Interview Pflegefamilien gesucht: Zahl der Pflegekinder in Sachsen-Anhalt steigt

In Sachsen-Anhalt steigt die Zahl der Pflegekinder, doch die Zahl der Familien, die Kinder vorübergehend aufnehmen, wächst nicht mit. Das Jugendamt des Saalekreises hat deshalb einen Aufruf gestartet: Pflegefamilien dringend gesucht! Sozialarbeiterin Tina Locke im Interview.

Ein Kind hockt in einem kleinen Holzhäuschen.
Lea ist eines von 2.718 Pflegekindern in Sachsen-Anhalt. Sie hat in Freyburg ein liebevolles Zuhause gefunden. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

MDR SACHSEN-ANHALT: Im Saalekreis leben momentan 216 Kinder in 153 Pflegefamilien. Warum werden es hier und im ganzen Land mehr?

Tina Locke: "Wir erleben, dass immer mehr Multiprobleme in den Familien auftreten. Oft sind es mehrere der folgenden Punkte:

  • Sucht und Abhängigkeit der Eltern

  • Überforderung der Eltern durch die Summierung von schwierigen Situationen (Arbeitslosigkeit, viele Kinder, alleinerziehend, Kinder mit Behinderung, …)

  • Haft der Eltern oder eines Elternteils

  • Eltern ohne soziales Netz

  • sehr junge Eltern

  • geistige Behinderung der Eltern

  • schwere traumatische Erfahrungen des Kindes aufgrund von Misshandlung und Vernachlässigung

  • emotionale Ablehnung des Kindes durch die leiblichen Eltern

  • Langwierige und die Erziehung beeinflussende Krankheiten und längere Krankenhaus- bzw. Kuraufenthalte der Eltern

Manche Eltern gestehen es sich selbst ein, dass sie es nicht schaffen oder wir als Jugendamt müssen die Entscheidung abnehmen und sagen, dass das Zusammenleben so nicht mehr funktioniert. Da müssten sich dann gravierende Punkte verändern, die mit den Eltern besprochen werden. Entweder schaffen wir es gemeinsam, dass die Eltern etwas in ihrem Leben verändern können und für ihre Kinder da sind oder wir müssen einen anderen Weg finden. Das ist im Idealfall eine Pflegefamilie."

Weshalb gibt es nicht genug Pflegefamilien?

"Wir hatten lange Zeit einen guten Pflegeeltern-Stamm. Die Pflegeeltern werden aber älter und vor dem Hintergrund sehen sich einige nicht mehr in der Lage, für weitere Kinder da zu sein. Deswegen setzt jetzt ein Neuausrichtungsprozess ein und wir versuchen, neue Pflegeeltern zu gewinnen. Im Jahr 2020 haben sich fünf neue Familien gemeldet, die dann auch den Pflegeeltern-Kurs besucht haben, der sie auf ihre Rolle vorbereitet.

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Tina Locke ist Sozialarbeiterin und betreut viele Pflegekinder und deren Familien im Saalekreis. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Weshalb sich nicht genügend Pflegefamilien finden, dazu kann nur spekuliert werden. Vermutlich ist der gesellschaftliche Wandel ausschlaggebend: Das höhere Alter der Eltern beim ersten eigenen Kind, dadurch verzögert sich die Verselbstständigung der eigenen Kinder. Es gibt hohe Anforderungen durch die Vereinbarung von Familie und Beruf sowie die Erwartung an die eigene Elternrolle. Auch das Karrierebewusstsein hat sich verändert.

Die wirtschaftliche Absicherung der Familie kann selten durch Alleinverdiener aufgefangen werden, beide Elternteile müssen arbeiten gehen. Dazu stellen die Schicksale, Biografien bzw. Traumatisierungen der Pflegekinder sowie die notwendige Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie eine große Herausforderung für unerfahrene Familien dar, der man sich gewachsen fühlen muss."

Ein Diagramm mit den Zahlen von Pflegekindern und Pflegefamilien von 2015 bis 2020.
Bildrechte: MDR Saschen-Anhalt

Sind die Zahlen der Pflegekinder und Pflegefamilien im Saalekreis gleichbleibend?

"So lange es geht, möchten wir die Kinder bei ihren leiblichen Eltern lassen und den Familien Hilfe zur Selbsthilfe geben. Diese Zahl überwiegt die Zahl der Pflegekinder bei weitem.

Flyer vom Saalekreis zum Thema Pflegefamilien
Der Saalekreis und auch das Land Sachsen-Anhalt werben um neue Pflegefamilien. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Wir haben aber immer mehr Kinder, für die wir Pflegefamilien suchen, für die wir ein Zuhause suchen. Von den 216 Pflegekindern (Stand 31.12.2020) leben 94 in der Fremdpflege, 59 in der Verwandtenpflege. Die Zahl der Pflegefamilien in der Fremdpflege bleibt weitestgehend konstant, die Zahl der Pflegefamilien in der Verwandtenpflege steigt jedoch deutlich an.

Vor allem immer mehr Großeltern nehmen ihre Enkelkinder auf. Für Kinder ist es schön, falls sie nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, wenn man Familie erhält. Und dann ist es natürlich gut, falls die Großeltern das leisten können, dass die Kinder in ihrem Familiensystem aufwachsen. Denn Familie bleibt Familie."

Weshalb braucht es bedeutend mehr Familien?

"Pflegeeltern werden dringend gebraucht. Aufgrund der Biografie des Kindes und der sich daraus ergebenden Bedürfnisse, muss für ein Kind die passende Familie gesucht werden.

Pflegekinder haben traumatische Erfahrungen mitunter schon im Mutterleib machen müssen. Sie haben häufig Bindungsunsicherheit, Vernachlässigung, fehlende Förderung, einen Mangel an Sicherheit und Geborgenheit sowie Gewalt, Drogen- und Alkoholkonsum erlebt. Das Urvertrauen dieser Kinder wurde zutiefst erschüttert, wodurch sich die Kinder nicht mehr "gesund" binden können. Sie sind enttäuscht und wütend und brauchen Geborgenheit.

Nicht jede Familie kann dem Bedarf eines bestimmten Kindes gerecht werden, so dass ein gewisser Pool an Pflegefamilien zur Verfügung stehen muss, um das Kind in eine passende Familie vermitteln zu können."

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um Pflegefamilie sein zu können?

"Ein intaktes Familienleben ist Voraussetzung. Außerdem sollten die potentiellen Pflegeeltern

  • Freude am Zusammenleben mit Kindern haben

  • in der Lage sein, sich auf ein fremdes Kind einzulassen und ihm emotionale Stabilität zu geben

  • erzieherische Fähigkeiten, Einfühlungsvermögen, Geduld und Humor mitbringen

  • materiell abgesichert sein

  • ausreichend großen Wohnraum haben

  • im erweiterten Führungszeugnis keine Eintragungen haben

  • frei von Suchterkrankungen, psychischen Erkrankungen oder lebensverkürzenden Erkrankungen sein."

Werden nur Paare gesucht, die verheiratet sind und eigene Kinder haben?

"Pflegefamilien sind so bunt wie das Leben und können "klassische" Familien sein, aber auch Alleinstehende, unverheiratete Paare, gleichgeschlechtliche Paare und Patchwork-Familien aller Altersklassen. Im besten Fall sollten Pflegeeltern nicht älter als 65 Jahre alt sein, wenn ihre Pflegekinder volljährig werden."

Wie alt sind die Pflegekinder und wie lange bleiben sie?

"Sie sind zwischen 0 und 18 Jahre alt. Auch junge Volljährige verbleiben mitunter als 'Pflegekinder' in ihren Pflegefamilien, um z.B. eine Schul- oder Berufsausbildung zu beenden. Wir suchen deshalb Pflegefamilien, die bereit sind, die Kinder für eine unbestimmte Zeit aufzunehmen. Das kann ein Jahr sein, das können mehrere Jahre sein, das kann aber auch bis zur Volljährigkeit sein. Die wenigsten Kinder können zu ihren leiblichen Eltern zurück."

Wie aufwändig ist es, ein Pflegekind zu haben?

"Pflegekinder benötigen immer viel Geduld und Einfühlungsvermögen, Aufmerksamkeit und Struktur, Liebe und Fürsorge, Zeit und Förderung, Humor und Gelassenheit. Ein Pflegekind wirbelt das gesamte Familiensystem durcheinander und das muss sich erst wieder neu finden.

Ein Pflegekind trägt frühere Handlungs- und Bindungsmuster in die Pflegefamilie, die nicht immer zu ergründen sind. Es fordert und benötigt ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung, testet Grenzen, zeigt intensive Bedürfnisse und prüft Vertrauen."

Wie viele Kinder nehmen Pflegefamilien gleichzeitig auf?

"Zu Beginn ein Kind, manchmal auch Geschwisterkinder. Im Verlauf des Pflegeverhältnisses kann ein weiteres Kind dazukommen, wenn das bisherige Pflegeverhältnis stabil ist und die Pflegeeltern sich zutrauen, ein weiteres Kind aufzunehmen. Bis zu fünf Kinder sind es maximal, aber wir sagen immer, dass zwei Kinder gut geschafft werden können. Uns ist eine Pflegefamilie bekannt, die seit 1993 etwa 30 Pflegekinder betreut hat – in Kurzzeitpflege, Bereitschaftspflege und Vollzeitpflege."

Was ist der Unterschied zwischen Bereitschaftspflege und dauerhafter Pflege – und wofür werden Familien gesucht?

"Für beides wird gesucht, da Kinder immer länger auch in Bereitschaftspflege verbleiben und die Familien dadurch lange belegt sind.

Ein kleines Mädchen sitzt allein mit seiner Babypuppe im Innenhof eines Plattenbau-Wohngebiets
Wenn sich die Eltern nicht um ihr Kind kümmern können, wird es zu seinem Schutz in eine Pflegefamilie gegeben. Bildrechte: dpa

In Bereitschaftspflege kommen Kinder in der Regel zwischen 0 und 3 Jahren, die aufgrund einer Krisen- oder Notsituation aus der Herkunftsfamilie herausgenommen werden müssen. Diese Kinder müssen in ihrer persönlichen Notsituation aufgefangen werden. Das Kind soll in der Pflegefamilie nur eine Gastrolle einnehmen, somit prüft das Jugendamt schnellstmöglich, d.h. innerhalb von drei bis sechs Monaten, die Perspektive. Wir erarbeiten mit den Eltern die Rückführung des Kindes in den elterlichen Haushalt oder den Wechsel in eine anschließende stationäre Hilfe – in eine Pflegefamilie oder ins Heim.

Vollzeitpflege ist die vorübergehende oder dauerhafte Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie. Das Kind soll ein Teil der Familie werden, ein vollwertiges Familienmitglied. Regelmäßiger Kontakt zu den Eltern soll erhalten bleiben, denn Ziel einer Vollzeitpflege ist eigentlich die Rückkehr des Kindes in den elterlichen Haushalt. Kommt ein Kind in Vollzeitpflege, ist absehbar, dass die Problemlage der Eltern noch zu groß ist, als dass das Kind innerhalb eines Jahres zu den Eltern zurückkehren könnte. Mit den Eltern wird erarbeitet, was zu verändern ist und es erfolgt regelmäßig eine Überprüfung."

Welchen Weg muss eine neue Familie gehen, die sich ein Pflegekind vorstellen kann?

"Nach einem Erstgespräch beim Jugendamt wird die Familie ein halbes bis ein Jahr geprüft. Es gibt Hausbesuche, wir brauchen das Führungszeugnis, Schufa-Auskunft, Gehaltsnachweise. Die potentiellen Pflegeeltern schreiben Lebensberichte, füllen Fragebögen aus. Wir müssen die Familie gut kennenlernen um zu wissen, welches Kind zu ihnen passt."

Was haben Pflegeeltern finanziell an Unterstützung zu erwarten?

"Eine Familie darf nicht auf das Pflegegeld angewiesen sein, das ist Bedingung. Pflegeeltern bekommen ein monatliches Pflegegeld ausgezahlt, welches sich aus zwei Teilen zusammensetzt:

1. Betrag für die Pflege und Erziehung

2. Betrag für den Sachaufwand

Der Betrag für die Pflege und Erziehung stellt eine finanzielle Anerkennung der Pflegeeltern dar, für die tägliche Arbeit, die sie für das Pflegekind leisten. Der Betrag für den Sachaufwand soll den Unterhalt des Kindes abdecken, darin sind Gelder für Ernährung, Bekleidung, Reinigung/Kosmetik, Hausrat, Wohnung und Schule/Bildung enthalten. Zusätzlich erhalten Pflegeeltern anteilig das Kindergeld."

Das Interview führte Luise Kotulla.

MDR, Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. März 2021 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

Herzenskinder0059 vor 44 Wochen

Kinder aus den unterschiedlichsten Verhältnissen aufzunehmen muss ein Herzensbedürfnis sein. Die Erfahrungen mit den eigenen Kindern helfen nur bedingt im Zusammenleben mit Pflegekinder. Vieles wird man mit anderen Augen sehen. Es heißt, sich auf das Kind einzulassen, in seine Biographie einzutauchen und es so anzunehmen, wie es ist. Dann wird man eine Entwicklung sehen, dankbar für ganz kleine Schritte sein. Wenn die Erwartungen an das Kind, an die Ämter, an das eigene Umfeld zu hoch sind, wird Enttäuschung die Folge sein. So aber kann man ein ganz großes Glück empfinden, sich selbst weiter entwickeln und für die Kinder eine echte Hilfe sein. Man braucht ein bisschen Mut und man muss schon das Außergewöhnliche mögen.
Aber es lohnt sich!!!
Wir sind als Familie durch alle Höhen und Tiefen gegangen, haben viele Kinder in Bereitschaft aufgenommen und sie dann auch wieder abgeben können/müssen. Einige sind geblieben. So steinig der Weg oft war, es gibt nichts Schöneres für uns!

Wenzel vor 44 Wochen

Es ist schon traurig, dass manche Kinder kein intaktes Familienleben kennen. Man würde gern helfen. Die eigenen Kinder sind groß. Man hätte Zeit usw. Nur was ich mit dem Jugendamt Magdeburg erleben musste, als ich meiner Nachbarin bei der Suche nach KITA- Plätzen, falschen KITA- Gebührenbescheiden und Beantragung des Elterngeldes geholfen habe, passt auf keine "Kuhhaut". Danke aber Nein Danke! kann ich da nur sagen. Wenn das mit dem Jugendamt schon nicht bei den eigenen bzw. Nachbarskindern funktioniert wie soll das erst mit Pflegekindern werden? Nur ein Beispiel: gegen den offensichtlich falschen KITA-Gebührenbescheid konnte man keinen Widerspruch einlegen nur klagen. Wer möchte sich das bitteschön antun?

sannypless vor 44 Wochen

Wir haben uns auch vorstellen können, als Pflegeeltern aktiv zu werden.
Jedoch ist uns der Aufwand der Wünsche und Forderungen der Ämter zu viel.
Wir selbst hatten jahrelang internationale Austausch Kinder bei uns und sind daher recht gut aufgestellt was Erziehung bedeutet
Leider sind die oft die Auflagen der Behörden immer so hoch dass man dann zum Leidwesen der Kindern nichts unternimmt.

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