Größtes Flugzeug der Welt Zerstörung der Antonov 225 beschäftigt viele Menschen – nicht nur in der Ukraine

Thomas Tasler
Bildrechte: MDR/Thomas Tasler

Bei den Kämpfen um den bei Kiev gelegenen Flughafen Gostomel ist der Großfrachter An-225 zerstört worden. Das bestätigten ukrainische Behörden. Das größte Frachtflugzeug der Welt war aber nicht nur ein Einzelstück, sondern auch ein fliegendes Wahrzeichen der Ukraine. Ein Hintergrund.

Eine Antonov 225 landet 2020 auf dem Flughafen Leipzig/Halle.
In den vergangenen Jahren war die Antonov An-225 regelmäßig zu Gast am Flughafen Leipzig/Halle. Bildrechte: dpa

Die berühmte Antonov An-225 ist offenbar zerstört. Das teilte die ukrainische Regierung am Sonntag mit. Angesichts der aktuellen Situation in der Ukraine und dem menschlichen Leid, mag das wie eine kleine Randnotiz wirken.

Allerdings war das Flugzeug mit dem Beinamen "Mriya" (dt.: Traum) auch für viele Menschen in der Ukraine nicht einfach nur ein Flugzeug, sondern vielmehr ein fliegendes Nationalsymbol für eine demokratische Ukraine, auf das die Ukrainer auch sehr stolz waren.

Wolodymyr Selenskyj, 2021
Auch für den Präsidenten der Ukraine Wolodymyr Selenskyj sind die Antonov-Maschinen ein fliegendes Nationalsymbol. Bildrechte: dpa

Fliegender Stolz der Ukraine

Das zeigt auch der Tweet des ukrainischen Außenministers, der die Zerstörung mit deutlichen Worten bestätigte: "Russland mag unsere Mriya zerstört haben. Aber sie werden nie unseren Traum von einem starken, freien und demokratischen europäischen Land zerstören."

Die in den Nationalfarben der Ukraine - gelb und blau - lackierte Maschine war zugleich ein internationaler Botschafter. Auf Luftfahrtausstellungen und Flughafenfesten in der ganzen Welt zog sie die Aufmerksamkeit auf sich – und auf die Ukraine. Vor vier Jahren landete die Antonov als Überraschungsgast am Eröffnungstag der Internationalen Luft- und Raumfahrtaustellung ILA 2018 in Berlin-Schönefeld. Die Antonov stahl damals einem anderen fliegenden Riesen – dem Airbus A380 – ohne Mühe die Show.

Mit ihren 84 Meter Länge, einer Spannweite von fast 90 Metern konnte der fliegende Riese über 340 Tonnen Fracht transportieren. Voll beladen brachte sie weit über 600 Tonnen auf die Waage. So viel wie kein anderes Flugzeug. Die "Mriya" wurde deshalb von ihrem Betreiber Antonov Airlines weltweit verchartert, wo immer etwas zu verladen war, das in kein anderes Flugzeug passte.

Häufiger Gast in Leipzig/Halle

Zuschauer verfolgen 2010 den Start einer Antonov 225.
Der Start oder die Landung der An-225 war stets ein Großereignis. Bildrechte: IMAGO / Markus Tischler

Das war auch am Flughafen Leipzig/Halle regelmäßig der Fall. Gut 30 Mal gastierte die An-225 am größten mitteldeutschen Airport. Zuletzt brachte sie beispielsweise im Dezember 2021 hunderttausende Schnelltests nach Deutschland.

Die Starts und Landungen der An-225 waren für sogenannte Planespotter jedes Mal ein Großereignis. Zu Dutzenden drängten sich die Fotografen an den Zäunen des Flughafens. Dabei wurde jede Landung, jeder Start von ihnen akribisch auf Fotos und Videos festgehalten.

Für jeden Luftfahrtbegeisterten der etwas auf sich hielt, war es ein ungeschriebenes Gesetz, die große Antonov zumindest einmal in Aktion zu sehen. Das war aber gar nicht so einfach. Denn die An-225 war ein Einzelstück und weltweit unterwegs.

Entwickelt als Raumfähren-Transporter

Ihren Jungfernflug absolvierte sie Ende 1988. Eigentlich sollte die An-225 auch gar nicht als klassisches Frachtflugzeug fliegen, sondern die sowjetischen Raumfähre Buran huckepack auf ihrem Rumpf transportieren. Nach Einstellung des sowjetischen Raumfahrtprogramms wurde die Maschine aber außer Dienst gestellt. Erst nach der Privatisierung staatlicher Betriebe in der Ukraine wurde sie 2001 wieder reaktiviert.

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In den Folgejahren flog sie Dutzende Rekorde ein. Wie das Luftfahrtmagazin "Flugrevue" berichtet, brachte sie im Juni 2004 Ölpipeline-Ausrüstung mit einem Gesamtgewicht von 247 Tonnen von Prag nach Taschkent. Das schwerste jemals transportierte Einzelstück war ein 187 Tonnen schwerer Generator für ein Gaskraftwerk in Armenien. Das Flugzeug selbst wiegt leer 175 Tonnen.

Ob die zerstörte Maschine wieder repariert werden kann, ist unklar. Die Betreibergesellschaft Antonov teilte auf Twitter mit, solange die An-225 nicht von Experten inspiziert wurde, könne man nicht über den technischen Zustand des Flugzeugs berichten. Die ukrainische Regierung kündigte dennoch an, das Flugzeug wieder aufbauen zu wollen.

Zweite An-225 wurde nie fertiggestellt

Möglicherweise könnte dabei der Rumpf eines zweiten, nicht fertig gestellten Exemplars der An-225 helfen. Dieser ist in einem anderen Hangar am umkämpften Kiewer Flughafen Gostomel seit über 30 Jahren eingelagert. Bislang hatte es sich wirtschaftlich nicht rentiert, dieses Exemplar fertigzustellen. Denn die Nachfrage nach dem Riesenfrachter ist begrenzt. Viele Schwerlasttransporte konnten auch ihre kleineren Schwestermaschinen vom Typ An-124 bewältigen.

Der Flugzeugrumpf einer Antonov 225 steht 2016 in einer Montagehalle des Antonov Werkes in Kiew
Die zweite Antonov An-225 wurde nie fertig gebaut. Ihr Rohbau ist seit Jahrzehnten in Kiev eingelagert. Bildrechte: dpa

Antonov ist nicht gleich Antonov

Die Antonov An-225 war die größte Maschine des Flugzeugherstellers Antonov. Das in der Sowjetunion entwickelte sechsstrahlige Frachtflugzeug galt als das schwerste eingesetzte Flugzeug der Welt. Sie konnte über 340 Tonnen Fracht transportieren. Von diesem Flugzeug wurde aber nur ein Exemplar fertiggestellt, das durch Gefechte um den Kiewer Flughafen Gostomel zerstört wurde.

Die Antonov An-124 ist eine etwas kleinere Maschine, die aber ähnlich wie die An-225 konstruiert ist. Das als Hochdecker konzipierte Modell wurde für das sowjetische Militär Ende der 1970er-Jahre als Truppentransporter entwickelt. Mit einer Zuladung von bis zu 150 Tonnen sind diese Maschinen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch als zivile Frachtflugzeuge weltweit unterwegs. Die größten zivilen Betreiber sind die russische Volga-Dnepr Airlines (10) und die ukrainische Antonov Airlines (7).

Allerdings ist völlig unklar, in welchem Zustand sich die unfertige An-225 befindet. Erste Meldungen, dass auch sie bei den Kämpfen der letzten Tage zerstört oder beschädigt wurde, konnten bislang nicht bestätigt werden. Sollte die zweite Antonov unbeschädigt geblieben sein, dürfte ein Weiterbau aber extrem teuer werden. Medienberichten vor Kriegsbeginn zufolge, müssten große Teile des Flugzeugs neu konstruiert werden. Die Baukosten könnten deshalb auf über eine Milliarde US-Dollar steigen.

Ob der "Traum" der ukrainischen Luftfahrt angesichts dieser Zahlen überhaupt eine Chance auf eine Zukunft nach dem Krieg haben wird, ist ungewiss. Für viele Ukrainer und Luftfahrtbegeisterte bleibt daher wohl nur die Erinnerung an den majestätischen Anblick einer startenden Antonov An-225.

Thomas Tasler
Bildrechte: MDR/Thomas Tasler

Über den Autor Thomas Tasler arbeitet seit Juni 2019 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor der gebürtige Südthüringer nach Magdeburg kam, hat er in Leipzig bei MDR AKTUELL und mephisto 97.6 Station gemacht. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Luftfahrt und ist bei diesem Thema Ansprechpartner Nummer eins im Funkhaus.

MDR, Thomas Tasler

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 27. Februar 2022 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

Burgfalke vor 17 Wochen

Kann mich nur wiederholen, der Krieg muß so schnell wie möglich beendet werden!

Objektiv über die Hintergründe, die vielen falschen Versprechungen usw. ist es nahezu unmöglich öffentlich zu sprechen.

Gerade wa ein staatl. bestellter Dienstleiser da. Der ist nahezu ausschließlich unter den neuen Maßstäben zur Schule gegangen. Er hat mir die Hintergründe für diese völlig unnötige Situation versucht zu erläutern.

In diesem Zusammenhang konnte ich ihm erklären, daß er mit seinen äußerungen hier gesteinigt worden wär bzw. was mir hier überraschend passiert ist. Das kann ohnehin niemand nachvollziehen.

Ich hoffe, daß es per Diplomatie eine Lösung geben wird, wobei das ...

Zum Thema:
ob dieses große, besondere Flugzeug letztendlich nicht auch bestimmten "Wirtschaftfreunden" ein Dorn im Auge war? Ungeliebte Konkurenz?
Egal wie, ich hoffe, daß es möglich sein wird dieses Flugzeug wieder einsetzen zu können.

Ostfussballfan73 vor 17 Wochen

Die Flüge dieser Maschine sind einfach peanuts im Vergleich dazu, was tagtäglich rund um die Welt geschippert wird (Stichwort: fast fashion). Jetzt soll ja noch Flüssigas ausgebaut werden. Wissen Sie, wieviel Tanker allein Deutschland benötigen würde, damit es jeder kuschelig hat? Wenn Sie dann noch dazunehmen, wie umweltfreundlich Panzer fahren in Tschernobyl und abgefackelte Treibstofftanks sind, liegen die Abgase dieser Maschine im homöopathischen Bereich.

part vor 17 Wochen

So ist das nun mal, wenn geostrategische Interessen Vorrang haben vor den guten Errungenschaften der Menschheit und der Möglichkeit der Völker untereinander friedlich zusammen leben zu dürfen. Doch was dem bösen Nachbar nicht gefällt, der ehedem niemals fromm war, das darf nicht sein. Der Ausspruch von Genscher zum Thema Völkerrecht war wohl damals sehr zutreffend, denn es gibt immer nur die Interessen der einzelnen Staaten. Dieses Flugzeug war ein gemeinsames Produkt aus dem Zusammenschluss von Einzelstaaten, letztendlich war es privatisiert und dem Zugewinn zum Gemeinwohl entzogen. Welcher Oligarch aus UA daraus Gewinne generiert hat, recherchiert uns die Presse leider nicht.

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