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Die Theologischen Tage finden in diesem Jahr in den Frankeschen Stiftungen in Halle sowie online statt. Bildrechte: MDR/Joachim Blobel

KlimawandelTheologische Tage in Halle: Wer rettet die Welt?

von Sarah-Maria Köpf, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 20. Januar 2022, 18:19 Uhr

Nicht nur die Naturwissenschaft beschäftigt sich aktuell viel mit dem Klimawandel und seinen Auswirkungen. Auch in der Theologie sind die Folgen für unsere Umwelt ein Thema. Eine Konferenz in Halle hat sich nun der Frage gewidmet, welche Veränderungen angegangen werden müssen und welchen Beitrag Kirchen und die christliche Gemeinschaft leisten können.

Auf der Welt leben mehr als acht Millionen Arten von Lebewesen – eine genaue Zahl lässt sich nicht festschreiben. Trotzdem wissen wir: Ein Teil von ihnen wird in der nahen Zukunft aussterben. Der Klimawandel ist schuld. Doch nicht nur die Pflanzen- und Tierwelt ist bedroht, auch die Lebensgrundlage vieler Menschen könnte in Gefahr sein, wenn es in der Gesellschaft nicht zu grundlegenden Veränderungen kommt. Wer also wird am Ende die Welt retten?

Diese Frage stand bei den Theologischen Tagen, die am Mittwoch und Donnerstag an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) stattgefunden haben, im Fokus. In einer Reihe von Vorträgen, Seminaren und Workshops wurden verschiedene Aspekte des Klimawandels und der Schöpfung betrachtet – aufgrund der Pandemie sowohl online als auch vor Ort in den Frankeschen Stiftungen.

Schöpfungstheologie 2.0

Geht man nach der Schöpfungstheologie, wie sie im neuen Testament geschrieben steht, dann wäre es an Gott, die Welt zu retten. "Die Welt und die Geschöpfe in ihr bedürfen der Erhaltung durch den, der alles geschaffen hat", sagt Jörg Ullrich, Professor für Theologie an der Uni Halle, in seinem Vortrag. Trotzdem bringe die Klimakrise diese Auffassung ins Wanken. In einer Schöpfungstheologie 2.0 ist deshalb der Mensch selbst zur Bewahrung der Schöpfung aufgerufen.

Eine große, fast unlösbare Aufgabe, findet Jörg Dierken, ebenfalls Professor für Theologie an Uni Halle. Der vom Menschen verursachte Klimawandel sei eine neue Realität mit gravierenden Konsequenzen, denen wir uns stellen müssten. Ethisch richtig sei es, die Perspektive dabei auf die Zukunft zu richten und nicht nur an die eigene Generation zu denken, sondern Verantwortung zu übernehmen.

Gleichzeitig betont Dierken aber auch, dass es bei den Maßnahmen zum Klimaschutz zwingend eine Teilhabe der Menschen geben müsse. Klimaschutz dürfe kein Projekt der Besserverdienenden sein. Wie in der Schöpfungstheologie sei auch beim Klimawandel alles miteinander verwoben. Bewahrung der Schöpfung bedeute auch, mit Ambivalenzen leben zu lernen, Interessen aufeinander abzustimmen und Kompromisse zu finden, so Dierken.

Klimawandel und Biodiversität

Einige der Vorträge fanden im Freylinghausen-Saal in den Frankischen Stiftungen statt. Bildrechte: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Warum ein Handeln dringend notwenig ist, zeigt Helge Bruelheide, Professor für Geobotanik an der MLU, am Beispiel des Artensterbens. Das werde in Zukunft ein hohes Ausmaß annehmen. Am stärksten betroffen seien Amphibien. Aber auch Pflanzenarten seien seit 1960 um 70 Prozent zurückgegangen, so Bruelheide. Dabei ist eine biologischen Vielfalt wichtig für die Funktion unseres Ökosystems.

Die Forschung zu den Arten beginnt aufgrund der neuen technischen Innovationen eigentlich erst. Wissenschaftler müssen dafür versteckte Orte erkunden und das ist ohne Hilfsmittel oft nicht möglich. Im Leipziger Auwald wird dafür zum Beispiel ein spezieller Kran genutzt.

Manche Lebensräume würden sich in Zukunft weiter verändern, so Bruelheide. Andere, wie etwa das Hochmoor in Deutschland, würden verloren gehen, weil sie den Klimaänderungen nicht folgen könnten. Es gebe viele verfehlte Ziele, sagt Bruelheide. Aber es seien auch viele Lösungen vorhanden, wie etwa eine neue nachhaltigere Landnutzung. Doch das brauche Zeit und Innovationen.

Ministerpräsident Haseloff fordert Innovationen und Nachhaltigkeit

Ministerpräsident Reiner Haseloff eröffnet die Theologischen Tage. Bildrechte: dpa

Innovationen fordert auch Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), der die Tagung eröffnete. Auch in Zeiten der Pandemie dürften die Klimaziele nicht aus den Augen verloren werden. Dafür bräuchte es die richtigen Rahmenbedingungen, etwa bei Genehmigungen von neuen Techniken und Verfahren. So fehle es zum Beispiel auch immer noch an der richtigen Infrastruktur für Elektromobilität. Hinzu kämen die hohen Kosten für den Endverbraucher.

Mehr Elektroautos bedeuteten auch einen höheren Stromverbrauch. Mit der Energiewende werde man deshalb an Stromimporten nicht vorbeikommen, betonte Haseloff. Andere Länder werden jedoch auch weiterhin auf Atomstrom setzen, was zu ethischen Diskussionen führen könnte. "Wir als Christen sollten uns hüten, den anderen immer den Zeigefinger hinzuhalten. Wir brauchen sie als Partner und Unterstützer", so der Ministerpräsident. Der Klimawandel fordere zum Handeln auf, doch man müsse auch Demut aufbringen, was die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten und die Vergeblichkeit anbelange. Hier sei der christliche Glaube wichtig.

Wir haben Hoffnung, dass es gut werden wird und so schaffen wir es, die tagesaktuellen Probleme zu lösen.

Reiner Haseloff, Ministerpräsident Sachsen-Anhalt

Wer rettet nun die Welt?

Auf die Frage, wer die Welt nun retten kann, finden die Redner ganz unterschiedliche Antworten. Haseloff betont, dass der Kampf gegen den Klimawandel im Einklang mit den Bürgern geführt werden sollte und spricht sich gegen harte Eingriffe seitens der Politik aus.

Auch Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung ist der Meinung, dass es falsch sei, die Verantwortung auf den Einzelnen zu legen. Gleich mehrere Antworten findet Petra Dobner, Professorin für Politikwissenschaft an der MLU. Die Negativste sei, dass niemand die Welt retten werde. Die Realistischste, dass wir selbst vielleicht wenigstens ein Stück davon retten könnten. Nach der Schöpfungstheologie sind die Menschen jedenfalls zum gemeinsamen Handeln aufgerufen. "Klimaschutz ist eine Aufgabe des Menschen", meint auch Jörg Dierken.

Die Vorträge der Tagung gibt es auf dem YouTube-Kanal der Uni Halle zum Nachschauen. Die Theologischen Tage finden jährlich in Zusammenarbeit der Theologischen Fakultät der MLU, der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und der Evangelischen Landeskirche Anhalts statt.

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MDR (Sarah-Maria Köpf)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT | 19. Januar 2022 | 09:30 Uhr

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