Straßenbahnen in Halle Leidenschaft in der Familie: Warum sich Mutter und Sohn für Trams begeistern

Marina und Ricardo Blanke, Mutter und Sohn, verbindet eine große Leidenschaft: die Straßenbahn in Halle. Mutter Marina war zu DDR-Zeiten als Schaffnerin unterwegs, heute steuert sie selbst Straßenbahnen durch die Stadt. Ihr Sohn Ricardo ist Mechaniker bei der HAVAG und schraubt ehrenamtlich im Verein der Halleschen Straßenbahnfreunde an den Bahnen, in denen seine Mutter früher unterwegs war.

Marina Blanke und Sohn Ricardo Blankesind eine „HAVAG - Straßenbahnfamilie“. Marina Blanke kennt als Fahrerin die Linie 5 nach Bad Dürrenberg aus dem „FF“. Ihr Sohn Ricardo Blanke ist im Vorstand der Halleschen Straßenbahnfreunde e.V.
Marina Blanke war früher Schaffnerin, heute fährt sie selbst. Auch ihr Sohn Ricardo arbeitet für die Hallesche Verkehrs AG (HAVAG). Er ist Industriemechaniker und im Vorstand der Halleschen Straßenbahnfreunde e.V. engagiert. Bildrechte: MDR/Ariane Film/Daniel Laudowicz

Lange ist es her, dass in allen halleschen Straßenbahnen Kontrolleure mitfuhren – und Marina Blanke war eine von ihnen. 1976 kam sie als Schaffnerin zum halleschen Nahverkehr. Mit Trillerpfeife und Uniform war sie in den Tatra-Bahnen unterwegs: "Wir waren teilweise auf den großen Tatra-Zügen, die drei Waggons hatten, zu dritt zum Kassieren unterwegs", erzählt sie.

Straßenbahn
In einer solchen Tatra-Bahn verbrachte Marina Blanke einen großen Teil ihres Lebens. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Besonders gern war sie auf der längsten Straßenbahn-Strecke der DDR unterwegs, von Halle nach Bad Dürrenberg und wieder zurück. Die Landschaft und die netten Fahrgäste machten ihr Freude, viele kannte sie persönlich. "Früher war es oft so, dass die Leute Geschenke gemacht haben – zur Weihnachtszeit, zu Ostern: eine Tafel Schokolade, ein Paket Kaffee. Gerade, wenn man hier draußen geschaffnert hat, Leuna, Kröllwitz, Daspig, gab es auch, was die Leute aus den Gärten mit nach Hause genommen haben – den ersten Apfel, die erste Birne", erinnert sich Marina Blanke.

Drei Sterne an der Uniform

Vor allem hat sie zu ihrer Schaffnerinnen-Zeit auf die Sterne hingefiebert, die es für die Uniform gab. Ein Stern nach fünf Jahren, der zweite Stern nach zehn Jahren, der dritte Stern nach 15 Jahren Dienst: "Das war schon richtig toll." Geehrt wurde sie auch – als beste Schaffnerin. Die Auszeichnung bekam, wer "fahrgastfreundlich war, sehr gut abkassiert hat, also schnell war", erinnert sich Marina Blanke. Doch es wurden immer weniger Schaffner eingesetzt, irgendwann war sie allein für alle drei Waggons zuständig. "Da merkte man, irgendwann werden die Schaffner eingestellt", sagt sie heute.

Ein Bilick in den Innenraum der Tatrabahn offenbart die einfache und bewährte Doppelbestuhlung in rot und grau
Im Jahr 2013 war für die Tatra-Bahnen in Halle Schluss. Bildrechte: MDR/Stefan Hellem

Die Tatra-Bahnen Ende der 60er Jahre lieferte ein Werk in Prag in der damaligen Tschechoslowakei die ersten Züge in die DDR. In den 1970er Jahren transportierten sie 120 bis 130 Millionen Passagiere pro Jahr durch die Saalestadt. 2013 drehten die meisten Tatra-Bahnen ihre letzten Runden durch die Saalestadt. Weil der Einstieg zu hoch und damit für viele Fahrgäste beschwerlich war, wurden die Züge aus dem Verkehr gezogen. Viele Fahrzeuge wurden verschrottet oder ins Ausland verkauft, beispielsweise nach Rumänien. Die Tatra-Bahnen gelten als die meistproduzierten Straßenbahntypen weltweit.

Von der Schaffnerin zur Fahrerin

Also sattelte Marina Blanke um und steuert nun seit knapp 20 Jahren selbst Straßenbahnen durch Halle. Das tut sie mit genauso viel Freude an der Arbeit wie zuvor als Schaffnerin. "Es gibt keinen Tag, an dem ich dachte: 'Ach was hast du dir jetzt hier angetan.' Ich bin immer gerne unterwegs, auch weiterhin. Man muss das Flair der Straßenbahn lieben und vor allem Interesse an der Arbeit haben, das ist das Wichtigste." Das hat sie, repariert auch selbst, wenn an ihrer Bahn einmal etwas nicht stimmt. "Wenn unterwegs irgendwas kaputt ist, kann nicht gleich die Werkstatt kommen. Ich muss auch in der Lage sein, selber zu wissen, welche Schalter ich zu drücken habe."

Weißhaarige Frau in Anzug und Bluse und ein junger blonder Mann in orangener Arbeitskleidung stehen vor einer Straßenbahn
Mutter und Sohn können sich keinen besseren Job vorstellen. Bildrechte: MDR/ariane-film gmbh/Daniel Laudowicz

Bei ihrer Liebe zur Straßenbahn ist es kein Wunder, dass auch ihr Sohn begeistert ist. Er arbeitet bei der Halleschen Verkehrs AG (HAVAG) – als Industriemechaniker. Seine Mutter ist sichtlich stolz: "Das hatte sich in der Kinderzeit schon abgezeichnet, dass er sicher irgendwann was mit Straßenbahnen machen wird, weil es ihn fasziniert hat." Ricardo Blanke ist mit den alten Tatra-Bahnen groß geworden und erzählt: "Es ist wirklich ein schönes Fahrzeug, man hat viel damit erlebt." Auch als die Bahnen vor einigen Jahren ausgemustert und ins Ausland verkauft wurden, hing sein Herz weiter an ihnen. "Man ist auch hinterher gereist, um zu gucken, was die Fahrzeuge jetzt dort machen. Sie sind teilweise bis zum heutigen Tage im Einsatz", so Ricardo Blanke.

Die halleschen Straßenbahnfreunde

Mit alten und ganz alten Straßenbahnen beschäftigt er sich im Verein der Halleschen Straßenbahnfreunde. Die Mitglieder sammeln und restaurieren Wagen aus knapp 130 Jahren Straßenbahn-Geschichte. Im Museum in Halle stehen derzeit 19 Triebwagen, fast alle sind noch oder wieder fahrtüchtig, woran auch Ricardo Blanke seinen Anteil hat. Die Züge werden für Hochzeiten, Geburtstage und Stadtrundfahrten vermietet.

Man freut sich insbesondere auf den neuen Tag, der bestimmt noch viele spannende Sachen bringt.

Marina Blanke liebt ihren Job

Marina Blanke steuert nun die modernen Wagen durch die Stadt. An ein Aufhören mag sie nicht denken, auch nicht nach langen Arbeitstagen. "Es ist ein gutes Gefühl, wenn alles gut gegangen ist, keine Störungen gewesen sind, kein Stau. Man freut sich auf den Feierabend, und man freut sich insbesondere auf den neuen Tag, der bestimmt noch viele spannende Sachen bringt." Neuen Kollegen wünscht sie, dass sie an der Arbeit genauso viel Freude haben, wie sie sie in den vielen Jahren mit den Straßenbahnen in Halle hatte und noch hat.

Straßenbahn 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fr 07.05.2021 13:25Uhr 01:02 min

https://www.mdr.de/tv/programm/video-516280.html

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Der Motor der historischen "Kirnitzschtalbahn" in der HAVAG-Werkstatt. Bildrechte: MDR/ariane-film gmbh/Christian Schulzki

MDR/Tom Kühne, Steffi Lischke, Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten – Entdecke wo du lebst | 11. Mai 2021 | 21:00 Uhr

2 Kommentare

Bernd_wb vor 4 Wochen

Kleine Anmerkung die ersten Tatra T3 kamen bereits zur Erprobung 1964 nach Dresden. Dort entschied man sich gegen deren Einsatz da sie zu breit waren. Ende der 60er Jahre kamen dann die T4 welche 30 cm schmaler sind.

DanielSBK vor 4 Wochen

Mußte bei dem Artikel an den großartigen Olaf Böhme denken, mit seiner "..de' Muddi" - was ein großartiger Mensch!

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