Handwerkswoche Wie eine Bäckermeisterin ihr Unternehmen in der Corona-Pandemie digitalisiert

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Eine Woche lang berichtet MDR SACHSEN-ANHALT über Probleme, Chancen und Vorbilder für das Handwerk im Land. Eine Vorreiterin in Sachen Digitalisierung ist Gerhild Fischer aus Rothenburg im Saalekreis. Eine eigens entwickelte Bestell-App für Brot und Brötchen half ihr, gut durch die Corona-Krise zu kommen.

Mann und Frau in Bäckerladen vor Brot
Bildrechte: Gerhild Fischer

  • Die Corona-Pandemie führte bei der Bäckerei von Gerhild Fischer anfangs zu massiven Umsatzeinbrüchen.
  • Um ihren Vertrieb in der Pandemie zu optimieren und neue Kunden zu gewinnen, ließ die Bäckermeisterin eine App entwickeln.
  • Im Bäckerhandwerk sieht Gerhild Fischer in Sachen Digitalisierung viel Nachholbedarf.

Als im März 2020 plötzlich die Welt stillstand, hatte Gerhild Fischer quasi über Nacht ein gewaltiges Problem. Seit 1986 betreibt sie mit ihrem Ehemann eine kleine Bäckerei im Örtchen Rothenburg im Saalekreis, die Tradition des Familienunternehmens reicht sogar mehr als 200 Jahre zurück. Das von heute auf morgen mehr als die Hälfte der Umsätze wegbrachen, hatte es in der langen Geschichte bis dahin noch nicht gegeben.

"Bis zum Ausbruch der Pandemie lief alles super, aber dann habe ich nach 14 Tagen auf mein Konto geguckt und einen Schreck bekommen", erinnert sich die Bäckermeisterin. Fischer belieferte vor allem Caterer, die Schulen mit Essen versorgen. Doch als die Schulen schlossen, brauchten die Caterer kein Brot und keine Brötchen mehr. Auch viele Bio- und Wochenmärkte, auf denen Fischer sonst vertreten war, hatten nicht mehr offen.

Gerhild Fischer 1 min
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1 min

Gerhild Fischer spricht über ihre Ideen für den Einsatz von Virtual Reality im Bäckerhandwerk.

MDR FERNSEHEN Mo 11.10.2021 16:29Uhr 01:01 min

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Fischer brauchte dringend ein neues Vertriebskonzept – und organisierte zunächst Brot- und Brötchenlieferungen zu einer Nachbarschaft in Halle. Ein Kunde vor Ort half ihr dabei, sammelte Bestellungen und verteilte die angelieferten Backwaren weiter an diejenigen, die sie geordert hatten. Für Gerhild Fischer brachte das den während des Lockdowns dringend benötigten Umsatz, aber auch jede Menge bürokratischen Aufwand.

Mehr als drei Stunden am Tag waren sie und ihr Mann damit beschäftigt, Excel-Tabellen und Backlisten zu erstellen, Verkaufstüten zu beschriften und Rechnungen zu schreiben. Immer wieder kam es vor, dass Bestellungen durcheinander gerieten.

Von der Zettelwirtschaft zur App

Einige Wochen ging das so, dann kam Gerhild Fischer im Sommer 2020 ein weiterer findiger Kunde zur Hilfe. Der nämlich bot der Bäckermeisterin an, für den Bestellprozess und die Abwicklung eine App zu programmieren. Fischer traf sich mit dem Entwickler, schilderte ihre Probleme und Anforderungen. Danach habe es nur ein paar Wochen bis zur fertigen App gedauert, erinnert sie sich. Sogar eine Funktion, digital mit PayPal oder aufgeladenem Guthaben zu bezahlen, sei in die App integriert worden.

Nun können Fischers Kundinnen und Kunden freitags bis 18 Uhr ihre Brote und Brötchen fürs Wochenende über die App bestellen. Die Bäckermeisterin bekommt automatisch eine Back- und Packliste, samstags können die fertigen Backwaren dann im Laden in Rothenburg oder in Halle bei einem Kunden abgeholt werden.

Weniger Bürokratie, mehr Nachhaltigkeit

Der bürokratische Aufwand hat sich für Fischer von mehr als drei Stunden auf wenige Minuten reduziert, weil die App auch die Rechnungen automatisch erstellt. Zudem arbeiten Gerhild Fischer und ihr Betrieb seit der Einführung der App nachhaltiger.

Jedes Brötchen, das ich produziere, kommt beim Endverbraucher an. Ich werfe nichts mehr weg.

Gerhild Fischer

Ihre Kunden hätten die App gut angenommen, berichtet Fischer: "Manch ältere Kunden tun sich zwar zunächst schwer, aber wenn sie die App einmal verstanden haben, ist alles gut." Mehr Probleme mit der Digitalisierung als die älteren Kunden haben Gerhild Fischers Großabnehmer. Viele der Biomärkte, die sie beliefert, schicken ihre Bestellungen weiterhin per Fax nach Rothenburg.

Und auch im Bäckerhandwerk gebe es in Sachen Digitalisierung einigen Nachholbedarf, berichtet die 57-Jährige. "Viele Kolleginnen und Kollegen tun sich schwer damit, in die Digitalisierung einzusteigen", sagt sie. Das Problem beginne bereits in der Ausbildung, in der digitale Inhalte bislang so gut wie gar nicht vorgesehen seien. Dabei gebe es durchaus Möglichkeiten, die Ausbildung innovativer und dadurch attraktiver für junge Menschen zu gestalten, findet Fischer.

Keine Angst vor Veränderung

Eine Idee hatte sie etwa vor einiger Zeit, als sie bei einer Weiterbildung der Handwerkskammer Halle erstmals eine Virtual-Reality-Brille ausprobieren durfte. "Solche Brillen könnte man doch nutzen, um Auszubildende in einer virtuellen Backstube mit verschiedenen Rezepten und Zubereitungsarten experimentieren zu lassen", findet Gerhild Fischer. Und wenn es mal Probleme mit alten Back- und Knetmaschinen gebe, könnte man diese mithilfe von VR-Brillen sicherlich manchmal selbst reparieren, so die Bäckermeisterin.

Die Digitalisierung scheitere oft eher am fehlenden Mut als an den fehlenden technischen Fähigkeiten, findet Gerhild Fischer. "Ich bin selbst kein Computerfreak, aber ich weiß mir zu helfen und finde garantiert immer jemanden, der mir hilft", sagt sie. Um Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen, sei es wichtig, keine Angst vor Veränderung zu haben. Ihren Betrieb habe sie bereits vor der Corona-Pandemie einige Male umgekrempelt. "Das gehört für mich dazu, wenn man weiter existieren will."

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

MDR/Lucas Riemer

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