Vorfeld-Erweiterung Widerstand gegen Ausbaupläne am Flughafen Leipzig/Halle

Trotz der weltweiten Krise in der Luftfahrt boomt der Flughafen Leipzig/Halle. Statt Passagieren wird vom größten Flughafen Mitteldeutschlands vor allem Fracht in alle Welt geflogen. Doch der Platz auf dem Vorfeld wird eng. Nun soll der Airport ausgebaut werden und das stößt in der Region zunehmend auf Widerstand.

Ein Frachtflugzeug steht auf dem Vorfeld der DHL am Flughafen Leipzig / Halle.
DHL will mit seinem Frachtdrehkreuz am Flughafen Leipzig/Halle weiter wachsen. Dafür ist aber ein Erweiterung des Vorfelds notwendig. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Im Terminal des Flughafens Leipzig/Halle ist es schon seit Wochen still. Der letzte reguläre Flug mit Passagieren an Bord hob im Dezember ab. Auch eine für Ende Januar geplante Wiederaufnahme wurde kurz vor dem Start der Winterferien wieder abgesagt. Erst Ende März wollen Condor und Sun Express wieder erste Passagierflüge anbieten. Während die auf das Vorfeld hinausragenden Fluggastbrücken auf die nächsten Passagiere warten, herrscht nur einige hundert Meter weiter im Süden des Flughafens Hochbetrieb wie eh und je – vor allem in den Nachtstunden.

Vor allem zeitkritische Güter wie Medikamente oder frische Nahrungsmittel, aber auch einfach nur Pakete, werden oft per Flugzeug transportiert. Mit der weitestgehenden Einstellung der meisten Passagierflüge ist deren Transport aber deutlich schwieriger geworden. Denn bislang wurden sie oft als Beifracht in Linienflügen transportiert. Leipzig/Halle hat dadurch von der Krise profitiert. Denn statt im Frachtraum von Passagierflugzeugen, werden viele Waren nun in reinen Frachtmaschinen transportiert.

Starkes Wachstum in Leipzig/Halle

Wie der Flughafen mitteilte, sind so allein im Januar über 120.000 Tonnen Fracht in Leipzig/Halle abgefertigt worden. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das ein Wachstum von fast 25 Prozent. Kein anderer deutscher Flughafen kann von solchen Zahlen träumen, geschweige denn sie vorweisen.

Mittlerweile steuern mehr als 60 Frachtfluglinien das Drehkreuz zwischen Halle und Leipzig an. Unangefochtener Platzhirsch: der Paketdienstleister DHL. Die gelb-rot lackierten Frachtmaschinen machen ein Gros der Flugbewegungen am Airport aus – vor allem in der Zeit zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens. Denn anders als an den meisten anderen Flughäfen in Deutschland gibt es in Leipzig/Halle kein Nachtflugverbot.

Umstrittene Ausbaupläne

Bislang können so bis zu 60 Maschinen pro Nacht abgefertigt werden. Doch DHL geht davon aus, dass die Anzahl der Frachtflüge in den kommenden Jahren noch einmal um die Hälfte steigen wird. Deshalb soll das südliche Vorfeld für etwa 300 Millionen Euro ausgebaut werden und Stellplätze für zusätzlich 36 Frachtflugzeuge vor dem bereits bestehenden Verteilzentrum von DHL entstehen. Das würde bedeuten, dass in Spitzenzeiten dann alle vier bis fünf Minuten ein Flugzeug startet bzw. landet.

Doch diese Ausbaupläne stoßen auf erheblichen Widerstand. Die Ausbaugegner kritisieren, dass der Flughafen überhaupt noch weiter ausgebaut werden soll. Neben der Vorfelderweiterung im Süden steht auch noch der Bau einer Flugzeugwerft im Norden an. Dort will der Flugzeugbauer Deutsche Aircraft in den kommenden Jahren die Endmontage seiner Regionalflugzeuge durchführen. All diese Pläne würden nicht nur eine höhere Feinstaubbelastung mit sich bringen, sondern auch den CO2-Ausstoß erhöhen. Doch die Anwohner fürchten vor allem eine Zunahme des nächtlichen Fluglärms.

Fluglärm macht nachweislich krank

Unbegründet ist diese Furcht nicht. Denn regelmäßiger Fluglärm macht nachweislich krank und setzt vor allem dem Herz-Kreislaufsystem zu. Die Folge können Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzschwäche sein. Wie genau es dazu kommt, haben Forscher aus Mainz 2014 geklärt. Ihre qualitative Studie mit 75 Teilnehmern hat ergeben, dass nächtlicher Fluglärm die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin steigert und so die Gefäßfunktion beeinträchtigt. Bei der Studie beschallten die Forscher gesunde Männer und Frauen in ihren Schlafzimmern mit Fluglärm von durchschnittlich 60 Dezibel.

Geleitet wurde die Studie vom Kardiologen Thomas Münzel von der Universitätsklinik Mainz. Er untersucht schon seit vielen Jahren die gesundheitlichen Folgen des Nachtfluglärms und warnt vor dem Irrglauben, dass man nur dann von Nachtfluglärm betroffen sei, wenn man deshalb nicht einschlafen könne. Denn die Ausschüttung von Adrenalin sei an keine Aufwachreaktion gekoppelt: "Die Leute die sagen, sie haben die ganze Nacht durchgeschlafen, auch die werden dramatisch mit ihrem Blutdruck nach oben gehen. Denn ich kann zwar die Augen, nicht aber die Ohren schließen. Die Ohren sind immer auf Aufmerksamkeit gestellt und deshalb wird der Körper dann immer wieder mit Stress reagieren."

Umfangreiche Lärmschutzmaßnahmen in der Vergangenheit

Deshalb habe der Flughafen in den vergangenen Jahren auch viel in den Lärmschutz investiert, erklärt Flughafensprecher Uwe Schuhart. So seien in den vergangenen Jahren im Zuge der bereits erfolgten Ausbauvorhaben umfangreiche Lärmschutzmaßnahmen in Höhe von rund 140 Millionen Euro ergriffen worden: "Dazu gehören passive Schallschutzmaßnahmen wie der Einbau von Schallschutzfenstern und schallgedämmten Lüftern im sogenannten Nachtschutzbereich. Dieser Bereich ist am Flughafen Leipzig/Halle 253 km² groß und damit drei Mal größer als es der Gesetzgeber im Fluglärmgesetz vorschreibt."

Doch das Umweltbundesamt, das sich schon 2017 für ein Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr auf stadtnahen Flugplätzen ausgesprochen hat, findet, dass die passiven Schallschutzmaßnahmen des Fluglärmgesetzes nicht ausreichend sind. Für eine deutliche Verbesserung der Fluglärmsituation seien vielmehr aktive Maßnahmen am Luftfahrzeug und den Flugverfahren erforderlich, um eine Minderung des Lärmpegels zu erreichen.

Neues Anflugverfahren für noch mehr Flugzeuge

Auch wenn die geforderten aktiven Maßnahmen an Luftfahrzeugen in der Regel einer kompletten Flugzeugneukonstruktion gleich kommen und somit naturgemäß auf sich warten lassen, sind Änderungen in den An- und Abflugverfahren bereits jetzt möglich. Von vielen unbemerkt ist eine solche Änderung auch schon vor einem Jahr erfolgt. Allerdings nicht um den Fluglärm in der Region zu reduzieren, sondern um künftig noch mehr Flugzeuge gleichzeitig abwickeln zu können. Dafür hat die Deutsche Flugsicherung (DFS) das zuvor geltende Point-Merge-Anflugsystem mit dem STAR-Verfahren (Standard Terminal Arrival Routes) abgelöst.

Damit verspricht sich die DFS eine deutlich höhere Kapazität im Luftraum rund um den Flughafen Leipzig/Halle. Denn die Staffelung, also das Sicherstellen der notwendigen Mindestabstände der Flugzeuge zueinander, ist für die Fluglotsen hier wesentlich einfacher. Die Piloten fliegen zuvor festgelegte Routen ab und der Fluglotse muss nur noch auf die Höhen und Abstände zwischen den Flugzeugen achten. Dadurch können Flugzeuge dichter gestaffelt und auch mehr Flugzeuge zur gleichen Zeit in Richtung Landebahn geführt werden.

Ein wesentlicher Unterschied dieses Verfahrens ist der DFS zufolge, dass auch bei hohem Verkehrsaufkommen die zwei parallel laufenden Landebahnen in Leipzig/Halle gleichzeitig genutzt werden können. Das war zuvor nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Ehe die ersten Bagger für den Ausbau rollen oder überhaupt das Planänderungsverfahren abgeschlossen wurde, sind die Lotsen der DFS mit dem neuen Anflugverfahren bereits jetzt für den erwarteten Ansturm der nächtlichen Frachtflugzeuge gewappnet.

Süden Sachsen-Anhalts findet kaum Beachtung

Für Peter Richter sind das alles keine guten Aussichten. Er wohnt in Kabelksetal, nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt. Je nach Windrichtung bekommt er entweder die An- oder die Abflüge in der Nacht mit. Denn einige der Flugrouten führen direkt über sein 1903 errichtetes Haus. Auch vom Flughafen bezahlte Schallschutzfenster würden da nur wenig bringen: "Das Haus ist durch die Wände überhaupt nicht gedämmt. Da sind die Schallschutzfenster vollkommen wirkungslos." Deshalb engagiert er sich schon seit vielen Jahren in der Interessengemeinschaft Nachtflugverbot.

Richter gibt zu bedenken, dass viele Betroffene des Fluglärms gar nicht direkt am Flughafen oder unter einer der vier Einflugschneißen wohnen würden. Wegen der Streuung des Fluglärms können auch weiter entfernte Ort wie Bad Lauchstädt, Braunsbedra oder Merseburg unter dem Fluglärm leiden. Er rechnet mit bis zu 1,5 Millionen Betroffenen im Großraum Halle-Leipzig. Daher hat er auch wenig Verständnis, dass sich die Landesregierung in Sachsen-Anhalt trotz der länderübergreifenden Problematik bei diesem Thema kaum zu Wort meldet: "Wenn man der Landesregierung in Magdeburg zuhört, dann könnte man den Eindruck gewinnen, dass Fluglärm in Sachsen-Anhalt so gut wie nicht stattfindet. Vor Ort sieht die Sache aber ganz anders aus."

Allerdings ist Sachsen-Anhalt mit fast 20 Prozent Anteilen auch einer der fünf Aktionäre der Mitteldeutschen Flughafen AG, der Muttergesellschaft des Flughafens Leipzig/Halle. Richter fühlt sich von der Landesregierung daher im Stich gelassen und wirft der Politik vor, eigentlich ganz glücklich darüber sein, sich nicht weiter um den Flughafen kümmern zu müssen: "Ich habe das Gefühl, in der Landesregierung gilt das Motto: 'Lasst die Sachsen das doch lösen.' Magdeburg ist eben weit weg vom Flughafen Leipzig/Halle."

Sachsen ist für Planfeststellungsverfahren zuständig

Doch im Verkehrsministerium in Magdeburg ist man sich keiner Schuld bewusst. Auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT heißt es, dass für die Planfeststellungsverfahren am Flughafen die Landesdirektion Sachsen zuständig sei, da sich der Airport auch auf sächsischen Territorium befinde: "Jeder betroffene Anwohner in Sachsen-Anhalt, dessen Belange durch den Ausbauplan berührt werden, konnte bei der Landesdirektion Sachsen Einwendungen gegen die geänderte Planung erheben."

So ist Sachsen-Anhalt in die Erweiterungsvorhaben zwar nur indirekt involviert, die Landesregierung sei dafür aber auch in der Fluglärmkommission des Flughafens Leipzig/Halle vertreten. In dieser Funktion habe man festgestellt, dass "von einer Zunahme von Flugbewegungen insbesondere in der Nacht auszugehen ist. Demgegenüber steht eine Verkleinerung des Gebietes für passive Lärmschutzmaßnahmen nach der vorgelegten Berechnungsmethode nach Fluglärmgesetz. In diesem Zusammenhang werden umfangreiche und hochwertige Maßnahmen für einen wirksamen aktiven und passiven Schallschutz gefordert."

Peter Richter zeigt sich von diesen Äußerungen überrascht: "Das ist erstaunlich, dass die Fluglärmkommission jetzt wach wird. Aber diese Vorschläge sind doch nicht ernst zu nehmen. Das hätte man in den letzten Jahren alles schon längst machen können." Stattdessen seien immer wieder Entscheidungen zu Ungunsten der betroffenen Anwohner getroffen worden. Dies sei aber nur einer von vielen Gründen, warum auch Peter Richter seine Einwände gegen die Ausbaupläne eingereicht hat.

Tausende Einwendungen gegen den Ausbau

Inzwischen sind der Landesdirektion Sachsen zufolge rund 4.000 solcher Einwendungen gegen die Ausbaupläne eingegangen. Direktionssprecher Holm Felber sagte MDR SACHSEN-ANHALT, dass noch weitere hinzukommen können. Denn die Einsprüche gegen die Ausbaupläne konnten auch an die 17 vom Ausbau direkt betroffenen Gemeinden adressiert werden. Von dort seien noch nicht alle Lieferungen eingetroffen. Felber erklärt, dass nun zunächst alle Einsprüche gesichtet und sortiert werden müssen. Anschließend werden sie dem Flughafenbetreiber übermittelt und um dessen Stellungnahme gebeten. Diese Erwiderungen würden dann von der Landesdirektion juristisch geprüft. Das alles werde sich aber vermutlich über Monate hinziehen.

Sehr zuversichtlich, dass die Einwendungen auch Gehör finden, ist Peter Richter aber nicht. Die Hoffnung sterbe zwar zuletzt, sagt er, trotzdem bereite er sich schon darauf vor, gegen den Planfeststellungsbeschluss klagen zu müssen. Denn der Freistaat Sachsen sei mit seiner Beteiligung an der Flughafengesellschaft Antragsteller und Genehmigungsbehörde zugleich, meint Richter: "Da müsste man eigentlich einen Befangenheitsantrag gegen die Landesdirektion stellen."

Über den Autor Thomas Tasler arbeitet seit Juni 2019 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor der gebürtige Südthüringer nach Magdeburg kam, hat er in Leipzig bei MDR AKTUELL und mephisto 97.6 Station gemacht. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Luftfahrt und ist bei diesem Thema Ansprechpartner Nummer eins im Funkhaus.

MDR, Thomas Tasler

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 15. Februar 2021 | 12:00 Uhr

11 Kommentare

geradeaus vor 40 Wochen

Ja wir leben in einer lärmgebeutelten Welt. Straße, Schiene und Luftfahrt.
Von Nachbarschaftslärm will ich jetzt nicht "reden".

Unsere Lauscher stehen immer auf Empfang, immer. Leider. Ist ja nicht so wie mit den Augen. Die schließt man und aus ist's. Lärm ist auch ne Wissenschaft für sich. Jeder Mensch reagiert teils anders auf gewisse Geräusche. Für den einen ist das Geschirrklimpern ein Graus. Dem anderen sind monotone Lüfter unheimlich.

Ab einem Punkt jedoch ist ein Geräusch einfach nur noch Lärm. Und den ganzen Tag mit Ohropax rumrennen und nachts mit welchen zu schlafen macht auch irgendwann keinen Spaß mehr.

Ich wünsche allen Kindern alles Gute, auch vor allem denen die dort in Leipzig den Fluglärm ertragen. Kinder wirken anfangs gerne unverwüstlich. Jedoch sind auch sie sehr empfindlich was Lärm betrifft und das zeigt sich oftmals erst Jahre später, viele Jahre später.

geradeaus vor 40 Wochen

1. Stellen sie Vermutungen auf. Von wegen billiges Grundstück etc
2. Geht es darum das der Fluglärm zunahm und immer mehr zunimmt
3. Wiederholen sie sich


geradeaus vor 40 Wochen

Genau das ist der springende Punkt. Und gleichzeitig auch die Lösung: Umsiedeln. Geld ist da von Seiten der Regierung, der Flughäfen und der Unternehmen. Das wäre ein insgesamt teurer Preis jedoch wäre es fair.
Diejenigen die umsiedeln möchten kriegen das bezahlt.

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