Eltern "genervt" und "unter Druck gesetzt" Teutschenthal: Vermögensberatung beim Elternabend

Ein Mann mit Brille und blauem Sacko lächelt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Gaby Conrad

Elternabende dienen gewöhnlich dem Austausch über pädagogische Methoden und organisatorische Angelegenheiten. In einer Kita in Teutschenthal wurde ein Elternabend für eine Werbe- und Verkaufsveranstaltung der umstrittenen "Deutschen Vermögensberatung" (DVAG) genutzt. Eltern fühlten sich unter Druck gesetzt. Die Rollen der Kita-Leitung und des Bürgermeisters werfen Fragen auf.

  • Mindestens ein Elternteil beschwert sich nach einer Veranstaltung von Vertretern der Deutschen Vermögensberatung (DVAG) in der Kita ihrer Kinder in Teuschtenthal beim Bürgermeister.
  • Die DVAG verweist darauf, die Gemeinde im Vorfeld informiert und die Erlaubnis erhalten zu haben, Kitas selbstständig ansprechen zu dürfen.
  • Die Rollen der Kita-Leitung und des Bürgermeisters werfen Fragen auf. So kommen von der Gemeinde unterschiedliche, sich teils widersprechende Angaben.

Es war ein Elternabend mit Überraschungen Ende September in einer Kita im Teutschenthaler Ortsteil Langenbogen. Das Protokoll, das MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt, zeigt die Tagesordnung. Nach der Wahl der neuen Elternvertreter heißt es dort: "Deutsche Vermögensberatung: Vorstellung des Angebots".

Drei DVAG-Vertreter bei Elternabend

Eine Vertreterin und zwei Vertreter der DVAG hielten dabei einen Vortrag über Kinderarmut und vermeintliche Gefahren einer "Zwei-Klassen-Medizin", erinnern sich Eltern. "Die haben auf Biegen und Brechen versucht, Verträge abzuschließen", erzählt ein Vater, der bis heute wütend ist. "Ich arbeite selbst im medizinischen Bereich und habe Ahnung von der Materie. Die haben auf die Tränendrüse gedrückt und Unwahrheiten erzählt", ergänzt er.

Eine andere Mutter gibt an, sich sehr unter Druck gesetzt gefühlt zu haben: "Es ging darum, dass wir einen Vertrag zum Vermögensaufbau abschließen sollen, wenn wir unseren Kindern Armut ersparen wollen." Flyer der DVAG sollen verteilt worden sein. Die Bilder dieser Flyer liegen MDR SACHSEN-ANHALT vor. Von "Konditionen", die "am besten zu Ihrem Schützling" passen, ist die Rede.

Ein Vater habe sich sodann persönlich über den Vorfall bei Teutschenthals Bürgermeister Tilo Eigendorf (Unabhängige Bürgervereinigung Teutschenthal) beschwert. Inoffiziell, aber deutlich habe er ihm mitgeteilt, "dass es indiskutabel war und überhaupt nicht geht". Weiter erinnert sich der Beschwerdeführer: "Der Bürgermeister hat allerdings konsequent abgewiegelt und das Thema gewechselt." Die Gemeinde hingegen gibt an, keine Beschwerden erhalten zu haben.

Spielzeug für Werbeveranstaltung

Der Leiter der Niederlassung der Deutschen Vermögensberatung in Teutschenthal, räumt auf Nachfrage den Besuch seiner Mitarbeiter bei dem Elternabend ein. Die Mitarbeiter seien allerdings "als Privatpersonen" in der Kita gewesen. Das Wort "Deutsche Vermögensberatung" sei nicht gefallen, auch Flyer seien nicht verteilt, sondern lediglich ausgelegt worden – in einer kleinen Lokomotive.

Mit der Kita-Leitung sowie deren Stellvertretung sei dieser Besuch der drei DVAG-Mitarbeiter abgesprochen gewesen. Der Niederlassungsleiter selbst teilte mit, der Kita Langenbogen sowie einer weiteren Kita der Gemeinde jeweils eine 300-Euro-Spende zugesagt zu haben für den Erwerb von therapeutischem Spielzeug. Einen Zusammenhang mit dem Besuch seiner drei DVAG-Mitarbeiter bei dem Elternabend weist er von sich.

Unklare Rolle des Bürgermeisters

Nach Angabe des Niederlassungsleiters habe er von Bürgermeister Tilo Eigendorf bereits im Herbst 2020 die Erlaubnis erhalten, selbständig Kontakt zu allen Kitas der Gemeinde aufnehmen zu dürfen. Auch das Auslegen von Flyern sei erlaubt worden. Erst nach dem fraglichen Elternabend sei ihm schriftlich ein Hausverbot zugestellt worden. Die Gemeinde hält dem entgegen "bereits im Jahr 2020" mit Hinblick auf ihre Neutralität keine Erlaubnis "zu solchen Besuchen" erteilt zu haben.

Was der Bürgermeister wann wusste – darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT antwortete die Gemeinde zunächst, dass sie den Versuch "des Vertreters" sofort nach Bekanntwerden unterbunden habe, auf zweite Nachfrage hieß es, es habe "keine Verkaufsveranstaltung mit einem Vertreter" gegeben. Erst auf die dritte Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT räumte die Gemeinde ein, dass sich der DVAG-Niederlassungsleiter "über die Einrichtung selbst Zugang zu der Elternversammlung verschafft" haben müsse.

Die Veranstaltung der DVAG-Vertreter ist laut Angaben der Gemeinde von einer Sachbearbeiterin, die ebenfalls beim Elternabend war, "unmittelbar nach deren Vorstellung durch eine Erzieherin" untersagt worden. Es sei wegen der "unmittelbaren Unterbindung zu keiner Anpreisung von Versicherungsprodukten gekommen" und es habe keine Beschwerden beim Bürgermeister gegeben.

Gemeindevertreterin lehnt Dankes-Sekt ab

Die Angaben zu Ablauf und Genehmigung der Veranstaltung von Gemeinde, DVAG und Elternschaft sind also nicht deckungsgleich. Die Gemeinde spricht allerdings von einer anonymen Anzeige bei der Kommunalaufsicht, die es gegeben habe. Weil in der Dienstaufsichtsbeschwerde fälschlicherweise eine andere Kita als Veranstaltungsort genannt worden sei, sei diese vom Gemeinderat zurückgewiesen worden.

Eltern erinnern sich zudem an eine Szene nach Abschluss der etwa viertelstündigen Veranstaltung: Als Dankeschön überreichten die DVAG-Vertreter der Gemeindevertreterin eine Flasche Sekt. Diese wies das Getränk jedoch zurück, da es sonst "Missverständnisse" geben könnte.

Im vergangenen Jahr hatte die Kündigung von vier Erziehenden einer anderen Kita in Teutschenthal wegen des Vorwurfs von Alkoholkonsums in der Arbeitszeit überregional für Aufsehen erregt. Eine der vier Erziehenden wehrte sich gegen die Kündigung vor Gericht und obsiegte vor kurzem in erster Instanz. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

MDR (Marc Weyrich)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 31. Januar 2022 | 07:30 Uhr

7 Kommentare

Matthi vor 27 Wochen

Werbeveranstaltungen in Kindergärten oder Schulen geht garnicht. Man muss sich schon fragen ob die Kita-Leitung von der Veranstaltung gewusst hat und wenn ja wieso es nicht unterbunden wurde im Vorfeld. War es vielleicht eine eigenmächtige Aktion vom Personal und die Kita-Leitung wusste nichts, dann stellt sich mir die Frage weiß die Leitung etwa nicht was in ihren Räumen passiert. Ich persönlich glaube nicht das die Mitarbeiter von DVAG ohne Einladung vorbeikommen sind.

Rotti vor 27 Wochen

Die Verantwortung dafür trägt der Dienstherr.
Der ist offensichtlich nicht in der Lage, für den ordnungsgemäßen Gang der Verwaltung zu sorgen.
Damit stellt er heraus, dass er eine entsprechende persönliche und fachliche Eignung vermissen läßt.
Der Gemeinderat sollte die persönlichen Konsequenzen fordern, kommen die nicht, sollte konsequent abgewählt werden.

O.B. vor 27 Wochen

Da sieht man die intelligente Mehrheit. Da wird sitzen geblieben als hätte man keine Wahl. Jeder normale Mensch würde fragen gibt es noch etwas was mein Kind betrifft? Nein!? Gut, dann auf Wiedersehen. Der Deutsche ist ein herdentier. Traut sich einer gehen alle. Hier hört es sich so an als hätten drei Vertreter den Eltern ein schlechtes Gewissen gemacht. Dies mit der Absicht selber Profit zu machen. Keiner wagte sich den Anfang zu machen weil sich mehr Gedanken gemacht wird was der Nachbar denkt als wovon man selber überzeugt ist.

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