiv ein tragbarer Name." 

MDR/Oliver Leiste, Maria Hendrischke

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Februar 2021 | 19:00 Uhr

10 Kommentare

Atze Draisich vor 32 Wochen

Sehr interessante Diskussion. Wenn alternativ Wernher von Braun vorgeschlagen wird, setzt das voraus, dass wir mit seiner frühen Karriere unseren Frieden gemacht haben. Falls ja, dann können wir das bei Sigmund Jähn aber allemal. Er hat halt seine historische Bedeutung, die ruhig gewürdigt werden darf. Man könnte allerdings fragen, ob nicht überhaupt für ein Planetarium der Name eines großen Astronomen passender wäre.

Lieberale_ideen vor 32 Wochen

Aus meiner Sicht hätte das Planetarium Wernher von Braun, Werner Heisenberg, Helmut Gröttrup, Hermann Julius Oberth oder Hans-Jörg Königsmann heißen müssen. Doch möchte keine erfolgreichen und visionären Menschen als Namensgeber verwenden.

Inglaterra vor 32 Wochen

Teil2: Zu Sigmund Jaehn - insbesondere, weil das Planetarium vorher so hiess, kann ich die Abkehr von diesem Namen nicht verstehen. Zunaechst wegen des Wiedererkennungswertes - es ist ja gewissermassen eine "Marke" fuer das Planetarium in Halle. Dann die moralische Komponente - die Entscheidung an Spruechen festzumachen, die Jaehn im Orbit sagte (oder sagen musste), erscheint mir weit hergeholt. Politik gab es auch in der westlichen Raumfahrt, z.B. "Liberty Bell" fuer eine Raumkapsel, oder die Kennedy-Rede zur geplanten Mondmission. Die bemannte Raumfahrt, deren wissenschaftlichen Wert ich eher skeptisch sehe, war damals eine Waffe des Kalten Krieges, die wenigstens friedlich war (im Vergleich zum Wettruesten) und trotz des Wettlaufgedankes eine gewisse Verbundenheit zwischen den Systemen zum Ausdruck brachte. Raumfahrer wie Jaehn wurden natuerlich politisch genutzt, waren aber auch ein Motivator, sich fuer Wissenschaft+Technik zu interessieren. Mit dem Namen habe ich kein Problem.

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