Menschen mit Behinderung Ein Rollstuhlfahrer berichtet: "Was mich ankotzt, ist Mitleid"

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Uwe Willamowski war früher Sportler. Seit einem plötzlichen Hirnbluten sitzt er im Rollstuhl. Statt Mitleidsbekundungen will er aber gesellschaftliche Gleichstellung und Anerkennung. Aus Anlass des Tages der Behinderung am Freitag hat MDR SACHSEN-ANHALT den Rollstuhlfahrer bei einem Besuch auf dem halleschen Wintermarkt begleitet.

Ein Mann im Rollstuhl fährt auf einem Weihnachtsmarkt über eine Schwelle.
Uwe Willamowski fährt über den Wintermarkt in Halle. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Wenn Uwe Willamowski in die Innenstadt von Halle will, dauert es meist ein bisschen länger. Hindernis eins: der Einstieg in die Straßenbahn. Heute gibt es mit dem Fahrer Diskussionen über die richtige Tür. Schließlich legt dieser aber doch die Schwellenbrücke an den Eingang, vor dem Willamowski wartet. Der nimmt es gelassen. "So etwas ist eine Ausnahme. Der überwiegende Teil ist freundlich und höflich", sagt er. Willamowski weiter: "Man merkt es schon von weitem, wenn ein Fahrer den Rollstuhlfahrer sieht und ihm die Kinnlade runterfällt. Da weiß man, dass man einen schlechten Tag erwischt hat."

Der Rollstuhlfahrer ist auf dem Weg zum Wintermarkt. Nur ein paar Stationen sind es von seiner Wohnung in Halle-Neustadt bis zum Marktplatz. Dort ausgestiegen, muss er sich erst einmal durch das Getümmel manövrieren – mit einem immer wiederkehrenden Ausruf: "Vorsicht! Vorsicht!"

Vom Sportplatz in den Rollstuhl

Porträt eines Mannes mit Glatze und Brille
Uwe Willamowski sitzt seit einer Hirnblutung im Rollstuhl. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

Der 64-jährige Rentner war früher erfolgreicher Zehnkämpfer; im Rollstuhl sitzt er erst seit 15 Jahren. Damals sei er mit einem Kumpel beim Angeln gewesen, erzählt er – bis er auf einmal ohnmächtig wurde und ins Krankenhaus kam. Die Diagnose: eine plötzliche Blutung im Stammhirn.

"Als ich ins Koma fiel, wusste niemand: Kommt er wieder? Wie kommt er wieder? Wann kommt er wieder?", erzählt er. Sieben Wochen später sei er dann wieder aufgewacht – ohne sprechen zu können, ohne gehen zu können. Das mit der Stimme klappt heute wieder, aber seine linke Körperhälfte ist seitdem gelähmt. "Ein Leben im Rollstuhl konnte ich mir damals nicht vorstellen", erinnert er sich. Mittlerweile sei es ein ganz anderes, aber gutes Leben geworden.

Sieben große und viele kleine Ehrenämter

Willamowski setzt sich heute in zahlreichen Ehrenämtern für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein: im Behindertenbeirat der Stadt Halle, im Fahrgastbeirat der Havag, beim Deutschen Roten Kreuz oder als Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes Halle.

Auf dem Wintermarkt will er heute mal schauen, wie es um die Barrierefreiheit steht. Er schiebt den Steuerknüppel seines Rollstuhls nach vorn und passiert die erste gelb-schwarze Kabelbrücke. Sein rechtes Hinterrad hebt kurz ab und senkt sich dann wieder zum Boden. Willamowskis erstes Fazit: überraschend gut.

Auf die Kabelbrücke kommt es an

Ein Rollstuhl fährt über eine Schwelle.
Kabelbrücke ist nicht gleich Kabelbrücke. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

"Das sind die guten Schwellen", erklärt er. Früher habe es deutlich höhere gegeben, die für Feuerwehrautos und nicht für Rollstühle gemacht waren: "Und vor fünf, sechs Jahren lagen die Kabel teilweise noch lose herum, mit verrutschten Gummimatten darüber." Heute rollt Willamowski entspannt zwischen Kinderkarussell und Würstchenbude über die Kabelbrücken.

Auf dem Weg zum Glühweinstand entdeckt er aber doch noch eine mögliche Verbesserung. Zwei Meter vor dem Tresen muss er stoppen. Eine Schwelle ist im Weg, gut zehn Zentimeter hoch, für ihn nicht zu überwinden: "Zwölf Jahre nach Inkrafttreten der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen noch darauf hinweisen zu müssen, ist echt traurig."

Alles in allem zieht Willamowski aber ein positives Fazit vom diesjährigen Wintermarkt: "Hier wurde sogar an behindertengerechte Toiletten gedacht. Das haben die meisten Kneipen in Halle nicht." Nach einem heißen Glühwein und einer Bratwurst macht er sich auf den Rückweg. Also wieder in die Tram – dieses Mal ausgesprochen freundlich begrüßt – und in Halle-Neustadt raus. Denn gleich am Nachmittag trifft man sich in der Begegnungsstätte des Behindertenverbandes.

Von Lebkuchen bis Selbstverteidigung

Mehrere Menschen sitzen an gedeckten Kaffeetischen.
Die Begegnungsstätte bietet Raum für Austausch. Bildrechte: MDR/Daniel Tautz

In dem langen Flachbau wird an manchen Tagen gebastelt oder sogar Selbstverteidigung geübt. Heute gibt es Kaffee und Kuchen. Auf dem Adventskranz wird die erste Kerze angezündet, an der langen Tafel kommen rund zehn Menschen zusammen und tauschen sich aus – auch über das, was nicht so gut läuft. Eine ältere Dame beklagt den aus ihrer Sicht mangelnden Respekt vor Menschen mit Behinderung. Ein Rollstuhlfahrer kritisiert, dass die Regale in den Supermärkten immer höher werden.

Auch Uwe Willamowski kennt die Probleme. Aber eines will er ganz bestimmt nicht: "Was mich ankotzt, ist Mitleid", sagt er. Wenn er Hilfe braucht, sage er es. Aber er wolle nicht für sein Leben bedauert werden: "Wenn ich irgendwo in der Ecke sitze und mir was vorheule, komme ich nicht aus der Hüfte." Auch deshalb hängt er also Ehrenamt an Ehrenamt: Damit alle Menschen gleichermaßen am Leben in der Stadt teilhaben können – ob mit Behinderung oder ohne.

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MDR (Daniel Tautz, Cornelia Winkler)

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 03. Dezember 2021 | 11:00 Uhr

4 Kommentare

Eulenspiegel vor 6 Wochen

Ich denke über eins sollte man sich erst dein mal klar werden:
Es gibt Menschen mit Handikap und es gibt Menschen ohne Handikap.
Aber was heißt das Ohne Handikap?
Ohne Handikap bedeutet totale Unversehrtheit an Körper, Geist und Seele. Und wer kann das schon sich behaupten.
Also muss es heißen:
Es gibt Menschen mit sichtbaren Handikap und es gibt Menschen mit unsichtbaren Handikap.

Stefan1963 vor 6 Wochen

Viele Menschen verwechseln Mitleid mit Mitgefühl. Das ist schon ein Unterschied.
Mitleid hilft mir als Mensch mit Handicap auch nicht. Heißt aber nicht, dass ich für Hilfe nicht dankbar bin. Ich denke, dass wollte Uwe Willamowski auch nicht ausdrücken, dass er für Hilfe nicht dankbar ist.

Stefan1963 vor 6 Wochen

Genau so ist es! Es geht nicht um Mitleid! Mitgefühl ist da eher angebracht. Es reicht schon wenn Menschen mit Handicap nicht stigmatisiert werden und sie einen Platz in der Mitte der Gesellschaft haben. Niemand sucht sich seine Krankheit aus, niemand ist Schuld an seiner Krankheit. Wenn sich das die Gesellschaft verinnerlicht, dann ist ein Miteinander ohne Vorurteile möglich und selbstverständlich!

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