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Telefonseelsorgerin Ulrike Hänel bei der Arbeit. Bildrechte: MDR/Paula Kautz

Ehrenamtliche gesuchtTelefonseelsorge in Halle: "Streicheleinheiten für die Seele"

von Paula Kautz, MDR SCHSEN-ANHALT

Stand: 27. Juni 2022, 05:04 Uhr

Die Telefonseelsorge in Halle kümmert sich seit 30 Jahren um Menschen mit Problemen. Für August werden neue Ehrenamtliche gesucht. Ulrike Hänel ist seit 16 Jahren Telefonseelsorgerin – und kann sich kein schöneres Ehrenamt vorstellen.

Ein unscheinbares Haus in Halles Innenstadt: Im Treppenhaus führt eine Wendeltreppe mit Linoleumbelag nach oben in den ersten Stock. Mehr darf über den Ort der Telefonseelsorge in Halle nicht gesagt werden – aus Sicherheitsgründen. Wer hier anruft, kann sich darauf verlassen, anonym zu bleiben. Eigentlich bleiben auch die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge anonym. Ulrike Hänel hat aber schon mehrmals über ihre Arbeit gesprochen und ist bereit, das erneut zu tun.

Falls Sie persönlich Hilfe benötigen, können Sie hier anrufen – die Telefonnummern finden Sie im Post (klicken Sie sich einfach durch):

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Die 78-jährige Rentnerin sitzt in einem hellen Einzelbüro mit Bürostuhl und Eckschreibtisch. Darauf stehen ein Computer, ein Telefon und ein Headset.

Ich bin seit 16 Jahren bei der Telefonseelsorge und das ist das, was mein Leben ausfüllt.

Ulrike Hänel, Telefonseelsorgerin in Halle

Das sagt die rüstige Rentnerin mit so fester Stimme, dass sie nur glaubwürdig klingen kann. In schwarz-weiß geblümtem Sommerkleid und rosa Jäckchen erzählt sie, dass sie die Arbeit vor allem erfüllt, weil sie dadurch nicht alleine sei und sie durch das Team eine Gemeinschaft gefunden habe. Ein zweiter Grund: "Dass ich das, was ich kann, auch weitergeben kann. Ich kann zuhören und ich kann mich auf den Anrufer einstellen."

Einsamkeit seit Jahren der häufigste Grund für Anruf

Vor allem einsame Menschen rufen an. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/photothek

Die soziale Ader zieht sich durch Ulrike Hänels Leben. Die Diplom-Religionspädagogin hat sich während ihres Berufslebens um geistig behinderte Erwachsene gekümmert. Seit der Rente ist sie Telefonseelsorgerin. Die meisten würden anrufen, weil sie einsam seien, erzählt sie. Anhand der Stimmen schätzt sie, dass die meisten Menschen zwischen 50 und 60 Jahre alt sind und psychische Probleme haben. Häufig hätten sie niemand anderen zum Reden.

Neben der Einsamkeit gehe es auch häufig um Fantasien, die die Anrufenden in ihrem Umfeld nicht aussprechen könnten. Mordfantasien und Suizidgedanken habe sie schon oft gehört, sagt Hänel. Auch sie selbst müsse sich schützen:

Ich entscheide selber, was für mich gut ist. Gespräche, bei denen ich merke, die tun mir weh: Die beende ich. Und das Recht habe ich.

Ulrike Hänel, Telefonseelsorgerin

Damit meint die Seelsorgerin sexuelle Belästigung am Telefon. Da sei ihre Schmerzgrenze erreicht. Wenn sie merkt, dass Gefahr im Verzug ist, informiert sie die Dienststellenleiterin. Vor allem, wenn Kinder anriefen, sei es "höchste Eisenbahn". Ob dann die Polizei informiert werde oder nicht, liege nicht in ihrer Hand. Es sei wichtig, dann die Verantwortung abzugeben.

Aktuelle Krisen beschäftigen die Anrufenden

Als die Corona-Pandemie anfing, hätten vermehrt junge Menschen angerufen. Studierende, die ihre Kommilitonen nicht treffen konnten oder die Angst hatten, ihre Masterarbeit nicht zu schaffen.

Ähnlich sei es mit dem Beginn des Ukraine-Krieges Ende Februar gewesen. Zwei Offiziere, die im Afghanistan-Krieg waren, hätten sie angerufen: "Bei denen kam das alles wieder hoch. Die haben am Telefon geheult", sagt Hänel. Das habe sie tief bewegt. Doch viel mehr hätten sie die Anrufe von Menschen aus ihrer Altersgruppe getroffen, die sich durch die aktuellen Kriegsereignisse an ihre Kindheit im Zweiten Weltkrieg erinnerten.

Bei denen, die gehungert haben und die nicht wussten, wie sie den nächsten Tag überleben sollten. Dort hatte ich Probleme.

Telefonseelsorgerin Ulrike Hänel hat als Kind die Bomben über Dresden miterlebt

Zum ersten Mal während des Gesprächs muss die 78-Jährige schlucken. Die wachen Augen werden leicht glasig.

Austausch in Gruppengesprächen

Als Seelsorger weiß man nie, wer anruft. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / IlluPics

Um solche schweren Themen zu verarbeiten, können alle Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger an Gruppengesprächen teilnehmen. Bei der sogenannten Supervision können Themen, die die Ehrenamtlichen belastet haben, besprochen werden. Meist hätte das aber mit einem selbst zu tun, sagt Hänel. "Wie ich reagiere, ist meine Geschichte. Das muss nicht die Geschichte des Anrufers sein." Auch nach 16 Jahren findet Hänel ihr Ehrenamt alles andere als langweilig:

Das ist ja eine wahnsinnig spannende Sache: Es klingelt, ich weiß nicht, wer am Telefon ist, was auf mich zukommt. Und ich sage: 'Guten Tag, hier ist die Telefonseelsorge Halle' – und schon ist eine Ebene da.

Ulrike Hänel, Telefonseelsorgerin

Dank der Anrufenden als "Streicheleinheit für die Seele"

Die Telefone der Seelsorge sind rund um die Uhr besetzt. Nachts dauert die Schicht neun Stunden. Ulrike Hänel macht lieber die Tagschicht, die nur drei Stunden geht. Maximal eine halbe Stunde spricht sie mit einem Anrufenden am Stück. "Die Themen wiederholen sich sonst", sagt die erfahrene Seelsorgerin. Neben all den schweren Themen gebe es auch besondere Höhepunkte.

Wenn sich jemand bei uns bedankt, dann sind das für uns die Streicheleinheiten für die Seele.

Ulrike Hänel fühlt sich wohl im Seelsorge-Team

Einmal habe jemand nur angerufen, um sich zu bedanken, weil die Telefonseelsorge ihn über die vergangenen Jahre gebracht habe, sagt Ulrike Hänel. Ihre Augen leuchten wieder.

Mehr über die Telefonseelsorge in HalleDie Telefonseelsorge in Halle sucht neue Ehrenamtliche. Bewerbungen sind bis Ende August auf der Webseite der Telefonseelsorge möglich. Etwa 12 Stunden im Monat sind erwünscht. Die Nachtschicht dauert neun Stunden am Stück, die Tagschicht drei Stunden.

Bei der Telefonseelsorge in Halle arbeiten derzeit rund 80 Männer und Frauen im Alter von unter 30 bis über 80 Jahren.

Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die AutorinPaula Kautz arbeitet seit Sommer 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT für den Hörfunk. Hauptsächlich ist sie in der Nachrichten-Redaktion und auch für das Regionalstudio in Halle tätig. Bevor die gebürtige Hallenserin zum MDR kam, machte sie Abstecher nach Barcelona und in das Allgäu.

Während ihres Journalistik-Studiums an der Universität Leipzig arbeitete sie für das Lokalradio mephisto 97.6 und absolvierte unter anderem Praktika bei der Deutschen Presseagentur und dem MDR. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt ist das Bodetal im Harz.

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MDR (Paula Kautz)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 27. Juni 2022 | 15:00 Uhr

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