Gymnasium in Halle Ein Jahr vor dem Abi: "Die Elfer trifft Corona am härtesten"

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

In den Schulen Sachsen-Anhalts zieht der Alltag ein, so auch am Wolff-Gymnasium in Halle. Doch viele Probleme nach der Corona-Pause prägen den Unterricht. Besonders ein Jahrgang fürchtet nun die Konsequenzen. Eine Reportage.

Schüler und Lehrer Christian-Wolff-Gymnasium
Schule in Kleingruppen: Am Christian-Wolff-Gymnasium ist das derzeit Alltag. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Verschlafen blicken acht Schülerinnen und Schüler Richtung Tafel. Es ist 7:30 Uhr am Christian-Wolff-Gymnasium in Halle. "Ihr seht aber müde aus", begrüßt Lisa Sonar ihre Schützlinge aus der elften Klasse. Die 27-jährige Lehrerin ist gerade dabei, die Doppelstunde Sozialkunde zu beginnen. Es geht um den Föderalismus in Deutschland, die politische Bedeutung der Bundesländer also, die während der Corona-Pandemie wieder verstärkt in den Blickpunkt gerückt ist.

Schon bald entspinnt sich, der frühen Uhrzeit zum Trotz, eine muntere Diskussion. Denn bei diesem Thema können alle mitreden. Die Eindrücke zum Vorgehen der verschiedenen Bundesländer während der Coronazeit sind noch frisch. Die Meinungen darüber gehen auseinander. Und die Jugendlichen sind selbst Teil des Experimentierfelds, welches durch die Pandemie entstanden ist. Denn noch ist nicht absehbar, welche Folgen sie langfristig für die Schülerinnen und Schüler hat.

Unterricht in Kleingruppen

Das noch längst nicht alles wie vorher ist, zeigt schon die geringe Anzahl der Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer. Klassen und Kurse wurden in jeweils zwei Gruppen geteilt. In einer A-Woche kommt die jeweils erste Gruppe zur Schule, in der B-Woche die zweite. Vor den Pfingstferien waren die meisten Schülerinnen und Schüler nur sporadisch im Gymnasium in Halle-Neustadt anwesend.

Mittlerweile ist wieder eine gewisse Regelmäßigkeit eingekehrt. Auf den Bänken kleben noch gelbe Punkte. "Damit wollten wir eigentlich sicherstellen, dass die anderthalb Meter Abstand eingehalten werden", erläutert Schulleiter Andreas Slowig. Kurz nachdem die Punkte geklebt waren, wurde die Abstandsregel für Schulen gekippt.

Überschaubare Hygienemaßnahmen, "krasse" digitale Anforderungen

Ansonsten sind die Hygienemaßnahmen an der Schule überschaubar. Die Räume werden regelmäßig in den Pausen gelüftet. Im Sekretariat gibt es ein großes Behältnis mit Desinfektionsmittel, Einzelspender in den Klassenräumen sucht man weitgehend vergebens. Wenn überhaupt, läuft vieles über privates Engagement – bei zusätzlichen Hygienemaßnahmen genau wie bei der technischen Ausstattung.

Die Schüler und Schülerinnen nervt das. Wenn sie ein in Heimarbeit erstelltes Projekt im Klassenzimmer präsentieren wollen, müssen sie mitunter ihre eigene Technik mitbringen. Weil die Laptops der Schule veraltet sind. Doch W-Lan, um in einer Cloud gespeicherte Schularbeiten abzurufen, gibt es im Schulhaus ebenfalls nicht. Lehrer wie Schüler hoffen, dass die Landesregierung ihren Versprechen zur Digitalisierung bald Taten folgen lässt.

Schüler und Lehrer Christian-Wolff-Gymnasium
Die Schülerinnen und Schüler nerven Lernbedingungen im Homeoffice. Das Lachen lassen sie sich davon nicht verderben. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Und seit Beginn der Pandemie hapert es auch bei vielen zuhause an der technischen Ausstattung. "Wir verschicken Arbeitsblätter, die ausgedruckt werden müssen. Viele haben aber gar keinen Drucker", gesteht Lehrerin Sonar selbstkritisch. Viele hätten noch nicht mal ordentliche Computer oder ein eigenes Zimmer, um neben Geschwistern oder Eltern im Homeoffice in Ruhe lernen zu können. Ein Großteil der Aufgaben wird am Handy erledigt, glaubt Sonar. "So entsteht eine enorme Bildungsungerechtigkeit", sagt sie. Schülerin Anne pflichtet ihr bei. "Es ist krass, welche digitalen Anforderungen vorausgesetzt werden, um Schulaufgaben zu erfüllen."

Lehrerin: "Kleinere Gruppen sind ein Segen"

Vor diesem Hintergrund ist es für alle eine große Erleichterung, dass Schülerinnen und Schüler wieder regelmäßig im Schulhaus anwesend sind. Sonar sieht sogar einige Vorteile im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit: "Die kleinen Gruppen sind ein Segen. So kann man viel mehr auf jeden einzelnen eingehen. Und wenn statt 28 Schülerinnen und Schülern nur 14 im Klassenzimmer sitzen, kommen auch die viel öfter zu Wort, die normalerweise sehr still sind oder sich nicht trauen, sich gegen die Lautsprecher zu behaupten." Der Alltag im Schulhaus, er funktioniert wieder. Das wird beim Besuch von MDR SACHSEN-ANHALT deutlich.

Doch dann bleiben immer noch die anderen Wochen, in den die Schülerinnen und Schüler, die in dieser Woche in der Schule sitzen, wieder zuhause Aufgaben erfüllen müssen. Und dabei gibt es auch drei Monate nach Beginn der Pandemie immer noch große Probleme, sparen die Anwesenden nicht mit Kritik. Viele Aufgaben würden zu spät in die Cloud hochgeladen, moniert Hatem. Zudem gebe es gefühlt 20 verschiedene Logins, weil fast jede Lehrkraft einen unterschiedlichen Cloudraum nutze, beklagt Anne. Und sie alle sind sich einig, dass noch immer viel zu viele Aufgaben hochgeladen werden.

Jede Stunde läuft zwei Mal

Til gibt unverblümt zu: "In Englisch und Deutsch bin ich gut. Da mache ich nicht so viel. Ich konzentriere mich zuhause eher auf Fächer, in denen ich Probleme habe." Auch seine Mitschüler filtern, vieles fällt hinten runter. Ihre Lehrerin gibt zu bedenken, dass auch nicht alles im Homeoffice funktioniere. "Gedichtanalysen leben davon, dass verschiedene Interpretationsansätze diskutiert werden. Das kann keiner alleine zuhause." Um ihre Schülerinnen und Schüler zusammen zu bringen, nutzte sie das Audio-Chat-Tool Discord. Andere Lehrende greifen auf Zoom, Skype oder Twitch zurück.

Für die Schülerinnen und Schüler ist das einerseits hilfreich. Andererseits sorgt diese Unterrichtsform bei mitunter fehlenden technischen Voraussetzungen für zusätzlichen Stress. Und seit die Schulen wieder dauerhaft geöffnet haben, sind die Lehrkräfte damit beschäftigt, alle Stunden zwei Mal zu halten. Für die Betreuung derjenigen, die gerade zuhause sitzen, bleibt da nur noch wenig Zeit. Auch das kritisieren die Jugendlichen.

Die Schülerinnen und Schüler des Wolff-Gymnasiums lernen derzeit viel für ihr späteres Leben. "Mit dem Erarbeiten von Inhalten, Selbstorganisation und Zeitmanagement gleicht Schule im Homeoffice einem Studium. Die Schüler, die das gut schaffen, sind auch für die Uni gut vorbereitet", glaubt Lisa Sonar. "Aber man darf nicht vergessen, es sind eben noch längst keine Studierenden. Vor allem in den jüngeren Jahrgängen. Viele brauchen Hilfe und Anleitung."

Angst vor dem Abi im nächsten Jahr

Und bevor die Jugendlichen an die Hochschulen strömen können, müssen sie erstmal das Abitur schaffen. Das bereitet vielen der Anwesenden in dieser Sozialkundestunde Kopfzerbrechen. "Ich habe Angst", sagt Anne ganz offen. Weil sie befürchtet, dass sich die lange Schließung der Schule negativ auswirkt. "Die elfte Klasse hat das schwerste Los gezogen", sagt auch Lisa Sonar. Denn Zeit, das Ausgefallene nachzuholen, ist kaum." Beim Abiturjahrgang 2020 stand zwischenzeitlich ein Notabitur im Raum. Weil ein Großteil der relevanten Leistungen bis zum Lockdown im März längst erbracht war. Bei den Elftklässlern sieht das anders aus. Hier fehlen noch wichtige Benotungen, auch für das aktuelle Kurshalbjahr. Die Lehrenden versuchen, diese im Eilverfahren nachzuholen.

Für die Schüler bedeutet das viele Tests und Klausuren in kurzer Zeit. Zudem wird alles bewertet, was irgendwie verfügbar ist. Das sorgt nicht unbedingt für ein gutes Gefühl. "Mit dem Zeugnis aus diesem Schuljahr müssen wir uns bewerben, wenn wir im Sommer 2021 eine Ausbildung anfangen wollen", erläutert Schülerin Anne. "Wie die Noten zustande gekommen sind, fragt dann keiner mehr. Mitschüler Hatem ergänzt: "Unsere Mathelehrerin möchte, dass wir Stoff in den Sommerferien nacharbeiten. Dabei fühle ich mich aktuell komplett überfordert von der ganzen Situation."

Schüler und Lehrer Christian-Wolff-Gymnasium
Lehrerin Lisa Sonar sorgt sich, welche Konsequenzen die Corona-Pause für ihre Schüler hat. Bildrechte: MDR/ Oliver Leiste

Schulschließung wirkt lange nach

Die Schülerinnen und Schüler hoffen, dass der Unterrichtsausfall bei ihren Prüfungen im kommenden Jahr berücksichtigt wird. Auch Lehrerin Sonar sagt: "Eigentlich kann nichts geprüft werden, was im zweiten Kurshalbjahr Thema gewesen wäre." Doch ob es tatsächlich so kommt? Es wäre eine starke Abweichung von bisherigen Prüfungsstandards.

In diesem Jahr wurde etwa beim Matheabitur nicht großartig auf die coronabedingten Ausfälle Rücksicht genommen. Nun klagen viele, die Aufgaben seien zu schwer gewesen. Für das kommende Jahr befürchten die Elftklässler ähnliches. Und klar ist schon jetzt: Improvisation, Einzelentscheidungen und Insellösungen waren nicht nur Markenzeichen des Föderalismus in Zeiten von Corona. Sie werden auch den Schulalltag am Christian-Wolff-Gymnasium in Halle weit über das aktuelle Schuljahr hinaus prägen.

Oliver Leiste
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT und ist immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Zudem begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 10. Juni 2020 | 20:00 Uhr

1 Kommentar

Erichs Rache vor 43 Wochen

Kopf hoch!
Vor Euch haben es Tausende geschafft und Ihr schafft das auch. Nur Mut.

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