Chronologie Grube Teutschenthal: Zwei Jahre Gestank und Verzweiflung

Gestank und wohl sogar gesundheitliche Schäden: Im Oktober 2018 haben sich die Anwohner aus Angersdorf im Saalekreis zum ersten Mal an MDR SACHSEN-ANHALT gewandt. Der Grund: Ärger mit der benachbarten Grube Teutschenthal. Ein Rückblick zeigt: Das Problem ist noch immer nicht ganz gelöst.

Ein Förderturm und Silos der GTS Grube Teutschenthal GmbH.
Seit mehr als zwei Jahren klagen Anwohnerinnen und Anwohner der Grube Teutschenthal über Gestank und gesundheitliche Folgen. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Sommer 2018 – Gestank wird bemerkt

Im Sommer 2018 tritt in Angersdorf im Saalekreis immer wieder ein muffiger, metallischer Gestank auf. Das beschreiben Anwohnerinnen und Anwohner. Der Gestank scheint aus dem Wetterschacht Halle zu kommen, einem Entlüftungsschacht, der zur Grube Teutschenthal gehört. Die Anwohnenden aus Angersdorf klagen, dass sie gesundheitlich angeschlagen seien, seit der Gestank aufgetreten ist. Während des Gestanks falle es schwer zu atmen, die Augen würden anfangen zu tränen und die Lymphknoten im Hals würden dick.

Das Landesamt für Bergbau und Geologie (LAGB) ist für die Grube zuständig. Auf Nachfrage verweist das Landesamt aber an das Wirtschaftsministerium. Kurze Zeit später besucht Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) den Wetterschacht Halle und spricht auch mit den Menschen vor Ort. Diese schildern ihm ihre Ängste: Angst um ihre Gesundheit und Angst vor dem Wertverlust ihrer Häuser durch den Gestank. Von seinem Besuch nimmt Willingmann nach Magdeburg mit: "Die Belästigung hat in diesem Jahr deutlich zugenommen und das muss abgestellt werden."

Geschichte der Grube Teutschenthal

Die Grube Teutschenthal ist ein ehemaliger Kalischacht, der 1905 unter dem Namen "Krügerhall AG" in Halle durch Friedrich H. Krüger eingerichtet wurde. 1907 sind erste Salze vorwiegend als Düngemittel abgebaut worden. 1940 gab es einen sogenannten Gebirgsschlag, der nahezu das gesamte untertägige Gewinnungsfeld vernichtete. 42 Bergleute kamen dabei ums Leben.

Ab 1963 ging in Richtung Halle in der Grube der Abbau weiter, um Speise- und Industriesalze zu gewinnen. 1982 wurde die Kaligewinnung in dem Schacht aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Klar war damals, dass aufgrund mehrerer Gebirgsschläge die Grube Teutschenthal gesichert werden muss. Deshalb kaufte die Grube Teutschenthal Sicherungs GmbH & Co. KG (GTS) das ehemalige Bergwerk. 1996 gab es erneut einen Gebirgsschlag.

Seit 2008 gehört die GTS zur Geiger Unternehmensgruppe mit Sitz in Oberstdorf in Bayern. In der Grube werden Industrieabfälle inklusive Filterstäube versetzt. Diese sind so gefährlich, dass diese unter Tage gelagert werden müssen. Sie werden in 700 Metern Tiefe verklappt.

Wirtschaftsminister Armin Willingmann bei einer vor-Ort-Termin an der Grube Teutschenthal
Wirtschaftsminister Armin Willingmann besucht die Grube Teutschenthal. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Fabian Brenner

Der damalige Geschäftsführer des Betreibers Grube Teutschenthal Sicherungs GmbH & Co. KG (GTS), Hans-Dieter Schmidt, beantwortet zunächst keine Fragen. Das Landesamt für Bergbau und Geologie verspricht den Menschen vor Ort, dass eine Langzeitstudie durchgeführt wird.

Auf Drängen des Wirtschaftsministeriums und Druck der Medien führt die GTS einen Runden Tisch ein, Experten und Anwohner sind eingeladen. Zum Runden Tisch gehen nur wenige Anwohner, weil sie nach eigener Aussage nicht weiter belogen werden wollen.

Dezember 2018 – Neutralisationsanlage gegen Gestank geht in Betrieb

Im Dezember 2018 geht eine Neutralisationsanlage in der Grube Teutschenthal in Betrieb. Diese funktioniert ungefähr wie eine Schneekanone, aus der Wasser mit Duftstoffen kommt. Das soll den Gestank minimieren.

Unter Tage in der Grube Teutschenthal.
Eine Neutralisationsanlage geht im Dezember 2018 in Betrieb. (Archivbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Januar 2019 – Kein Gestank in der Grube

Nach langem Verhandeln mit der Geigergruppe, dem Mutterkonzern der Grube Teutschenthal aus Oberstdorf, darf MDR SACHSEN-ANHALT im Januar 2019 erstmals in den Schacht fahren. Überraschenderweise stinkt es dort unten nicht. Es riecht lediglich ganz leicht nach Ammoniak.

Die Neutralisationsanlage scheint ihre Arbeit zu machen – wenn sie läuft. Denn die Menschen in Angersdorf berichten dennoch hin und wieder von einem unangenehmen Geruch. Auch Wirtschaftsminister Willingmann stellt bei einem Besuch fest, dass diese Anlage nicht wirklich etwas bringt. Außerdem demonstriert eine Bürgerinitiative mehrfach in Halle und Magdeburg.

Sommer 2019 – Mülllager unter freiem Himmel wird geräumt

Das Wirtschaftsministerium erlässt die Verfügung, dass der Grubenbetreiber (GTS) einen nicht überdachten Lagerplatz für Müll räumen muss. Die GTS soll das sogenannte Freilager im Mai 2019 binnen sechs Wochen räumen – ein Teilerfolg für die Anwohner.

Doch die GTS wehrt sich gegen die Räumung. Das Unternehmen zieht bis vor das Oberverwaltungsgericht – wo es scheitert. Im Juli 2019 stellt das Oberverwaltungsgericht fest, dass der Lagerplatz aufgrund immissionsschutzrechtlicher Bestimmungen entfernt werden muss. Letztlich räumt die GTS das Freilager. Der Gestank sei aber geblieben, sagt die Bürgerinitiative.

November 2019 – Das Unglück

An einem grauen Tag im November 2019 kommt es in der Grube Teutschenthal zu einer Verpuffung. Es werden zwei Bergleute verletzt, einer davon schwer. Nach monatelanger Ermittlung stellt die Polizeiinspektion Halle fest, dass sich in einem Abschnitt der Grube Wasserstoff gebildet hatte.

Karte der Explosion in der Grube Teutschenthal
Im November 2019 kommt es zu einer Verpuffung in der Grube. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Manuel Mohr/OSM

Juli 2020 – Untersuchungsausschuss zur Grube Teutschenthal

Nach der Verpuffung ist es zunächst ruhig geworden um die Grube. Im Juli 2020 gründete sich durch Linke und AfD ein Untersuchungsausschuss im Landtag. Der Ausschuss soll klären, ob in der Grube Teutschenthal und der Grube Brüchau aufgrund von Behördenfehlern jahrelang illegal Abfall eingelagert wurde.

Dafür sollen Abgeordnete laut Untersuchungsauftrag meterweise Akten wälzen, die bis 1990 zurückreichen. Doch den Abgeordneten läuft buchstäblich die Zeit davon, denn dieser Ausschuss hat nur so lange Bestand, wie es die aktuelle Landesregierung gibt. Und schon am 6. Juni 2021 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt.

November 2020 – Messergebnis: Gesetze, Verordnungen, Normen eingehalten

Am 8. November 2020 jährt sich die Verpuffung in der Grube Teutschenthal. Auf die Nachfrage, ob der Betreiber GTS seitdem noch mehr unternommen hat, um den Gestank zu minimieren, teilt eine Sprecherin der Geigergruppe mit:

Wir haben die Geruchsbeschwerden am Schacht Halle in Angersdorf (ausziehender Wetterschacht) von Anfang an ernst genommen und eine Vielzahl von Maßnahmen zur Minderung umgesetzt. Grundsätzlich sind weltweit geruchsfreie Wetterschächte im Bergbau technisch nicht möglich, was sich u.a. bereits an dem seit ca. 110 Jahren betriebenen Schacht Halle in Angersdorf zeigt.

Sprecherin der Geiergruppe

Im Bergbau sind laut Unternehmen völlig geruchslose Entlüftungsschächte technisch also gar nicht möglich. Messungen am Standort hätten keine Auffälligkeiten gezeigt, teilte die Sprecherin mit. Stattdessen würden den Messungen zufolge alle Gesetze, Verordnungen und Normen eingehalten. Unabhängig davon habe das Unternehmen aber entschieden, einen sogenannten Abwetterkamin am Schacht Halle nach dem Stand der Technik zu errichten, um das Verhältnis zwischen Unternehmen und Anwohnerschaft weiter zu verbessern, so die Geigergruppe.

Ob das den Betroffenen hilft, bleibt abzuwarten. Denn es stinkt immer noch.

Anwohner halten ein großes Plakat mit der Aufschrift "Giftmüll".
Menschen in Angersdorf fürchten um ihre Gesundheit. Sie haben auch eine Bürgerinitiative gegründet. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Fabian Brenner

Quelle: MDR/mh

4 Kommentare

wer auch immer vor 15 Wochen

Von Geruchsbelästigung kann ich ein Lied singen.
Jahre über ein Lokal gewohnt wo die Abzugsanlage einen Defekt hatte. Die ganze Wohnung hat nach Knoblauch und verbrantem Öl gestunken.
Auszug war die einzige Lösung. Mir stehen heute noch die Haare zu Berg ewenn ich nur einen ähnlichen Geruch war nehme. Katastrophal diese Zustände.

Barskalin vor 15 Wochen

Nun die Anlage sollte man weniger als Raumspray zum übertünchen des Geruchs verstehen, sondern mehr als Ammoniakwäsche, die die unerwünschten Stoffe zumindest teilweise aus den Abwettern herauswäscht. Leider kenne ich mich auf dem Gebiet kaum aus und kann hier wenig zum Verständnis beitragen. Evtl. kann ein anderer Leser oder die Redaktion ein paar Fakten hierzu ergänzen.

Die Kosten sind sicherlich ein Argument für den Betreiber GTS, der ja die Grube rentabel führen will/muss.

Barskalin vor 15 Wochen

Zur Ergänzung der Sachlage: Die Grube muss aufgrund von Bergschadensereignissen der Vergangenheit (u.a. Gebirgsschlag 1994) versetzt werden, d.h. die offenen Grubenräume müssen so verfüllt werden, dass sie nicht mehr einstürzen können. Das geschieht entweder mit Baustoffen oder mit Abfallstoffen. In der Grube Teutschenthal werden Abfallstoffe gegen ein Entgeld eingelagert und so (technisch/formal) von der Biosphäre getrennt. Der Grubenbetrieb und die sichere Verwahrung der Hohlräume finanziert sich also über die Einlagerung von Schadstoffen. Würde die Abfallentsorgung untersagt, würde die GTS als Betreiber wahrscheinlich insolvent und das Land müsste die Kosten für die Sicherung und Stilllegung der Grube übernehmen. Die Abfälle würden irgendwo anders entsorgt (evtl. Grube Sondershausen, Zielitz, o.ä.). Für die Anwohner ist das sicherlich keine schöne Situation, aber der Grubenbetrieb wird noch einige Jahre weitergehen müssen.

Mehr aus Saalekreis, Raum Halle und Raum Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt