Porträt Was der neue Landrat André Schröder in Mansfeld-Südharz vorhat – und wie er tickt

Gero Hirschelmann
Gero Hirschelmann Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

André Schröder hat die Stichwahl um den Landratsposten in Mansfeld-Südharz deutlich gewonnen. Seine Gegenkandidatin Cathèrine Kayser (AfD) war ohne Chance. Was hat "der Neue" in der sogenannten Problemregion jetzt vor? Was ist ihm wichtig? Und kann man ihn mit Mansfelder Essen locken? Ein Porträt.

André Schröder
Sachsen-Anhalts Ex-Finanzminister André Schröder ist jetzt Landrat von Mansfeld-Südharz. Bildrechte: dpa

Kurz nach der Stichwahl um den Landratsposten in Mansfeld-Südharz ist André Schröder ganz entspannt. Klar, er freut sich sehr, seine Gegnerin Cathèrine Kayser von der AfD in der Wahl deutlich geschlagen zu haben. Doch der Blick geht schon nach vorne. Was steht zuerst an? "Viele Gespräche führen, Konsens schaffen, ein Wir-Gefühl etablieren", sind Schröders erste Gedanken dazu.

Der Politiker, der vor einigen Jahren als Kronprinz von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) gehandelt wurde (und sich nach eigener Aussage nie so fühlte), hat als Politprofi eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Das verleiht ihm eine gewisse Gelassenheit.

"Große Aufgaben? Immer her damit!", scheint sein Credo zu sein. Rückhalt geben ihm dabei seine Ehefrau und die beiden Kinder, über die er sagt: "Ohne intakte Familie wäre der Kopf nicht frei und das Herz leer." Schröder geht also mit freiem Kopf und vollem Herz an seine neue Aufgabe – wahrscheinlich nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um große Probleme zu bewältigen.

Hohe Arbeitslosigkeit in der Bergbau-Region

Immerhin ist der Landkreis Mansfeld-Südharz eine der gebeuteltsten Regionen Deutschlands. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 9,7 Prozent weit über dem Landes- und dem Bundesschnitt. Das Statistische Landesamt geht in einer aktuellen Prognose davon aus, dass die Region bis 2035 mit minus 20 Prozent die größten Bevölkerungsverluste in ganz Sachsen-Anhalt verzeichnen wird.

Der Bergbau ist schon lange tot. Industrielle Leuchttürme wie der Fahrradbauer Mifa – zwischenzeitlich Sachsenring Bike Manufaktur GmbH, mittlerweile Zweirad Union e-Mobility GmbH – schleppen sich von Insolvenz zu Insolvenz.

Schröder: Bin kein Lautsprecher für Unzufriedenheit

Und Schröder? Der zeichnet ein ganz anderes Bild des Kreises und der Region: "Reiche Geschichte, tolle Landschaft, zentrale Lage, kreative Menschen", sind die Punkte, die ihm sofort einfallen. Bedauernswert sei nur, dass diesen Apekte in der Außerdarstellung des Kreises und auch in der medialen Berichterstattung kaum eine Rolle spielten: "Von all dem hört man viel zu wenig." Im Vordergrund stünden stattdessen "Strukturschwäche und Vergangenheitsprobleme". Aus dieser Diagnose leitet er einen klaren Auftrag ab: "Aus der Wahrnehmungsfalle müssen wir raus."

Wir sind keine Problemregion, sondern ein attraktiver Standort für modernes Leben in der Mitte Deutschlands.

Landrat André Schröder über den Landkreis Mansfeld-Südharz

Was wie Wortgeklingel aus einer Imagebroschüre klingt – und als Politikprofi kann Schröder vielleicht nicht anders reden – wird im persönlichen Gespräch nachvollziehbar und als ehrliche Ansichten und Anliegen erkennbar. "Schlechte Nachrichten sind für mich Ärgernis und Ansporn zugleich", so Schröder. Er ist ein Kämpfer, obwohl er gleich einschränkt: "Als Lautsprecher für Unzufriedenheit stehe ich nicht zur Verfügung."

Steile Politkarriere bis zum Finanzminister

Es hört sich nach der allseits bekannten Sacharbeit an, wenn er sagt: "Als Landrat möchte ich zu Lösungen beitragen." Klar, was sonst? Doch wenn Schröder im Gespräch immer wieder darauf kommt, seinem Landkreis nicht nur eine bessere Zukunft, sondern auch ein neues Image verpassen zu zu wollen, wird klar: Der Mann meint es ernst.

Sonst hätte er es wahrscheinlich auch nicht so lange in der Politik ausgehalten. 20 Jahre Landtag, Staatssekretär, Fraktionsvorsitzender und schließlich Finanzminister von Sachsen-Anhalt: Schröder ist mit allen politischen Wassern gewaschen. Wenn er als "Berufspolitiker" verunglimpft werden soll, macht ihm das nichts aus: "Ich habe studiert, was ich tue und stets durchdacht, für welches Amt ich kandidiere. Diese Herangehensweise empfinde ich nicht als Nachteil."

Dass er Verwaltungen in- und auswendig kennt und immer noch gute Beziehungen zu vielen Politikern in Magdeburg und Entscheidungsträgern im Land hat, ist sicher auch kein Nachteil.

"Politikerprofil mit Ecken und Kanten"

Sein etwas ruhmloses Ende als Minister 2019 sieht er heute eher als positive Erfahrung. Damals hatte ihm seine Fraktion das Vertrauen entzogen. Anlass waren neu entdeckte Risiken bei der Rettung der angeschlagenen Nord/LB, der Landesbank von Sachsen-Anhalt.

Logo von "Was bleibt" 62 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 21.06.2019 16:40Uhr 62:10 min

Audio herunterladen [MP3 | 56,9 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 113,4 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/podcast/was-bleibt/CDU-Flirt-mit-der-AfD-Ruecktritt-von-Finanzminister-Schroeder-Rueckkehrer-nach-Sachsen-Anhalt-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Heute sagt Schröder dazu: "So ein Politikerprofil mit Ecken und Kanten und nicht nur positiven Erfahrungen passt vielleicht ganz gut zu diesem Landkreis." Das Landratsamt sieht er "als politische Weiterentwicklung und als Chance, die Region noch direkter voranbringen zu können als im Magdeburger Parlamentsbetrieb".

Schröder wäre nicht Schröder, wenn ihn das Thema Nord/LB nicht heute noch umtreiben würde. Zur Landesbank als Stolperstein seiner politischen Karriere hat eine dezidierte Meinung: "Sachsen-Anhalt ist Miteigentümer der Nord/LB und steht in guten wie in schlechten Zeiten in der Mitverantwortung. Perspektivisch würde uns eine aus der Nord/LB herausgelöste eigenständige Investitionsbank unabhängiger machen. Dies würde ich begrüßen."

Schröders Ziele und wie er sie erreichen will

Doch zurück in den Landkres Mansfeld-Südharz, dem Schröder "ein verbessertes Erscheinungsbild" wünscht. Das hat er sich vorgenommen:

Als die größten Ziele für seine Arbeit als Landrat nennt Schröder:

  • Rechtsfrieden bei der Erhebung der Kreisumlage
  • erfolgreiche Umsetzung von Projekten des Strukturwandels für Arbeit und Wohlstand
  • Sicherstellung der sozialen und kulturellen Teilhabe in allen Orten
  • Schnelles Internet für alle
  • ein verbessertes Erscheinungsbild des Landkreises nach außen, damit der Bevölkerungsverlust gestoppt werden kann

Dabei gelte es folgende Herausforderungen zu bewältigen bzw. Wünsche zu erfüllen:

  • Verwaltung muss effizienter arbeiten und stärker digitalisiert werden
  • Konsens im Kreistag zu zentralen Projekten ist wichtig
  • Auskömmliche Finanzzuweisungen ohne Aufgabenzuwachs
  • Pandemie-Lage muss rasch beendet sein
  • Bundespolitik darf Klimaschutz nicht gegen den ländlichen Raum betreiben

Zum Umgang mit der AfD

Und die AfD? Immerhin kam seine Konkurrentin bei der Stichwahl aus eben jener Partei. Für Schröder gilt: "Abgrenzung ohne Ausgrenzung! Im kommunalen Bereich wird um Sachfragen gerungen." Aber eines macht er unmissverständlich deutlich in diesem Zusammenhang: "Wer das System stürzen will, hat dazu im Kreistag keine Chance."

Stephan Schulz und Kerstin Palzer im Gespräch mit André Schröder (CDU) 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 23.07.2013 19:00Uhr 01:02 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-andre-schroeder-journalist100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Als gebürtiger Sangerhäuser tief verwurzelt in der Region

Schröder, der sich als "fleißig, ausgleichend, aber auch nachdenklich und bisweilen ungeduldig" beschreibt, hat Großes vor. Dafür muss er – auch – ein guter Chef sein. Ist er einer? Die Frage möchte er so nicht beantworten. Aber er weiß, wie er sich einen guten Chef vorstellt: "Zuhören können und mit eigenen Entscheidungen nicht überraschen, das ist wichtig. Ein guter Chef muss beides sein, führungswillig und dabei lernfähig." Bei seiner Aussage schwingt mit, dass er durchaus glaubt, diese Kriterien zu erfüllen.

Der Südharzer Schröder, geboren 1969 in Sangerhausen, ist tief verwurzelt in der Region: "Ich bin kein Mansfelder, aber der Südharz und das Mansfelder Land bilden eine Vielfalt, die ich nicht als trennend, sondern als bereichernd empfinde." Die Menschen der Region seien "manchmal rau, aber auch ehrlich. Wen sie in ihr Herz geschlossen haben, dem bleiben sie lebenslang treu." Auf diese Treue zählt Schröder.

Vom Kochklops bis zu Kuddelwürsten

Und dann sind da noch die regionalen Gerichte, die ihn regelrecht zum Schwärmen bringen: "Schlachtefeste, Kochklöpse, Kuddelwürste, Grünkohl, der bei uns Braunkohl heißt: Das Essen hier ist nahrhaft und deftig. Die gute alte Fettbemme mit Gurken bleibt mein Favorit."

Wirtschaft ankurbeln, Abwanderung stoppen, Image aufpolieren: André Schröder hat sich viel vorgenommen. In seiner knappen Freizeit will er auch in Zukunft Zeit mit der Familie verbringen, lesen und Tennis spielen. Falls der kleine oder große Hunger kommt, ist sicher immer eine Fettbemme mit Gurken in Reichweite.

MDR/Gero Hirschelmann

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 21. Juni 2021 | 06:30 Uhr

5 Kommentare

Sozialberuflerin vor 5 Wochen

Der Menschenschlag in MSH reagiert genau auf dieses Problem!

Dieses Völkchen, wird zum großen Teil negativ wahrgenommen, als "rechts" verschrieen und als Bauern abgestempelt!

Dann leben sie in "ihrer Welt" so gut es eben möglich ist, rackern sich wirklich ab (insofern arbeit da ist), wollen aus gutem Grund ihre Heimat nicht verlassen!

Natürlich gibt es auch woanders solche "schwachen" Regionen!
Oftmals sind die Bergbau-Gebiete einfach gebeutelt vom Schließen der Schächte, Hütten und Fabriken

Sie haben recht... "da wird nichts hinterfragt"

Wen wunderts, dass die Einwohner dort, das auch nicht mehr tun?

Ich liebe meine Heimat und diese Menschen dort
Jedoch ist für mich ein Leben, wie es mir anderswo möglich ist, dort nicht gegeben!

Dafür können aber die "Mansfäller" nichts

Burgfalke vor 5 Wochen

Ich hoffe, daß Sie mit Ihren Aussagen und Hoffnungen richtig liegen werden!
Wie einige Wortmeldungen der letzten Tage hier in diesem Forum gut zeigen, interessieren sich nur sehr wenige für den "Süden" von Sachsen- Anhalt. Da ist dieser hier genannte Bereich fast schon besser dran, zumindest vom allgemeinem Interesse.
Im "echten" Süden kann mit Unterstützung der Landesregierung, nahezu aller Parteien die dort wegweisende CDU alles machen. Da wird nichts hinterfragt. Wen wunderts, daß dann doch Parallelen zu vergangenen Zeiten erkennbar sind? So etwas hatte ich nicht im Traum für möglich gehalten, noch befürchtet!

Sozialberuflerin vor 5 Wochen

Ich wünsche mir für ihn und vorallem für die Region (meine Geburtsheimat), dass die Pläne gelingen und diese Menschen wieder zuversichtlicher über ihre Heimat sprechen können!!

Es freut mich, dass die AFD im Ergebnis das Nachsehen hatte.
Auch so wurde von den Wählern dort, ein sehr gutes Zeichen gesetzt

"Mansfäller" ich glaube an euch!


Mehr aus Mansfeld-Südharz, Saalekreis und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt