Landwirt aus Sachsen-Anhalt besorgt Durch Krieg in Ukraine könnte Nahrungsmittelknappheit drohen

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Die Ukraine und Russland spielen nicht nur für den Energiemarkt, sondern auch in der globalen Ernährungsindustrie eine wichtige Rolle. Beide Länder sind für ein Drittel der weltweiten Weizenproduktion verantwortlich. Ein Landwirt aus Mücheln in Sachsen-Anhalt blickt sorgenvoll auf diese Entwicklung. Er meint: Sollte in diesem Jahr die Ernte ein Opfer des Krieges werden, dann droht eine Nahrungsmittelkrise.

Ein Mann steht auf einem Feld und schaut in die Kamera
Der Landwirt Carl Philipp Bartmer wünscht sich ein Umdenken der EU in ihrer Förderpolitik. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Uli Wittstock

Die Äcker von Carl Philipp Bartmer liegen etwa 1.500 Kilometer vom Kriegsgebiet in der Ukraine entfernt, doch die Einschläge der Raketen und Granaten spürt auch Bartmer, wenn auch nur indirekt. Die Weizenpreise folgen den Kursen der Rüstungsfirmen, sie gehen also steil nach oben. Als Carl Philipp Bartmer im Herbst den Winterweizen aussähte, konnte er noch nicht ahnen, dass ein Krieg die Preise nach oben treiben würde. "Ich als Landwirt blicke natürlich auf die Terminmärkte und sehe, welche sprunghafte Entwicklung haben wir da in letzten Tagen haben. Eigentlich müsste man in die Hände klatschen, wenn der Grund nicht so furchtbar wäre."

Bartmer ist mit seinen zweiundreißig Jahren noch ein junger Landwirt und führt die Geschäfte der AVG Gruppe Mücheln. Das Thema Krieg und Nahrungsmittelknappheit kennt er nur als Erzählungen auch einem anderen Jahrhundert. Und so wundert es nicht, dass er die Brisanz des Problems noch gar nicht überblickt wird: "Das ist im Grunde eine dramatische Entwicklung, wo wir uns nicht klarmachen, was das tatsächlich für den Nahrungsmittelmarkt bedeutet, wenn zwei der weltweit größten Getreide- und Agrarexporteure Krieg führen."

Überproduktion an Lebensmitteln könnte zurückgehen

Denn wo gebombt und geschossen wird, da wird nicht gesäht oder geerntet. Unabhängig, wie lang der Krieg gehe, es werde sicherlich einen Totalausfall bei der ukrainischen Ernte geben, so Bartmer. Hinzu kommt, dass der Handel mit Russland wegen der Sanktionen stark eingeschränkt ist. Deshalb steht für Bartmer fest: "Wir werden in der Welt eine Diskussion erleben, die wir in den vergangenen Jahrzehnten wahrscheinlich nicht mehr so gewohnt waren, nämlich, dass es einen faktischen Mangel von Lebensmitteln gibt." Blickt man auf die Zahlen, dann verwundert diese Aussage, denn aktuell sind ja etwa neun Prozent der Weltbevölkerung unterernährt, allerdings bei gleichzeitiger Nahrungsmittelüberproduktion. Und genau diese Überproduktion könnte nun deutlich zurückgehen.

Pflanzen auf einem Acker
In Mücheln steht schon der Winterweizen. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Uli Wittstock

Sicherlich wird der Krieg in der Ukraine nicht den Hunger nach Europa bringen, aber im weltweiten Maßstab könnten die Versorgungsprobleme größer werden. Landwirt Bartmer fordert nun ein Umdenken in der Landwirtschaft, ähnlich wie beim Thema Gas und Strom. Wenn wegen der erwarteten Energieknappheit möglicherweise die Kohlekraftwerke länger am Netz bleiben, dann sollte auch die Landwirtschaftspolitik auf die neuen Herausforderungen reagieren.

Bartmer fordert Umdenken in der Politik

Wer nämlich in Zukunft von der EU Fördergelder für seinen landwirtschaftlichen Betrieb bekommen will, der muss vier Prozent seiner Ackerflächen stilllegen. Damit will die Europäische Union den Umweltschutz in der Landwirtschaft fördern. Unter dem Eindruck des Ukrainekrieges fordert Carl Philipp Bartmer nun jedoch ein Umdenken in der Politik: "Ich halte nicht viel von diesen pauschalen Regelungen, weil es nicht so viel Sinn macht, vier Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in der Magdeburger Börde still zu legen. Wir haben andere Flächen, wo das vielleicht sinnvoller wäre."

Denn statt einer Überproduktion droht nun Versorgungsmangel, zumal bereits im letzten Jahr die Getreidepreise wegen einer allgemein erwarteten schlechteren Ernte deutlich anstiegen. Das hat natürlich auch Folgen für die Verbraucher, wobei die Kostensteigerung deutlich weniger dramatisch ausfallen dürften als bei Strom oder Gas. Denn die Getreidepreise spielen bei Backwaren im Vergleich zu den Personal- und Herstellungskosten eine deutlich untergeordnete Rolle.

SPD und Grüne gegen Aufweichung ökologischer Standards

Die SPD-Landtagsfraktion hat davor gewarnt, vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine ökologische Standards in der Landwirtschaft aufzuweichen. "Die Krisensituation in der Ukraine darf nicht für eine Umkehr der Landwirtschaftswende missbraucht werden», sagte die agrarpolitische Sprecherin Elrid Pasbrig am Sonntag.

Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) hatte die Bundesregierung zuletzt aufgefordert, alle Strategien der EU zu überprüfen und Vorgaben zu Produktionseinschränkungen bestimmter Lebensmittel zurückzufahren. Außerdem sollten Stilllegungsflächen zur Futtererzeugung freigeben werden. Der CDU-Politiker hatte zudem verlangt, dass Einschränkungen bei der Düngung und dem Pflanzenschutz befristet ausgesetzt werden müssten.

"Dieser Aussage muss entschlossen widersprochen werden", sagte SPD-Politikerin Pasbrig. Es sei wichtig, die Versorgungssituation weiter genau zu beobachten, aber eine vorschnelle Aufweichung wichtiger Standards sei nicht erforderlich, sagte sie.

Kritisch zu Schulzes Vorstoß äußerte sich auch Dorothea Frederking, agrarpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion. Es sei zwar völlig richtig, dass die Versorgung gewährleistet sein müsse, sagte sie. "Aber es ist bedauerlich, wenn dabei ökologische Aspekte in den Hintergrund treten sollen", so Frederking. "Wir brauchen ja eine stabile Landwirtschaft. Das kann nur dann funktionieren, wenn Ökosysteme in Balance sind. Das sichert die Ernten von morgen."

Insgesamt müsse es das Ziel sein, die Landwirtschaft mit agrarökologischen Maßnahmen stabiler und klimaresilienter zu machen, sagte die Grünen-Abgeordnete.

Quelle: dpa

MDR (Uli Wittstock)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 10. März 2022 | 17:00 Uhr

42 Kommentare

Frau K. vor 23 Wochen

@Elbuffo
Sie finden aber auch immer jemanden gegen den sie haten können. Jetzt sind die Rentner dran.
Nun dann behaupte ich mal, die, die mit ihren Autos vorfahren mit dicken fetten Kofferraum sind die eigentlichen Hamsterer. Denn die fahren mit einer Fuhre weg, wofür der Rentner zwanzig mal gehen müsste.
Mal sehen wer ihr nächstes Opfer wird....

Fakt vor 23 Wochen

@Germinator...:

Das ist so nicht richtig!
Bezüglich der Teigrohlinge wurde 2014 seitens einer Zeitschrift die Menge von 18.000 Tonnen jährlich aus China impotierter Waren genannt, was vom "baeko-magazin" widerlegt wurde. So waren es 2013 lediglich 194 Tonnen, was am Markt kaum ins Gewicht fällt.
Der überwiegende Teil der Rohlinge wird hier bei uns produziert, unter anderem von einem Schweizer Unternehmen, welches Backwaren für den Convenience-Bereich an drei Standorten in Deutschland produziert, darunter auch in der größten Bäckerei Europas in Eisleben.
Die meisten Importe kommen übrigens aus Frankreich.

Dietmar vor 23 Wochen

Oha „ Aber das geschieht den Städtern recht. 😂“
Ist hier etwa ein Spalter unterwegs? Der dann doch heimlich in die Stadt fährt und einkauft ggf. noch das Kulturgut in Anspruch nimmt? Vlt. noch bei Amazon bestellt, weils da billiger ist und bis ins Haus kommt?

Mehr aus Saalekreis, Raum Halle und Raum Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt