Weite Wege zur Berufsschule Diskussion über Azubi-Mangel im Handwerk: "Dann muss man halt umziehen"

Dem Handwerk fehlt der Nachwuchs. Ein Problem dafür sind nach Einschätzung von Handwerkskammern weite Wege zur Berufsschule – vor allem in einem ländlichen Bundesland wie Sachsen-Anhalt. Unter den Nutzerinnen und Nutzern von MDR SACHSEN-ANHALT werden aber noch weitere Gründe diskutiert. Ein Überblick.

Auszubildende sitzen im Unterricht
Viele Azubis in Sachsen-Anhalt müssen weite Wege zurücklegen, um zur Berufsschule zu gelangen. Das mindert die Attraktivität von Berufen im Handwerk. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Der Mangel an Auszubildenden im Handwerk hat unter den Userinnen und Usern von MDR SACHSEN-ANHALT eine intensive Debatte ausgelöst. Anlass waren vor allem Berichte über lange Fahrtzeiten, die viele Auszubildende auf ihrem Weg zur Berufsschule zurücklegen müssen. Facebook-Nutzerin Antonia Niemann hat daraufhin mehr Engagement von Azubis verlangt.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT auf Facebook schrieb sie, ihre Berufsschule sei 130 Kilometer weit vom Wohnort entfernt gewesen. Dann müsse man eben umziehen. Wer etwas erreichen wolle, müsse dafür auch etwas tun, schrieb sie. Ähnlich äußerte sich Nutzerin Bärbel Gruca. Auch sie sei in den 1970er-Jahren täglich mehr als eine Stunde zur Berufsschule und zu ihrem Ausbildungsbetrieb gefahren, schrieb sie bei Facebook. Dabei habe sie im oft überfüllten Bus gesessen "und das auch überlebt".

Am meisten gestört haben die Ticketpreise

Nutzer Robert Kress erklärte, auch er habe zur Berufsschule immer den Weg von Blankenburg nach Magdeburg zurücklegen müssen. Die Strecke ist in etwa 80 Kilometer lang. Kress weiter: "Was mich am meisten gestört hat, war nicht die Fahrtzeit, sondern die Ticketpreise."

Weitere Nutzerinnen und Nutzer sehen dagegen andere Gründe für den Mangel an Nachwuchs in vielen Branchen. Ein User auf Instagram erklärte, im Handwerk seien eine schlechte, unterdurchschnittliche Bezahlung sowie unbezahlte Überstunden die Regel. Das schrecke ab. Die Umstände der Ausbildung seien "unattraktiv und nicht konkurrenzfähig".

Bedingungen "unattraktiv und nicht konkurrenzfähig"

Das ist auch die Meinung eines Users, der sich unter einem der vielen Berichte zur Themenwoche rund ums Handwerk gemeldet hat. Er schrieb, viele Handwerksbetriebe zahlten ihren Beschäftigten den Mindestlohn. Da dürfe es nicht wundern, wenn die Attraktivität gegen Null gehe. "Das Herumgejammere der Firmen, dass man keine Fachkräfte findet, kann ich nicht mehr hören", schrieb der Nutzer. "Wenn sie ordentliche Löhne zahlen würden, sähe es anders aus."

Die Handwerkskammer Magdeburg hatte bei MDR SACHSEN-ANHALT zuletzt deutlich gemacht, ein Problem bei der schwierigen Suche nach Nachwuchs im Handwerk seien weite Wege zur Berufsschule. Einer Umfrage der Kammern zufolge muss die Hälfte aller Azubis in Sachsen-Anhalt demnach 30 Kilometer und mehr zur Berufsschule zurücklegen.

Die Handwerkskammer hatte daraufhin unter anderem mehr digitalen Unterricht an Berufsschulen ins Gespräch gebracht.

MDR/Lucy Marie Schmidt, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

goffman vor 4 Wochen

@ C.T.: Vielleicht wäre es noch erwähnenswert, um welchen Beruf es in Ihren Personalgesprächen ging. Für einen "angenehmen" Bürojob mögen diese Forderungen überzogen sein, für einen Job, indem man z.B. durch Nachtschichten, Chemikalien, schlecht gesicherte Maschinen, übermäßige körperliche oder geistige Belastung etc. seine Gesundheit und sein Familienleben riskiert, würde ich (entgegen der gängigen Praxis) eine derartige Entlohnung durchaus für angemessen halten. ;-)

ElBuffo vor 4 Wochen

Muss man sich aber auch fragen, warum man nur solche Bewerber abbekommt. Adverse Selektion mag dem einen oder anderen Handwerksmeister eim unbekannter Begriff sein, die Symptome beklagt man jedoch schon seit vielen Jahren.

C.T. vor 4 Wochen

Ich habe eine Menge Personalgespräche auch mit Leuten u30 geführt. Meine Erkenntnisse entlassten das Handwerk und schieben den schwarzen Peter in Richtung der jungen Generationen. Die mit völlig überzogenen Vorstellungen für wenig Leistung zu viel fordern. ... 35 Tage Urlaub, 4 Tage Woche, 3500 Brutto Minimum Einstieg... dann aber wegen jedem Nieser 2 Wochen krank und und und... Nein sorry, aber solche Probleme, wie der Schaffung überzogener Wertevorstellungen, der fehlenden Grundeinstellung oder falscher Illusionen werden im Elternhaus oder den Schulen vermittelt und nicht in den Betrieben!

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