Corona-Impfung in Merseburg Aus dem Alltag eines mobilen Impfteams

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Seit Ende Dezember sind im ganzen Land mobile Impfteams unterwegs, um in Alten- und Pflegeheimen die über 80-Jährigen zu impfen, die nicht selbst ins Impfzentrum kommen können. MDR SACHSEN ANHALT hat eines der drei Teams des Saalekreises begleitet. Eine Reportage.

Ulrike Koch öffnet weit den Mund und verzieht das Gesicht, als das Stäbchen in ihren Rachen fährt. "Angenehm ist das nicht, aber es muss nun mal sein", erzählt die 34-Jährige MDR SACHSEN-ANHALT. Der Corona-Test ist eine Prozedur, die das Impfteam um Ulrike Koch täglich über sich ergehen lassen muss. Denn nur mit negativem Ergebnis dürfen sie in die Pflegeeinrichtungen fahren.

In der Rischmühlenhalle in Merseburg werden sonst sportliche Wettkämpfe ausgetragen. Zurzeit ist hier das Impfzentrum untergebracht. Auf dem Parkett stehen Impfkabinen und in den Fitnessräumen sind Schreibtische und medizinische Geräte untergebracht. Hier beginnt das vierköpfige Impfteam jeden Morgen seine Tour. Einer fährt, einer ist für die Spritzen zuständig und zwei kümmern sich um den Papierkram. Doch jetzt heißt es erst einmal warten, bis das Ergebnis des Schnelltests da ist. Zeit für ein Tässchen Kaffee.

Wertvoller Stoff

Nach 15 Minuten wissen sie, dass alle negativ sind. "Prima, dann können wir ja die Sachen packen! Um 9 Uhr kommen die Ärzte, bis dahin müssen wir alles aufgebaut haben", sagt Marcus Ficker.

Das offene Kühlfach eines Kühlschranks, Kälte neben zieht hinaus. Im Fach liegt eine kleine weiße Packung.
In einem Spezialkühler wird der Impfstoff bei bei -74°C gelagert. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Erholt die aufgetauten Impfdosen aus dem Kühlschrank, der gleich neben dem Spezialkühler steht. Hier wird der wertvolle Stoff bei -74°C gelagert. Während Marcus Ficker die Impfdosen zusammen mit mehreren Kühlakkus in einer isolierten Tasche verstaut, nimmt Ulrike Koch den Karton mit Kitteln und Impfbesteck unter den Arm. Zusammen steigen alle in den bereitstehenden Wagen des Saalekreises, doch heute ist der Weg nicht weit. Sie bleiben in Merseburg, ihr Ziel ist das Curanum Pflegeheim.

Impfung im ehemaligen Hotspot

Ein Mann in Schutzkleidung zieht eine Spritze mit Corona-Impfstoff auf.
Markus Ficker zieht die Spritzen mit dem Impfstoff gegen Corona auf. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Andrea Lieschke empfängt sie euphorisch. "Ihr könnt im Café Rühmann aufbauen, da habt ihr mehr Platz", sagt die Leiterin des Pflegeheims. Sie ist froh, dass heute die Bewohner und Mitarbeitenden die zweite Impfung bekommen. Im November noch hatten sie mit einem Ausbruch des Corona-Virus zu kämpfen, mit fast 100 Fällen waren sie ein Hotspot im Saalekreis. "Heute haben wir keinen einzigen Corona-Fall mehr", erzählt Andrea Lieschke erleichtert.

Derweil hat das Impfteam das Café Rühmann bezogen. "Die Ärztinnen sitzen dort am Eingang, ihr baut daneben euren Laptop auf, ich ziehe hier die Spritzen auf und dort am kleinen Tisch wird geimpft", gibt Marcus Ficker die Verteilung vor. In kürzester Zeit ist alles vorbereitet, wenig später kommen die Ärztinnen. "Sie machen hier die Anamnese und schicken die Mitarbeiter mit ihren Chipkarten dann zu uns, erst dann wird geimpft", erklärt Ulrike Koch den Plan.

Ein Café, in dem an zwei Täschen Ärztinnen mit Mundschutz sitzen, sie nehmen die Daten von Patienten auf. Im Vordergrund wird ein Mann gespritzt.
Im Café des Merseburger Pflegeheims hat das Impfteam drei Stationen aufgebaut. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Impfen im Akkord

Draußen stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon Schlange. Einzeln müssen sie eintreten, damit an den drei Stationen kein Gedränge entsteht. Zuerst werden sie von den Ärztinnen nach ihrem Wohlbefinden gefragt und ob sie die erste Impfung gut vertragen haben. "Manche hatten danach Schmerzen im Arm oder kurzzeitiges Schwindelgefühl. Eine Patientin meinte sogar, sie könne jetzt besser sehen", erzählt Katrin Petzold MDR SACHSEN-ANHALT.

Manche hatten danach Schmerzen im Arm oder kurzzeitiges Schwindelgefühl. Eine Patientin meinte sogar, sie könne jetzt besser sehen.

Ärztin Katrin Petzold

"Da kommt der Mann mit der goldenen Chipkarte", flüstert Ulrike Koch ihrem Kollegen zu. Während er den Anamnesebogen einscannt, liest sie die goldene Chipkarte ein. "Man erlebt schon so manches, ich habe ja auch noch den alten Impfausweis aus der DDR, aber bei manchen ist noch das *räusper* drauf! Man hat auch Mitleid, wie zum Beispiel bei der Kollegin da, die hat richtig Angst vor der Spritze. Aber im Allgemeinen haben die Männer mehr Angst als die Frauen", erzählt Ulrike Koch.

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Die Bewohner sind besonders dankbar

Eine Ärztin spricht mit einer Seniorenheim-Bewohnerin vor der Corona-Impfung.
Ärztin Schäfer spricht mit einer Pflegeheim-Bewohnerin über die Corona-Impfung. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Innerhalb von zwei Stunden haben alle Mitarbeiter ihre zweite Impfung erhalten. "Jetzt geht es hoch auf die Wohnbereiche", sagt Marcus Ficker. Während Ulrike Koch mit Stapeln an Impfausweisen und Chipkarten der Bewohner kämpft, nehmen die Ärztin und er den Fahrstuhl in die dritte Etage. Dort ist ein Zimmer vorbereitet, in dem sie ihre Utensilien aufbauen können. Nach und nach begleiten Pflegerinnen und Pfleger die Bewohner ins Impfzimmer.

"Guten Tag Frau Lange, ich bin Frau Dr. Schäfer, das ist bei Ihnen die zweite Impfung, haben Sie die erste gut vertragen? Prima!" Gekonnt injiziert die Ärztin den Impfstoff. "In meinen 30 Jahren als Ärztin habe ich bestimmt 20.000 Spritzen verabreicht", schätzt Schäfer. "Die alten Leute sind besonders froh über die Impfung. Sie hoffen am meisten, bald wieder mehr Besuch empfangen zu dürfen." Bisher darf täglich nur eine Person für maximal eine Stunde kommen.

Das Curanum-Pflegeheim war eines der letzten Pflegeheime, das im Saalekreis zu impfen war. Das Impfteam wird erst wieder herkommen, wenn neue Bewohner einziehen. Als nächstes werden sie sich um die ambulanten Pflegedienste kümmern. Nach den über 80-Jährigen sind als nächstes die über 70-Jährigen an der Reihe. Für Ulrike Koch und Marcus Ficker gibt es also noch viel zu tun. Jetzt ist aber erst einmal wieder Zeit für ein Tässchen Kaffee.

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Über den Autor Alexander Kühne arbeitet seit 2020 als freier Mitarbeiter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Vorher studierte er in Halle Politikwissenschaft und Kunstgeschichte. Daher findet er seine Themenschwerpunkte in Gesellschaft und Kultur, die er trimedial für Fernsehen, Radio und Online umsetzt. Vor seinem Studium lernte der gebürtige Hallenser den Beruf des Mediengestalters und arbeitete für das Stadtfernsehen in Halle. Zum Fernsehen kam er über ein FSJ Kultur beim Offenen Kanal Wettin, wo er alle Bereiche der Produktion, egal ob vor oder hinter der Kamera kennenlernte. Jeden Tag im Land unterwegs zu sein, neue Leute kennenzulernen und in alle Facetten des Zusammenlebens zu schnuppern – das sind für ihn die Gründe, die den Journalistenberuf zum besten Job der Welt machen.

MDR/Luise Kotulla, Maria Hendrischke

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 30. Januar 2021 | 19:00 Uhr

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