Vorwürfe gegen Gemeindeverwaltung Alkohol-Vorwürfe: Erzieherinnen aus Teutschenthal ziehen vor Arbeitsgericht

Der Fall von sechs Erzieherinnen der Kindertagesstätte "Kleine Riesen" in Teutschenthal im Saalekreis hat es eindrucksvoll gezeigt – Alkohol am Arbeitsplatz ist keine gute Idee. Sie wurden vor rund drei Monaten suspendiert. Der schwerwiegendste Vorwurf: Wiederholter Alkoholmissbrauch am Arbeitsplatz. Nach Recherchen von MDR SACHSEN-ANHALT wirft aber auch das Verhalten der Gemeindeverwaltung Fragen auf.

Die Hände einer Kindergärtnerin und eines Mädchens sind beim gemeinsamen Malen in einer Kita in Dresden zu sehen.
Mehrere Kita-Mitarbeiterinnen sollen in Teutschenthalwiederholt auf Arbeit Alkohol getrunken haben -- und unter anderem ihre  Aufsichts- und Fürsorgepflicht verletzt haben. Bildrechte: dpa

Den 8. Juni 2021 werden die Erzieherinnen der Kindertagesstätte "Kleine Riesen" nicht vergessen. Nachdem sich bereits am Morgen die ehemalige Leiterin der Einrichtung zu Vorwürfen äußern musste und freigestellt wurde, kamen nach Darstellung von Betroffenen im laufenden Betrieb fünf Mitarbeitende der Gemeinde Teutschenthal in die Einrichtung und stellten weitere Mitarbeiterinnen zur Rede, konfrontierten sie mit Vorwürfen, legten Aufhebungsverträge zur Unterschrift vor. Nach Darstellung der Erzieherinnen verbunden mit verbalem Druck.

Es folgten weitere interne Untersuchungen. Manche Erzieherinnen, so erzählen sie, bekamen nur Abmahnungen, weil ihre Fälle als minderschwer bezeichnet wurden. Zwei Erzieherinnen, darunter die ehemalige Leiterin – die nun als einfache Erzieherin arbeitet – wurden rehabilitiert. Vier erhielten die Kündigung oder unterzeichneten einen Aufhebungsvertrag.

Viele Eltern zeigten sich entsetzt. Die Erzieherinnen genössen "höchstes Vertrauen", seien "die liebsten Menschen der Welt", man gebe die Kinder "ruhigen Gewissens seit Jahren in deren Hände". Das erzählten Mütter und Väter MDR SACHSEN-ANHALT. Darüber hinaus gab es eine weitere Aussage aus der Elternschaft: Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung, so der Vorwurf, hätten mitgetrunken.

Gemeindeverwaltung schenkt Grillpaket mit Bier, Sekt und Cocktail-Getränken

Auf einem Tisch stehen mehrere gefüllete Sektgläser
Während einer Dienstbesprechung wurde Alkohol getrunken, den die Gemeindeverwaltung mitgebracht hatte. Bildrechte: Colourbox.de

In der Tat: Knapp zwei Wochen vor den Suspendierungen besuchten zwei Angestellte der Gemeindeverwaltung eine Dienstbesprechung der Kita, brachten ein Grillpaket mit Bier, Sekt und Cocktailgetränken. Der Genuss – in moderaten Mengen, wie die Erzieherinnen betonen – erfolgte noch während der Dienstbesprechung, zusammen mit den Gemeindemitarbeitenden, die nach Aussage der Erzieherinnen mittranken.

Die Gemeinde wollte mit der Aktion ihren Dank aussprechen – "für die hohen Belastungen durch die Corona-Pandemie im Bereich der Kinderbetreuung", lässt Bürgermeister Tilo Eigendorf in einer schriftlichen Mitteilung wissen und bestätigt, dass grundsätzlich für Teutschenthaler Gemeindeangestellte ein Alkoholverbot im Dienst existiere, "sofern keine Ausnahmesituation vorliegt". Die Pakete habe die Gemeinde auch an andere Kitas verteilt. Ob die beiden Mitarbeitenden der Gemeindeverwaltung am Konsum alkoholischer Getränke beteiligt waren, ließ er offen.

Bürgermeister spricht von "Vielzahl von Verfehlungen"

Der Bürgermeister machte außerdem klar, dass es die arbeitsrechtlichen Sanktionen gegen die Erzieherinnen nicht wegen des Konsums der Alkoholika in den Grillpaketen gegeben habe, sondern wegen einer "Vielzahl von Verfehlungen, wie Verletzungen der Aufsichts- und Fürsorgepflicht, Arbeitszeitbetrug und regelmäßigem Alkoholkonsum während der Dienstzeit". Es gäbe interne Augenzeugen sowie Einlassungen der Betroffenen selbst.

Wir mussten danach aber noch Autofahren – insofern können Sie sich denken, wie wenig das war.

Erzieherin der Kita "Kleine Riesen"

Diese schütteln über derartige Vorwürfe den Kopf und widersprechen energisch. "Ein halbes Gläschen Sekt nach einer Dienstbesprechung, wenn längst keine Kinder mehr zu betreuen waren, etwa bei einem runden Geburtstag, das hat es bei uns im Sinne einer Ausnahme auch gegeben", erzählt eine Erzieherin. "Wir mussten danach aber noch Autofahren – insofern können Sie sich denken, wie wenig das war", ergänzt eine andere. Man sei auch bereit vor Gericht eidesstattlich zu versichern, dass es keinen regelmäßigen Alkoholabusus gegeben habe, betonen sie mit einer Stimme. Ihren Namen will keine in der Öffentlichkeit hören oder lesen. Zu tief sitzen Schock und Verzweiflung, zu groß ist der Wunsch, dass Ruhe ins Berufs- und Privatleben einkehrt und Gerechtigkeit siegt.

Anwalt eingeschaltet

Eine goldfarbene Justitia-Figur steht im Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg vor Aktenbergen.
Der Fall beschäftigt inzwischen Juristen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Zu diesem Zweck wurden zwischenzeitlich Juristen eingeschaltet. Während eine Erzieherin die Sache auf sich beruhen lassen möchte und eine neue Arbeitsstelle gefunden hat, ficht eine andere gerade ihren Aufhebungsvertrag an. Reaktion der Gemeinde: bislang Fehlanzeige, so Peter Rettig. Der Teutschenthaler Rechtsanwalt vertritt auch zwei andere Erzieherinnen bei ihrem Gang vor das Arbeitsgericht Halle. "Ich habe keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit der Aussagen der Damen", sagte Rettig MDR SACHSEN-ANHALT.

Einen ersten Teilerfolg kann der Rechtsanwalt auch schon verbuchen. Die Gemeinde, vertreten durch eine Anwältin, sei zwar im Gütetermin bei der Darstellung geblieben, dass es "wiederholten Alkoholkonsum in der Mittagspause" gegeben habe. Den Beweis dafür sei sie jedoch, so Peter Rettig, schuldig geblieben, habe sich stattdessen sofort vergleichsbereit gezeigt. Seine Mandantin habe einem Vergleich zugestimmt.

Verleumdung als Grund für die Vorwürfe?

Dabei möchte es die junge Frau, die zwischenzeitlich in einer anderen Branche arbeitet, allerdings nicht belassen – sondern will Klage wegen Verleumdung einreichen. Ob gegen Gemeinde, Kolleginnen oder beide – das ließ sie offen. Fest steht jedoch: Es gab Differenzen zwischen einzelnen Erzieherinnen. Eine davon soll gar gegenüber Eltern behauptet haben, sie würde die neue Leiterin der Einrichtung. Mehrere Erzieherinnen haben den Verdacht, die Aussage der Kollegin könnte das Ziel gehabt haben, sich selbst in eine Leitungsposition zu bringen.

Luftaufnahme Teutschenthal
Die Vorgänge um die Teutschenthaler Kita sollen aufgearbeitet werden. (Archivfoto) Bildrechte: IMAGO / Steffen Schellhorn

Der Bürgermeister indes bezeichnet diesen Verdacht als "Spekulation", zu der "keine Stellung genommen werden kann". Selbst wenn jene Beschäftigte die ihr vorgeworfene Absicht gehabt haben sollte, so hat sie ihr Ziel nicht erreicht. Die Leitungsposition wurde nunmehr einer Frau übertragen, die nach MDR-Recherchen an einer anderen Teutschenthaler Kita auch ein Kind des Bürgermeisters betreut, mit diesem laut Elternaussage in einem Duz-Verhältnis steht und durch die neue Tätigkeit nicht mehr vom Auslaufen ihres befristeten Schwangerschaftsvertretungsvertrages bedroht ist.

"Die Unterstellung, dass eine persönliche Bekanntschaft Personalentscheidungen beeinflusst habe, entbehrt jeder Grundlage", lässt Tilo Eigendorf schriftlich wissen. Dennoch: Der Druck auf ihn wächst deutlich. Mindestens eine Dienstaufsichtsbeschwerde liege gegen ihn und seine Verwaltung vor, bestätigen Saalekreis und Landesverwaltungsamt. Von einer "Aufarbeitung der Vorgänge" ist dort die Rede.

Chronischer Personalmangel

In einer Bürgersprechstunde bei einer Gemeinderatssitzung im Juli konfrontierten Eltern Eigendorf außerdem mit der Frage, ob zum Zeitpunkt der Mitarbeitergespräche am 8. Juni der Betreuungsschlüssel eingehalten werden konnte. "Nein" – behaupten nämlich Eltern und Erzieherinnen, zumal ohnehin chronischer Personalmangel herrsche, weshalb Pausen nicht selten Aufsicht mit Nahrungsaufnahme bedeuteten. "Ja", sagt der Bürgermeister und verspricht den Eltern gegenüber "Beweise" – die er aber nach deren Auskunft bislang noch nicht geliefert habe. Auf MDR-Nachfrage verweist er darauf, dass dem Ergebnis des Gerichtsverfahrens nicht vorgegriffen werden könne.

Wie vor diesem Gericht der Gütetermin einer weiteren Erzieherin Ende des Monats verlaufen wird, bleibt spannend: Die Gemeinde will in ihrem Spind zwölf Schnapsgläser gefunden haben. Die Betroffene selbst und ihr Rechtsanwalt müssen darüber schmunzeln. Es handele sich bei den Gläsern eindeutig um Dekorationsgläser für Kerzen, die die Erzieherin in ihrer Freizeit als Hobby bastele.

MDR/Marc Weyrich, Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. September 2021 | 08:30 Uhr

13 Kommentare

MDR-Fan vor 4 Wochen

@Mediator:
Im Artikel steht allerdings die Grillpakete mit alkoholischen Getränken wurden von Gemeindemitarbeitern in die Kita gebracht und GEMEINSAM verzehrt. Insofern haben nicht nur die Erzieherinnen diese alkoholischen Getränken verzehrt sondern auch die Mitarbeiter, die die Pakete überbracht haben. Da stellt sich dem Lesenden natürlich einige Fragen.
Als Bürgermeister muss man sich dann schon kritische Fragen gefallen lassen. Insofern es die etwaigen Anhaltspunkte für angeblichen Alkoholgenuss in der Einrichtung gab, muss man sich die Frage stellen, warum man gerade dort den Alkohol von Amtswegen noch hinträgt und die Erzieherinnen, ob nun mutwillig oder unüberlegt noch animiert oder eben den Vorwurf mit Zeugen ( die zufällig mit trinken) zu belegen.
Und nochmals der dezente Hinweis, als Vorgesetzter mit entsprechender Dienstanweisung muss ich mir sehr wohl überlegen, ob ich mich mit alkoholhaltigen Getränke bedanke oder die Äquivalente ohne Alkohol nutze.

B.B. vor 4 Wochen

Carola: Ich bewundere so denkende Kommentarinnen wie Sie. stärker sind nur noch Kommentare vom Mediator. Der weiß schon alles aus seinem persönlichen Umfeld.

Sharis vor 4 Wochen

Nach einem Gläschen Sekt ist man durchaus noch regulär fahrtüchtig - die Promillegrenze ist Ihnen bekannt ?

Was arbeitsrechtlich dagegen ein No-Go wäre, ist die Ausübung des Dienstes (Kinderbetreuung) in alkoholisiertem Zustand, sei er auch noch so gering. OB das so passiert ist, ist aber noch gar nicht klar - momentan gibt es zwar entsprechende Vorwürfe, aber keine Beweise für diese.

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