Möglicher Erdgas-Lieferstopp Chemiepark Leuna kann nur schwer auf russisches Gas verzichten

MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Hannes Leonard steht im Profil vor einer Wand
Bildrechte: MDR/Hannes Leonard

Für die Chemieunternehmen am Standort Leuna ist Erdgas ein wichtiger Rohstoff und Energielieferant. Rund 40 Prozent des Gases kommt momentan noch aus Russland. Im Gegensatz zu Öl kann auf russisches Gas nur schwer verzichtet werden. Ein möglicher Lieferstopp von russischem Gas löst daher Sorgen aus. Vor allem die Industrie im Süden des Landes würde wohl die Auswirkungen spüren. Die Lage ist ernst, denn Alternativen stehen derzeit nicht zur Verfügung.

Eingang eines Unternehmens in Leuna, neben dem zwei Bäume stehen.
Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Ein Gang in einem Bürohaus, an der Wand hängt ein sehr großes Ölgemälde. Darauf ist ein Industriepark mit vielen rauchenden Schornsteinen zu sehen.
Ölgemälde im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Leuna-Werke erinnern an vergangene Zeiten. Bildrechte: MDR / Hannes Leonard

Im neo-klassizistischen Verwaltungsgebäude der ehemaligen Leuna-Werke haben viele Firmen des Industrieparks ihre Büros. Unter anderem auch Matthias Halliger, er ist Sprecher von Infraleuna. Die Firma betreut die Infrastruktur des Chemieparks, also versorgt anderen Firmen am gesamten 1.300 Hektar großen Industriestandort mit Erdgas und Strom, stellt die Feuerwehr, betreibt das Eisenbahnnetz auf dem Gelände oder kümmert sich um die Wasser- und Abwasserversorgung. Und Infraleuna betreibt vor Ort auch zwei Gaskraftwerke. "Damit sind wir so was wie die Stadtwerke des Chemiestandortes Leuna", erklärt Halliger.

Leuna ist Deutschlands größter geschlossener Chemiestandort

Mit seinem Auto geht es weiter hinein auf das Firmengelände des riesigen Chemie-Parks. Flächenmäßig gilt Leuna als einer der größten Standorte seiner Art in Deutschland. Mehr als hundert Firmen der chemischen Industrie produzieren hier, die insgesamt rund 14.000 Arbeitnehmer beschäftigen. Am bekanntesten ist sicherlich die Total-Raffinerie. Der französische Mineralölkonzern hatte kürzlich angekündigt, kein russisches Erdöl mehr kaufen zu wollen, stattdessen auf internationalen Märkten.

Insgesamt hat Deutschland in der Vergangenheit mit russischem Öl und Gas ein Großteil seines Energieverbrauchs gedeckt. An den Öleinfuhren hatte Russland einen Anteil von 34 Prozent, bis zum Sommer werden dem Wirtschaftsministerium zufolge die Importe jedoch voraussichtlich halbiert sein.

Russland liefert 50 Prozent des deutschen Erdgasbedarfes

Dominik Möst, Professor von der TU Dresden, im Portrait. Er schaut in die Kamera.
Dominik Möst: Langfristig gibt es kaum Alternativen zu russischem Erdgas. Bildrechte: Dominik Möst

Bei Erdgas war der Anteil sogar noch höher: 2021 hat die Bundesrepublik laut Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe über 50 Prozent ihres Erdgasbedarfs aus Russland bezogen. Etwas über zehn Prozent werde in der Kraft-Wärme-Kopplung und öffentlichen Wärme sowie weitere circa zehn Prozent in Gewerbe, Handel und Dienstleistung benötigt. Den restlichen Anteil, grob 35 Prozent, verbrauch die Industrie vor allem in der Eisen-, Stahl- und chemischen Industrie, sagt Dominik Möst im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Er ist Professor an der TU Dresden. Dort forscht er über die Energiewirtschaft.

Erdgas wird zu circa 30 Prozent genutzt, um im Haushaltssektor Wärme bereitzustellen. Das heißt, wesentliche Abnehmer sind die Endkunden. Knapp 15 Prozent fließen in die Stromerzeugung.

Prof. Dominik Möst TU Dresden

Die Chemie-Industrie wie am Standort Leuna verbraucht viel Energie. Sie setzt laut Verband der Chemischen Industrie rund 2,8 Millionen Tonnen Erdgas als Rohstoff und knapp 100 Terawattstunden Erdgas für die Erzeugung von Dampf und Strom im Jahr ein. Erdgas ist also ein wichtiger, kaum zu ersetzender Rohstoff für die chemische Grundstoffindustrie. Ohne Erdgas kein Ammoniak, kein Wasserstoff und kein Methanol. Das wiederum sind wichtige Ausgangsstoffe etwa für Düngemittel, AdBlue, Soda, Glas und weitere chemische Grundstoffe.

Thomas Räcke, Bereichsleiter Energie/Wasser sitzt in seinem Büro am Schreibtisch und schaut auf Computermonitore.
Thomas Räcke von Infraleuna: Eine stabile Erdgas-Versorgung ist für den Chemiestandort Leuna existenziell. Bildrechte: MDR / Hannes Leonard

Blickt man im Büro von Thomas Räcke aus dem Fenster, sieht man ein großes graues, fensterloses Gebäude, an dessen Ende ein hoher Schornstein in den Himmel ragt. Räcke leitet heute den Bereich "Energie/Wasser" bei Infraleuna. "Das ist eines unserer zwei Gas- und Dampfturbinenkraftwerke", sagt Räcke. Er arbeitet schon seit 43 Jahren am Standort Leuna, angefangen hat er als Heizer. Seit dieser Zeit ist er auch Fan des Halleschen Fußballclubs: "Mein Vater hat mich damals ins Stadion mitgenommen". Selbstverständlich hat er auch eine Dauerkarte: "Momentan läuft beim Verein alles gut."

Unser Bedarf an Erdgas entspricht dem einer deutschen Großstadt. Insgesamt rund fünf Millionen Megawattstunden pro Jahr. Damit kann man mehr als 350.000 Haushalte versorgen.

Thomas Räcke Infraleuna
Ein graues, fensterloses Gebäude mit vielen Rohren die entlang der Fassade verlaufen, im Hintergrund ein hoher Schornstein.
Das Gas- und Dampfkraftwerk von Infraleuna wird ungefähr zur Hälfte mit russischem Erdgas betrieben. Bildrechte: MDR / Hannes Leonard

Die beiden Kraftwerke liefern an die vielen Firmen am Standort vor allem Wasserdampf in verschiedenen Drücken, dazu aber auch Strom. Damit die Gaskraftwerke von Räcke laufen und er an die anderen Firmen am Standort für deren Produktion Gas liefern kann, braucht er russisches Erdgas. "Der Anteil des russischen Erdgases im deutschen Erdgasnetz beträgt aktuell etwa 40 Prozent.", sagt Räcke. Ein möglicher Lieferstopp von russischem Gas löst daher große Sorgen aus.

Russland-Ukraine-Konflikt: Wirtschaft in Sachsen-Anhalt besorgt

Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges gibt es immer wieder die Forderung, auf russisches Erdgas zu verzichten. Berichte über Gräueltaten russischer Truppen an der ukrainischen Bevölkerung haben die Debatte über einen sofortigen Abnahmestopp wieder aufleben lassen.

Fakt ist aber auch: Russisches Gas lässt sich nur schwer ersetzen. Ein kurzfristiger Lieferstopp von wenigen Monaten könne noch ganz gut abgepuffert werden. Wenn das länger dauern würde, stünden notwendige Alternativen gar nicht zur Verfügung, sagt Energieexperte Möst.

Mit Flüssiggas vom Weltmarkt kann man ein knappes Fünftel von russischem Gas ersetzen. Daneben kann man die anderen Quellen nutzen, also Gas aus europäischen Feldern und Gas verstärkt aus Nordafrika importieren. Alles zusammen hat dann noch mal eine Größenordnung ähnlich wie beim Flüssiggas.

Prof. Dominik Möst TU Dresden
Flüssigerdgastanker auf See
Um Russisches Erdgas zu ersetzen, müsste auf dem Weltmarkt Flüssiggas eingekauft werden. Bildrechte: imago/imagebroker

Dazu kommt, dass es von Ostdeutschland kaum Pipeline-Verbindungen zu den anderen Pipelines gibt, die im Norden Deutschlands ankommen. Auf jeden Fall bleibe es für Jahre bei einem deutlich höheren Gaspreis, ist sich Möst sicher. "Die letzten Jahre haben wir eindeutig von billigem russischem Gas profitiert. Wenn wir jetzt Flüssiggas einkaufen, stehen wir viel stärker mit dem Weltmarkt in Konkurrenz." Das könnte auch dazu führen, dass Industrien ihre Produktionen verlagern würden. Ob langfristig Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, sei jetzt aber noch nicht absehbar.

Gasversorgung von Privathaushalten soll sichergestellt werden

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat kürzlich die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas ausgerufen. Hintergrund ist die Befürchtung einer erheblichen Verschlechterung der Gasversorgung wegen des Kriegs. Von nun an wird täglich ein Krisenstab die Gasversorgungslage beurteilen.

Sollte Gas nicht ausreichend zur Verfügung stehen, wird sicherlich zuerst die Versorgung der kritischen Infrastruktur, also von Krankenhäusern, Feuerwehr und Polizei, sichergestellt. Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingman (SPD) hatte kürzlich bekräftigt, dass auch die Versorgung der Verbraucher im Land gewährleistet bliebe, selbst wenn sich die Versorgungslage verschlechtere.

Gas-Lieferstopp könnte zu Produktionsstillstand führen

Abstriche könnten dann also im Bereich von Wirtschaft und Industrie gemacht werden. Heißt konkret: Sie werden nicht mehr mit Gas versorgt, die Produktion kommt zum Stillstand. Das betrifft dann vor allem die Stahl- und Chemieindustrie, gerade auch am Standort Leuna. "In diesem Fall dürften betroffene Unternehmen - sowohl in Sachsen-Anhalt als auch andernorts - seitens der Bundesregierung nicht alleine gelassen werden", forderte Minister Willingman vorsorglich.

Bei Infraleuna übt man sich in Optimismus. Man sei in guten Gesprächen mit Habeck und weiteren Akteuren, heißt es. Für Räcke und seine knapp 800 Kollegen bei Infraleuna ist aber auch klar: "Eine stabile Erdgas-Versorgung ist für den Chemiestandort Leuna existenziell." Auf der Rückfahrt sagt Infraleuna-Sprecher Halliger: "Erdgas ist die Brückentechnologie hin zur Versorgung mit erneuerbaren Energien. Wir werden diese Brücke wahrscheinlich noch bis 2045 brauchen."

MDR (Hannes Leonard), dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. April 2022 | 12:00 Uhr

2 Kommentare

Hobby-Viruloge007 vor 17 Wochen

Der Artikel beschreibt das eigentliche Problem. Ein Ausbleiben des russischen Gases wird die Industrie hart treffen. Die Ostdeutsche Industrie wegen der ungenügenden Hafenanbindung via Pipeline noch mal stärker als die Westdeutsche.
Wenn die Energie bei uns mittelfristig teuer als in anderen Ländern ist, werden energie- intensive Produktionen sehr bald abwandern.

Es ist ja leider auch keine Alternative auf Strom umzustellen.

Man muß sich darüber klar sein, das China zukünftig mit dem russischen Gas weiter billig produzieren wird.

Jedimeister Joda vor 17 Wochen

Wieviel können wir sparen wenn wir auf das Gas verzichten? Und was würde uns das kosten?

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