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Heidnische Beschwörungsformeln"Merseburger Zaubersprüche" sollen Welterbe werden

von MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 26. Mai 2021, 16:15 Uhr

Die Merseburger Zaubersprüche sind die ältesten erhaltenen heidnischen Beschwörungsformeln in althochdeutscher Sprache. Am Mittwoch wurde der Antrag vorgestellt, sie ins Unesco-Weltdokumentenerbe aufzunehmen. Bei einer erfolgreichen Bewerbung könnten sie sich ab 2024 oder 2025 mit dem Titel schmücken.

Die mehr als 1.000 Jahre alten "Merseburger Zaubersprüche" sollen Unesco-Weltdokumentenerbe werden. Der Antrag zur Aufnahme der einzigen in Deutschland erhaltenen heidnischen Beschwörungsformeln wird an die deutsche Unesco-Kommission übergeben. Das kündigten Vertreter des Landes Sachsen-Anhalt und der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz am Mittwoch in Merseburg an. Bei einer erfolgreichen Bewerbung könnten die Zaubersprüche 2024 oder 2025 Welterbe werden.

Das sind die Merseburger Zaubersprüche

Die sogenannten Merseburger Zaubersprüche sind zwei althochdeutsche Sprüche bzw. Beschwörungsformeln, die nach dem Ort ihrer Entdeckung in der Bibliothek des Domkapitels Merseburg benannt wurden. 1841 fand sie ein Historiker in einer theologischen Handschrift des 9. oder 10. Jahrhunderts. Die Zaubersprüche wurden 1842 von dem Sprach- und Literaturwissenschaftler sowie Juristen Jacob Grimm - bekannt vor allem durch die nach ihm und seinem Bruder Wilhelm benannten "Kinder- und Hausmärchen", die auch Teil des Weltdokumentenerbes sind - erstmals editiert und kommentiert. Die Sprüche zählen neben dem Hildebrandslied zu den wenigen auf Althochdeutsch überlieferten Texten mit Bezug auf die vorchristliche germanische Mythologie. Der Erste Merseburger Zauberspruch gilt als ein Lösezauber der Fesseln eines Gefangenen, der Zweite Merseburger Zauberspruch als Heilungszauber für einen verrenkten Pferdefuß.

Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra (CDU) nannte in Merseburg die Zaubersprüche ein „einzigartiges Dokument“, das sich gut in den Kanon des Welterbes im Land einfüge. Weiter sagte er: "Daher unterstützen wir als Land die Bewerbung um die Anerkennung der 'Zaubersprüche' als Unesco-Erbe der gesamten Menschheit." Merseburgs Oberbürgermeister Jens Bühligen (CDU) würdigte die Zaubersprüche als Teil des umfangreichen Kulturschatzes der Dom- und Hochschulstadt.

Besucher des Merseburger Doms regelmäßig „zutiefst ergriffen“

Stiftsdirektor Holger Kunde sagte, die Zaubersprüche würden einen direkten Einblick in die Lebens- und Sprachwelt der Region vor ungefähr 1.000 Jahren geben. Besucher des 1.000 Jahre alten Merseburger Doms seien bei Anblick oder Klang der Verse regelmäßig „zutiefst ergriffen“.

Hintergründe zum Unesco-Weltkulturerbe

Das Weltdokumentenerbe ist ein Verzeichnis im Rahmen des 1992 von der Unesco gegründeten Programms Memory of the World (englisch für Gedächtnis der Welt) „zum Erhalt des dokumentarischen Erbes der Menschheit“. Das Programm dient dazu, den freien Zugang zu bedeutenden Dokumenten zu sichern und das Erbe so zu bewahren. Aufgenommen werden Bücher, Handschriften, Partituren, Unikate sowie Bild-, Ton- und Filmdokumente, „die das kollektive Gedächtnis der Menschen in den verschiedenen Ländern unserer Erde repräsentieren“.

Formuliert wurde der Welterbe-Antrag unter Mithilfe von Privatdozent Wolfgang Beck vom Institut für Germanistische Literaturwissenschaft der Universität Jena. Beck spricht in seinem Antrag von den Zaubersprüchen als einem "unersetzlichen Schlüsseldokument" und integralen Bestandteil des deutschen und internationalen Kulturerbes. Und weiter: "Ihr Wert für das Studium der Religion, der Sprache, der Literatur und der Magie kann kaum überschätzt werden."

Mit der Himmelsscheibe von Nebra und den frühen Schriften der Reformationsbewegung verfügt Sachsen-Anhalt bereits über zwei Einträge in das Weltdokumentenerbe. Aus Deutschland gibt es derzeit 24 Einträge in der Liste. Darunter befinden sich das Nibelungenlied und das Autograph der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach (1685-1750). Alle zwei Jahre können pro Land zwei Vorschläge zur Aufnahme in das Unesco-Register des Weltdokumentenerbes eingereicht werden. Die Entscheidung trifft ein internationales Komitee.

Merseburger Zaubersprüche im Oktober im Original zu sehen

Die Zaubersprüche werden in der Domstiftsbibliothek Merseburg aufbewahrt. Wegen ihres Wertes und ihrer Empfindlichkeit wurden die Handschriften in den zurückliegenden Jahrzehnten nur äußerst selten und unter größten Schutzvorkehrungen präsentiert. Umso bemerkenswerter ist, dass sie zum 1000. Weihejubiläum des Merseburger Doms vom 2. bis 31. Oktober im Original zu sehen sein werden.

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MDR/Gero Hirschelmann

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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