Chemie-Industrie Trotz Verzicht auf russisches Öl: Leuna produziert weiter

Die Chemieindustrie ist einer der größten Wirtschaftszweige Sachsen-Anhalts – mit dem größten Standort in Leuna. Große Sorgen gab es im März, als die französische Total-Raffinerie ihren Verzicht auf russisches Öl angekündigt hat, das in Leuna verarbeitet wird. Nun stellt die Infrastrukturgesellschaft Infraleuna klar: Eine Produktionseinstellung ist nicht geplant.

Raffinerie
Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

Nach dem angekündigten Verzicht auf russisches Erdöl für die Total-Raffinerie in Leuna laufen die Anlagen am Chemiestandort weiter. Infraleuna-Geschäftsführer Christof Günther erklärte, es gebe derzeit keine Planungen durch Unternehmen, die Produktion angesichts des Ukraine-Kriegs einzustellen. "Das ist uns das Wichtigste", so Günther von der Infrastrukturgesellschaft.

Die Total-Raffinerie verarbeitet bisher zwölf Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr aus Russland, um daraus Kraftstoffe und Grundstoffe für die Chemieindustrie herzustellen. Nach eigenen Angaben werden etwa 1.300 Tankstellen im Einzugsbereich der Raffinerie mit Benzin und Diesel im Umfang von drei Millionen Tonnen versorgt. Die Raffinerie ist eines von rund 100 miteinander verflochtenen Unternehmen am Standort, die etwa 12.000 Menschen beschäftigen.

Hintergrund: Total verzichtet auf russisches Öl Der französische Mineralölkonzern Total hatte nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine angekündigt, ab Ende 2022 kein russisches Erdöl mehr kaufen zu wollen. Es würden keine Verträge verlängert oder neu geschlossen, hieß es. Ein erster Vertrag, der Leuna betrifft, laufe bereits Ende März aus. Der Standort wird bislang über die "Druschba"-Pipeline direkt versorgt. Alternativ will Total Rohstoffe von internationalen Märkten beziehen.

Dem Infraleuna-Geschäftsführer zufolge laufen am gesamten Standort aktuell Investitionsprojekte. Sie sollen Leuna zukunftsfit machen für neue Technologien und alternative Rohstoffe. Eines der Großprojekte ist demnach eine Bioraffinerie, die auf Holz-Basis arbeiten wird. Außerdem habe der Komplex den grünen Wasserstoff als Energiequelle ins Auge gefasst, Forschung und Bau einer Anlage liefen bereits. Zwischen 2014 und 2022/23 würden rund 2,2 Milliarden Euro am Standort Leuna investiert, hieß es. Der Industriestandort Leuna ist rund 1.300 Hektar groß.

Allierte Bomberstaffel im Formationsflug über Deutschland.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Standort Leuna zerstört. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geschichte des Chemiestandorts Leuna Ihren Anfang nahm die Chemieproduktion in Leuna im Jahr 1916. Damals wurde im Auftrag der BASF in Leuna der Grundstein für eine Ammoniakfabrik gelegt. Später wurde hier synthetisches Benzin aus Kohle hergestellt, das die Kriegsmaschinerie Adolf Hitlers unabhängig von teurem Erdöl machen sollte. Im Zweiten Weltkrieg wurde Leuna zerstört, danach wiederaufgebaut. Zu DDR-Zeiten war der "VEB Leuna-Werke Walter Ulbricht" das größte Chemiekombinat mit rund 33.000 Beschäftigten. Nach 1990 wurde Leuna in Einzelteilen von der Treuhand verkauft.

Quelle: dpa

1944 Wie die Bombenangriffe auf Leuna den Zweiten Weltkrieg mitentschieden haben

Für die Angriffskriege der Nazis war Leuna eine Schlüsselposition. Dort wurde ein Großteil des Treibstoffs für die Panzer und Flugzeuge produziert. Das machte die Leuna-Werke zum Ziel alliierter Bomber.

Wie Bombenangriffe auf Leuna den Zweiten Weltkrieg mitentschieden haben
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Wie Bombenangriffe auf Leuna den Zweiten Weltkrieg mitentschieden haben
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Am 12. Mai 1944 erreichen 500 amerikanische Bomber Leuna. Über 100 Menschen sterben bei dem Angriff.
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Ziel des Angriffs: Die Leuna-Werke Produktionsausfall: 270.000 Tonnen Flugbenzin
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Der Plan: Stehen die Leuna-Werke still, stehen Deutsche Panzer und Flugzeuge still.
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Weitere Angriffe auf das Werk folgen. Die Treibstoffproduktion bricht ein.
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Nur jedes fünfte Flugzeug der Wehrmacht kann betankt werden.
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Blick auf das im 2. Weltkrieg stark zerstörte Industriegebiet von Magdeburg.
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Dieses Thema im Programm:
MDR FERNSEHEN | Unsere Städte | 04. Februar 2020 | 22:05 Uhr

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dpa, MDR (André Plaul)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. März 2022 | 19:00 Uhr

34 Kommentare

Haller vor 13 Wochen

ja, irgendwas stimmt nicht (Teil 1)

Ich erinnere mich genau an die "Befreiung" Kuwaits aus irakischer Besatzung. Der Westen fuhr unendlich Truppen und Panzer usw. auf und ich traute meinen Ohren nicht, der TV-Moderator erklärte, dass man noch auf die Öllieferungen warte. Da der Markt sehr eng wäre, müsse man auf die Lieferungen aus dem Irak warten. Ich bin mir 100 pro sicher, dass ich das gehört habe und hab immer gedacht: Wie absurd ist das denn? Und jetzt scheint sich das zu wiederholen.

Deja-vu: Der Zar hielt Moskau und St. Petersburg nicht für sicher genug für seine Goldbarren, brachte sie also in die City of London zur sicheren Verwahrung. Die Engländer gaben es Lenin, der es mithilfe des deutschen Geheimdienstes dann von der Schweiz aus durch Deutschland zur Söldnerbezahlung nach Russland verbrachte. Leiter des deutschen Geheimdienstes? Der Philantrop Warburg, das Brüderchen des Gründers der FED.

W.Merseburger vor 13 Wochen

Zunächst ist es oben nur eine Ankündigung der Firma, auf Erdöl von Putin-Russland zu verzichten. Was ich aber kritisiere ist, dass hier und auch kürzlich in einem ähnlich gelagerten Beitrag (A. Wittstock) eine Industriegeschichte, eine Geschichte des Erfolges deutscher Chemiker und Techniker in fünf bis zehn Sätzen abgehandelt, ja eigentlich erschlagen, wird. Da behauptete im anderen Artikel Herr Wittstock , dass NAZI-Deutschland in Magdeburg eine Hydrieranlage zur Benzingewinnung errichtete, um autark zu sein. Herr Wittstock, dass ist eine Erfindung!

ElBuffo vor 13 Wochen

Nachdem der Deal Atomwaffen gegen Sicherheit nun gescheitert ist, wird dieser Punkt wohl von niemanden mehr ernsthaft als Verhandlungsgegenstand betrachtet. Da machen also veränderte Standpunkte durchaus Sinn.

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