Romonta-Tagebau Das Lkw-Rauschen von Wansleben

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Im Tagebau Amsdorf steckt nicht nur Braunkohle, sondern auch tonnenweise Erde von Bauprojekten aus ganz Deutschland. Geliefert wird sie zum großen Teil per Lkw. Die rumpeln auch durch den Nachbarort Wansleben, vorbei an genervten Menschen und angekratzten Straßen.

Ein grüner Lkw fährt über einen Bahnübergang in Wansleben.
Die Seestraße in Wansleben. Hier fuhren zu Höchstzeiten bis zu 230 LKW am Tag. Bildrechte: MDR/ Daniel Tautz

Die Seestraße in Wansleben ist lang, relativ hügelig und momentan vor allem eines: ziemlich laut. "Es ist wie an einer Autobahn", sagt Nico Brandtner und blickt zum Fuße des Hügels, wo gerade ein roter Lastwagen um die Ecke biegt. Dieser röhrt laut auf, schaltet einen Gang nach unten und rauscht dann an dem Anwohner der Seestraße vorbei.

Brandtner folgt dem Lkw mit seinem Blick und schüttelt dann den Kopf. "Früh um 5 geht das los", sagt er und zeigt auf das Fachwerkhaus hinter sich. "Da oben ist mein Schlafzimmerfenster. Und wenn die dann aneinandergereiht hier lang fahren, das ist schon sehr belastend."

Neben ihm steht Renè Liebetanz, der Ortsbürgermeister von Wansleben, und nickt zustimmend. Auch er stört sich am Lärm – noch mehr allerdings an den Spuren, die der Verkehr allmählich hinterlässt. Liebetanz betritt die Straße und scharrt mit dem rechten Fuß in einem Loch von der Größe eines Tennisschlägers. Die Oberdecke des Asphalts hat sich abgelöst, der Gullideckel ist einige Zentimeter angehoben. "Diese Straße ist für mich einfach tot", sagt Liebetanz und zeigt auf die Risse, die sich von dem Schlagloch aus über die Straße ziehen. "Unbefahrbar für mich teilweise."

Zu Höchstzeiten kamen 230 Lkw am Tag

Seit 2015 sei hier ordentlich Lkw-Verkehr, erzählen beide. Zu Jahresbeginn sei es aber besonders viel geworden – auch durch Straßen, die für den Bau des neuen Amazon-Verteilzentrums in Teutschenthal gesperrt wurden." Als sie beim Straßenverkehrsamt Druck machten, stellte die Behörde Ende Januar eine Zählstation auf. Das Ergebnis: 230 Lkw fuhren bis Anfang Februar täglich durch den kleinen Ort im Landkreis Mansfeld-Südharz. "Das ist für mich eine viel zu hohe Zahl für Wansleben", sagt der Ortsbürgermeister.

An diesem Montagvormittag sind es 15 Lkw, die über die Seestraße kommen. Nicht alle, aber viele von ihnen haben dasselbe Ziel: Das Bergbauunternehmen Romonta im Nachbarort Amsdorf. Sie haben Geröll und überschüssige Erde geladen, die beim Bau von Häusern, Tunneln oder Straßen anfällt. Baufirmen aus ganz Deutschland liefern diese Reste zu Romonta. Denn die haben in ihrem Tagebau viel Platz dafür und sind die größte Annahmestelle der Region.

"Wir sind in der Lage, aus ganz Deutschland Massen anzunehmen", sagt Romontas Logistikberater Olaf Böhmer und blickt von der Aussichtsplattform des Tagebaus hinunter in das riesige Loch. Dort baut das Unternehmen Braunkohle ab – und die gelieferten Baureste wieder an. "Wobei wir sagen müssen: Massen, die von weiter weg kommen, versuchen wir auf die Schiene zu bringen", sagt Böhmer. So sei es auch beim Bauprojekt Stuttgart 21 gewesen – ein Teil der dort abgebauten Erde sei per Zug in Romonta-Tagebau gebracht worden.

Drei Männer stehen mit Mundschutz auf einer Straße in Wansleben. Dahinter fährt ein roter Lkw.
Im Ärger vereint: Der Ortsbürgermeister und zwei Anwohner der Seestraße. Bildrechte: MDR/ Daniel Tautz

Industriestraße statt Seestraße

Doch ein großer Teil der Lieferungen kommt eben noch auf anderem Wege: per Lkw, über die Straße. 2007 wurde extra für Romonta eine Zubringerstraße gebaut. Die Industriestraße schlängelt sich von der A38 in Richtung Norden, rechterhand schimmert der Tagebausee in der Sonne, linkerhand ragt der Schornstein von Romonta in die Luft. Doch für einige Speditionen ist die Industriestraße ein Umweg, da ist die Route über die B80 und den Ort Wansleben kürzer.

"Grade bei Baustellen im Umland müssen die Firmen die Fahrstrecken genau kalkulieren", erklärt Böhmer. "Und wenn die Speditionen dann über die Autobahnen einen längeren Weg in Kauf nehmen müssen, dann gehört für uns schon Überzeugungsarbeit dazu."

Überzeugungsarbeit, die Romonta mittlerweile versucht, zu leisten. Denn dort ist man sich des Lkw-Problems in Wansleben bewusst und zeigt sich kooperativ. Laut Böhmer werden alle Speditionen explizit darauf hingewiesen, die Zufahrtsstraße zu benutzen. Zudem würden die Anfahrtswege der Speditionen regelmäßig vom Unternehmen kontrolliert.

"Der Werksverkehr durch unseren Ort muss aufhören"

Seitdem ist es auch ein bisschen ruhiger geworden, bestätigen Nico Brandtner und Ortsbürgermeister Renè Liebetanz. Doch noch immer seien es zu viele. "Wir wollen Romonta nichts Schlechtes und sind froh, dass wir sie in der Region haben", sagt Liebetanz. "Aber der Werksverkehr durch unseren Ort muss aufhören." Ob das durch strengere Kontrollen oder eine Tempo-30-Zone geschieht, ist den Wanslebenern egal – sie wollen Romonta und das Straßenverkehrsamt weiter in die Pflicht nehmen.

Jetzt ist aber eh erst einmal Mittagszeit. "Da wird es immer ruhiger", sagt Brandtner und schmunzelt. Bis zum Nachmittag, wenn es auf der Seestraße wieder rumpelt.

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel Tautz ist im zauberhaften Halle aufgewachsen – nach der Schule zog es ihn trotzdem erstmal nach Berlin. Im Studium der Medienwissenschaften beschäftigte er sich vor allem mit Fake News, für Zeit Online kümmerte er sich parallel um wahrhaftige Nachrichten. Wie man Geschichten für alle Medien umsetzt, hat er beim Volontariat an der electronic media school gelernt. Dort ist er für den rbb quer durch die Hauptstadt und Brandenburg getingelt – für zwei Stationen aber auch durchs MDR-Gebiet. Jetzt ist er zurück von der Spree an die Saale und als Reporter in Sachsen-Anhalt unterwegs.

MDR/ Daniel Tautz, Oliver Leiste

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. April 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Steffen 1978 vor 11 Wochen

Das nennt man Verkehrsplanung,das ist leider kein Einzelfall im Landkreis Mansfeld Südharz wie auch die L72 die als Autobahnzubringer genutzt wird und täglich tausende lkw durch die Ortschaften Siersleben und Welfesholz leitet und sich die zuständigen Behörden seid nunmehr 30 Jahren im Tiefschlaf befinden um diese Probleme nachhaltig zu lösen

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