Flutkatastrophe Wie ein Mann aus Sangerhausen im Flutgebiet hilft

Olga Patlan im MDR-Landesfunkhaus Magdeburg
Bildrechte: Olga Patlan/Gaby Conrad

Sechs Wochen ist die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands her. Nach wie vor werden tausende helfende Hände vor Ort gebraucht. Auch aus Sachsen-Anhalt haben sich Helfer aufgemacht. Sie nutzen oft ihre Urlaubstage, um den Betroffenen zu helfen.

"Hallo! Ist hier jemand?" Steffen Erbe kommt zurück die Treppe herunter. Es ist niemand da. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht reingehen. Die Häuser können einsturzgefährdet sein", sagt Steffen. Er steht vor einem der zu Geisterhäusern gewordenen Gebäuden, von denen sich mittlerweile im Ahrtal sehr viele befinden. Häuser, die von der Flut Mitte Juli gezeichnet sind. Sofern sie überhaupt noch stehen.

Helfen in Ruinen, schlafen im Auto

Eine Frau und ein Mann in Warnwesten
Steffen Erbe und Pia Bürkle wollen helfen. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Steffen ist Fluthelfer, er packt ehrenamtlich als Sanitäter mit an: "Ich habe die Bilder auf Facebook gesehen und dachte mir, da musst du was machen." Also setzte er sich in sein Auto und fuhr 450 Kilometer von Sangerhausen nach Rheinland-Pfalz in den Kreis Ahrweiler. Dem Kreis, der so stark von der Katastrophe betroffen war, dass die Flut allein hier mehr als 140 Menschen das Leben kostete. Steffens Schlafplatz für die Tage war sein Auto. "Das geht schon irgendwie", nur kalt werde es nachts manchmal.

Es kommt mir vor, als wäre man hier im Kriegsgebiet, wenn man die Straßen so sieht und die Geschichten der Menschen hört. Auch die Nöte, die die Menschen haben. Das ist schon sehr beeindruckend – im negativen Sinne. Man kann es teilweise gar nicht richtig fassen.

Steffen Erbe, Fluthelfer

Um hierher zu kommen, hat er seine freien Tage zwischen den Schichten als Krankenpfleger am Bergmannstrost-Krankenhaus in Halle genutzt. "Morgen geht es wieder zurück. Zur Frühschicht", sagt er und grinst. Erst stundenlang im Flutgebiet zu helfen, danach rund 450 Kilometer im Auto zurücklegen, um am nächsten Tag wieder für andere da zu sein.

Hilfe beim Wiederaufbau

Vor drei Tagen ist er hier angekommen und hat sich dem "Helfer Shuttle" angeschlossen. Das ist eine private Initiative, die Menschen wie Steffen hilft, anderen zu helfen. Als Sanitäter ist er den gesamten Tag im Einsatz. Am Morgen und am Abend im Erste-Hilfe-Zelt des "Helfer Shuttles" für die abreisenden und ankommenden Helfer und Helferinnen.

Tagsüber ist er in den betroffenen Ortschaften unterwegs. Was er dort sieht, sind viele der verlassenen, teilweise einsturzgefährdeten Häuser. Was er hier aber auch sieht: Viele Helfende, Hausbesitzer und Einsatzkräfte, die auch Wochen nach der Flut immer noch mit dem Aufräumen beschäftigt sind. Aber auch Hausbesitzer und Helfer, die schon mit dem Wiederaufbau anfangen. Genau ihnen gilt es auch zu helfen.

Ein zerstörter Laden
Viele Gebäude sind einsturzgefährdet. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

In den Straßen liegt der Geruch von Feuchtigkeit in der Luft, von Staub und teilweise von Schimmel. Für die Menschen hier ist das Aufräumen ein Wettrennen gegen die Zeit. Denn erst müssen die Häuser vom Schlamm befreit und ausgeräumt werden. Dann muss der Putz runter, bevor er zu schimmeln beginnt. Dabei würden auch die meisten Verletzungen entstehen, erzählt Steffen, "Das sind meist Wunden an Händen und Füßen, die wir versorgen. Vom Aufstemmen der Wände zum Beispiel".

Auch kleine Wunden sind gefährlich

Mit seiner Kollegin Pia Bürkle geht er von Haus zu Haus, erkundigt sich und fragt nach, wer Hilfe benötigt. Oft handelt es sich um kleinere Wunden wie Blasen. Auch solch kleine Verletzungen sollten behandelt werden, erklärt Steffen. "Wir haben hier keine sterilen Verhältnisse, der Dreck ist auch teilweise kontaminiert mit Öl, Benzin, Diesel. Es ist schon wichtig, dass da keine Keime rankommen. Das kann böse enden, unter Umständen", so der Fluthelfer.

Häufig gehe es aber auch nur darum, zu zeigen, dass man da ist, dass die Menschen hier nicht vergessen wurden, dass Hilfe da ist, erzählen die beiden Sanitäter. Denn viele Ortschaften sind durch zerstörte Straßen und Brücken sowie fehlende Wasser- und Internetversorgung immer noch ein Stück weit von der Außenwelt abgeschnitten.

Großer Zusammenhalt

Eine Frau und ein Mann in Warnwesten verarzten die hand eines Helfers
Vor allem kleinere Wunden müssen versorgt werden. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Pia und Steffen sind erst seit drei Tagen ein Team, sie lernten sich im Quartier des "Helfer Shuttles" kennen. "Wir wollen alle helfen. Das ist wichtig", sagt Pia. Steffen nickt. Das ist es auch, was sie und tausende andere Helfende verbindet.

"Der Zusammenhalt ist groß. Da hilft jeder jedem und das macht auch Mut. Und auch die Dankbarkeit, die man hier kriegt, die kann man mit keinem Geld der Welt bezahlen", sagt Steffen. Und fügt hinzu: "Wenn ich wieder frei habe, werde ich definitiv wieder herkommen." Dann steigt er in den Wagen, der ihn über rüttelnde Pisten zurück zu einer weiteren Schicht im Basecamp bringt.

Olga Patlan
Bildrechte: Ansgar Schwarz

Über die Autorin Olga Patlan ist seit 2015 freie Redakteurin und Reporterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Hier arbeitet sie trimedial, jedoch hauptsächlich im Online-Bereich. Neben Online-Artikeln und Beiträgen fürs Radio und Fernsehen, betreut die Social Media-Kanäle und moderiert Interviews und Videos auf dem Facebook- und Instagram-Kanal von MDR SACHSEN-ANHALT.

Seit zehn Jahren lebt sie in Magdeburg. Hier studierte sie an der Otto-von-Guericke Universität Germanistik und Psychologie, spezialisierte sich aber bereits früh im Studium auf Medien.

Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie bei Radio SAW. In ihrer Freizeit bereist sie gern die Welt und entdeckt Neues. Daher rührt auch ihre Leidenschaft für den Beruf als Journalistin, sich immer wieder in neue Inhalte zu denken, Menschen und Inhalte darzustellen.

MDR/Max Schörm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. August 2021 | 19:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Mansfeld-Südharz, Saalekreis und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Eine Collage aus Handy mit roter Corona-Warn-Kachel, einem Gedenkstrauß und einer halbvoller Hörsaal. 1 min
Bildrechte: MDR/dpa
1 min 27.01.2022 | 18:00 Uhr

Die drei wichtigsten Themen vom 27. Januar aus Sachsen-Anhalt erfahren Sie hier kurz und knapp in nur 60 Sekunden. Präsentiert von MDR-Redakteur Jan Schmieg.

MDR S-ANHALT Do 27.01.2022 18:00Uhr 00:55 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-themen-heute-siebenundzwanzigster-januar-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video