Justizministerium will Fall prüfen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Tod des "Spur der Steine"-Autoren Erik Neutsch

Acht Jahre nach dem Tod des "Spur der Steine"-Autoren Erik Neutsch hat die oberste Justizbehörde Sachsen-Anhalts den Fall noch einmal aufgegriffen. Im Endeffekt könnte der Generalstaatsanwalt aufgefordert werden, neu über ein Ermittlungsverfahren entscheiden zu müssen.

Erik Neutsch an seinem Arbeitsplatz.
Erik Neutsch war einer der meistgelesenen Schriftsteller der DDR. Geboren 1931 in Schönebeck starb er 2013 in Halle. Bildrechte: MDR/Brode

Acht Jahre nach dem Tod des "Spur der Steine"-Autoren Erik Neutsch hat die oberste Justizbehörde Sachsen-Anhalts den Fall noch einmal aufgegriffen. "Im Justizministerium wird gegenwärtig eine sachliche Dienstaufsichtsbeschwerde gegen eine Entscheidung des Generalstaatsanwalts geprüft, der im Jahr 2013 ein Todesermittlungsverfahren eingestellt hatte, nachdem sich nach dortiger Einschätzung vor acht Jahren keine hinreichenden Anhaltspunkte für einen fremdverschuldeten Tod des Erik Neutsch ergeben hatten", sagte ein Sprecher des Ministeriums dem MDR. Bei Erfolg der Dienstaufsichtsbeschwerde könnte der Generalstaatsanwalt aufgefordert werden, neu über die Notwendigkeit eines Ermittlungsverfahrens zu entscheiden.

Erik Neutsch war Schriftsteller und Journalist. Geboren 1931 in Schönebeck in Sachsen-Anhalt, starb er am 20. August 2013 in Halle. Sein wohl bekanntester Roman "Spur der Steine" erschien im Jahr 1964 und hatte eine Auflage von 500.000 Büchern. Die Verfilmung mit Manfred Krug 1966 wurde drei Tage nach Uraufführung wegen antisozialistischer Tendenzen aus dem Verkehr gezogen. Vom Romanzyklus "Der Friede im Osten", wurden fünf Bücher veröffentlicht, sechs hatte Neutsch ursprünglich vorgesehen. Das fünfte und damit letzte Buch der Reihe "Plebejers Unzeit oder Spiel zu dritt. Unvollendet" erschien 2014, ein Jahr nach seinem Tod. Ermittlungen wegen Zweifel am natürlichen Tod des Schriftstellers waren damals mangels Beweisen für ein Tötungsdelikt eingestellt worden.

Brief an Generalstaatsanwaltschaft veröffentlicht

Die Töchter des Autors hatten im August ein Schreiben an die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg im Internet veröffentlicht. "Wie von uns angekündigt, gehen wir nun einen anderen Weg, da der Rechtsweg für jedermann offensichtlich versagt", heißt es in einem Eintrag auf einer Webseite von Marita Neutsch, der zu dem Schreiben führt. In diesem werfen sie den Ermittlern Nachlässigkeit vor, machen auf mutmaßliche Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem Todesfall aufmerksam und zweifeln offen an einer natürlichen Ursache des Todes ihres Vaters. Neutsch soll nach Meinung seiner Töchter aufgrund von Offenlegungen in einem bis dahin noch unveröffentlichten Buch umgebracht worden sein. Dabei handele es sich um das fünfte Buch der Reihe "Friede im Osten".

Schriftsteller Erik Neutsch, erholt sich waehrend einer Arbeitspause im Garten seines Hauses.
Der Schriftsteller Erik Neutsch während einer Arbeitspause im Garten in Halle. Bildrechte: imago/Harald Lange

Das Original-Manuskript mit den Offenbarungen soll sich auf dem Computer des Schriftstellers befunden haben und teilweise gelöscht worden sein. "Entgegen Ihrer Behauptung, der Computer mit den Manuskripten hätte nicht beschlagnahmt werden müssen stellen wir fest, daß (sic) durch diese Unterlassung das wesentliche Motiv zur Tötung vertuscht wird. Das Buch wurde durch Motivierte im Februar 2014 verändert und abschließend herausgebracht; gegen den Willen unseres Vaters, der darin erst sein fünftes und vorletztes Buch seiner Reihe "Friede im Osten" sah. Wir versichern an Eides statt, dass unser Vater dieses letzte und fünfte Buch mit den belastenden Inhalten bereits fertig hatte. Er wurde dadurch zur Gefahr und beseitigt."

Marita Neutsch war bereits unmittelbar nach dem Tod ihres Vaters am 20. August 2013 von einer unnatürlichen Todesursache ausgegangen und hatte Anzeige erstattet. Als Motiv vermutet sie bis heute den Schluss des jüngsten Roman-Manuskriptes, der kurz vor seinem Tod verloren gegangen war. "Kurz vor seinem Tod waren die letzten Seiten weg. Das ist der Teil, wo er die Klatsche verteilen wollte", sagt sie dem MDR mit Blick auf die Kulturpolitik der DDR. In ihrem Buch über ihren Vater schreibt sie von zehn fehlenden Seiten. "Er wollte der Linken eine Klatsche geben." In der DDR habe man einige seiner Bücher verbieten oder nicht mehr drucken können. "Und jetzt konnte man ihn nur mundtot machen. Es gibt ein wirkliches Interesse, dass dieses Buch nicht erscheinen durfte."

In ihrem im Netz veröffentlichten Schreiben kritisieren die Töchter zudem fehlerhafte Einträge in der Ermittlungsakte, eine manipulative Befragung einer Tochter bezüglich einer Autopsie des Toten und weisen auf Verletzungen hin, die ihrer Ansicht nach nicht durch Wiederbelebungsversuche entstanden sein können. So sei eine der Töchter, Corinna Schmidt, erst auf den schlechten Gesundheitszustand ihres Vaters hingewiesen und danach gefragt worden, ob sie Interesse an einer Obduktion habe. Zu diesem Zeitpunkt habe diese aber bereits stattgefunden.

Ein Vorwurf: Brüche falsch interpretiert

Außerdem beklagen sie Unklarheiten bezüglich Fundort und Verletzungen an der Leiche ihres Vaters wie einen Querbruch des Brustbeines, Rippenbrüche beidseits und einen Bruch des linken Schildknorpelhorns, also am Kehlkopf. Diese treten nach Einschätzung der Familie aber nicht auf, wenn Notärzte entsprechende Geräte verwenden. Ein Widerspruch, den die Generalstaatsanwaltschaft nicht aufkläre, beklagen sie in dem Schreiben.

Ermittler weisen Vorwürfe zurück

Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg weist die Vorwürfe zurück. "Zureichende beweisverwertbare Anhaltspunkte für ein Tötungsdelikt oder eine irgendgeartete anderweitige strafbewehrte Todesverursachung durch Dritte liegen nach Auffassung der Staatsanwaltschaft Halle und der Generalstaatsanwaltschaft des Landes Sachsen-Anhalt nicht vor", teilte ein Sprecher dem MDR mit.

"Nach den Angaben der Notärztin handelte es sich bei dem Ableben des Erik Willi Neutsch am 20.08.2013 um einen natürlichen Tod. Zum selben Ergebnis sind die hinzugezogenen Rechtsmediziner des Universitätsklinikums Halle gelangt. Diese haben im Oktober 2013 einen krankheitsbedingten Tod festgestellt und konnten keine todesursächlichen Verletzungen ausmachen." Obwohl der Fall nicht einfach noch einmal neu aufgerollt werden kann, habe die Behörde das Schreiben nach Anfragen des MDR dem Justizministerium zur Prüfung vorgelegt.

Tatsächlich können die im Obduktionsbericht belegten Brüche auch bei Reanimationen auch durch Notärzte entstehen, wie eine Nachfrage des MDR bei der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig ergibt. So gebe es einen besonderen Griff bei der Wiederbelebung, durch den auch Schildknorpelverletzungen nicht auszuschließen seien, sagte einer der Leipziger Rechtsmediziner. Dass es sich bei den Brüchen um Reanimationsverletzungen handle, darauf deuten dem Mediziner zufolge auch die von der Rechtsmedizin in Halle beschriebenen geringen Blutungen hin – bei gesunden Menschen hätten Verletzungen wie diese zu deutlich stärkeren Blutungen geführt. 

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3 Kommentare

Lese vor 33 Wochen

Sachsen-Anhalt gab es, als Neutsch geboren wurde, noch nicht. Stört solch ahistorische Darstellung niemanden? Und eine Formulierung wie die von den „antisozialistischen Tendenzen“ sollte als Zitat gekennzeichnet werden, denn das war die Sprache der SED-Oberen, die den Film und den Roman aus dem Verkehr zogen. Weder Autor noch Werk waren „antisozialistisch“, im Gegenteil.

heavyworker vor 33 Wochen

Wenn Anhaltspunkte offensichtlich existieren, die Zweifel an einem natürlichen Tod erhärten, sollte dem nachgegangen werden. Umso mehr, wenn unliebsame Texte oder Dokumente "verschwinden".

Thommi Tulpe vor 33 Wochen

Will man vielleicht einen sicher eingebrochenen Buchverkauf seitens der Familie des Autors wieder "ankurbeln"?
Meine Frage ist zugegeben spekulativ - genauso wie die Vorwürfe der Familie dieses Herrn Neutsch.

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