Erstes Deutschland-Spiel Wie eine Kneipe in Halle um WM-Stimmung ringt

MDR AKTUELL Mitarbeiter Felix Fahnert
Bildrechte: MDR/punctum.Fotografie/Alexander Schmidt

Das erste WM-Spiel der deutschen Mannschaft stand für die Kneipenszene unter keinen guten Vorzeichen: Umstrittenes Turnier, ungünstige Anstoßzeit, kaum Fokus auf den Sport. Im "Lessing" in Halle will man mit der WM in Katar dennoch viele Gäste anlocken. Ein Besuch vor Ort.

Dirk Willeke Inhaber der Bar "Lessing" in Halle
Inhaber Dirk Willeke hat im "Lessing" in Halle am Mittwoch beim Spiel der deutschen Mannschaft selbst mitgefiebert. Bildrechte: MDR/Felix Fahnert

Bar "Lessing" Halle Außenbereich
Im Außenbereich des "Lessing" gibt es auch Glühwein und Gegrilltes – so sollen am Nachmittag und Abend noch mehr Gäste kommen. Bildrechte: MDR/Felix Fahnert

Dass das mit der WM-Stimmung in diesem Jahr ein bisschen anders ist, daraus macht der allererste Gast an diesem Mittwoch im "Lessing" keinen Hehl. "Es ist nicht vergleichbar mit früheren Turnieren", sagt der 53-Jährige. Und das nicht nur wegen der politischen Diskussionen: Skeptisch sei er gewesen, ob denn das Bier schon schmeckt gegen 14 Uhr, erzählt der Hallenser. Diese ganz praktische Frage ist zum Glück schnell geklärt – es schmeckt, weshalb er auch ein zweites bestellt.

Inhaber Willeke: Sport sollte im Vordergrund stehen

Doch die Bar an der Ludwig-Wucherer-Straße in Halle hat es heute besonders gut gemeint mit ihren Gästen. "Es gibt sogar einen Begrüßungsschnaps – um diese Uhrzeit!", sagt der 53-Jährige. Weil es das erste Deutschland-Spiel der WM ist, wird auch der mit etwas Zögern getrunken. Als dann kurz nach halb drei auch noch das 1:0 für die deutsche Mannschaft fällt und "Joooo!"-Rufe sowie geballte Fäuste die Runde machen, erinnert es im "Lessing" fast ein wenig an normale WM-Stimmung.

Das Politische hat hier nichts zu suchen.

Dirk Willeke | Inhaber "Lessing"

Doch normal ist an diesem Turnier in Katar bekanntlich nicht viel, und das hat wohl am wenigsten mit den Anstoßzeiten zu tun. Die Diskussion um Menschenrechtsverletzungen vor Ort, um Diskriminierung, Korruption und zuletzt um verbotene Armbinden haben längst die Berichterstattung dominiert. Dirk Willeke, Inhaber des "Lessing" und von zwei weiteren Lokalen in Halle, stört das. "Das Politische hat hier nichts zu suchen", sagt Willeke.

Freundeskreis entscheidet sich gegen WM

Viel zu wenig gehe es bei dieser WM um den Sport, viel zu negativ sei im Vorfeld berichtet worden, findet der Inhaber. Die Folge: Nur gut eine Handvoll Gäste sind zum ersten Deutschland-Spiel ins "Lessing" gekommen. Willeke geht es um den Fußball – und das "Lessing" sei nunmal auch eine Sportbar. Auf die WM verzichten? Das kommt für das Lokal und für ihn selbst gar nicht infrage. Der Inhaber fiebert deshalb am Mittwoch lautstark mit der deutschen Elf mit.

Johann Georgi Bar "Lessing" in Halle
Johann Georgi zapft im "Lessing" das Bier. Bildrechte: MDR/Felix Fahnert

Das Bier für die Gäste zapft währenddessen Johann Georgi – und auch er weiß um die Besonderheit der WM. "Beim letzten Mal hätte ich viele Freunde noch überreden können, zu kommen", sagt der 27-Jährige. Dieses Mal aber hätten sich viele in seinem Bekanntenkreis bewusst gegen die Fußball-WM entschieden. Georgi hofft dennoch, dass es künftig noch mehr Menschen ins "Lessing" zieht – am besten hierfür wäre natürlich ein Auftaktsieg der Deutschen gegen Japan.

Keine WM-Atmosphäre in Halles Innenstadt

WM-Spiel Deutschland Japan - Sternstraße in Halle
Ein Public-Viewing-Hotspot zur WM, am Mittwoch verwaist: Die Sternstraße in Halle eine halbe Stunde vor Anpfiff Bildrechte: MDR/Felix Fahnert

Doch Public Viewing und Fanmassen wegen eines deutschen WM-Spiels sucht man an diesem Mittwoch in Halles Innenstadt vergebens. Auch in der Sternstraße, wo zu frühreren Turnieren hunderte Menschen in die Kneipen drängten und lautstark Stimmung verbreiteten, herrscht eine halbe Stunde vor Anpfiff gähnende Leere. In der Kleinen Ulrichstraße ist am frühen Nachmittag ebenfalls nichts von einstiger WM-Atmospäre zu spüren.

Für die Bars ist es zweifellos keine WM wie in vergangenen Jahren. Einige Lokale übertragen sogar ganz bewusst keine Spiele aus Katar. "Für die Wirte tut es mir leid", sagt auch der 53-Jährige im "Lessing", einer von insgesamt sechs Gästen. Corona-Lockdowns, Inflation, Energiekrise – und dann ausgerechnet so ein umstrittenes Großereignis, das den Gastronomen kaum den erhofften Umsatz bringen kann.

"Es haben doch alle so gewollt!"

Der 53-Jährige selbst will auf das Sportliche der Fußball-WM nicht verzichten – zumal der große Aufschrei ohnehin viel zu spät komme, findet er. "Es haben doch alle so gewollt", sagt der Mann zur lange zurückliegenden Vergabe an Katar. Schon damals hätte ein Großteil der Länder den Boykott erklären sollen, meint er. Nun sei Protest nicht viel wert – und es sei auch in Ordnung, die Spiele anzuschauen. Ganz so wichtig wie frühere Turniere sei es ihm diesmal allerdings nicht. "Ich würde nicht extra frei machen für diese WM", sagt der Hallenser.

Sein Tipp eines 3:0-Siegs erfüllt sich am Ende nicht – Deutschland verliert mit 1:2 gegen Japan. Während der 53-Jährige deshalb ein frühes Ausscheiden der deutschen Elf befürchtet, übt sich "Lessing"-Inhaber Dirk Willeke in Optimismus. "Hauptsache Fußball!", sagt er nach Abpfiff ganz sportsmännisch. Dass die Deutschen nun nochmal die Kurve kriegen, das ist für das "Lessing" natürlich auch wirtschaftlich von Bedeutung. Sonntagabend spielt Deutschland gegen Spanien – Gegner und Anstoßzeit könnten für ein bisschen mehr WM-Stimmung also kaum attraktiver sein. Sehr zur Freude von Dirk Willeke. "Wir hoffen, dass dann die Hütte wackelt!"

MDR (Felix Fahnert)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. November 2022 | 19:00 Uhr

Mehr aus dem Raum Halle und Leipzig

Leuchtende Dinosaurierfiguren. 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr aus Sachsen-Anhalt