Zwischen Weinreben wächst ein Streifen bunter Wildblumen, darunter Gänseblümchen
Die Wildblumen bringen viele Vorteile, konkurrieren aber auch mit den Weinpflanzen um Wasser und Nährstoffe. Bildrechte: Lea Schubert (Hochschule Anhalt)

Saale-Unstrut Winzer kämpft gegen den Klimawandel

01. März 2023, 14:09 Uhr

Winzer im Anbaugebiet Saale-Unstrut testen, was im Weinbau für mehr Nachhaltigkeit getan werden kann. Es geht darum, die Auswirkungen des Klimawandels auf den Weinanbau zu mindern. Dafür arbeiten die Winzer mit Weinbauern in ganz Europa zusammen, zum Beispiel in Frankreich, Ungarn und Österreich. Nach zwei Jahren zeigt sich nun: Die Insekten kommen wieder häufiger zum Weinberg.

Wie in einem blühenden Garten sieht es das Jahr über im Weinberg am Hallberg bei Höhnstedt aus, sagt Winzer Jochen Born. Ende Februar ist davon naturgemäß nicht viel zu sehen. Aber es werde nicht mehr lange dauern und die vor zwei Jahren ausgesäten Wildpflanzen werden wieder austreiben und Unmengen von Insekten anlocken, sagt er.

Das ist für den Winzer die augenfälligste Wirkung. Wächst zwischen den Reihen der Rebstöcke nur Gras, ist nur selten eine Wildbiene, ein Marienkäfer oder eine Schwebfliege im Weinberg zu bemerken. Es ist still. Ganz anders auf benachbarten Flächen, auf denen kein Wein steht. Hier ist die biologische Vielfalt zu spüren. Es ist also ganz einfach: Blüht es im Weinberg, kommen auch die Insekten.

Projekt-Pflanzen sind Konkurrenz für Wein

Ausgesät wurde eine Mischung aus regionalen Wildpflanzen. Der Grund ist einfach. Es gibt Insekten, die sind so stark spezialisiert, dass sie nur mit heimischen Blüten zurechtkommen. Diese Erfahrung lässt den Winzer auch vergessen, dass die zusätzlichen Pflanzen im Weinberg auch eine Konkurrenz für die Weinstöcke sind bei Wasser und Nährstoffen.

Doch das ist laut Winzer Born hinnehmbar, weil die Vorteile überwiegen. Wenn über dem Boden im Weinberg wieder mehr Leben zu beobachten ist, wird es auch unter der Erde wieder lebendiger. Denn im Grunde genommen sei Wein, wie alle anderen landwirtschaftlichen Kulturen, eine Monokultur. Darunter leide immer das Leben in der Humusschicht. Ein lebendiger Boden sorgt am Ende auch für guten Wein.

Winzer stellt Betrieb ökologisch um

Der Winzer Jochen Born ist dabei, seinen Betrieb "auf öko" umzustellen. Das ist keine Voraussetzung für die Teilnahme am Projekt für nachhaltigen Weinbau. Aber für Born ist es eine Investition in die Zukunft. Er will, dass auch die Generationen nach uns weiter Wein anbauen können.

Blühpflanzen in den Gassen zwischen den Reihen der Rebstöcke sind nur ein Arbeitsgebiet im Rahmen des Projektes. Es geht auch um Alternativen zu chemischen Pflanzenschutzmitteln für die Rebstöcke. Es geht um neue Dünge-Methoden und die Art des Düngers, also organisch oder mineralisch. Angesichts immer häufiger werdender Dürre-Perioden sollen Bewässerungssysteme getestet und deren Wirkungen auf die Weinpflanze beobachtet werden. Und nicht zuletzt soll auch bewertet werden, ob sich höherer Aufwand für Nachhaltigkeit am Ende auch für die Weinproduzenten rechnet.

Hochschule Anhalt wertet aus: Neue Insekten angelockt

Vorbereitet und ausgewertet werden die Ergebnisse auch von Wissenschaftlern. Für das Weinanbaugebiet Saale-Unstrut haben das Spezialisten von der Hochschule Anhalt übernommen.

Auf 24 Weinbergen wurde auf einer Fläche von 20 Hektar eine spezielle Saatgutmischung einheimischer Arten ausgesät. Die Wirkungen sind die wichtigsten Ergebnisse der Zwischenbilanz des Projektes zum nachhaltigen Weinbau. Dazu ist in den vergangenen beiden Jahren beobachtet worden, welche Arten aus den Mischungen sich durchsetzen konnten und auch, wie sie in der speziellen Situation in einer Rebanlage gedeihen.

Wildpflanzen locken Insekten an

Dazu kommt, welche Insektenarten auftreten und wie viele Exemplare zwischen den Rebstöcken unterwegs sind. Verglichen wird das mit den Ergebnissen von sogenannten Kontrollflächen. Die sind so geblieben, wie sie waren, also zumeist mit dem einfachen Grasbewuchs.

Und es ist eindeutig: Durch das neue Nahrungsangebot der ausgesäten Wildpflanzen werden mehr und neue Insektenarten angelockt – ein signifikanter Anstieg der Biodiversität. Während bei den Vergleichsflächen die Insekten an manchen Stellen sogar weiter zurück gingen.

Für Düngung und Bewässerung liegen bei Halbzeit des Projektes noch keine belastbaren Ergebnisse vor. Das soll dann 2025 soweit sein, wenn das Projekt endet.

Eine Hummel hält sich an einer rosa Blüte
In Höhnstedt lockt zum Beispiel Rotklee Gartenhummeln an. Bildrechte: MDR/Lea Schubert (Hochschule Anhalt)

Experimente auch in Frankreich und Ungarn

So wie an Saale und Unstrut werden die Möglichkeiten für nachhaltigen Weinbau im Rahmen des Projektes auch in europäischen Partner-Regionen erforscht. In Ungarn beteiligt sich ein Weingut in der Region Tokaj im Nordosten des Landes. Der Betrieb arbeitet schon jetzt komplett ökologisch. Auch hier wird mit der speziellen Begrünung der Gassen zwischen den Rebstockreihen experimentiert.

In Frankreich ist die Weinregion Luberon beteiligt. Partner ist die Universität Avignon. Hier arbeitet Armin Bischoff, der vorher an der Universität in Halle geforscht hat. Er kennt beide Weinregionen. Er schätzt ein, dass der Klimawandel im Süden Frankreichs zu ähnlichen Problemen führt wie an Saale und Unstrut. Dürre-Perioden nehmen zu. Niederschlagsphasen verschieben sich und die Durchschnittstemperaturen steigen. Es gibt einen Unterschied: In Frankreich – speziell im Luberon – werden Weinanbauflächen häufig beregnet. Aber auch hier wird versucht, zwischen den Reihen der Rebstöcke Blühpflanzen anzusiedeln.

Doch über Ergebnisse kann der Wissenschaftler noch nicht berichten. In Frankreich konnten keine Saatgutmischungen regionaler Arten verwendet werden. Doch es hat sich gezeigt, dass Pflanzenarten von außerhalb nicht geeignet sind. Hier muss also die verbleibende Zeit bis zum Projektende 2025 noch für weitere Versuche genutzt werden.

MDR (Mathias Kessel, Julia Heundorf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 28. Februar 2023 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

THOMAS H am 01.03.2023

Noch viel wichtiger wären solche Blühwiesen in den Städten, wo die Großvermieter bis zu 5 Mal im Jahr die Flächen zwischen den Wohnblöcken roden lassen und diese, durch die Sonneneinstrahlung, dann total verbrannt und betonhart sind und somit mit Sicherheit nicht gut für die Insekten- und Vogelwelt sind. Weitere Pluspunkte, dieser Blühwiesen, wären z. B. daß der Regen nicht einfach nur in den Regenwasserkanälen verschwindet und die Städte sich nicht so sehr aufheizen. Leider wird sich nichts ändern. So wie ich es schon mehrmals geschrieben habe, sehe ich dies ja schon seit über 25 Jahren in meinem Wohnumfeld, wo als Höhepunkt, Anfang Dez. 2020 auf über 300 m², mit der Rodung von Sträuchern >Scheinquitte, Pfaffenhütchen, Flieder, Forsythie u. a.< und Bäumen, lieber alles weggemacht wurde, so daß die gesamte Fläche mit dem Rasentraktor bis auf die Erdschicht gerodet werden kann.

AlexLeipzig am 01.03.2023

Na das ist doch mal ein positives und vielversprechendes Beispiel, das hoffentlich andere animiert, es ebenso zu tun.

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