Wilde Nachbarn Waschbär und Co. erobern die Städte – was tun?

Fuchs und Hase sagen sich längst nicht mehr nur auf dem Land gute Nacht. Immer mehr Wildtiere zieht es in die Stadt. Auf Brachflächen, in Parks und Gärten entstehen neue Reviere für Waschbären, Rehe, Füchse und andere. Aber was kann man tun, wenn plötzlich ein wildes Tier den Weg kreuzt? Ein Überblick.

Ein Waschbär angelt mit einer Pfote durch den Deckel einer Mülltonne ins Innere.
In den Städten lauert leckere Beute – auch für Waschbären. Bildrechte: MDR/Simank-Film

Wildtiere in der Stadt – Fragen und Antworten


Edeltraut Naumann zeigt auf die Reste der Blumen, die noch vor wenigen Tagen das Grab ihrer Eltern geschmückt haben. Rehe haben sich auf den Friedhof in Barby getraut und die Blütenköpfe gefressen. "Das ist seit zwei Jahren ganz schlimm", sagt Naumann. Vor allem im Frühjahr, wenn es auf den Feldern noch wenig Futter gibt, weichen Rehe gerne in die Stadt aus. Doch während die scheuen Pflanzenfresser hektische Orte meiden, leben andere Wildtiere mitten unter uns.

Was Städte als Lebensraum attraktiv macht

Städte bieten Fuchs, Wildschwein und anderen Wildtieren attraktive Bedingungen, vor allem Nahrung, erklärt Jäger Jan Driesnack, der in Magdeburg die AG Wildtiere leitet. Manche Tiere erweisen sich im urbanen Umfeld als erstaunlich anpassungsfähig.

Wildtiere finden in der urbanen Umgebung Nahrung und Unterschlupf. Diese sind maßgebend für eine positive Vermehrung. Einige Tiere wie Fuchs, Steinmarder, Reh und Wildschwein sind zudem sehr anpassungsfähig.

Jan Driesnack, Jäger

Der Fuchs beispielsweise ist ein regelrechter Nahrungsopportunist. Er fängt Kleintiere wie Mäuse, Tauben und Wildkaninchen und labt sich ebenso an Abfällen. Auch Wildschweine haben die Erfahrung gemacht, dass sich in Mülltonnen, Gärten und Komposthaufen Essbares finden lässt.

Wilde Nachbarn - Siegeszug der Stadttiere

Leben unter den Toten - Rehe auf Friedhof in Dessau
Wer wilde Tiere sehen will, findet die längst nicht nur im Wald, auf dem Land oder im Zoo. Fuchs, Reh und Nutria fühlen sich mittlerweile in den Städten pudelwohl. So kann es Sparziergängern auf dem Friedhof Dessau gut und gern passieren, dass ein Reh an ihnen vorbeihirscht. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Leben unter den Toten - Rehe auf Friedhof in Dessau
Wer wilde Tiere sehen will, findet die längst nicht nur im Wald, auf dem Land oder im Zoo. Fuchs, Reh und Nutria fühlen sich mittlerweile in den Städten pudelwohl. So kann es Sparziergängern auf dem Friedhof Dessau gut und gern passieren, dass ein Reh an ihnen vorbeihirscht. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Längst keine Scheu mehr vor dem Menschen - Nutrias in Burg
Still und leise haben Wildtiere in den letzten Tausend Jahren ihre angestammte Heimat verlassen, um sich den Dschungel der Großstadt zu erobern. Und dabei haben sie längst ihre Scheu vor dem Menschen verloren. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Nicht immer willkommen - Wildtiere in der Stadt
Auch wenn Wildtiere nicht immer willkommen sind, sie nehmen sich ihren Raum und lassen sich nicht vertreiben. Bildrechte: MDR/Simank-Film
Fuchs in einem Berliner Garten, schätzungsweise 1600 Füchse leben in Berlin
Bis zu 15.000 Tierarten vermuten Wildtierökologen in Großstädten wie Magdeburg, Leipzig, Halle oder Dresden. Je größer die Stadt, desto größer die Artenvielfalt. 1.600 Füchse leben schätzungsweise in Berlin. Bildrechte: MDR/ IZW Berlin
Nutrias in der Innenstadt von Leipzig
Viele, gerade auch vom Aussterben bedrohte Arten, sind in der Stadt wesentlich zahlreicher als gemeinhin vermutet. Doch wie kommt es, dass Städte für Tiere mindestens so attraktiv sind wie für Menschen? Und wie gehen die Menschen in den Städten mit den neuen, wilden Nachbarn um? Die Reportage begibt sich in den Dschungel vor unserer Haustür. Bildrechte: MDR/Simank-Film
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Dr. Robert Hagen forscht am Leibniz-Institut in Berlin dazu, wie veränderte Stadtstrukturen den Siegeszug der Wildtiere begünstigt haben. Der erfolgreiche Einzug der Wildtiere in die Stadt hänge auch mit der Auflösung von festen städtischen Strukturen zusammen. Grünflächen gefallen nicht nur den Menschen – für Wildtiere sind sie eine regelrechte Einladung.

Ab den 1980er Jahren gab es in der Stadtplanung oft den Ruf nach mehr Grün, auch nach mehr urbanen Freiräumen. Das war der endgültige Türöffner für die Wildtiere.

Dr. Robert Hagen, Wildtierforscher

Zum üppigen Nahrungsangebot kommt hinzu, dass sich Wildtiere in der Stadt recht gefahrenfrei bewegen können. Natürliche Feinde gibt es kaum. Zudem ist die Jagd ohne ausdrückliche Genehmigung der Behörden in der Stadt nicht erlaubt. 

Ein Waschbär lugt unter dem halb geöffneten Deckel einer Mülltonne hervor.
Neugierig und immer auf der Suche nach Nahrung: Waschbären fühlen sich von Mülltonnen magisch angezogen. Bildrechte: MDR/Simank-Film

Auch der Temperaturunterschied von Stadt zu Land ist für viele Wildtiere attraktiv. Bäume mit bis zu 30 Waldohreulen sieht der Greifvogel- und Eulenspezialist Gerfried Klammer in letzter Zeit immer häufiger. "Die Temperaturen im Winter sind meistens um 3 bis 4 Grad Celsius wärmer als im Umfeld. Das ist natürlich wunderbar, um gut zu überwintern und zu überleben", erklärt der Experte. Viele Wildtiere, wie Waschbären, Nutrias oder Rotfüchse, scheuen sogar den Menschen nicht mehr.

Was tun mit Wildtieren im eigenen Garten oder an Mülltonnen?

Grundsätzlich gilt, Wildtiere sollten nicht gefüttert werden. Es empfiehlt sich, Mülltonnen zu verschließen und nach Möglichkeit in Garagen, Schuppen oder Kellerabteilen unterzustellen, um den Zugang für Wildtiere zu erschweren. Katzenklappen sollten nachts verschlossen werden, da auch sie ein Zutrittstor sein können. Seit ein paar Jahren boomt die Kleintierhaltung im urbanen Raum. Wer Hühner, Enten oder Kaninchen hegt und pflegt, sollte darauf achten, dass die Ställe ausreichend gesichert sind, damit Fuchs, Waschbär und Co. nicht eindringen können.

Bei wiederkehrenden wilden Nachbarn rät Jenifer Calvi von der Deutschen Wildtierstiftung, den Tieren zu zeigen, dass sie nicht ungestört machen können, was sie wollen. Zumindest kleinere Wildnachbarn lassen sich so beeindrucken.

Portraitfoto - Jenifer Calvi, Deutsche Wildtierstiftung. Eine junge Frau mit blonden Haaren schaut lächelnd in die Kamera.
Jenifer Calvi Bildrechte: Jenifer Calvi

Zeigen Sie sich präsent, sodass Fuchs oder Waschbär sich gestört fühlen und woanders ihr Glück versuchen. Liegt ein Fuchs abends bei Ihnen im Garten auf der Terrasse: Gehen Sie raus, heben Sie die Arme über den Kopf, klatschen Sie in die Hände, rufen Sie laut. So wird er sich in die nächste Hecke zurückziehen und trollen.

Jenifer Calvi

Ganz anders verhält es sich mit Wildschweinen. Haben diese eine Mülltonne in ihre Mangel genommen, sollten Menschen das Schwarzwild in Ruhe lassen und sich bei der Umweltbehörde oder Polizei melden, damit diese den zuständigen Stadtjäger oder Förster informieren.

Muss ich mir beim Aufeinandertreffen mit Wildtieren Sorgen machen – wegen der Übertragung von Krankheiten wie Tollwut oder dem Fuchsbandwurm?

Auch hier ist der Mensch weitgehend auf der sicheren Seite, solange er wilde Tiere nicht anfasst. Die Tollwut tritt äußerst selten auf. Derzeit sind laut der Deutschen Wildtierstiftung keine Tollwut-Fälle in Deutschland bekannt.

Haustiere wie Hund und Katze können sich mit dem Fuchsbandwurm anstecken, wenn sie zuvor infizierte Ratten oder Mäuse gefressen haben. Der Fuchsbandwurm wird in seltenen Fällen vom Haustier zum Menschen übertragen. Ein ebenfalls geringes Infektionsrisiko besteht beim Verzehr von bodennahen Beeren, die mit infiziertem Fuchskot in Kontakt gekommen sind. Vor dem Verzehr sollten im Stadtpark oder eigenen Vorgarten gepflückte Früchte immer abgewaschen werden.

Drei Nutrias an einem Fluß                                   30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Exakt - Die Story Mi 17.02.2021 20:45Uhr 29:52 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Was mache ich, wenn ich ein verletztes oder elternloses Wildtier finde?

Bei verletzten Tieren gilt: Nicht anfassen. Tiere, die nicht flüchten können, erleiden bei menschlicher Nähe enormen Stress. Wildtiere sollten am Fundort liegen gelassen und die Tierrettung der Feuerwehr, Polizei oder Wildtierhilfe gerufen werden. Diese verständigen die zuständigen Jagdpächter oder Revierinhaber.

Nicht jedes elternlose Jungtier ist zudem gleich hilfsbedürftig. Gerade bei Säugetieren wie Eichhörnchen, Jungfüchsen oder -hasen sollte man die Jungen in keinem Fall anfassen oder streicheln, rät der Naturschutzbund Sachsen-Anhalt.

Exakt - Die Story: Wilde Nachbarn - Jäger Jan Driesnack
Jan Driesnack Bildrechte: Jan Driesnack

Die Mitnahme von Tieren ist in den meisten Fällen ihr Todesurteil. Die Elterntiere finden ihre Jungtiere nicht wieder oder nehmen sie nicht mehr an. Auch bleibt der menschliche Geruch auf dem Fell der Jungtiere haften und verrät Raubsäugern wie dem Fuchs den Standort. Der Versuch, beispielsweise Hasenjungen mit der Hand aufzuziehen endet in über 95 Prozent der Fälle tödlich für die Tiere.

Jan Driesnack, Jäger

Das sind die Wildtier-Anlaufstellen in Sachsen-Anhalt

Außerdem gibt es in ganz Sachsen-Anhalt Abgabestellen für verletzte, hilflose oder kranke Tiere im Sinne des § 45 Abs. 5 Satz 3 des Bundesnaturschutzgesetzes.

Doch obwohl einige Wildtierarten die Stadt für sich entdeckt haben, ist ein Aufeinandertreffen von Mensch und Tier noch immer die Ausnahme und nicht die Regel.

MDR, Michaela Reith/André Plaul

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Exakt – Die Story | 17. Februar 2021 | 20:45 Uhr

6 Kommentare

Jan vor 30 Wochen

Hallo Frank 1. Das habe ich schon verstanden. Ich frage Mal anders..... Ist es ein Unterschied, ob es bei den Tieren, die in die Orte kommen, invasive oder einheimische Tierarten handelt? Ist es OK, wenn die einen das tun, aber bei den anderen ist es doof? Und was hat das mit dem Verdrängen zu tun?

Frank 1 vor 30 Wochen

@ Jan: Ich glaube" jachblack" zielt mit invasiver Art speziell auf den Waschbär ab. Wildschwein, Reh Fuchs usw. meint er glaube ich nicht. So habe ich seinen Beitrag verstanden.

Torsten W vor 30 Wochen

Es bedarf Konzepte eine Vermehrung Einhalt zu gebieten, welche aber wieder von Tierschutzorganisationen u.ä. boykottiert werden. Also wird man sich mit dem Dasein, von Wildtieren arrangieren...

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