An Corona verstorben "Ich hätte mir gewünscht, dass ich ihm die Hand hätte drücken können, die nicht kalt ist"

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Peter Schnell ist vor einem Jahr an Covid-19 gestorben. Seine Frau Ute Schnell möchte seine Geschichte erzählen und damit den Opfern von Corona ein Gesicht geben. Um aktiv etwas gegen das Virus zu tun, arbeitet die Bad Dürrenbergerin weiter als Ärztin, obwohl sie schon lange in Rente ist. Knapp 1.000 Menschen hat sie bereits gegen Corona geimpft.

Ein Ehepaar steht zusammen vor einem Sonnenuntergang.
Peter Schnell starb nach einer Reise am Coronavirus. Bildrechte: Ute Schnell

"Mein Mann war sehr geradlinig, sehr gewissenhaft. Was er gemacht hat, das hat er zu Ende gebracht. Er war verlässlich, ein Mensch, an den man sich anlehnen konnte, also im Grunde genommen meine Stütze", erzählt Ute Schnell in ihrem Wohnzimmer in Bad Dürrenberg. Sie und ihr Mann Peter Schnell hatten viele Pläne, aber besonders wollten sie sich ihrem heute zweijährigen Enkel widmen.

"Ihn ins Leben begleiten, das war eine ganz wichtige Sache und da hatten wir uns unwahrscheinlich gefreut." Neben Ute Schnell auf dem Sofa liegt ein Kissen, das die Tochter genäht hat, darauf steht "Opa". "Mein Mann hat seinen Enkel total geliebt." Und so ist auch das Foto, auf dem Peter Schnell seinen Enkel auf dem Arm trägt, das einzige Foto, das sie in den Monaten nach seinem Tod in ihrem ehemals gemeinsamen Haus stehen lassen konnte.

Ein Bilderrahmen mit dem Foto eines Opas, der seinen Enkel auf dem Arm hält.
"Das ist das einzige Bild, das ich in der ganzen Zeit hier stehen hatte", sagt Ute Schnell. Es zeigt ihren Mann mit ihrem Enkel. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Zum ersten Mal seit seinem Tod vor einem Jahr schaut sie sich nun die Fotos ihrer letzten Reise an, von der Reise, auf der sich das Paar beim Rückflug mit Corona angesteckt hatte. Sie beide waren im März 2020 in Namibia, seit vielen Jahren war der Besuch geplant gewesen. Denn die Schnells hatten vor langer Zeit eine Austauschschülerin bei sich aufgenommen, die vier Monate lang bei ihnen, ihrer Tochter und ihrem Sohn gewohnt hatte. Sie hatten ihrer anderen "Tochter" den Besuch schon lange versprochen und immer wieder verschieben müssen. Nun endlich konnten sie sie besuchen.

Wie schnell sich das verbreitet und wie gefährlich das ist, das war überhaupt nicht absehbar.

Dr. Ute Schnell Ärztin
Eine Frau sitzt auf einer Eckcouch und sieht auf einen Laptop-Bildschirm.
Ute Schnell sieht sich in ihrem Wohnzimmer die gemeinsamen Urlaubsbilder an. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Namibia ist damals Corona-frei, Sachsen-Anhalt auch. Und Ute Schnell informiert sich als Ärztin genau, schätzt das Risiko als sehr gering ein, packt dennoch Desinfektionsmittel und Handschuhe ein. Die Gefährlichkeit der Krankheit ist damals noch nicht klar. "Wie schnell sich das verbreitet und wie gefährlich das ist, das war überhaupt nicht absehbar", sagt sie heute.

Die Reise ist wunderschön, das Treffen mit der "Tochter" aus Namibia klappt. Doch Namibia kündigt an die Grenzen zu schließen und das Ehepaar muss mit seiner Reisegruppe früher als geplant abreisen, anstatt mit Direktflug nun provisorisch über mehrere Länder und mehrere Flughäfen.

Der Versuch, die Reisegruppe zu schützen

Ute Schnell versucht, ihre Reisegruppe so gut es geht zu schützen. "Dafür zu sorgen, dass sie sich nicht unter die Leute mischen, dass wir zusammen bleiben, dass wir uns regelmäßig die Hände waschen." Die Reisegruppe war gesund, sie kamen aus einem Land, in dem es keine Fälle gab und waren 14 Tage zusammen gewesen.

"Ich kann es mir nur so vorstellen, dass es im Flugzeug geschehen ist. Wir hatten bei dem Flug von Dubai nach Zürich Plätze, die für die Gruppe sehr weit auseinander lagen. Der Flieger war sehr voll. Dort hatten wir keine Chance uns abzusondern, dort hatten wir keine Chance, auf Distanz zu gehen", so Ute Schnell. Sie und ihr Mann sind die Einzigen der Gruppe, die sich mit Corona anstecken. Doch das wissen sie zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Dr. Ute Schnell Ute Schnell ist Allgemeinmedizinerin aus Bad Dürrenberg, 68 Jahre alt, hat zwei erwachsene Kinder und einen Enkel. Sie ist eigentlich seit 2016/2017 in Rente, arbeitet aber bis heute überall dort weiter, wo sie als Ärztin gebraucht wird. Sie sitzt im Stadtrat von Bad Dürrenberg, ist in verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften engagiert und auch bei den Planungen zur nächsten Landesgartenschau, die in Bad Dürrenberg stattfinden wird.

"Ich bin unendlich dankbar, dass ich niemanden angesteckt habe"

Auf einem Sessel liegen zwei Kissen, auf ihnen steht Oma und Opa.
Die Kissen waren ein Geschenk der Tochter der Schnells. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Zurück zu Hause wenden sie sich ans Gesundheitsamt, das für eine Quarantäne keine Notwendigkeit sieht. Also arbeitet Ute Schnell wieder als Ärztin, das jedoch unter Vollschutz, weil sie sich testen lässt und erst ein negatives Ergebnis haben möchte. "Ich bin unendlich dankbar, dass ich niemanden angesteckt habe." Ihr Test ist negativ, doch nach dem zweiten Tag auf Arbeit fühlt sie sich schlecht. Ihr Mann liegt zu Hause auf dem Sofa, als sie nach Hause kommt. Ihm geht es genauso.

Das Fieber ging nicht runter, er bekam leichten Husten. Ich habe ihn jeden Tag untersucht.

Ute Schnell Ärztin

Der Test bei ihrem Mann ist positiv. "Meinem Mann ging es dann zunehmend schlechter, das Fieber ging nicht runter, er bekam leichten Husten. Ich habe ihn ärztlich betreut, habe ihn jeden Tag untersucht, habe das, was ich sonst mit meinen Patienten mache, auch für ihn getan", erinnert sie sich an die ungewisse Zeit in Quarantäne.

Ein Arzt schaut nicht vorbei, Ute Schnell wird nicht auf Corona getestet. Sie selbst hat jedoch auch Fieber, kann nicht mehr schmecken und hat kaum noch Kraft. Dabei haben beide keine Vorerkrankungen, sind sehr aktiv und mit ihren 68 Jahren noch lange nicht an der Grenze, ab der man als besonders gefährdet galt. "Als ich dann bei ihm Geräusche auf der Lunge gehört habe, die beidseitig waren, da war mir klar, dass ich handeln muss."

Peter Schnell muss ins Krankenhaus

Eine Frau, Ärztin Ute Schnell, mit kurzem Haar und Brille schaut in die Kamera.
Ute Schnell wurde nicht getestet, trotz deutlicher Corona-Symptomen. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Etwa zwölf Tage nach der Rückreise aus Namibia ruft sie im Krankenhaus an und bittet darum, dass ihr Mann eingewiesen wird. Ab dann ist Ute Schnell allein in dem Haus in Quarantäne, das sich das Ehepaar mit so wenigen Wänden wie möglich bauen ließ. Sie wollten sich, wenn sie nach langen Arbeitstagen endlich zu Hause waren, so viel wie möglich sehen. "Wir haben gehofft, dass es gut ausgeht", sagt sie gefasst. Dass sie sich nicht wiedersehen werden, ahnen sie nicht.

Sie halten per Handy Kontakt, besuchen darf sie ihn nicht. "Er war eigentlich recht beruhigt, er sagte mir: 'Ich fühle mich ganz wohl, die Ärzte haben gesagt, es wäre wohl eine Lungenentzündung, aber so schlecht geht es mir nicht.'" Das beruhigt sie. Doch am dritten Tag im Krankenhaus ruft er an und sagt, er werde auf die Intensivstation verlegt, weil seine Sauerstoffwerte nicht gut seien.

Künstliches Koma und Beatmung

Ute Schnell telefoniert jeden Abend kurz mit den Ärzten, erfährt, dass ihr Mann künstlich beatmet werden muss. "Von da an war er im künstlichen Koma", sagt Ute Schnell. Sie sitzt, während sie sich erinnert, auf ihrer Couch, nur das Ticken von verschiedensten Uhren ist zu hören. Ihr Mann war großer Uhren-Fan. Die untere Etage des Hauses ist offen gestaltet und lediglich durch Balken andeutungsweise getrennt. Aus der offenen Küche und vom Essbereich her tickt es leise, dazu von einem Tischchen am Wohnzimmerfenster und von einer Wanduhr.

Allein in Quarantäne zu sein ist für sie schwer, die Sorge und Ungewissheit, außerdem kümmert sich kein Amt oder Arzt um sie, wie auch zuvor nicht um ihren Mann. Als ihre Quarantäne beendet ist, bittet sie das Krankenhaus darum, ihren Mann besuchen zu können. Sie hat die Idee Blut zu spenden, da sie und ihr Mann Peter dieselbe Blutgruppe haben und ihm ihre Antikörper eventuell helfen könnten. Beides ist nicht möglich.

Der Anruf, den niemand bekommen möchte

"Es war ja dann das Osterfest und Ostermontag wurde mir mitgeteilt, dass mein Mann offenbar ein Leberversagen hat, die Niere hatte schon versagt, die Leber kam dann noch hinzu und da habe ich sehr dringend darum gebeten, ihn besuchen zu dürfen und eine Sondergenehmigung zu bekommen." Sie weiß, was es heißt, wenn beide Organe nicht mehr arbeiten. Doch am Montag und Dienstag kann keine Entscheidung über ihren Besuch getroffen werden, auch auf ihr Drängen hin nicht. Und am Mittwochmorgen nach Ostern kommt der Anruf aus dem Krankenhaus, den niemand bekommen möchte. "Ich hatte keinen Anruf erwartet, ich habe immer am Abend mit den Ärzten telefoniert." 13 Tage lag ihr Mann nun schon im künstlichen Koma. "Der Arzt hat sich ausgedrückt: 'Ihr Mann hat uns verlassen'. Da durfte ich ihn dann besuchen."

Eine Frau, Ärztin Ute Schnell, geht durch einen Park.
In Bad Dürrenberg hatte Ute Schnell jahrelang ihre Praxis, nur wenige Meter vom Kurpark entfernt. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Sie ist ganz gefasst, wie es eine Ärztin mit Jahrzehnten an Berufserfahrung und Umgang mit dem Tod sein muss. Und doch ist klar, wie schwer es seit dieser Zeit für sie ist – wenn sie liebevoll von ihrem Mann spricht, wenn überall im Haus Dinge an ihn erinnern, wenn sie erzählt, dass die Gardine ein Loch hat, weil er, der Ingenieur, mit seinem kleinen Modellhubschrauber darin hängen geblieben war.

Mit ihren gemeinsamen Kindern kann Ute Schnell ihren Mann, mit dem sie 45 Jahre verheiratet war, ein letztes Mal sehen. "Natürlich unter Schutz, aber ich hätte es mir gewünscht, dass es am Tag vorher möglich gewesen wäre und dass ich ihm die Hand hätte drücken können, die nicht kalt ist", so Ute Schnell.

Es ist keine Grippe

Wenn Ute Schnell hört, wie die Krankheit sogar von Bekannten verharmlost wird, macht sie das wütend und gleichzeitig traurig. "Es erreicht den ganzen Körper und zerstört ihn", sagt sie. Damals hieß es noch, Covid-19 sei eine Lungenkrankheit. "Dass das keine Lungenkrankheit ist, ist mir klar geworden in den Gesprächen mit den Ärzten, die mir sagten, mein Mann habe ein Nierenversagen. Mein Mann war nicht nierenkrank, mein Mann war gesund. Mein Mann habe blaue Flecken und das Blut sei nicht in Ordnung. Dass seine Leber versagt, dass am Ende wahrscheinlich ein Gerinnsel oder eine Blutung im Gehirn sich eingestellt haben muss, das passte auch nicht mehr zur Lungenkrankheit."

Arbeit im Impfzentrum

Die Ärztin Ute Schnell spricht mit einem Patienten, der gegen Corona geimpft werden soll.
Ute Schnell klärt einen Patienten auf, den sie gegen Corona impfen wird. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Bis heute versteht sie nicht, warum sie gesund wurde, ihr Mann aber nicht. Ihre gemeinsamen Pläne gibt es seit seinem Tod nicht mehr, langfristig plant Ute Schnell nichts. Sie will aber gegen Corona tun, was sie kann. Und da in ihren Augen das Effektivste gegen die Krankheit eine Impfung ist, fährt sie seit Dezember 2020 mit mobilem Impfteam im Saalekreis zu Pflegeheimen und impft auch im Impfzentrum des Saalekreises. Fast 1.000 Impfungen hat sie bisher verabreicht, schätzt sie.

Sie hilft auch in der Notaufnahme des Klinikums in Merseburg aus und hat einen Allgemeinarzt vertreten, als dieser ein halbes Jahr ausfiel. In der Zeit habe sie versucht, es anders zu machen und Patienten in Quarantäne nicht allein zu lassen, Kontakt anzubieten. "Ich habe mir immer gewünscht, dass ich in dieser Sprachlosigkeit, die hier im vergangenen Jahr war, eine Stimme finde für die, die nicht mehr reden können, wie meinen Mann. Und auch eine Stimme finde für die, die so sprachlos geworden sind, wie ich es war."

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Über die Autorin Luise Kotulla arbeitet seit 2016 als freie Mitarbeiterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Schwerpunkte der gebürtigen Hallenserin sind Themen aus dem Süden Sachsen-Anhalts, rund um engagierte Menschen und Probleme vor Ort. Außerdem ist sie für MDR um 4 als Fernsehredakteurin unterwegs. Bevor sie zum MDR kam, hat sie beim Stadtfernsehen TV Halle gearbeitet. Sie studierte Geschichte, Medienwissenschaft und Online-Journalismus in Halle und Großbritannien. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt liegen in und um Halle, im Burgenlandkreis und im Harz.

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MDR/Luise Kotulla, Max Schörm

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 18. April 2021 | 19:00 Uhr

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