Ein Jahr nach dem rechtsextremen Attentat Kaum sichtbare Kleinigkeiten: Was sich in Halle nach dem Anschlag verändert hat

Abseits des Marktes erinnert ein Jahr nach dem Anschlag von Halle nur noch wenig in der Stadt an die Tat. Und doch hat sich etwas verändert, glauben Beobachter. Die Stadtgesellschaft reagiert sensibler auf rechtsextreme Einflüsse. Um dauerhaft etwas zu verändern, reicht das aber noch nicht.

Gedenken an Anschlag in Halle
Eine Freiluft-Ausstellung ist Teil der Gedenkaktionen rund um den Jahrestag des Anschlags. Bildrechte: MDR/ O. Leiste

Nein, lange muss man nicht suchen, um an den rechtsextremen Anschlag in Halle vor einem Jahr erinnert zu werden. Auf dem Marktplatz, dort wo in den Tagen nach dem Attentat Blumen und Kerzen standen, wo Tausende trauerten, kommt man an dem Thema nicht vorbei. Die Verkaufsstände, die sonst wegen der Corona-Pandemie auf der ganzen Fläche verteilt sind, müssen derzeit mit etwas weniger Platz auskommen. 

Die andere Hälfte des Marktes ist für eine Gedenkaktion reserviert. Auf riesigen Aufstellern in Buchform sind allgemeine Menschenrechte gedruckt. Etwa: "Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit". Auf anderen sind Erinnerungen und Gedanken von Menschen an den 9. Oktober 2019 zu lesen. "Wo haben Sie den Tag des Anschlags erlebt?" steht auf dem Boden an der Stelle, wo die Kerzen standen. Die Stadt gibt sich große Mühe, würdig an eine der schwärzesten Stunden ihrer Geschichte zu erinnern. Doch in den Tagen vor dem offiziellen Gedenktag bleiben nur vereinzelt Leute stehen, um sich die Aufsteller anzusehen.

Paulusviertel: Wenig erinnert an den 9. Oktober

Im Paulusviertel, wo die beiden Haupt-Tatorte liegen und wo zwei Menschen während des Anschlags getötet wurden, muss man dagegen schon genauer hinsehen, um etwas zu finden, was an die Ereignisse vor einem Jahr erinnert. An die Tür einer Bank ist eine kleine Regenbogenfahne gedruckt. Und im Schaufenster einer Buchhandlung liegt "Das Buch vom Antirassismus" ganz vorne.

Wenn rechte Einschläge da sind, muss die Stadtgesellschaft aufstehen und dagegen vorgehen. Und man muss deutlich machen, dass man so etwas nicht haben will. Jeder einzelne muss handeln.

Bernd Wiegand, Oberbürgermeister

Auffällige Polizeipräsenz

Am auffälligsten sei die ständige Polizeipräsenz vor der Synagoge, erzählen mehrere Anwohnerinnen und Anwohner. Sonst habe sich eigentlich nicht viel geändert, glauben sie. Doch auf den zweiten Blick findet sich doch noch etwas mehr. In einem Café nahe der Synagoge liegen Flyer für den Gedenktag aus. "Immer wieder nehmen Leute die Zettel mit und ich höre auch, wie sich über das Thema unterhalten wird", sagt die Verkäuferin.

Auch bei einem vegetarischen Imbiss, der sich etwa in der Mitte der Ludwig-Wucherer-Straße befindet, werden die Flyer verteilt. Im Schaufenster hängt zudem ein Plakat, das auf Veranstaltungen rund um den Gedenktag aufmerksam macht. "Raum der Erinnerung und der Solidarität" heißt es da.

Gedenken an Anschlag in Halle
Im Paulusviertel findet man nur wenige Hinweise auf den Gedenktag. Bildrechte: MDR/ O. Leiste

Verkäufer: "Von der Politik kam ja auch nichts"

Doch warum ist davon in den Geschäften entlang der LuWu, wie die Straße in Halle genannt wird, nicht mehr zu sehen? "Viele stehen mit ihren Läden nicht unbedingt für bestimmte Werte ein", glaubt der Verkäufer. Bei dem Imbiss sei das anders – was auch am linken Klientel liege.

Dennoch will er den Menschen nicht verübeln, dass die Erinnerungen an den Anschlag längst wieder dem Alltag gewichen sind. "Von Seiten der Politik kam ja, außer ein paar schönen Reden, auch nichts. Und die allermeisten hat die Tat ja doch nicht betroffen", sagt er. "Doch der Anschlag hat eben auch gezeigt, dass es plötzlich jeden treffen kann. Auch wenn er oder sie eigentlich gar nicht das Ziel einer solchen Tat ist."

Religionen gehen aufeinander zu

Abseits des Marktes sieht man in Halle also wenig, was die Erinnerungen an den Anschlag vom 9. Oktober 2019 wach hält. Und dennoch ist etwas passiert, was sich für außenstehende Beobachter nur schwer greifen lässt, hat etwa Christoph Eichert, der Pfarrer der Pauluskirche beobachtet. Das Gotteshaus liegt in Sichtweite der Synagoge und nur wenige hundert Meter vom Kiez-Döner entfernt im Zentrum des Viertels. Am Tag nach dem Anschlag versammelten sich hier gut 1.000 Menschen, um gemeinsam zu gedenken. "Es lagen Stille und Lähmung über der Stadt. Aber es gab auch eine große Solidarität. Man war gemeinsam verstört", sagt Eichert. 

Der Anschlag habe wie ein Makel über der Stadt gelegen und es bestand eine große Sehnsucht nach Normalität, glaubt der Pfarrer. Gleichzeitig seien sich die Menschen in den vergangenen Monaten näher gekommen, hat er festgestellt. "Ich denke und hoffe, dass eine größere Sensibilität für Ausländerfeindlichkeit, Judenfeindlichkeit oder extrem rechtes Gedankengut da ist. Es ist klar geworden, dass man aufpassen und dem entgegentreten muss. Insgesamt denke ich, dass dieses Gefühl stärker geworden ist."

Dafür nennt Eichert ein Beispiel: "Es gibt in Halle einen christlich-muslimischen Gesprächskreis. Muslime wollten sich an die jüdische Gemeinde wenden und Solidarität und Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Deswegen wurde ein Brief geschrieben. Die jüdische Gemeinschaft hat darauf geantwortet. So ist eine Verbundenheit entstanden. Ich kann mir vorstellen, dass diese Kontakte intensiver werden." Auch die Konfirmandinnen und Konfirmanden der Kirche sollen die Synagoge besuchen, sobald es die Corona-Beschränkungen erlauben. So soll langfristig ein Austausch zwischen den Religionen in der Stadt entstehen. "Wir sind Geschwister im Glauben. Deswegen würde es mich freuen, wenn das intensiver wird", sagt Christoph Eichert.

Bernd Wiegand: "Stadtgesellschaft ist achtsamer geworden"

Die Folgen des Anschlags werden in Halle noch lange spürbar sein, ist sich Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand sicher: "Das ist eine große Wunde, die uns in der Stadtgeschichte wahrscheinlich für immer begleiten wird." Er glaubt, dass die Stadtgesellschaft auch außerhalb der Religionsgruppen achtsamer geworden sei und bei rechten Tendenzen eher reagiert als bisher. Als Beispiel nennt er das Hausprojekt der Identitären Bewegung, unweit der Universität. "Die Bewegung wurde durch eine Vielzahl von Veranstaltungen aus der Stadt herausgedrängt. Das war ein großer Erfolg für die Stadtgesellschaft", betont Wiegand. Zugleich lobt er das Engagement der Initiative "Halle gegen Rechts", die sich in Halle mit einer Vielzahl von Veranstaltungen gegen rechtsextreme Tendenzen positioniert.

Das allein reicht jedoch noch nicht, betont der Sprecher der Initiative, Valentin Hacken: "Es macht einen elementaren Unterschied, ob Rechte erleben, das sie Gegenwehr bekommen oder ob man sie machen lässt. Denn immer wenn man sie machen lässt, gehen sie davon aus, dass hinter ihnen noch mehr stehen. Deswegen ist jeder noch so kleine Widerspruch im Alltag wichtig. Und deshalb ist es auch so wichtig, sich damit zu beschäftigen, was in der eigenen Stadt passiert." Man müsse potenziellen Tätern klar machen, dass diese keinerlei Rückhalt in der Gesellschaft haben.

Bernd Wiegand
Bernd Wiegand will beim Kampf gegen Rechtsextremismus in Halle vorangehen. Bildrechte: imago/VIADATA

Initiative "Halle gegen Rechts": "Brauchen ständigen Widerspruch"

Fragt man Hacken nach den Veränderungen seit dem Anschlag, stimmt er den Beobachtungen Wiegands durchaus zu: "Menschen sagen, das war der Moment, in dem uns klar geworden ist, dass die extreme Rechte wirklich gefährlich ist. Und das wir deswegen was tun müssen – auch in dieser Stadt. Nicht in der Auseinandersetzung mit konkreten Attentätern. Aber viele Menschen haben erkannt, dass sie zumindest ihre kleinen Spielräume nutzen müssen – und sei es im Bekanntenkreis." 

Wichtig sei es, den Widerspruch gegen Rechtsextreme nicht einmalig, sondern wieder und wieder zu formulieren, fordert Hacken. Nur so könne sich tatsächlich etwas verändern. Oberbürgermeister Wiegand will dabei künftig voran gehen. "Wenn rechte Einschläge da sind, muss die Stadtgesellschaft aufstehen und dagegen vorgehen. Und man muss deutlich machen, das man so etwas nicht haben will. Jeder einzelne muss handeln. Das versuche ich als OB vorzuleben" sagt er. 

Große Worte, die es mit Leben zu füllen gilt. Auch nach dem 9. Oktober 2020, wenn die Schilder vom Marktplatz wieder verschwunden sind und in der Stadt noch weniger offensichtlich und plakativ an den Anschlag erinnert.

Die Gedenkfeierlichkeiten im TV

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN Fr, 09.10.2020 17:00 18:00

MDR extra: Gedenken in Halle

MDR extra: Gedenken in Halle

Ein Jahr nach dem Terroranschlag

Moderation: Wiebke Binder

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  • 16:9 Format
  • HD-Qualität
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  • VideoOnDemand

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR UM VIER | 07. Oktober 2020 | 16:00 Uhr

4 Kommentare

Eulenspiegel vor 26 Wochen

Hallo 1231
Ganz klar gesagt:
Zivilcourage zeigen und sich gegen Hass und Hetze wenden. Sich einsetzen für Menschenrechte und Religionsfreiheit und Toleranz das hat nun wirklich nichts mit FDJ oder links zu tun. Ehre das Gegenteil. Der typische Bundesbürger ist weder rechts noch links.
Aber dazu müsste man erst ein mal differenzieren können.

harzer vor 26 Wochen

Wer Ist den ein Rechter? Wer eine andere Meinung hat! Mir ist es egal, ich sage meine Meinung, wenn ich in recht bin!! Ich kann mich nicht mit Linken anfreunden. 40 Jahre DDR haben gereicht, sie sitzen wieder in BT und haben ihre Gesinnung immer noch in Kopf!

ossi1231 vor 26 Wochen

Damals FDJ und aktuell "Zivilcourage" gemeinsam mit den führenden Parteigenossen.

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