Radikalisierung von Jugendlichen IS-Rückkehrerin Leonora: Wie ein extremes Weltbild entsteht

Am Dienstag beginnt in Halle der Prozess gegen die IS-Rückkehrerin Leonora M. aus Breitenbach bei Sangerhausen. Bundesweit wird die außergewöhnliche Geschichte der heute 22-Jährigen verfolgt: Mit gerade einmal 15 Jahren haut sie ab nach Syrien, um dort Drittfrau eines IS-Kriegers zu werden und sich dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen. Was bewegt Jugendliche zu solchen extremen Handlungen? Welche psychologischen Mechanismen veranlassen ein derart waghalsiges Verhalten?

ISIS Radikalisierung im Internet
Die Digitalisierung läuft bei der Rekrutierung radikaler Islamisten offenbar besser als an deutschen Schulen, sagt der Leiter der Beratungsstelle "Radikalisierung" des BAMF. Bildrechte: IMAGO

"Es ist komplex, wie so oft im Leben. Und Radikalisierungsprozesse laufen immer individuell ab.", erklärt Florian Endres, Leiter der Beratungsstelle "Radikalisierung" beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Allerdings lassen sich die Beweggründe bei jungen Männern und Frauen deckungsgleich identifizieren: Sinnsuche. Nun ist das sicher etwas, was Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen ansprechen kann. Ein Blick auf die Bestsellerlisten reicht, um zu sehen: Irgendwas mit Sinn und Glück verkauft sich bestens.

Wo kann ich mir Hilfe holen, wenn sich in meinem Umfeld jemand radikalisiert?

Die Beratungsstelle "Radikalisierung" im BAMF bietet seit 2012 eine telefonische Erstanlaufstelle für Ratsuchende, die befürchten, dass sich eine Person in ihrem Umfeld islamistisch radikalisiert. Die Beratungsstelle unterstützt Betroffene aus dem gesamten Bundesgebiet und ist an Werktagen von 9 bis 15 Uhr erreichbar. 

Telefon: 0911 943 43 43

Es fehlen Strategien zur Problembewältigung

Das Besondere bei sinnsuchenden Jugendlichen sei, dass die eigene Identität noch nicht so stabil ist. Das schaffe Unsicherheiten. Endres erklärt, es gebe Triggerpunkte, also Auslöser, die bei den Betroffenen "Fenster" öffneten. Erwachsene hätten da meistens andere Schutzmechanismen. Hinzu komme ein gewisser Unmut und die Jugendlichen wüssten nicht, wie sie diesem begegnen sollen. Die Strategien würden fehlen, um Probleme zu bewältigen.

Der Booster fürs Selbstbewusstsein

Dieser Cocktail aus Sinnsuche und Unmut mache empfänglich für Ideologien, die schnelle und neue Lösungen für alte Probleme versprechen. Ist dieses "Fenster" einmal offen, sei es relativ leicht für Extremismusformen aller Art, dort anzugreifen. Das Versprechen hinter den Ideologien: Sicherheit und Anerkennung. Und laut Endres gibt es schnelle Erfolge: sich selbst aufwerten und andere, wie beispielsweise Ungläubige, abwerten. Ein Booster also fürs Selbstbewusstsein. Die vermeintlichen Vorteile liegen auf der Hand: Wer auf der Suche ist, bekommt Gruppenzugehörigkeit sowie Identität geboten und für Sicherheit sorgen klare Regeln und Grenzen.

Beim islamistischen Extremismus komme bei Frauen eine gewisse Romantisierung hinzu. In den sozialen Netzwerken bezeichnen sie sich als Schwestern. Diese "Schwesternetzwerke" versicherten den Jugendlichen: Du bist die Auserwählte, wenn du einen wahrhaft gläubigen Muslim heiratest. Im Westen werde man nur auf Äußerlichkeiten reduziert, mit dem Islam könne man sich eine neue Identität aufbauen.

Der Trabi-Motor im Porsche: Gehirn entwickelt sich langsamer als der Körper

"Neben diesen psychologischen Aspekten würden auch neurologische hinzukommen.", erklärt die Neurologin und Psychiaterin Nadine Fröhlich. In der Adoleszenz, dem Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter, würde im Gehirn sehr viel neu "verschaltet" und sortiert. Zwischen 15 und 21 Jahren sei das Gehirn sehr empfindlich. Da können sich laut Nadine Fröhlich auch krankhafte Dinge entwickeln, also Störungen.

In dieser Phase spiele das Probierverhalten eine wichtige Rolle. Daher würden Dinge ausprobiert, ohne sich über die Konsequenzen klar zu sein. Hinzu komme, dass die Hirnentwicklung der körperlichen nachsteht. Das sei wie der Trabi-Motor im Porsche, vergleicht die Neurologin.

Das eigene Verhalten nicht reflektieren, diesen Fakt beobachtete auch der Journalist Volkmar Kabisch, der eine Reportage über Leonora M. gedreht hat. Jahre nach ihrem Verschwinden aus Deutschland habe M. in einem Gefangenenlager im Nordosten Syriens gesessen und den Film über ihre Geschichte geguckt. Dabei sei ihr das erste Mal wirklich bewusst geworden, was die Familie die ganze Zeit in Deutschland mitgemacht habe, erzählt Kabisch. Quasi eine Dokumentation mit therapeutischer Funktion.

Digitalisierung in der Rekrutierung offenbar besser als an deutschen Schulen

Leonora M. war 2015 nach Syrien gereist. Wie ist die Situation heute? Ist der sogenannte Islamische Staat noch aktiv bei der Akquise neuer Jugendlicher im Westen? Laut Endres verbreitet die Terrororganisation ihre Ideologien nach wie vor vor allem im Internet. Der Verfolgungsdruck durch die Sicherheitsbehörden habe kleinere Strukturen im Netz geschaffen, die sich schlechter nachverfolgen ließen. Die Szene sei im virtuellen Raum sehr aktiv, offenbar habe die Digitalisierung hier deutlich besser funktioniert als an vielen deutschen Schulen. Die Propagandamaschine laufe also weiter und in den Social-Media-Kanälen werde weiter rekrutiert, erzählt Endres.

MDR (Kathrin Köcher)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 25. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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